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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 21
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Es kommt zum Klappen.

Es war mir eine wahre Wohlthat, von Tante Lina ab, wieder nach Berlin hin zu streben, obgleich ich mich auf den nächsten Tag gefaßt gemacht und das Erforderliche mitgenommen hatte. An einem so wenig bleibwürdigen Platze sich länger als gezwungen aufzuhalten, rechne ich zu den Vergeltungen der Vorsehung, die man für bereits grasbewachsene Thaten aufgebrummt kriegt, – vielleicht daß man mal zu heftig gewesen ist oder Nebenmenschen es besorgt hat – mit Ausnahme der Krausen – oder was sonst nicht mehr zu ändern war, aber doch noch zu Buch steht. Gut, daß ich nichts auf dem Kerbholz hatte und mit der Post den Anschluß erreichte. Und Kriehberg sollen die Heirathsgedanken schon vergehen, wenn der Weg zum Traualtar nicht mit Markstücken gepflastert ist, wie er sich einbildet. Liebt er Ottilie wirklich und will er sie aufrichtig glücklich machen, giebt er ihr das Jawort zurück.

Und wie nette Reisegefährten traf ich in der Bahn. Das waren Leute, die sich auf den Besuch der Ausstellung freuten, weil sie schöne und bildende Beschreibungen darüber gelesen hatten, nicht die übliche Schlechtmacherei von Schreibmenschen, die nur herunterreißen, weil das Aufbauen so seine Mucken hat. Wer nie backt und braut, dem mißräth allerdings auch nichts. Und Fehler – wo ist völlig Vollkommenes? Man muß das Mangelhafte von dem Gelungenen absubtrahiren und das Gute gehörig zusammenaddiren und dabei berücksichtigen, daß Jeder seinen Privatgeschmack hat, dann ergiebt sich das richtige Exempel.

Sie fragten mehr, als ich beantworten konnte und ob es nicht doch zu stark ins Geld ginge, wenn man Alles mitnehmen wollte.

Ich sagte: Berechnen Sie die Summen, wenn Sie nach Kamerun reisen müßten, um Wilde und ihre Dörfer zu beaugenscheinigen, oder nach Kairo oder nach Spitzbergen, wo die Eisbären sich Gutenacht sagen, oder nach dem Zillerthal, und wo giebt es Rundreisebillets in die Vergangenheit, da doch Alt-Berlin aufgebaut wurde, wie es nach dem dreißigjährigen Kriege erbärmlich war und noch keine Ahnung hatte, wie es nach Einundsiebzig anschwellen würde.

Da flögen so viele blaue Scheine als jetzt Pfennige. Und die ganze große Gewerbe-Ausstellung haben Sie als Beilage, nebst Musik und Beleuchtungseffekten, Gartenanlagen und Dod und Deibel.«

So verursachte ein Wort das andere und auch wegen der Verköstigung fragten sie, und ob in der Fischhalle an einem Sonntag wirklich über hundert Zentner Seefische vermöbelt worden wären?

»Gewogen hab' ich sie nicht,« war meine Antwort, »aber es wird schon so sein, es stand ja in den Zeitungen an der Stelle, wo sie das Glaubhafte hindrucken. Ueberhaupt, versäumen Sie die Fischerei nicht, da schwimmen Regenbogenforellen und die seltensten Fische, vom einfachen Steckerling bis zum Caviar lebendig herum und Hummer in unreifem Zustande, noch ganz blaugrün und junge Fische werden ausgebrütet und als Gegensatz zur Kinderbrutanstalt ist eine Krebswochenstube da, an der man nichts sieht als Drainröhren, die aber höchst naturhistorisch ist, wenn gerade einer von den Amphibienräthen Zeit hat und die Erklärung dazu leistet. Und wenn man sich satt gesehen hat, kann man sich an Fischen satt essen, die große Portion dreißig Pfennige ohne Kellnerschmuhgroschen; mit: vierzig.«

»Da gehen wir hin,« hieß es. »Ich lasse mir zweimal geben,« sagte ein langer Magerer, »das ist ja enorm billig.«

»In der Volksernährung kriegt man es noch umsonster,« unterstützte ich seine guten Absichten, »und in der vegetarischen Eßanstalt bekommen Sie für zwanzig Pfennige ein Gericht saure Linsen, daß sie Ihnen schon aus den Ohren heraustrudeln, ehe Sie den letzten Löffel voll hinter haben.«

Dies erheiterte sie und warum soll man sich nicht scherzhaft geben in aufthauender Gesellschaft, obgleich die Vornehmheit verlangt, sich im Coupé wie eine beschäftigungslose Padde zu verhalten?

Mit Wohnung waren sie schon versorgt, indem sie sich an Stangen gewandt hatten, der Zimmer massenweise an der Hand hat. »Viele schlüpfen bei Bekanntschaften unter,« sagte ich. – »Das würde doch wohl lästig,« meinte eine Dame.

Ich seufzte.

»Haben Sie Erfahrungen darin?« fragte die Dame weiter. »Die kommen noch,« entgegnete ich und dachte an das Huhn, das ich mit Ungermann zu pflücken hatte. Was sage ich Huhn? Mindestens einen Auerhahn. Und für sie, die Ungermann, setzt es auch was; zunächst um ihren neuen Hut. Wie ein Schlittenpferd. Es werden schon Federn fliegen.

Je mehr wir in nächtliche Dunkelheit geriethen, um so dämmeriger wurde auch die Unterhaltung, die sich zuletzt darauf beschränkte, daß die Herren uns ihre Zigarren vorrauchten. Was es für Unkraut war, kann ich nicht sagen, aber sie selbst öffneten von Zeit zu Zeit die Fenster, um nicht zu ersticken. Ich schätzte es auf eine Art von Mottentod.

Dank der Unermüdlichkeit der Lokomotive kamen wir Berlin immer näher und als sie noch lange nicht pfiff, holte jeder sein Handgepäck heran und belästigte sich und die Nachbarn. Aber das ist einmal so in dem Verlangen begründet, rascher anzukommen, wie man ja auch lebensgefährlich dicht an den Schienen dem Zug entgegensieht, damit er sich eilt, wenn man mit will.

Wir wünschten uns gegenseitig viel Vergnügen und waren auseinander, als die Thür kaum offen stand. Ich sah weiter kein Vergnügen vor mir, als meinen Karl zu überraschen, da ich erst Morgen erwartet wurde.

Ich hinein in eine Droschke und los. Es war bereits gegen Mitternacht, aber in der Lindengegend und in den Hauptstraßen noch ein Treiben wie bei Tage, die Cafés und Bierpaläste im hellsten Lichte und auch noch Läden geöffnet. In der Provinz liegen sie schon zum zweiten Male auf der rechten Seite, dachte ich, und stärken sich mit gesundem Schlaf und drehen sich bald zum dritten Male im Bewußtsein höherer Solidität. Aber wer bildet das nächtliche Publikum in Berlin? Die Fremden. Und wo sind die her? Aus der Provinz, wenn sie zu Hause so schwudderten? Ei weih!

Na, Ungermann wird sich über sein Abgangszeugniß aus der Residenz freuen.

Der Kutscher schien mich für außerhalbsch zu halten, indem er mit seinem Zossen auf Zeitfahrt losbummelte, bis ich ihm zurief: »Geben Sie dem ollen Asphaltschoner mal'n bisken langen Haber, er tritt sich ja auf die eigenen Hacken.«

Der Droschkenlenker hielt an und wandte sich um. »Det Ferd,« sagte er und deutete mit der Peitsche auf das Fell voll Knochen, »det war früher Rennpferd, der braucht keenen Dreschflegel. Im übrigen is er nu jlücklich so weit umdressirt, det er allens dhut, wat er will.«

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»Na, wat will er denn?« erwiderte ich im Volkstone.

»Nach'n Stall will er.«

»Also dalli!«

»Nee, nu nich, weil et seine contrair entjejenjesetzte Richtung is. Se sollten blos nach'n Wedding jewollt haben, da hätten Se'n kennen jelernt; uff'n Nachhauseweg schlägt er jeden elektrischen Strom um mehrere Nasenlängen. Hü! Schimmel.«

Obgleich der jetzt folgende Galopp nicht rascher ging als der bisherige Schritt, erhob es mich sehr, wie die modernen Kulturerrungenschaften allmählich in der Bevölkerungsdenkweise Wurzel schlagen, während doch feststeht, daß die Griechen Elektricität und Telephon und Photographie und Hygiene nicht einmal dem Namen nach hatten. So frißt die Bildung sich immer weiter in die Massen und greift die Aufklärung um sich, wozu Ausstellungen schichtenweise beitragen, je nachdem Volks- oder Elite-Tage sind. Elite ist theurer, sonst ganz dasselbe. Ein großes Jahrhundert, worin wir leben.

Als wir die Landsbergerstraße gewonnen hatten, war das Haus duster. »Alle in der Bucht,« sagte ich mit innerlicher Zufriedenheit, gab dem Droschkong einen Uebernickel für das Roß und gedachte durch die Fabrik oben zu gehen, meinen Karl zu interviewen ohne zu stören, und mein Gemach aufzusuchen, wo Ottilie wahrscheinlich nach Schlaf schmachtete. Ich konnte ihr Beruhigung bringen, die gesünder hilft als Morphium oder sonst was, wonach man noch kränker wird.

Aber mein Schreck, als ich das Hausthor unverschlossen fand. »Ungermann,« war mein erster Gedanke, mein zweiter »wo ist der Schutzmann als Sicherheitswächter?« Ich sah die Straße lang, kein Helm zu entdecken, nichts als die langsam abzuckelnde Klapperkiste mit dem verkehrsmüden Wettklepper a.D.

Ob ich mich hineinwagte? wenn ein Mörder auf der Treppe lauerte? Oder blos ein Pennbruder, auf den ich im Dunkeln trat? Das ist schon schauderhaft. Ob ich schrie?

Nein. Listig vorwärts, ganz leise. Dann über den Hof. Der Hausschlüssel paßt zur Fabrik. Hinauf getastet bis an meines Karls Thür. Ich horchte. Keinerlei Schnarchung.

»Schläfst Du, mein Karl!« rief ich halblaut. »Erschrecke nicht, ich bin es, Deine Wilhelmine, Deine treue Gattin. Tante Lina läßt grüßen.«

Keine Antwort. Ich klopfte an. »Es brennt nicht,« rief ich, »es ist auch nicht eingebrochen. Mach' auf, mein Karl.«

Er rührte sich nicht.

»Karl, mach' auf!«

Ich klopfte stärker. »Karl, wenn Du nicht aufmachst, werde ich böse. Sehr böse; verstehst Du mich?«

Ich holte mein Schlüsselbund hervor, aber erst der letzte ging hinein. Und der schloß nicht. Nach einigen vergeblichen Versuchen brach er ab. Da mein Karl nicht von dem Geräusch aufwachte, mußte er abwesend sein. Aber wo? Natürlich im Berliner Zimmer.

Auf dem dunklen Gange nach der Wohnung stieß ich gegen Weiches, daß mir das Blut in den Adern stockte. Es krabbelte jedoch nicht in die Höhe, sondern fühlte sich als Waarenballen heraus. Aha, Ungermann's Bestellung. Ganz hübscher Posten, aber es könnte mehr sein. Die Zwischenthür war eingeklinkt und in der Küche noch Licht; die oberen matten Scheiben waren hell. Ich und eintreten war eins.

Die Dorette kriesch auf; ich sagte blos »Ha!«. Der Schutzmann aber strammte sich kerzengerade hin und salutirte. Dorette suchte die Lampe auszublasen, unsere Tischlampe, jedoch zu spät, ich hatte genug gesehen. Aufgedeckt war, mit Brot und Butter und kaltem Braten und Wein von dem Sonntags-Lafitte und Käse und ein Hafen Kompott und die Cognacflasche und was sonst gut und genießbar war.

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»Wo ist der Herr?« fragte ich strenge.

»Aus.«

»Und das Hausthor steht offen? Nennen Sie das Bewachung, Schutzmann?«

»Ick habe heute keenen Dienst!« entgegnete er.

»Er ist ja mein Breitijam,« sagte Dorette, »un als solcher hat er doch seine Pflichten, warum ooch kommt die Frau so unprezise retour?«

»Um zu sehen, was während meiner Abwesenheit vorgeht. wir reden morgen weiter. Und der Bräutigam ist hoffentlich satt und kann gehen.«

Er schnallte sein Seitengewehr um. »Leuchten Sie ihm, Dorette, und schließen Sie das Haus.« Ich nahm die Lampe und den Cognac an mich. Es hatte tüchtig geschafft.

Weinend ging Dorette voran. Sie fühlte sich schuldbeladen. Angemessene Verpflegung war ihr gestattet, aber keine Orgien. Und mit Lafitte fangen Orgien an!

Also mein Karl war aus. Recht heiter!

Nun zu Ottilien.

»Sei froh, Kind,« rief ich beim Eintritt, »auf Regen folgt Sonnenschein, ich bring' ihn mit für Dich.«

Keine Antwort. Ich leuchte hin: Ottiliens Bett war unberührt. Sie wird sich wohl alleine geängstigt haben und nächtigt bei der Kliebisch. – Ich hin nach dem Vorderzimmer und klopfe an. Kein Ton.

Dies war mir sonderbar. Alle miteinander aus? Nein, auf dem Sopha lag Anna Kliebisch und sägte schaudervoll. Das ist wahr, schlafen hat sie heraus. Selbst bei Tage, wenn sie so dasitzt, möchte man ihr immer zurufen: »Gute Nacht, Anna.« Doch ein bischen zu sehre Drömlade, das Kind.

Nach verschiedenen Mißerfolgen rüttelte ich sie endlich lebendig; sie plierte mich glasäugig an, sagte nichts und schlief wieder ein.

Dies war mir zu dumm. Ich sie gehörig geschüttelt, bis sie endlich wieder zu sich kommt. Aber nicht viel mehr als vorhin.

»Wo ist Mama?« fragte ich.

»Wo Mama ist?« wiederholte sie traumig und nickte wieder ein.

»Anna, werde doch munter, wo Mama ist?« frage ich.

»Im Bett.«

»Unsinn, da ist sie nicht, wo ist sie? Und wo ist Ottilie?«

»Im Bett.«

»O Du Demel,« brach ich aus. »Du bist doch'n lieben Gott sein größtes Bähschaf. Dussele weiter und vergiß morgen blos das Aufwachen nicht.«

Mir blieb als letzter Anker der Vernunft nur noch die Ungermann. Die war aber auch nicht vorhanden, im Gegentheil komplet abwesend mitsammt Schloßkorb und Schachteln. Ab nach Kassel. Ihre Sachen standen noch da.

Ich war wie erschossen. Knieewankend setzte ich mich, was war geschehen? Kein Mensch im Hause als das unzurechnungsfähige Schlafkind und Dorette. Da kam sie gerade wieder heraus.

»Dorette,« rief ich, »hier herein ins Berliner Zimmer und nun nicht länger gewimmert, sondern ohne Mogeln erzählt, was vorgefallen ist. Erstens die Ungermann?«

»Die hat sich verzogen mit'n Mittagszug. Un Trinkjeld hat se nich jejeben. Det haak ihr jleich anjeahnt, als se kam. Det war eene von de Billijen.«

»Gut. Und zweitens die Frau Kliebisch?«

»Die kommt bis spätestens übermorjen retour.«

»Von wo?«

»Det hat se nich jesagt. Et war ja jroßer Ufstand, wie der junge Herr heut Nachmittag kam un er sagte: Ottilie, ick lasse Dir nich, un sie sagte nein, nein, ick derf nich, ick wollte, ick wäre bejraben oder so. Jenau konnt ick't nich verstehn ...«

»Also wieder an der Thür gehorcht. Und was sagte Herr Kriehberg?«

»Der? Der sagte jarnischt.«

»Der mußte doch wieder antworten.«

»Nee, det konnt er nich. Der war ja jarnich da.«

»Der nicht? Welcher junge Herr dann?«

»Jotte doch, der mit die braunen Plüschoogen. Ach hat der 'n Blick an'n Leibe! Wenn ick nich so derbe verlobt wäre, in den könnt ick mir verkieken.«

»Dorette, bleiben Sie sachlich. Also Herr Brauns war hier und sich Ottilien erklärt und sie ihn abgewiesen ...«

»Se hat schrecklich jebarmt.«

»Und er weggerannt?«

»Na ja, wat man so langsam wegrennen nennt. Aber doch erst später, un wat die Kliebischen is, mit ihn.«

»Unsinn! Und Ottilie blieb zurück?«

»Die war janz verdreht. Se lachte und dann weente se, un mir fiel se um den Hals un küßte mir un sagte, Dorette sagte se, es kann nich sind un es ist doch; so oder so ähnlich. Wat Verrückte sagen, det is schwer zu behalten.«

»Und was that mein Mann ... was that der Herr dabei?«

»Die Herren waren schon vor Mittag nach Treptow rausjemacht. Un ick alleene blos mit die Anna; die hab' ick Abendbrot jejeben un da ward se müde. Un wenn mein Breitijam nicht antrat, ick hätte mir zu Tode jeforchten. Nee, hier in'n Hause is et nich mehr scheen.«

»Darüber habe ich zu urtheilen, ich ganz allein, verstanden? Und wenn Ottilie sich ein Leid angethan hat, kommen Sie vor den Richter.«

»Och Jotte nee!«

»Nicht heulen. Dazu ist Zeit, wenn Sie im Loch sitzen. Geben Sie Acht, was Ihnen blüht. Warum haben Sie nicht aufgepaßt?«

»Se war ja nachher janz vernünftig, blos mit eenmal weg un nich zu finden!«

»Und Sie suchen nicht? Und Ihr Schutzmann läuft nicht hinterher und setzt die Polizei in Bewegung? Und schwemmen ihn mit Lafitte an? Den zieh ich Ihnen vom Lohn ab.«

»Et war ja keen Anderer da.«

»Wozu ist denn die Wasserleitung?«.

»Da jeht keen Schutzmann ran.«

Ich sprang auf. »Kommen Sie, wir wollen suchen, ob Ottilie nichts Schriftliches hinterlassen hat, keinen Abschiedszettel oder irgend ein Zeichen.«

So viel wir auch stöberten. Nichts. Nichts und nirgends.

»Am Ende hat sie die Anna Kliebischen wat anvertraut, ick jloobe sojar, se sagte, vergiß es nich oder Vergißmeinnich oder so, wie man so bei's letzte Lebewohl sagt.«

»Die weiß von sich selber nichts, viel weniger von Ottilie.«

»Det kann wohl sind. Se saß da so misepeterig und da sagte mein Breitijam, en Grogh würd' ihr wohl nich schaden, da kriegte se de richtige Bettschwere nach un wäre unter de Füsse aus.«

»Und Sie folgten dem bodenlosen Vorschlag und machten dem Kinde einen Grogh?«

»Zwee.«

»Von Cognac? Aber Dorette, waren Sie denn gänzlich ...?«

»Ick sage ja, et is hier nich mehr scheen in'n Hause.«

Was nützte es? Aus dem Rinde war nichts herauszubringen, das hatte ich eben vergebens versucht und was Dorette erzählte, war so klar verwickelt, daß ich klug blieb wie zuvor, wenn nur Ottilie nicht zu Wasser gegangen war? Das wäre grauenvoll. Aber was ging die Kliebisch mit Herrn Brauns von dannen? Und Ottilie hatte ihr Handköfferchen mitgenommen. Man ertränkt sich doch nicht mit Gepäck? Wohin konnte sie geflohen sein und warum?

Wir sahen nochmal nach. Auch ihre Brennscheere war weg und ihr Morgenanzug und ihr Regenmantel. Nein, nasse Absichten hatte sie nicht gehabt.

»Dorette,« sagte ich, »selbst wenn Alles gut abläuft, einen anderen Dienst werden Sie sich suchen. Das sehen Sie hoffentlich selber ein?«

»Bis zu'n Frühjahr. Dann wollten wir Hochzeit machen, et kann sind, ooch ehr. Warum soll ick mir vorher verändern? Det wird die Frau mir doch nich anmuthen sind bei die ville Arbeed mit 'n Besuch? Die Frau is ja so jut.«

Sie weinte so reuevoll, daß ich sagte: »Es hängt von Ihrem ferneren Betragen ab. Gehn Sie zu Bett, Dorette.«

Ich setzte mich wartend in's Berliner Zimmer im Reiseanzug, innerlich und auswendig aufgelöst, waren das Zustände. Raum wendet man den Rücken und die Welt geht unter.

Und mein Karl, gerade da er nothwendig nicht weichen durfte, macht blau. Ob ich hinüber ging nach Betti, ihr mein Herz auszuschütten? Ich kannte ihr Mitgefühl im Voraus: »Mama, warum hast Du das Hotel eingerichtet?«

Endlich kam etwas die Treppe heraufgepoltert und in die Wohnung herein. Ich richtete meine Blicke fest auf die Thür.

Sie lachten draußen. »Wir heben noch Einen,« sagte jemand, »Ihr Cognac ist gut.« – Das war Kliebisch's Stimme.

»Mir recht.« Das war mein Karl.

»Nur um mich nicht auszuschließen,« sagte der Dritte. Das war Ungermann.

Und herein kamen sie. Und mein Mann, meine Unschuld von Mann schwankend zwischen Kliebisch und Ungermann.

Ich erhob mich. »Meine Herren!« sagte ich. Weiter nichts. Aber der Schreck.

»Du hier, Wilhelmine?«

»Wie Du siehst! Ich will nicht fragen, wo Du warst, ich will es nicht wissen. Dein Zustand verräth genug. Ich danke Ihnen, meine Herren, namentlich Ihnen, Herr Ungermann, daß Sie als künftiger Stadtvater so väterlich für meinen Mann gesorgt und ihn auf Ihre Studienfahrten mitgenommen haben, während ich weg war.«

Ungermann verfärbte sich. »Wir waren ein bischen vergnügt, zum Schluß ... weil ich morgen abreise,« stammelte er.

»Dummes Zeug, Du bleibst,« sagte mein Karl.

»Herr Ungermann reist,« entschied ich, »Du hörst, er will es. Und Sie, Herr Kliebisch, Sie als mehrfacher Familienvater, helfen meinen Mann verführen? Das hätte ich nicht erwartet. Und zu trinken giebt es nichts mehr.« Ich nahm die Flasche und schloß sie ein.

»Aber Mienchen, es war so schön aus der Ausstellung.«

»Die ist längst aus.«

»Ich habe mit Ungermann Brüderschaft getrunken und wir wollen noch fidel sein. Komm, Mienchen, sei mit lustig.«

»Wie könnte ich das? Ottilie liegt vermuthlich tief in der Spree, und Frau Kliebisch ist mit dem jungen Brauns durchgegangen.«

»Was ist das?«

Ein Sturzbad konnte nicht eisiger wirken als meine Worte, und als ich ihnen tropfenweise mitgetheilt hatte, was ich für sie geeignet hielt, war ihre Antäubung so gut wie verflogen.

»Vorläufig läßt sich nichts beginnen,« sagte ich, »die Einzige, die etwas weiß, die Anna, ist nicht vernehmungsfähig.«

»Der Schmerz über die Mutter,« stöhnte Kliebisch.

»Sie muß ihn erst ausschlafen,« versetzte ich ihm. »Und nun gute Nacht, meine Herren. Komm, Karl, Du gehst mit mir, ich habe Dir noch sehr viel mitzutheilen.«

»Ich schlafe doch in der Fabrik.«

»Heute nicht, Du kannst nicht in Dein Zimmer, der Schlüssel ist abgedreht. Komm nur.«

Ein zerknirschteres zu Bett schleichen habe ich noch nie erlebt. Aber in dem Taumelbecher der Freude ist der Rest Bärme. Das mögen die Herren bedenken, wenn sie nicht nach Hause finden können.

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