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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 23
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Spree-Afrika.

Ein zu allerliebster Mann, der Amtsrichter. Wenn ich nur erst eine Frau für ihn hätte. Ich habe freilich meinem Mann geloben müssen, nie wieder Menschen in ihr Glück zu stürzen, aber um den Amtsrichter wäre es ewig schade, wenn er als Junggeselle verbraucht werden sollte, und mit zarten Blumenstengeln auf die Annehmlichkeiten einer liebevollen Häuslichkeit hinweisen, liegt in dem Gelöbniß doch wohl nicht mit darin.

Und ich hoffe, er bekehrt sich noch, allein schon wegen der Gaskochmaschinen, mit denen es eine wahre Lust sein muß, einen Hausstand zu begründen, von der elektrischen Küche will ich gar nicht reden: man stellt die Pfanne auf einen beliebigen Tisch, dreht die Schraube und der Eierkuchen ist fertig. Es ist erstaunlich, wie weit die Verfeinerung der Menschheit jetzt reicht. Vergleicht man hiermit die Wilden, glaubt man kaum in demselben Jahrhundert mit ihnen zu leben.

Für nur dreißig Pfennige Thoreinlaß treten wir in unsere Kolonieen, am Karpfenteich zwischen den Gebüschen malerisch gelegen, und können eine Vorstellung von unseren Erwerbungen in Afrika gewinnen.

Viele sind gegen Kolonialbesitz, viele dafür. Mein Karl war bisher der Meinung, er koste nur und brächte nichts ein. Onkel Fritz behauptet, wir müßten ihn haben, weil in absehbarer Zeit Deutschland so übervölkert würde, daß kein Platz mehr wäre. »Fritz,« sagte ich, »sie nehmen das Tempelhofer Feld zu.« – »Worauf sollen dann die Paraden abgehalten werden?« entgegnete er. Daran hatte ich nicht gedacht. Kolonialpolitik hat doch so ihre Eier.

Die Hütten der auswärtigen Eingeborenen sind für das Stralau-Rummelsburger Klima nicht geeignet, dagegen nach der afrikanischen Bauordnung einwandsfrei. Wie die Schwarzen froh sein werden, wenn sie sich wieder an der heimathlichen Sonne wärmen können und ihre Kultur-Sendung in Treptow erfüllt haben, und verwilderter zurückkehren als sie kamen.

Für mich ist es schier unmöglich, die einzelnen Stämme auseinander zu halten, welche die Suaheli sind und welche die Massai oder Dualla oder Papuas oder wie sie sonst geschrieben werden, zumal wenn sie sich mit rother Farbe geschminkt haben und wie anglühende eiserne Oefen aussehen. Seitdem ich obendrein weiß, daß die Papuas arg nach Menschenfleisch sind, geh' ich nicht dichte ran. Nächstenliebe mit Einbeißen ist nicht mein Fall.

Der Amtsrichter ist dem Kolonialischen geneigt und hat sich eingehend damit beschäftigt, schon allein, weil mit der Zunahme der Verbrecher doch vielleicht die Einrichtung von Strafprovinzen nothwendig wird.

»Herr Vetter,« fragte ich, »angenommen den Fall, Sie verdammen einen unverbesserlichen Rufti, dessen Geschäft in Messerstechen und ähnlichem Frevel besteht, nach Papuanien und die dunklen Reichsbrüder essen ihn auf, wäre das nicht eine verschmitzte Art Hinrichtung mit Umgehung des Gesetzbuches und zöge Ihnen Anklage zu?«

»Vorläufig noch nicht,« entgegnete er. »Aber es kann so kommen; dem grünen Tisch ist Alles möglich.«

»Warum wird er nicht anders bezogen? wenn die alte Kulör nicht taugt, her mit einer frischen.«

»Das Grün frißt sich doch immer wieder durch,« sagte er. »Es ist der Grünspan des Staates, alt und ehrwürdig.«

»Aber giftig.«

Er lächelte. »Ein gesunder Organismus überwindet ihn.« – »Aber er spuckt.« – »Das Recht hat er.« – »Hat er doch etwas.« – »Was das Volk kneift, thut dem werdenden Geheimrath nicht weh,« sagte Onkel Fritz.

Unter diesen Gesprächen gelangten wir zu der Festung Qui-kuru qua Siki. Das ist ein heimtückisches Werk von außen und noch heimtückischer von innen. Die Wälle, dick und fest aus Palissaden und Lehm, sind mit hohen Stangen besteckt und obendrauf weißgebleichte Todtenschädel, die grinsen: Kommt nur heran, auf diese Manier wird hier frisirt. – Geht man durch das enge Thor und sieht die Gräben und Gänge, wie in einem Irrgarten, hat man nur einen Gedanken: hier wird abgemurkst! Entrinnen ist nicht. Immer tiefer flüchtet man in die Mausefalle hinein und findet den Ausweg nicht wieder. Und nun fangen sie an zu schießen. Bums hier, bums da aus den kleinen Löchern in den Wänden und schleichen hervor mit Beilen und Lanzen und massacriren die Eindringenden. Höchst schaudervoll.

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Obgleich diese Festung nur ein Stück Nachbildung der echten ist, kann man begreifen, daß solche Verschanzung für die Eingeborenen unüberwindlich war und selbst unseren Truppen nicht beim ersten Anrennen erlag. Aber wir kriegten sie und als sie sich nicht mehr halten konnte – Krupp vertrug sie nicht – da gab es einen Mordsknall. Der Häuptling Sike, ein unangenehmer Herr, der sich unseren humanen Sklavereiaufhebungsbestrebungen widersetzte und nebenbei Branntwein trank, hatte sich mit seiner Familie und seinen Schätzen auf ein Pulverfaß gesetzt und in die Luft gesprengt, vier Tage hat die Festung gebrannt, mit Erdöl getränkt. Der Sieg war unser und die Kriegsentschädigung wurde in Elfenbein ausgezahlt. Aus dem Elfenbein werden Klaviertasten gesägt und die Klaviere gehen wieder nach Afrika zur Verbreitung der Kultur, die erst ihren Gipfelpunkt erreicht, wenn die Töchter der Wilden ebenso auf dem Piano herumrudern können, wie unsere.

Doch das hat noch gute Wege, denn von erhöhter Bildungsarbeit haben sie keinen Dunst. Ihre Hauptbeschäftigung ist herumlaatschen und sich die Zeit mit Langweile vertreiben. Man liest ja auch, daß verschiedene Stämme unter Tänzen und Freuden dahinleben, ohne die Sorge des Lebens zu kennen. Und das ist wahr, viel Sorgen machen die Weiber sich nicht, wenn sie kochen, besteht ihre Maschine aus ungehobelten Feldsteinen und um ihr Geschirr zu scheuern, greifen sie beliebig in den neben ihren Füßen befindlichen Erdboden, nehmen eine Handvoll und klarren Pfannen und Kessel damit aus. Wenn das nicht sorglos ist, weiß ich nicht, was sonst! Vielleicht ihre Kleidung? Was die Kinder anbetrifft, die haben blos Natur an. Sonst sind sie süß. Es muß an den Augen liegen. Kinderaugen sind doch wohl auf der ganzen Welt dieselben.

Es war eine Mutter vor einer Hütte. Sie saß im Grase und spielte Pitsche-Patsche mit ihren Kleinen. Die jauchzten vor Lust und das junge Weib strahlte vor Glück. Ihre Augen leuchteten, ihre Lippen lächelten und die weißen Zähne schimmerten beneidenswerth. Ich glaube, die Liebe ist auch dieselbe, so weit die Erde rund ist.

Wir gebildeten Europäer standen an dem Gehege und sahen zu. Manche riefen Redensarten, die sie gottlob nicht verstanden, aber mir schien, als wenn die Frau unter ihrer Wangenschwärze erröthete, wenn den Schnodderigkeiten wieherndes Gelächter folgte. Sie erhob sich und blickte die Weißen an. Was sie wohl dachte? Dann nahm sie ihre Kinder an der Hand und verzog sich in die Hütte. Und wir verzogen uns auch.

»Die wären richtig weggegrault,« sagte Onkel Fritz. »Haben sie Dir gefallen, Erika?« – Seine Frau schwieg. Nach einer Weile sprach sie: »Die Frau that mir so leid.«

Von großem Interesse waren uns die Zauberhütte und die Götzenbilder, weil Niemand Gewisses darüber weiß. Gerade das Geheimnißvolle reizt. Selbst der Amtsrichter konnte keine Auskunft geben. Dagegen erklärte er uns das Versammlungshaus der Papuas. Kein Weib darf die Baracke betreten und vor allen Dingen nicht die große Trommel erblicken, auf der sie das erzeugen, was als Heidenlärm bekannt ist. Solche Furcht haben sie vor ihr, daß sie erschreckt fliehen, sobald darauf gebummert wird. Ja, sie glauben, sie müßten sterben, wenn sie die Trommel blos sähen. Solchen Aberglauben haben die Männer ersonnen, damit sie ungestört ihre Feste und Schmausereien feiern können und keine Frau sie von den Gelagen heimholt.

»Ganz wie bei uns mit Herren-Abenden,« sagte ich. »Aber die Vergeltung rührt sich schon. Wie denken Sie über Frauenemancipation, Herr Vetter?«

»Ich bin für die Freiheit der Frauen,« entgegnete er höflich.

»Siehst Du,« stieß ich Onkel Fritz an. – »Eben deshalb heirathet er nicht,« sagte der.

Ich überhörte diese Unziemlichkeit, um uns nicht aufzuhalten. Denn noch lag die Kolonial-Ausstellung vor, die als eine Darstellung von Sansibar aufzufassen ist, in einer Mischung von afrikanischen Gebäuden und Berliner Erfrischungshallen. Eine bedeutende Sache. »Wir müssen festhalten, was wir haben,« sagte der Vetter, »ich freue mich, einen Einblick in die Wichtigkeit unserer Kolonieen zu erlangen. Hätte die Berliner Ausstellung nichts weiter gebracht, als diese Abtheilung, es wäre genug, ihr zu danken! Aber das genaue Studium erfordert Tage.«

Darin hat er recht. Allein schon das Tropenhaus giebt ein Bild von der Production, dem Handel, dem Verkehr und der Lebensweise des Europäers in unsern Schutzgebieten, vom Auswärtigen Amte hingebaut. Und sollte man denken, die eisernen Pfeiler, auf denen es ruht, sind unten mit ölgefüllten Becken umgeben, damit die Ameisen nicht hochkriechen und Alles zernagen, was sie vorfinden. Und unten hat die Luft freien Durchzug, die Fieberdünste wegzuwehen.

Drinnen die Möbel sind zum Theil aus dem schönen Neuguineaholz, ungeleimt, der Feuchtigkeit wegen und mit Messingschrauben zusammengehalten; ebenso sind Schlösser und Schlüssel aus Messing wegen des Rostens. Jegliches ist für das Klima ausgetiftelt und zwar in Berlin. Die Gesammteinrichtung gefiel uns, besonders das Speisezimmer mit gedecktem Tisch, worauf in Wachs geformt die köstlichen Früchte lagen, die zur Speise dienen, und oben an der Decke die Punkah, ein Riesenfächer, den an der Tafel Sitzenden Kühlung zuzuwehen. An den Wänden die Gemälde schilderten die Gegenden, die Jagden und die Schlachten mit den Feinden und was sonst sich malerisch in Oelfarbe ausdrücken läßt, wie z. B. unsere Schutztruppe in graugerippten Sammt und Naturlederzeug mit Gamaschen und Tropenhut; kolossal schneidig. Auch das Schlafzimmer des Gouverneurs war besichtigungshaft. Einer selbst war nicht drinn, wohl aber sein Bett mit Fliegenschleier, Nachts die Mosquitos abzuwehren. Ich warf hin: »Wen das Gewissen nicht sticht, der schlummert auch ohne Gazevorhänge. Gegen Wilde sei man milde.«

»Du sollst in der letzten Zeit mächtig unruhig liegen,« sagte Onkel Fritz mir leise. – »Ich wüßte nicht, wann ich Dir etwas vorgeschlafen hätte?« gab ich zurück. – »Auch nicht nöthig, ich seh Dir doch an, daß Du nicht in Deiner gewohnten Gemüthsverfassung bist. Ist Kriehberg endlich beseitigt?«

»Nicht eher, als bis die Papuas ihn am Spieß braten. Er wankt nicht. Er behauptet, wir lögen ihm vor, daß Tante Lina ihr Geld fest verankert hätte und will auf Entschädigung klagen, wegen des Aufwandes, den er machen mußte, um standesgemäß mit Tante Lina und Ottilie aufzutreten.«

»Laß ihn klagen.« –

»Fritz, Alles – nur nicht vor die Schranken. Siehst Du, Richter können zu reizend sein, wie der Vetter, aber hängt ihnen den Talar um und sie sind unsicher. Paß acht, Kriehberg kriegt Recht. Er geht ans Reichsgericht. Das spricht ihm Ottilie zu und mir die Kosten, wie das noch endet, weiß ich nicht. Mir steht der Verstand still.«

»Das merke ich. warum legst Du dem Vetter den Fall nicht vor?«

»Der hat Ferien und will sich amüsiren.« –

»Wer sagt denn, daß er sich nicht darüber amüsirt?« –

Es kam mir eine Erleuchtung. Die Vorsehung will es, warum hat sie uns sonst einen Amtsrichter in die Verwandtschaft gebracht? Auch sind Ferien ohne jegliche Thätigkeit ungesund.

Mir wurde licht und froh im Sinn, gerade so als wenn man sich in fremder Umgebung verlaufen hat und sieht plötzlich ein Wirthshaus. Wir eilten den Anderen nach, die die Hospital-Einrichtung des Tropenhauses in Augenschein nahmen.

Bei all dem Obst und den Fieberlüften, den Ameisen und Gewürmen und Kämpfen können Krankheiten nicht ausbleiben und da ist denn der »Deutsche Frauen-Verein für Krankenpflege in den Kolonieen«, der in hilfreichster Weise für die Siechen in dem fernen Land sorgt, wo nichts zu haben ist, was Leidende benöthigen. Wie es in den Kolonieen zugeht und wie die Frauen hier nun thätig sind, das erfährt man aus der Vereinsschrift »Unter dem Rothen Kreuz«, die ich sofort bestelle. O, wie viel können wir da wirken für unsere Landsleute und für die Schwarzen. Güte bindet fester als Gewalt.

Auf dem Liebesgaben-Tische hatte Erika einen mit Kerzen geschmückten Tannenbaum entdeckt. Er stand groß und breit zwischen den anderen Sachen, aber er war uns nicht aufgefallen, da wir ihn für putzende Grünigkeit hielten. Der Baum war ein künstlicher aus Gedraht und grünen Stoffnadelzweigen, täuschend wie eine Tanne aus dem Walde. Es war ein zweiter solcher Baum vorhanden, eng in eine Blechbüchse verpackt, nicht größer als ein einigermaßener Regenschirm, daß er sicher verlöthet, bis mitten in Afrika hinein versandt werden und überall um die Weihnachtszeit fast zwei Meter hoch aufgebaut werden kann, wo Deutsche weilen, die sich vergebens nach der Tanne sehnen, weil sie dort nicht wächst. Und ein Fläschchen ist dabei mit Tannenduft. Der wird auf den Baum gesprengt. Die Lichter brennen, Goldfrüchte hängen daran und in der Spitze schwebt der Engel mit dem Stern. Dann ist Weihnacht, deutsche Weihnacht. Die Fremden und die Wilden sehen das und fragen, was es bedeutet? »Deutsche Sitte,« wird ihnen gesagt. »Kommt und feiert mit uns das Fest der Liebe.«

Wenn wir Erika nicht bei uns gehabt hätten, wir wären achtlos vorübergegangen. Sie aber sah und fragte und uns wurde Bescheid. Onkel Fritz schrieb sich die Verfertiger auf, sie hießen C. Nicolai Söhne und wohnen in Hamburg. Er will überseeischen Geschäftsfreunden solche Tannenbäume verehren. Er weiß, was er thut.

Wir erlebten darauf im Freien den Aufzug der Afrikaleute. Es muß wohl so sein und sie sind wohl auch derselben Meinung. Männer, Weiber, Kinder schritten daher und machten ihre Musike, die mir klang wie orientalische Musik überhaupt. Die ist, als wenn Teppiche geklopft werden und Einer lernt Clarinette dazu.

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»Nun, Schwager?« fragte Onkel Fritz. »Wie gefallen Dir die Kolonialbrüder und Schwestern?« – »Gar nicht,« sagte mein Karl, »was haben wir von ihnen?«

»Sieh doch nur genau hin, mich dünkt, die Strümpfe, die ihnen an den Stellen herunterhängen, wo sonst die Waden sitzen, könnten aus Deiner Fabrik stammen.« – Mein Karl prüfte. »Es sind von meinen halbwollenen,« sagte er, »die rothblaue Borde ist ein Versuch, der nicht recht einschlug.« – »Das ist eben der Segen der Kolonieen, wie ich Dir vor Jahren bereits gesagt habe: Die Wilden sind hundert Meilen hinter dem Leipzigerstraßengeschmack zurück.« – »Ganz zu verwerfen sind Kolonieen doch am Ende nicht,« erwiderte mein Mann. – »Karl,« sagte ich und wies auf einen besonders schlampigen Neger, »wenn alle so mit den Wollwaaren umgehen, wie der lange Lulei, kann der Absatz riesenhaft werden. Der hat schon mindestens vierzehn Zehen durchgestochen.«

Seit dieser Beobachtung ist mein Karl für Afrika etwas geneigter. –

Von Sansibar begaben wir uns nach Kairo. Als mein Karl und ich es zum ersten Male besuchten, genossen wir reine Wiedersehenswonnen und ein über das andere Mal riefen wir: sind wir denn wirklich nicht im Pharaonenlande, wo wir unvergeßliche Wochen zubrachten? So getreu ist das Kairo an der Coepenicker Chaussee hingestellt, mit Arabern, Beduinen, Fellachen, Eseln und Eseljungen besiedelt, wir schwelgten über jedes, das wir als lieb Bekanntes begrüßen konnten. Es war mein einziger Wunsch, noch einmal hin nach Kairo, aber ich hatte ihn aufgegeben. Und nun wurde er so dichte bei erfüllt.

Wir trafen Leute, denen war unsere Begeisterung lachhaft. Die hatten sich unter Kairo ganz etwas Anderes vorgestellt: Flitterprunk, ungefähr als wenn im Opernhaus großes Galla-Ballet neu ist. Sie wußten nicht, daß der Orient allmählich untergeht, zerbröckelt und zerfällt, und ahnen nicht, daß die Gluthsonne des Morgenlands dazu gehört, ihn zu vergolden. Ich sagte: »Lesen Sie, Buchholzens im Orient, da steht's drin.« Was soll ich mir Quesen in den Mund reden, gegen vorgefaßte irrige Meinungen? Und wenn ein arabischer Stiefelputzer – es ist ja Horde die Bande, aber komisch und unverwüstlich – seine rasch gelernten deutschen Brocken redete, was sagten sie dann?

»Ackerstraße,« sagten sie, als wenn Berliner Schusterjungen gefärbt wären.

Es wird eben so viel gefälscht, daß die Leute bald an nichts Echtes mehr glauben.

So etwas verdrießt. Und gar zu viel Handel und Unfug treiben sie. Nicht die Egypter, nein die wirklich aus der Ackerstraße mit einem Tarbusch auf dem Kopfe und Pantinen im Benehmen.

Der Vetter verstand, das Echte vom Unechten zu scheiden, und Erika war wie in der Welt der Phantasie, die nahm das Ganze, wie es sich bot. Mit den Beiden die Bazargassen zu durchwandern, das war ein Vergnügen. Ich zeigte ihnen die vergitterten Haremsfenster. – »Arme Frauen,« sagte Erika.

Und in der Arena, die Beduinen auf ihren arabischen Pferden, wie sie daherstürmten und aus ihren langen Flinten schossen. Selbst Onkel Fritz meinte: »Hier könnte Renz auf die hohe Schule gehen.« Und der Hochzeitszug mit Kameelen und Sänften und dem farbigen Egyptervolk. Wer das sah, kann sagen, er hat ein Stück Orient gesehen.

Und alles das, die ganze Stadt doch nur ein Sommertagtraum. wo jetzt die Moscheen stehn und die krummen Straßen Kairo sich hinziehen, grünen im nächsten Frühjahr die Kornfelder und wo der Muezzin zum Gebet rief, singt die Lerche. Kein Edfu-Tempel, keine Pyramide mehr, dahin, dahin. Und der Wind, der die Palmen nicht mehr findet, eilt weiter über die märkische Ebene, wie er gewohnt ist von jeher. Dann sind die Egypter bei den ihrigen und erzählen von Berlin Kebir, dem großen gewaltigen Berlin, und wir erzählen uns von der Märchenstadt am Nil, die zu Besuch war an der Spree.

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Die Pyramiden sind ein Weltwunder des Alterthums. Daß sie mit Sack und Pack auf Reisen gehen, das ist ein Weltwunder unserer Zeit. Was unsere Nachkommen wohl anstellen, um die Vergangenheit zu überbieten? Denn mehr als Radschlagen kann der Mensch nicht.

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