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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 22
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authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Alt-Berlin.

Als ich zum ersten Male Alt-Berlin betrat, wurde mir ganz nachtwandlerisch. Das war vor der Baumblüthe zur Bauzeit mit der Gestattung, die werdenden Herrlichkeiten im voraus zu besichtigen. Die Stadt stand schon. Eine ganze Stadt mit Straßen und Plätzen, einer Kirche, einem Rathhause, mit Festungswällen, Thürmen und Thoren, Brücken, Gäßchen, Ecken und Winkeln, eine Stadt aus vergangener Zeit. Berlin vor dreihundert Jahren, ebenso klein, armselig und gering.

Photographieen von damals sind nicht vorhanden, weil sie noch kein Collodium hatten und Zeichnungen und Gemälde wegen Mangels illustrirter Zeitungen ebenfalls nicht, so daß die Phantasie aufbauen mußte, was die Zeit langsam und die Menschen gewaltsam zerstörten. Aber alle sagen sie, gerade so hätte Berlin um's Jahr 1650 ausgesehen, und wenn Kliebisch meint, es wäre mehr ein Abguß von Kottbus und Angermünde, muß er erst beweisen, was er sagt. – Für mich ist es Berlin, schon allein, weil richtige vorzeitliche Thran-Latichten an den Tauen über den Straßen hängen.

Als ich im Maien-Sonnenschein durch die Stadt schritt – ganz allein – vergaß ich völlig, wo ich war. So still die Straßen, daß ich mich besinnen mußte, ob wirklich schon Pferdebahnen erfunden seien und ob die Stadtbahn, auf der ich vor kaum einer halben Stunde nach Treptow toste, nicht ein Spiel meiner Einbildung gewesen wäre. Wohin waren die Menschen verschwunden, die hier wohnten? Ausgewandert? Verjagt? Verstorben?

Dies war Vergangenheit, ich konnte sie mit der Hand berühren: das alte Gemäuer, die Balken und Pfosten und durch grüne Scheiben hineinsehen in niedrige Stuben, und Käfterchen. Die standen alle leer.

In solchen Räumen hatte einst Glück gewohnt und über solche Schwellen war einst Unglück geschritten, daß aus dem fröhlichen Heute ein trauriges Morgen wurde, bis es wieder weichen mußte in ruhelosem Wechsel. Denn in den Häusern lebten Menschen.

An den Schildern ließ sich erkennen, welcherlei Gewerbe getrieben wurden. Es muß eine recht unsolide liederliche Stadt gewesen sein, das alte Berlin, so viel Schänken, Wirthshäuser und Trinkstätten entdeckte ich. Selbst das Rathhaus war ausschließlich auf Getränk eingerichtet. Die Mittagssonne schien lustig auf die Weinhauskränze und in die Biergärten, in denen jedoch Niemand saß. Es war spukhaft am Hellen Tage. Und doch so traulich und wehmüthig, wie eine vergessene Schachtel Spielzeug aus den Kindertagen.

Ich schritt langsam durch die Straßen: überall die gleiche Verlassenheit. »Du träumst, Wilhelmine,« sagte ich zu mir. »Gleich fällst Du irgendwie und wachst auf.«

Endlich gewahrte ich einen Menschen. Es war ein junger Mann auf einer Leiter mit pinseln und Farbtöpfen; der malte an einem alten Dache.

»Sie!« rief ich, »ach sind Sie doch so gut und sagen Sie mir, wo bin ich eigentlich?«

»In der Bolings-Gasse,« antwortete er.

»Hab' ich nie von gehört! 'Ne neue Straße?«

»Nee, uralt. Schon längst vom Erdboden verwischt.« Er kam herunter in seinem langen Leinenkittel und musterte das Dach aus der Entfernung.

»Es hat wohl durchgeregnet?« fragte ich.

»Nee, vorläufig nicht. Wie finden Sie das Moos?«

»Welches Moos?«

»Na, das ich da eben hingemalt habe, wirklich eminent echt, was? Feines Grün? Wie?«

»Ach so. Danke Ihnen. Nun weiß ich wieder Bescheid. Ich meinte aber wirklich, ich wäre in vergangenen Jahrhunderten.«

»Machen wir; blos mit Farbe. Das Uebrige ist Holz, Leinewand und Gips, wenn Sie's interessirt, zeig ich's Ihnen.«

Er führte mich zu Halbfertigem, wo die Papp-Neubauten aussahen, als wenn sie kaum den Sommer über halten würden. So wie aber Farbe darauf sitzt, schwört man, sie hätten vom Großen Kurfürsten an gestanden. Darüber sprach ich meine Verwunderung aus.

»Machen wir,« sagte er. »Ich habe einen diebischen Spaß daran, Alles zu fingern, als wäre es leibhaftig. Man lebt sich ordentlich hinein.«

»Sie sind wirklich ein Künstler!«

Er lächelte, aber es war ein bitteres Lächeln. »Das sagen Sie,« sprach er, »meine Kollegen denken anders.«

»Haben denn die das Moos gesehen?«

»Mehr als das. Ich habe fleißig studirt, bin auf der Akademie mit Preisen ausgezeichnet, ich habe Bilder gemalt ...«

»Und jetzt streichen Sie Häuser an?«

»Was bleibt mir? In der Kunst-Ausstellung hat man für meine Arbeiten keinen Platz. Da hängen sie allen möglichen Schmierkram aus Frankreich und Belgien, Holland und wer weiß sonst noch von wo her an die Wände, bis das Lokal vollgestopft ist und sagen zum Deutschen: Du kommst bei internationalen Bestrebungen an den Katzentisch oder bleibst besser ganz zurück. Ja, wenn die Ausländer blos Meisterwerke schickten, gut, dann hat die Kunst den Oberbefehl. Aber wenn sie ihren Abhub mit einpacken, begreift man nicht, warum unsereins verzichten muß, dem Publikum seine Leistungen vor Augen zu führen, die es mit den Fremden dreimal aufnehmen. Und wo ist sonst Gelegenheit, an das Urtheil des Publikums zu appelliren als auf den großen Ausstellungen? Die Akademie wird vom Staate erhalten, hat man sie durchgemacht und will vorwärts, heißt es, die staatlich begünstigte Ausstellung bedauert, keine Ecke für Dich zu haben, nicht die kleinste. Dagegen nehmen sie Schinken, die ein verrückter Norweger sudelt, auf, weil ... weil so was international ist. Darum male ich jetzt Dachpfannen und Moos und quaste Mauern an und verdiene damit. Ich geh' überhaupt zum Handwerk; von Kunstgenossen, die nicht mehr können, als ich, mich bevormunden zu lassen, bin ich zu stolz.«

Ich sagte: »Jeder muß wissen, was er thut; und das ist wahr, an tüchtigen Professionisten fehlt es. Wenn Sie sich gesetzt haben, schicken Sie mir Ihre Geschäftskarte, unsere Malerarbeit bekommen Sie.«

»Nein,« rief er, »so meine ich es nicht. Ich widme mich dein Kunsthandwerk. Früher ersann jeder Handwerker sich seine Muster selbst. Heute ahmen sie nach, was vorhanden ist. Ich will Neues schaffen. Und ich kann es, habe ich doch im Geiste der alten Zeit ohne Muster jetzt gearbeitet und meine Schaffenskraft erkannt. Im Geiste der Neuzeit ersinne und zeichne ich weiter. Machen wir.«

Darauf zeigte er mir Verzierungen und Geranke, Beschläge und vielerlei, was er erfunden und gemalt. »Es lebe Alt-Berlin,« rief er, als er sah, wie ich mich daran ergötzte, »von ihm aus geht mein Lebensweg.«

»Vom Fischerdorf zur Kaiserstadt,« fiel ich ein, »nur Muth und Selbstvertrauen.«

»Und Arbeit und Gelegenheit zur Entfaltung des Könnens. Das Handwerk ist heute freier als die Kunst, die sich in Mode und Klickenwesen enge Zunftschranken zieht. Und verhungern, weil einige Leithämmel zur Veränderung sich auf dürre Haide verrannt haben? Danke. Ich will leben und verdienen. Und das machen wir.«

»Sehr vernünftig,« sagte ich. »Gut, wenn junge Leute zur Einsicht kommen; alten nützt sie meist nichts mehr.«

Er erklärte mir noch manches Alterthümliche, wie das Rathhaus und die Gerichtslaube mit dem Block und dem Halseisen. Da mußten die Verbrecher zu ihrer eigenen Schande stehen und wurden von den anständigen Bürgern ausgenetscht und mit faulen Eiern beworfen, wenn Weiber sich gescholten und gehauen hatten, hing der Büttel ihnen einen Stein um den Hals und band sie aneinander und jede bekam einen Stock, in den vorne ein spitzer Nagel eingeschlagen war. Damit mußten sie sich gegenseitig prickeln, was um so besser ging, als sie blos ein Hemd anhatten. Bei besonderen Fällen wurde Hornmusik dazu geblasen. Das muß ein Spaß zumal für die Kinderwelt gewesen sein, die sich in ihrer Unschuld selbst an Schrecklichem freut. Gottlob, daß solche Strafen abgeschafft worden sind, obgleich es einige giebt, den das Prickeln nicht schadete, wenn zum Beispiel die Krausen und die Ungermann in damaliger Zeit gelebt hätten, welche der andern wohl mit dem Nagel über gewesen wäre? Der Zunge nach zu rechnen, die Krausen. Aber sehen möchte ich es doch nicht. Lieber wäre mir ein Hochzeitstag auf der Straße. Der Maler sagte, später würden Alt-Berliner in ihren Trachten die Stadt bevölkern.

Nach und nach kamen Bauleute, Maurer, Zimmerer und mancherlei Arbeiter, denn die Mittagszeit war um. Ich bedankte mich bei dem Dachpfannen-Rafael, der weiter auf alt malte, und schritt durch das Spandauer Thor und über die Brücke in den Ausstellungspark.

Wie traumhaft war die Stunde in Alt-Berlin gewesen. Die bleibt der Erinnerung. –

Und nun hatten wir einen Familienabend nach Alt-Berlin verabredet, nämlich mein Karl und ich und der Amtsrichter Buchholz, der mit Verlegung seines Urlaubs unser lieber Gast war, nachdem Ungermann's sich verduftet und Kliebisch's sich auf ihre Klietsche zurückgezogen hatten.

Ungermann's Abgang war höchstes Gebot. Mein Karl kennt wohl Kopfschmerzen aus früherer Zeit, aber solche wie am Morgen nach dem Brüderschaftpicheln mit Ungermann hatte er in seinem Leben nicht erlebt. Ihm saßen die Augen noch am Nachmittag schief und sein Appetit war einzig auf Selterwasser gerichtet. Dabei Neigung zu horizontaler Lagerung. O Karl, warst Du krank!

Kliebisch war auch vollgesogen genug, jedoch die Unruhe wegen seiner Gattin störte ihn verhältnißmäßig rechtzeitig auf. »Noch keine Nachricht von meiner Frau?« fragte er bekümmert. – »Nein,« entgegnete ich, »und ein Glück, daß sie weg ist. Betrachten Sie blos Ihr Spiegelbild, Herr Kliebisch, und sagen Sie, ob eine Frau Wohlgefallen an solchem Portrait finden würde? Wo in aller Welt sind Sie gewesen?«

»Ausstellung,« brachte er hervor. »Dressel ... Alt-Berlin.« –

»Sonst nirgends?« – Er seufzte leidend. – Ich schenkte ihm Kaffee ein. Den trank er. Brötchen interessirten ihn nicht. Dann fragte und klagte er wieder nach seiner Frau.

»Ich denke, Ihre Tochter wird ihre sieben Sinne allmählich so weit beisammen haben, daß sie Auskunft geben kann,« sagte ich. »Heute Nacht war sie übermüde. – Die Mutter wird ihr Kind doch nicht ohne Abschied verlassen haben?«

»Eine Mutter, die durchgeht, nimmt keine Rücksichten. Keine!« rief er bitter. »Berlin ist ein schrecklicher Ort, überall Verführung.«

»Das müssen Sie selbst am besten wissen,« warf ich ihm kühl vor. »Meinen Mann so zuzurichten. Schämen Sie sich.«

»Oho! Buchholz war der Fidelste; nicht nach Hause zu kriegen, wenn ein Mann einmal seine langentbehrte Freiheit genießen kann ...«

»Was? Sie wollen meinen Mann herabsetzen, Unfrieden stiften, Eheglück ruiniren? Glauben Sie, das mit einem Sack Kartoffeln gut machen zu können? Doch bei mir nicht?«

Die Anlappung verschüchterte ihn. »Hätte er eine Ahnung gehabt, daß er lästig fiele, wäre er garnicht gekommen,« sagte er mucksch, »und das Beste wäre wohl, er ginge gleich.«

Ich entgegnete, ich allein könnte nicht ab- noch zureden, in unserem Hause hätte mein Mann die Oberleitung, der wäre vollkommen frei in seinem Willen, augenblicklich jedoch zu unwohl, um gefragt zu werden.

»Gut,« sagte er, »ich gehe mit meinem Kinde.« – Ich schwieg.

Er hin und Anna'chen geweckt und es gehetzt, sich reisefertig anzuziehen. Jedoch dies packen konnte ich nicht mit ansehen, das war purer Kuddelmuddel, weshalb ich helfend eingriff. Die Kleine war noch schlafhaft. »Anna,« fragte ich, »hat Mama Dir nichts gesagt, als sie ging?« – »Nein.« »Auch Ottilie nicht?« – »Nein.« – »Besinne Dich doch.« – »Ja, einen Brief gab sie mir.« – »Wohin hast Du den gelegt? Auf den Tisch?« – Das wußte sie nicht. – »Unter's Kopfkissen?« – »Ich glaube.«

Wir suchten. Kein Brief zu finden. »Hat Mama Dir wirklich nichts an mich aufgetragen?« – »Mama meinte, Ottilie würde Alles schreiben, ich behielte es wohl nicht richtig.«

»Sie kennt Dich, scheint's. Kind, einen Rath geb' ich Dir: geh' nie allein auf die Straße, Du kommst unter'n Leichenwagen.«

Darüber entsetzte sie sich und fing an zu flennen. Nun war nichts mehr herauszubringen. Zum Verzagen.

Um Elfen verabschiedete sich Ungermann sehr höflich und gemessen mit dem Wunsche, daß die Beziehungen der beiden Häuser die altbewährten bleiben möchten. »Ihre Kundschaft wird meinem Manne stets schätzenswerth sein,« sagte ich, »und ich hoffe, daß Sie mit dem zufrieden waren, was wir bieten konnten. Ungarische Gräfinnen verkehren leider nicht bei uns, dafür sind Uhr und Kette sicher.«

Er versuchte zu lächeln, es war aber danach. »Ich verlasse Berlin mit den Erfahrungen, die ich zu sammeln vorgenommen,« erwiderte er. »Man wird meine Bemühungen an rechter Stelle anerkennen, auf Mißverständnisse rechnete ich von vornherein und wie ich sehe, sie sind nicht ausgeblieben.«

Nun lächelte ich. Daran erkannte er, wie ich dachte. So ein Leisetreter.

Um Zwölfen gondelten Kliebisch und Tochter ab. Ich hielt es für meine Pflicht, das Kind sicher in die Eisenbahn zu befördern, und fuhr bis zum Alexanderplatz mit. Kliebisch gab die Koffer auf, während ich die Anna an der Hand hielt, um sie nicht im letzten Augenblick zu verlieren. Sie weinte, der jählingse Luftwechsel war ja auch so seltsam für sie.

Dann stiegen sie ein. »Anna,« fragte ich noch einmal, »Kind, kannst Du Dich gar nicht besinnen, wo Du den Brief hast?« – »Ich glaube in der Tasche.« – »Dann her damit.« – Sie fuhr in ihr Gewand und grabbelte. – Kein Brief. – »Er ist in dem anderen Kleide.« – »In welchem?« – »Das ist unten im Koffer.«

Die Lokomotive pfiff, der Zug setzte sich mitsammt den Koffern, dem Kleide und dem Brief in Bewegung. Herr Kliebisch sah sehr unglücklich aus, entweder wegen des beschleunigten Abschieds, oder aus alkoholischen Gründen von gestern, oder wegen der Zukunft seiner Aeltesten. Denn was soll aus dem Wurm werden? Schließlich heirathet es einen Canditaten der Viehlologie mit gleichgesinnten Anlagen und nachher wundert so was sich, wenn die Landwirthschaft einen Aufschwung nach rückwärts nimmt. In dieser Weise sah ich wahrsagend voraus; hingegen die letzte Vergangenheit war mir unklar, da Niemand sagte, was sich ereignet hatte, und noch nicht offenbarte was mir blühte. Gerade in diese Unruhe fiel der Amtsrichter.

Der Mann war jedoch gleich so gemächlich, daß ich Stab und Stütze in ihm hatte. »Der Vetter hat die Bier-Influenza,« sagte er, meines Karls Zustand verständig durchschauend, »und wenn ich Ihnen, verehrte Cousine, ungelegen komme, nur keine Schüchternheit. Ich ziehe sofort nach der Putsch oder wie sie heißt.«

»Nein, die Butschen hat voll besetzt, immer solche Fremde, die das Nachtgewand in Packpapier mitbringen. Sie bleiben bei mir.«

Um die Weitläufigkeit der Verwandtschaft abzukürzen, betitelten wir uns vetterschaftlich und der Amtsrichter machte von seinem Familienrechte gleich Gebrauch, indem er meinem Karl eine bengalische Auster anrührte, aus einem Eigelb, einem Theelöffel Salz, ebenso viel Pfeffer und Mostrich mit einem Cognac gemildert. Er giebt sie seinen Assessoren und Referendaren, denen das Recept immer hilft, wenn sie Montags leidend sind. Auch meinem Karl nützte es; er schwor, nie wieder mit Ungermann auszugehen, als er noch an dem Nachgeschmack würgte.

Während mein Mann sich langsam auf sich selbst besann und der Herr Vetter sich häuslich einrichtete, kam die Kliebisch angesegelt. Aber der Aufstand, als sie Gatten und Töchterchen abgereist vorfand. Und keine Erklärung angenommen, sondern mich verantwortlich gemacht. Zum Glück hatten wir in der Person des Vetters ein lebendes Tribunal im Hause, so daß die Hauptinjurien mehr innerlich gedacht als äußerlich angebracht wurden. Justiz erfordert Vorsicht.

Wegen Ottilie mußte der Amtsrichter eine richtige Sitzung abhalten mit Belastung und Entlastung und Dorette als Zeugin. Als ich verlangte, mein Mann müßte sein gestriges Alibi nachweisen, wodurch ich erfahren hätte, wo die Drei gewesen, bemerkte der Vorsitzende: »Zeuge hat nicht nöthig, Nachtheiliges gegen sich auszusagen.« Mein Karl athmete erleichtert auf. Was sie wohl betrieben haben? Und mir schien, als wenn der Amtsrichter sich das Lachen verbiß.

Die Kliebisch kam nach und nach so weit, daß sie nicht mehr ganz vorbei antwortete und sagte, es müsse Alles in dem Briefe stehen, den Ottilie geschrieben hatte, während sie mit Herrn Brauns gegangen war, Verlobungsringe zu besorgen und eine kostbare Broche und was Ottilien sonst noch fehlte, bei Herrn Brauns Eltern einigermaaßen nicht als Bettelprinzessin erscheinen und was sie im Zorn redete. Sie hätte den Anstand des Hauses gewahrt und Ottilie zu Herrn Brauns Eltern begleitet und der Dank dafür sei die Vertreibung ihres Mannes und Rindes. Ob ich es verantwortet hätte, Herrn Brauns und Ottilie allein reisen zu lassen? Er wäre ja wie ein Wahnsinniger aus Liebe, da hätte sie nach Feuer und Licht sehen müssen.

Also Rudolph hatte sein Mädchen entführt.

»Sehr recht,« sagte mein Karl. »Er ist nicht der Mann, lange zu zappeln. Ich hätte es eben so gemacht.«

»Karl, aus Dir redet die bengalische Auster. Schweige und bereue Dein gestriges Betragen.«

Der Amtsrichter stiftete friedlichen Vergleich und ich war froh, endlich zu wissen, wie Haase gelaufen war. Meine Verantwortung hörte auf, die jungen Leute hatten ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Schließlich dankte ich der Kliebisch noch, daß sie mit Rudolph und Ottilie als Ehrenwache gegangen war. Die Eltern hatten die künftige Schwiegertochter wohlwollend empfangen. Das war ein Lichtblick nach so vieler Finsterniß. –

Und nun waren wir ein Trifolium, wie der Amtsrichter betonte, und zwar ein vergnügtes. Mit ihm die Ausstellung durchpilgern, war reizend. Erstens hatte er Verständniß und zweitens Durst immer zur rechten Zeit, nicht wie Kliebisch, der an den Zapfstätten schwer vorbei zu bringen war. Der Familienabend in Alt-Berlin war sein Vorschlag. Theil nahmen außer uns Dreien noch Betti und ihr Mann und der Sanitätsrath und Frau.

Wie anders war Alt-Berlin jetzt, als damals in der Mittagseinsamkeit, wie von einem Jahrmarkt überschwemmt ließen die Gassen; Verkaufstisch an Tisch und Waaren darauf: der ganze Quark, Stück 'ne Mark. Das war nicht gerade mittelalterlich, trotz der Maskentrachten der Mamsellen und der Landsknechte. Und in den Häusern Kneipe an Kneipe mit und ohne Musik, und Kostümtrompeter auf den Plätzen, daß eine heftige Art von Lustigkeit herauskam.

Wir versuchten in die wegen ihrer Grobheit beliebte Bauernschänke zu dringen, konnten jedoch nicht ganz hinein, so voll war sie. »Machen Se man, dett Se wieder raus kommen,« schrie der Wirth uns an, »Se sehen doch, dett hier anständige Leute sitzen.« – »Hierbleiben!« schrieen die Gäste. – »Rin mit der Schwiegermutter,« rief der Wirth, »die fehlt noch in meinem Museum.« Da gröhlten sie Alle: »Wir brauchen keine Schwiegermama – ma.« Mit dieser Probe vollkommen befriedigt, wandten wir uns zum Gehen und es war auch Zeit, daß wir die Thür frei machten, da uns ein Herr nachgeworfen wurde, der wohl lange genug drinnen gesessen hatte. Brüllendes Gelächter belohnte den handgreiflichen Scherz. – Ob es wohl in der großen Kurfürstenzeit ähnlich so herging? Ich will hoffen, daß dieser Ton sich aus Alt-Berlin nicht auf Berlin verbreitet. Das wäre eine üble Ausstellungserbschaft.

Doch nun kam das belebende Element durch die Gassen daher, der historische Festzug. Es waren Männer und Frauen, wie vom Theater ins Freie verirrt, bunt angezogen, mit falschen Bärten und Perrücken und was Helden und Knappen und Ruinenfräuleins und ihre Zofen so um Fastnacht tragen. Bei Licht, aus Opernglasferne, vielleicht ganz annehmbar, in der Nähe und bei Tage jedoch zu ungediegen.

»Entweder ganz echt oder gar nicht,« meinte der Amtsrichter. – »Oder wenigstens komisch,« erwiderte ich. »Die Ritter z. B. mit Ofenröhren und Theekesseln, daß man lachen könnte.«

»Hier scheint etwas zum Lachen zu sein,« sagte er. »Gehen wir hinein in die Singspielhalle?«

»Ich fürchte, es ist zu rauchig drin für die Damen,« weigerte sich mein Karl. Das fiel mir auf. Wir hinein. Ich vorauf.

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Ein großer Raum, am Ende eine Bühne. Auf der Bühne vergoldete Stühle und auf den Stühlen ein gutes Dutzend Sängerinnen. Alle in kurzen Kleidern, wenn man, was sie anhatten, noch ein Kleid nennen will. »Dies ist ja ein Tingeltangel,« sagte der Sanitätsrath, »gehen wir.« – »Den hab' ich längst einmal sehen wollen,« entschied ich, »bleiben wir.«

Nun sang eine nach der anderen. Immer von Liebe mit Zubehör. Stimme meist nicht vorhanden. Dafür um so mehr Mimik. Mir wurde siedeheiß, wie sie sich betrugen. Aber die Herren in den Vorderreihen johlten Beifall und die Frauenzimmer lachten ihnen zu und machten Augen. Und was für welche! Nun wußte ich, wieso Ungermann seine multerigen Bekanntschaften in Alt-Berlin gemacht hatte, dies war sein Stammlokal gewesen und meinen Karl hatte er auch hingelockt. Warum wollte der sonst sich drücken?

Unsere Herren waren verlegen, daß wir Damen einmal sahen, wie ein Tingeltangel beschaffen ist, bis auf den Amtsrichter, der sich amüsirte. Der durfte, der war unverheirathet.

»Was sagst Du dazu?« fragte ich Betti. Sie antwortete nicht. Sie war bleich und saß kerzengerade, wie früher immer, wenn sie in tiefer Seele litt. Ihre Blicke ruhten fest auf ihrem Mann, als suchte sie auf seinem Antlitz zu lesen. Er war ja auch einst flott gewesen, wie die jungen Leute da vorne, die den Sängerinnen Champagner auf die Bühne reichten. Gedachte sie vergangener Zeiten?

»Komm,« sagte ich. Sie stand auf und nahm meinen Arm. Ohne rechts und links zu sehen, zog sie mich auf die Gasse, durch die Menschenmenge zum Georgenthore hinaus in die grünen Buschwege des Parkes.

»Was hast Du, Betti?« – Sie athmete schwer auf. »Es war ein böser Traum,« sagte sie mühsam. »Ich will nie wieder an ihn denken. Nie wieder nach Alt-Berlin.«

»Kind, Alt-Berlin ist so schön.«

»Aber die Menschen darin! Mama, wo ist mein Felix?«

Er kam mit den Anderen.

Unrecht hatte Betti nicht, was die Künstler schaffen, verdirbt der Ungeschmack. Aber es soll doch nur Geld verdient werden.

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