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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 20
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Provinz-Erlebnisse.

Geschäftsreisen sind keine Vergnügungs-Ausflüge. Freilich kann eine Geschäftsreise sich zur Quelle reinster Freuden gestalten, wenn der Absatz fluscht, neue Kunden anbeißen und die alten die Waare auftraggebender Weise loben. Anerkennung in Worten klingt sehr schön und befriedigt Dichter und Künstler, zumal in gedrucktem Zustande, aber mit Aufblähung ist dem einfach civilen Bürger nicht gedient; der hat Wechsel einzulösen, Fabrikanten zu zahlen, Rohstoffe anzuschaffen und Arbeiter zu lohnen, der muß umsetzen; denn was auch aufkommen mag, Geld bleibt egal Mode. In keiner Konfession sind die Menschen orthodoxer, als in der Anbetung des Geldes.

Unser Felix Schmidt konnte auf das Ergebniß seiner letzten Tour stolz sein, als er zurückkehrte. Er war vergnügt und mein Karl war so vergnügt, daß er mich mit in das Geschäftliche hineinzog, was er nur selten thut, wie ich ihm ja auch nicht mit jeder zerbrochenen Schüssel ins Gesicht springe und nur dann und wann erfreue, wenn ich wirklich Billiges, lächerlich unter dem Einkaufspreis erworben habe. Gewöhnlich berechnet er nach, daß er trotzdem viel zu hoch kam. Neulich kaufte ich auch etwas. Es sah aus wie eine Kneifzange und war patentirt und von zwei Mark auf fünfzig Pfennige herabgesetzt, blos es ließ sich nirgend wozu gebrauchen. Mein Karl drohte, das nächste Mal käme ich unter Kuratel. Ich entgegnete: »Wer eine Mark fünfzig sparen kann und es nicht thut, versündigt sich; übrigens die Frau soll noch geboren werden, die einem Ausverkauf widersteht. Also was brummst Du?«

Jetzt hatte ich Verwendung für den Gegenstand, indem ich ihn nebst anderen Niedlichkeiten als Aufmerksamkeit für Tante Lina mitnahm. Kann sie auch nichts damit anfangen, so freut sie sich doch über den guten Willen, der bei Geschenken das Werthvollste ist. Und den hatte ich.

Ob ich auf einer Geschäftsreise war, als ich in der Eisenbahn saß und nach Tante Lina fuhr, das vermochte ich nicht bestimmt zu beantworten, eine Vergnügungspartie war es jedoch nicht. Würde ich meinen Zweck erreichen? Vielleicht. Blieben meine Bemühungen fruchtlos, waren Fahrkarte, Zeit und Spesen der Katze geweiht. Aus der Füllung des Abtheils machte ich mir nichts, die Stadtbahn-Straffahrten nach Treptow hatten mich abgehärtet, und schon längst hatte ich den Unterschied zwischen Häringen und Berlinern herausgefunden. Die Häringe werden nämlich mit Salz gepökelt und die Berliner mit amtlichen Zumuthungen. Die Verpackung ist dieselbe.

Bei der herrschenden Sommerwärme zog ich die dritte Klasse der gepolsterten zweiten vor, und das hatten sämmtliche Mitleidensgenossen aus demselben Grunde gethan, wie sie sagten, als das allgemeine Gespräch mit Bahnbeschwerden eröffnet wurde. So mächtig wird stets über die Leitung des Ganzen geurtheilt, daß sie aus dem Ohrenklingen gar nicht herauskommen, und deshalb natürlich keinen vernünftigen Verbesserungs-Gedanken fassen kann. Hinterrückisches Zähneknirschen hat gar keinen Einfluß, ebenso wenig wie das Anblaffen der unschuldigen Schaffner etwas an den Bahngesetzen ändert. Man gebe der Verwaltung mehr Ferien unter der Bedingung, sie abzureisen. Das würde ihr gut thun.

So und ähnlich äußerten die Herrschaften sich, und nachdem die Eisenbahn ihre Wischer weghatte, kam Berlin daran.

Ich gab mich nicht zu erkennen, um die freien Aeußerungen nicht zu hemmen.

Es bildeten sich bald zwei Parteien. Die eine ließ an Berlin kein gutes Haar, die andere war der Anerkennung voll, wenn man jedoch genau hinhörte, gingen die meisten Klagen aus dem Geldbeutel hervor. Die, die Alles hatten sehen und genießen wollen, ohne daß es etwas kosten sollte, waren böse, die Anderen, die sich gesagt hatten, daß, wer Vieles in kurzer Zeit abmachen will, an einem Tage mehr ausgiebt, als zu Hause in einer bis verschiedenen Wochen, waren zufrieden. Kann Berlin etwas dafür, daß die Straßen so lang sind?

Die Droschken waren ihnen zu theuer.

Warum sie nicht Pferdebahn gefahren wären oder Omnibus?

Wer wußte denn, wo man damit hinkäme?

Man brauchte nur zu fragen.

Um sich Grobheiten auszusetzen?

Wo das der Fall gewesen wäre? Der Berliner gäbe gern und willig Auskunft.

Damit liefe man den Bauernfängern in die Arme.

»Jawohl,« rief ich dazwischen, »wenn man nämlich ein Bauer ist.«

»Sie sind wohl aus Berlin und wissen Alles besser?« entgegnete der Mann, »Wie ist es einem Herrn gegangen, den ich zufällig kennen gelernt hatte? Er machte nämlich die Bekanntschaft von einem Grafen und der Graf führt ihn in höhere Zirkel ein und es ist auch sehr nett da, blos daß die Gesellschaften immer so spät in der Nacht stattfanden. Doch dies fiel ihm nicht weiter auf, indem er sich amüsirte mit ungarischen Gräfinnen und Comtessinnen aus Polen, in die er ganz weg war; hochfein. Und da er sich nicht knauserig zeigen durfte, wenn mal gespielt wurde, haben sie ihm nicht blos sein Geld abgenommen, sondern auch die Uhr; und wie er sie am nächsten Abend einlösen will, hat die Polizei die ganze noble Gesellschaft ausgehoben.«

»Hat er seine Uhr wieder?« fragte jemand.

»Nicht doch, wenn er sich meldet, muß er als Zeuge aussagen und das paßt ihm nicht wegen seiner Stellung, wenn sein Name in der Zeitung steht und wie die Frauenzimmer ihn hineingelegt haben und daß der Graf ein entlassener Heilgehilfe mit Vorstrafen war: die Blamage ist zu enorm.«

»Was man nicht Alles mit guten Freunden erlebt,« bemerkte ich. Die übrigen lachten und tuschelten und einer rief: »Der gute Freund sind Sie doch nicht am Ende selber?«

»Würd' ich die Geschichte dann erzählt haben?«

»Na, na!« zweifelte ein Herr. »Es mag nett zugehen, wo Sie her sind!«

»Ich bin es weiß Gott nicht,« suchte er sich herauszureden. »Sie können es mir glauben.«

»Wer glaubt, wird selig.«

»Auf Ehrenwort, ich bin es nicht. Ich kann Ihnen auch den Namen nennen, es war ein gewisser Ungermann.«

»Ein kleiner untersetzter Herr mit durchgewachsenem Schädel?« fragte ich erstaunt.

.

»Ganz derselbige. Kennen Sie ihn?«

»Nur so von Ansehen. Ich kann mich auch irren.«

»Vielleicht wissen Sie mehr von den ungarischen Gräfinnen als wir?« argwöhnte der Herr und fixirte mich.

Ich wurde verlegen.

»Und wo die Uhr geblieben ist?«

»Mein Herr!« fuhr ich auf.

»Ich kenne Berlin,« höhnte er.

»Berlin bei Nacht,« gab ich ihm zurück, »gerade so wie Ungermann. Jawohl! Den hat die gerechte Strafe für seine Aushäusigkeit und Duckmäuserei ereilt. Hoffentlich sind seine Genossen nicht leer ausgegangen. Sagten Sie nicht, er wäre ein guter Freund von Ihnen?«

»Ich verbitte mir jede Anspielung.«

»Ich mir dito!«

»Uebrigens wenn Sie es interessirt, wurde ich in Alt-Berlin mit dem Herrn bekannt. Die Ausstellung ist doch für Fremdenverkehr, da treffen sich eben die Fremden.«

Dagegen sagte keiner etwas. Voller Aufregung suchte ich nach meinem Riechsalz, wobei die merkwürdige Zange herausfiel, die mein Schräg- à-vis aufhob und prüfend betrachtete, anstatt sie mir höflichst zu überreichen.

»Erlauben Sie, was ist das für ein Instrument?« fragte er.

»Das weiß ich nicht.«

»Merkwürdig!«

»Wieso?«

»Man führt doch keine Brechzangen bei sich, ohne zu wissen, wozu sie gebraucht werden?«

»Ach so? Eine Brechzange ist es,« erwiderte ich. »Mir sehr angenehm, das zu erfahren.«

»Was denn sonst? Man schiebt das Ding zwischen die Thür, knack, und auf springt sie.«

Alle blickten mit neugieriger Abscheu erst auf das Instrument und dann auf mich. Die neben mir saßen, rückten zur Seite, so gut es ging.

Ich lachte und wandte mich an den Herrn, der mir die Zange noch nicht wiedergegeben hatte: »Darf ich mir mein Eigenthum gefälligst ausbitten?«

Er sah mich an, mit so unverkennbaren Criminalaugen, daß ich eine Gerichtsperson auf Ausstellungsurlaub in ihm witterte und von plötzlicher Angst erfaßt, zurückfuhr. Darauf sah er mich noch durchbohrender an und sagte: »Dieses verfängliche Geräth muß der Polizei eingeliefert werden.«

»Meinethalben, für mich hat es keinen Werth.«

»Und doch kann es Ihnen theuer zu stehen kommen.«

»Wollen Sie mir jetzt mein Besitzthum wiedergeben? Oder soll ich klagbar werden?«

Er zögerte.

Nun ich fühlte, daß ich Oberwasser kriegte, gewann ich Muth: »Besehen Sie sich es genau, wenn Sie lesen können. Da steht D. R.-P. darauf, Deutsches Reichs-Patent. Glaubt denn ein vernünftiger Mensch, das Deutsche Reich patentire Einbrechzangen und Diebgeräth?«

»Warum nicht? patentirt wird vieles.«

»Die Frau scheint mir Recht zu haben,« rief ein jüngerer Mann aus einer Ecke.

»Hab' ich immer!« stimmte ich ihm bei.

»Und ich finde es nicht schön, sofort gleich zu verdächtigen, wo garnichts vorliegt. Hat die Frau denn schon eingebrochen? Und wenn sie einbrechen will, seit wann ist die Absicht strafbar? Außerdem fragt sich, ob das Ding wirklich zum Einbrechen taugt? Mir scheint es für diesen Zweck viel zu schwach gearbeitet. Ein Geldspinde bringt sie nicht damit auf. Das ist meine Meinung.«

»Aber wozu dient das Instrument denn?«

»Mir scheint es ein Briefbeschwerer,« sagte eine Dame.

»Das sieht man doch im Dunkeln,« klammerte ich mich an diesen Rettungsstrohhalm. »Giebt es etwas unnatürlicheres als Briefbeschwerer? Dazu nimmt man alte Schuhe, Hufeisen, Beile, Aepfel und Birnen, Töpfe aus Metall und Stein und worauf das Kunstgewerbe sonst verfällt.«

»Das ist wahr,« bestätigte mein Nachbar zur Linken.

»Wer die Ausstellung betrachtete, der hat auch Briefbeschwerer gesehen,« sagte ich. »Aber wer blos nach Berlin ging, um zu schwiemeln, weiß von nichts. Geben Sie mir meinen Kunstgegenstand. – Danke!«

Während ich das Unglücksgeschirr wegstopfte, begann der Herr, der sich als Ungermann's Freund verrathen hatte, auf die Ausstellung zu raisonniren: »Wer kann Alles sehen? Die Vergnügungen erdrücken die Industrie.« – Und was der nicht wußte, ergänzten Andere.

Als sie es jedoch zu schlimm machten, bildete sich Gegnerschaft, die immer mehr in's Loben kam und gut fand, was vorher getadelt und herabsetzte, was in den Himmel gehoben war.

Ich verhielt mich zuhörend; ich war zu zerknittert, einzugreifen. Hingegen war mir klar: Allen recht zu machen, ist selbst Kommerzienräthen unmöglich.

Mit wahrer Aufathmung begrüßte ich meinen Aussteige-Haltepunkt, verließ die Gesellschaft mit deutlicher Nichtbeachtung und suchte den Postwagen auf, der mich weiter befördern sollte. Im Wartesaal nahm ich einen kleinen Trosttropfen; nur einen. Dem genossenen Aerger nach hätte ich Grund gehabt, mich dem Alkohol gründlichst zu ergeben und begriff, wie fortgesetzter Verdruß einen Menschen schließlich ins Delirium treiben kann, welche Charakterfestigkeit gehört dazu, Ausstellungscomité zu sein, das täglich aufgemöbelt kriegt und doch nie molum gesehen wurde!

In solchem gelben Stephans-Kasten war ich noch nicht gefahren; er ist ja auch im Absterben und deshalb waren die englischen Mehlkutschen, die weiter nichts sind als eine Kreuzung von Omnibus und Post, in Berlin, wenn es hoch kam, nur mit einer Person bevölkert, wir haben unsere billigeren flinken Droschken erster Güte, was sollten wir mit den Noah-Archen auf Rädern? Sie hier unübertrefflich halten, weil sie von England kamen? Ueber solchen Mumpitz sind wir längst hinweg.

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Ich war allein in dem Wagen auf der langsamen Straße mit Feldern auf beiden Seiten, Dörfern in der Ferne und Gehöften, an denen man vorüberfuhr in ländlicher Stille, wie viele Menschen doch außerhalb Berlins glücklich sind. Und doch meinen die Meisten, das Glück sei nur in der großen Stadt zu Hause. Aber was ist Glück? Das einzige, was der Mensch sucht, wenn er es gefunden hat. Denn es giebt keinen Zufriedenen.

Wie glücklich hätte ich jetzt sein können, wenn ich mich weder mit Kriehberg noch Ottilien beschwert hätte, waren denn Ruhe und Frieden und meine Häuslichkeit nicht Glück genug? Was hatte ich Noth, mich in die Schreibtinte zu begeben? Nun saß ich drinn. Ohne die Beiden wäre ich nicht auf der Spritztour nach Tante Lina, die sehr verhängnißvoll hätte werden können. Der Mann, der mich möglicherweise für das Ehrenmitglied einer Einbrecherbande hielt, war nahe daran, mich der Obrigkeit zu überantworten. Man weiß ja nie, mit wem man fährt, welch' unbewußtes großes Thier er ist und was er einem anthun kann?

Und dieser Ungermann! So ein Nachtbruder. Und bei Tage wie neugeborne Unschuld. Den werd' ich abmalen!

Mit dieser Absicht drusselte ich ein und erwachte erst, als der Postillon sein Stückchen blies. Ich träumte gerade, Ungermann winselte um Gnade, so klang das Geblase.

Wir rumpelten über holperiges Pflaster durch ein thurmartiges Thor und waren in der Stadt. Tante Lina wohnte nicht weit von der Post, sie aufzufinden ging ohne Adreßkalender.

Sie freute sich nur mittelmäßig, als ich bei ihr eintrat mit den Worten: »So, da bin ich. Sie können sich wohl denken, daß ich wegen wichtiger Angelegenheiten komme, wie geht es Ihnen, Tante Lina?«

»Ganz gut,« erwiderte sie. »Recht gut. Viel besser, als sonst. Bitte, setzen Sie sich. Ich nehme jeden Abend vor dem Schlafengehen, mit Erlaubniß zu sagen, drei Stücken Rhabarber. Apotheker Bahnsen rieth es mir und es hilft auch, weil ich die Berliner Kost nicht vertragen konnte und wenn nichts gethan wurde, es leicht schlimm geworden wäre. Im vorigen Jahre hatte Maler Brandt's Frau es ebenso, aber weil sie nichts brauchte, schlug, mit Erlaubniß zu sagen, innerliche Gedärmgicht dazu und in fünf Tagen war sie todt. Sie hat so geschrieen, daß sie es drei Häuser weit gehört haben.«

»Wer lange Rhabarber ißt, kann alt werden,« sagte ich, nur um etwas zu sagen, da ich den rechten Dreh noch nicht hatte.

»Will ich auch,« entgegnete sie. »Ich will noch vom Leben haben, was es mir bieten kann. Und wozu auch nicht? Das Essen und Trinken schmeckt mir und zu sorgen hab' ich für Niemand mehr, für Niemand. Der, auf den ich wartete, der braucht nicht, was ich zusammenhielt, der ist reich; darum hab' ich Alles auf Leibrente gegeben.«

»Aber Tante Lina!«

»Ja, nun erbt Keiner was. Keiner. Viedt's haben auch genug. Und Sie brauchen es auch nicht. Und Kriehberg ist noch jung, der kann arbeiten. Das hat Johannes auch gemußt.«

»Sie können über das Ihrige verfügen, wie Ihnen gut dünkt, Tante Lina, aber sagen Sie mir das eine: Haben Sie Kriehberg etwas versprochen?«

»Nicht gerade versprochen. Aber da er und Ottilie sich so sehr lieben, sagte ich, sie sollten heirathen, ehr etwas dazwischen käme, warum dürfen die jungen Leute nicht glücklich werden?«

»Wovon sollen sie existiren?«

»Sie sind ja noch jung. Es verheirathen sich so viele und sind glücklich.«

»Doch blos nicht in Berlin! was kostet ein Haushalt in Berlin? Allein die Miethe. Und er hat nichts.«

»Oh, so viel wird er wohl haben.«

»Aber nein. Nicht so viel, die bescheidenste Wohnung zu nehmen mit Küche, eben groß genug, eine Karmenade auf einmal zu braten. Tante Lina, da haben Sie nicht gut gerathen.«

»Sie lieben sich.«

»Wissen Sie das so genau? Ich bin anderer Ansicht. Er allerdings will Ottilie ...«

»Und sie ihn. Und ich gab ihnen meinen Segen und sprach, werdet glücklicher als ich und da verlobten sie sich mit Liebe und Treue für alle Ewigkeit.«

»Welcher Leichtsinn. Arme Ottilie. Tante Lina, haben Sie ihnen wirklich nichts versprochen? Garnichts? Reinigen Sie Ihr Gewissen, von Ihnen wird einst Rechenschaft gefordert, wenn die Beiden in Elend zu Grunde gehen.«

Sie mimmelte mit den Lippen. »Nun ja,« begann sie zögernd, »ich warf so hin, daß, wenn sie sich brav hielten, ich Ottilie in meinem Testamente bedenken würde, und das will ich auch.«

»Nun Sie ihr Vermögen für immer weggegeben haben?«

»Meine Sachen sind wie neu, blos in der einen Kommode ist der Wurm.«

»Aber Kriehberg rechnet entschieden aus Geld.«

»Wie sie alle; alle miteinander.« Sie blickte mich an, als wenn sie sagen wollte »und Du auch!«

Ich besann mich kurz. »Ich will Ihnen die Beiden schicken; sie können sich hier verheirathen und bei Ihnen wohnen, damit Sie das von Ihnen eingerührte Glück aus erster Hand mit verzehren. Ich habe für so etwas keinen Platz.«

»Ich auch nicht, was würden die Leute dazu sagen?«

»Was Leute immer sagen, wenn Zweie zusammengeredet worden sind und hinterher ihre Ohren abreißen möchten, mit denen sie nach all den schönen Worten hingehorcht haben.«

»Und was sagen die Leute immer?«

»Gut, wer damit nichts zu thun hat. Das sagen sie!«

»Was kann ich aber dabei machen?«

»Viel, sehr viel. Nur einige Zeilen an mich, daß weder Ottilie noch Kriehberg Baares von Ihnen zu erwarten hat.«

»Nein.«

»Ja! Und zwar eine Bescheinigung von Ihrem Renteninstitut. Es muß sein ...«

»Muß?«

»Tante Lina, ein Leben mit unerfüllter Liebe ist großes Weh – Sie wissen es. Doch, ohne Liebe mit Wort und Schwur gebunden sein, das ist gebranntes Leid. Nur wenn Kriehberg sein Wort zurückgiebt, wird Ottilie frei. Und sie liebt einen anderen. Dies Ihnen zu sagen, bin ich hier. Das Glück zweier Menschen liegt in Ihrer Hand. Können Sie noch zaudern?«

Sie schwieg geraume Zeit, »Wie ist das gekommen?« fragte sie.

Ich erzählte ihr Alles und sie gab genau Acht; dann sagte sie: »Ich will ihn bitten, ihn, Johannes, daß er sich Kriehberg's annimmt, vielleicht daß er drüben sein Fortkommen besser findet, als hier. Johannes wird es mir nicht abschlagen. Er ist ja glücklich. Aber Verantwortung habe ich keine. Nein. Nein!«

Wir blieben zusammen, bis am Spätnachmittage die Post wieder abging. Ihr Rechtsanwalt schrieb den Schein, worin er beglaubigte, daß sie ihr Capital auf Leibrente gegeben hätte und nachdem diese Angelegenheit erledigt war, spendete ich das Mitgebrachte. Eine Tasse mit der Berolina darauf war ihr genehm, desgleichen eine Medaille zur Erinnerung an die Ausstellung; der Briefbeschwerer fand dagegen weniger ihren Beifall, obgleich sie nichts sagte.

»Es ist das Neueste in Nippsachen,« pries ich ihn an.

»O nein!« wehrte sie ab. »Viedt's haben gerade solchen in ihrem Laden und können ihn nicht los werden; von ihrem Lieferanten in Berlin, zur Probe. Es ist, mit Erlaubniß zu sagen, ein Reise-Taschenstiefelknecht.«

Zum Glück kam das Mädchen und meldete, die Post ginge gleich. Tante Lina hatte das Geschenk sichtlich übel genommen und wer weiß, ob ich sie herumgekriegt hätte, wäre ich ihr gleich zu Anfang mit den Spenden gekommen.

Guter Wille zieht nur dann, wenn er mit guter Laune zusammentrifft.

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