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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 19
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Auswärtige und innere Angelegenheiten.

Wenn dem Chinesen heiß ist, wedelt er sich Kühlung mit dem Fächer zu, spürt der Deutsche Hitze, trinkt er kaltes Bier, und wegen solcher Unterschiede findet der Eine den Anderen uncultivirt. Wir sehen auf die Chinesen herab, weil sie einen Zopf tragen, und die Chinesen dünken sich hoch über uns, weil wir keinen hängen haben, wo liegt nun die Wahrheit? Der Eine ist, wie mit dem Fächer äußerlich, der Andere, wie mit dem Bier auf Eis, innerlich: das Endziel, die Abkühlung ist, das nämliche.

Dies sind nicht meine, sondern Onkel Fritzens Gedanken über Asien und Europa. Er hält es nämlich mit dem Zopf, natürlich blos, um mir zu widersprechen. Wir haben schon in der Schule über die Chinesen gelacht, wenn der Herr Lehrer uns eintrichterte, wie verdreht sie Alles machen und Pudelbraten mit Ricinusöl essen und nicht 'mal das Alphabet können, sondern für jedes Wort ein Zeichen hinpinseln. Und keinen Achtstundentag kennen sie und keinen Achtuhrladenschluß und keine Sonntagsruhe, wie schaudervoll: in dem großen himmlischen Reiche kann jeder arbeiten, wann und wo es ihm paßt, und seine Steuern erwerben und kein heimlicher Schnüffler petzt und kein Streber zeigt ihn an und kein Richter verknackt ihn. Welch' gräßlicher Anblick, solche Verlodderung der Volkswohlfahrt nebst Müßigschlendern der Straf-Organe.

Und vor ihren Mandarinen rutschen sie Bauch. Das ist erstens kriecherisch und zweitens ruinirt es das Zeug.

»Ich bin sehr froh, nicht in China zu leben,« sagte ich.

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»Ich dito,« stimmte Onkel Fritz mir ausnahmsweise zu. »Denke Dir, Wilhelmine, wenn sie Dir kleine Klumpfüßchen anerzogen hätten, daß Du nur eben watscheln könntest.«

»Gehört hab' ich davon, aber warum sie das thun, ist mir nie kund geworden.«

»Damit die Frau ihrem Gatten nicht wegläuft.«

»Wie grausam!«

»Nicht wahr? Der arme Mann wird sie nie los.«

»Viel schlimmer ist, wenn man einen Mann nicht los werden kann. Fritz, ich bin sehr, sehr unglücklich!«

»Was giebt's? Bist Du Deines Mannes überdrüssig? Hast Du zuviel neue Richtung gelesen und willst mitmachen?«

»Scherz bei Seite, Fritz, ich weiß nicht aus noch ein!« Und nun erzählte ich ihm meine Noth mit Kriehberg und Ottilie und Herrn Brauns.

»Was geht denn das Dich an?« fragte Onkel Fritz. »Laß doch die jungen Leute ihre Angelegenheiten unter sich schlichten.«

»Ich kann kein Blut sehen.«

»Klumpatsch! Du hast natürlich nicht bedacht, daß Menschen keine Dominosteine sind, die Du schieben kannst, wie sie nicht wollen. Was sagt denn Dein Mann dazu?«

»Das Schlimmste weiß er nicht?«

»Dann muß die Sache sehr mulmig sein.«

»Ist sie auch, Menschenglück und Menschenleben hängen davon ab, wie sie endigt.«

»Zunächst deshalb weg mit der Ottilie. Aus den Augen, aus dem Sinn.«

»Sie stirbt daheim an Gram und Kummer, wie Tante Lina. Du sollst sehen, nun, da sie nichts mehr zu hoffen hat, schwindet sie bald dahin.«

»Wer? Ottilie?«

»Nein, Tante Lina. Hoffnung ist der Zehrpfennig der Seele. Ist der verloren, schließen sich alle Thüren, bis auf die Pforte des Todes, die öffnet sich umsonst.«

»Wilhelmine, werde nicht sentimental. Tanten sind zähe und Verlobungen gehen täglich zurück.«

»Blos Kriehberg nicht. Er hat Briefe von Ottilie. Er thut Einspruch.«

»Dann laß sie ihn heirathen.«

»Sie liebt aber den anderen.«

»Und Du meinst, Tante Lina, die alte Schraube, hat die Beiden zusammengekobert?«

»Wenigstens stark nachgeholfen.«

»Dann wäre es ihre Pflicht wieder auszufädeln, was sie eingefädelt hat. Schatz, ich hab's! Setze Dich auf die Eisenbahn, oder womit Du sonst hinruckelst, fahre zu Tante Lina, polk ihr die Sachlage klar, damit sie so lange brieflich auf Kriehberg einwirkt, bis er Vernunft annimmt. Sie weiß ja am besten, wodurch und wie sie gekuppelt hat.«

»Geschehen muß etwas. Uebermorgen reise ich. Doch eins; Fritz, sprich mit Niemand ein Sterbenswort, was aber wird mit meinem Hotel, wenn ich abwesend bin?«

»Das läuft nicht weg. Und verbohrter, wie es zugeht mit Dir, geht es ohne Dich schwerlich.« – »Fritz!«

»So heiße ich! Ohne Umstände mache Schluß, so bald wie möglich. Du siehst schon ganz spack aus.«

»Meine Talje wird mir zu weit.«

»Sparst Du vier Wochen Krodobrunnen in Harzburg mit Bergklettern. Ich an Deiner Stelle karriolte morgen ab.«

»Kann ich nicht. Es ist das große Fest zu Ehren Li-Hung-Schangs, des chinesischen Vice-Königs. Das muß ich beschreiben. Es wird einzig. Alles mit Theekisten – Inschriften, und auf dem Neuen See eine mit rothem und gelbem Kattun überzogene Barke und eine Pagode mit echten Porzellanvasen von Rex und die Lämpchen blau und gelb in der chinesischen Wappenkulör.«

»Wenn das den braven Schang nicht zu Thränen rührt, ist er das Entree nicht werth. Es wird doch auf eine Mark erhöht?«

»Versteht sich. Die Kosten müssen gedeckt werden.«

»Glaubst Du, weil Schang von uns mit Schokolade begossen wird, daß China deutsche Industrie und deutsche Leute begünstigt? Ich nicht. Ich kenne die Onkels durch mein Exportgeschäft. Es sind Gemüthsathleten sag ich Dir. Erst kommen sie und dann die andern – noch lange nicht.«

»Oho! Man erwartet, daß er ein Dutzend Panzerschiffe bestellt ...«

»Das dreizehnte oben aufs Packet gebunden.«

»Und Rieseneinkäufe macht. Außerdem soll er ein hervorragender Politiker sein.«

»Weißt Du, was Politik ist? Anders sagen als thun. Besser wäre, die Deutschen schlössen feste Freundschaft unter sich, als daß sie in der Fremde falsche Freunde suchten. Wilhelm, das Nachlaufen, das verfluchte Nachlaufen, das ist unser Elend. wir beleuchten in allen möglichen Landesfarben, aber kein Land illuminirt in den deutschen Farben.«

»Warum nicht, da wir doch andere Völker mit Oellampen ehren?«

»Weil es kein schwarzes Licht giebt, und weiß und Roth nicht langt. Sonst thäten sie es aus lauter Hochachtung, wenn sie könnten, fräßen sie uns auf – vor Liebe. Sie haben oft genug versucht, Deutschland zu zerreißen und zu verschlingen, aber ehe sie es todtschlugen, ward es lebendig und umgekehrt ein Schuh daraus.«

»War es denn halbtodt?«

»Es träumt zuviel und beim Träumen hält es die Augen nicht offen. Augenblicklich träumt es chinesisch.« –

Am Feste regnete es, daß die gelben und blauen Lampen sich in Vogelnäpfe verwandelten und Schang sich mit der Ankündigung der Illumination in den Zeitungen begnügen mußte, die laut posaunten, daß er für fünfzigtausend Brillanten auf der Ausstellung gekauft hätte.

Alle hinausgeströmte Welt ergoß sich in die Gold- und Silberabtheilung, wo es während des Regens trocken war, und betrachtete mit erhobenem Nationalgefühl die köstlichen Leistungen der Berliner Goldschmiede und Juweliere und den Platz, wo solcher Einkauf stattgefunden hatte, wenn auch nirgend wo daran stand »für China erworben«. Einige sagten, es wären fünfmalhunderttausend Mark gewesen, was nur scherzend bezweifelt wurde, da der Chinese furchtbar reich ist. Wenn er will, kann er jede Minute ein Zwanzig-Markstück hinunterschlucken, ohne daß er was merkt. So erzählte man und beglückwünschte die Juweliere zu dem »großartigen« Geschäft und pries den Arbeits-Ausschuß als Häupter vom Ganzen und die Ausstellung und Berlin und das Deutsche Reich, daß Handel und Wandel so aufblühten und der Goldregen von Osten noch dichter pladdern würde, als der Strippenregen vom Himmel. Wer nicht drinnen war, quurkste draußen in den Regenwegen und mancher guter Anzug kriegte seinen Rest, um dem Stern des himmlischen Reiches zu huldigen, der die Geburt goldener Zeiten verkündete; liegt doch im Verdienen heute das Heil der Menschheit. Es war ein großer Tag, nur bekam Niemand Schang recht zu sehen. Es triefte zu sehr. –

Einige Abende darauf wurde die Beleuchtung wiederholt, wenn auch mit ohne Schang. Es soll sehr schön gewesen sein, allerdings mit herabgesetzter Freudenempfindung, denn im ganzen hatte Schang für nuttige dreitausend Mark Brillanten eingehandelt und war nach England und Frankreich gereist, Kanonen und Panzer anzusehen und ähnliche Einkäufe zu machen. Konkurrenz schrinkt. Doch steht zu erwarten, daß er sie ebenso einseift. Und das lindert den Schmerz wieder.

Fast möchte ich glauben, unser Schulmeister hat die Chinesen nicht so gekannt, wie sie uns kennen, und daß Onkel Fritz Bescheid weiß. Man irrt sich in nichts leichter als in ausländischen Völkern.

Seinen Rath, Tante Lina zu besuchen, nahm ich an. Ich mußte.

Denn dieser Kriehberg – man sollte es nicht für denkbar halten – wurde herausfordernder als je. Er hätte Aussicht auf feste und dauernde Stellung, schrieb er mir, und kein Grund läge vor, ihm Ottilie länger zu verweigern.

Herr Brauns brachte jenen Abend bei uns zu, an dem Kriehberg fällig war und vor verschlossenen Thüren antrat. Eine sofortige Postkarte, daß Y 44 verreist sei und ihm nach seiner Rückkehr Bescheid geben würde, sandte ich schleunigst im Geheimen an Kriehberg ab. Und darauf hin pocht er auf Aussichten. Unglaublich.

Ottilie war mit der Ungermann und Kliebisch's in ein Theater gegangen, so daß Herr Brauns, mein Karl und ich allein beim Abendbrod saßen. Ihm fehlte Ottilie; mir nicht.

Wir unterhielten uns über viele, verschiedene Dinge; das Gespräch kam nicht in Fluß. Wie wäre es auch möglich, auf die Dauer Theilnahme für Gleichgiltiges zu heucheln, wenn sich die Gedanken mit Lebensfragen beschäftigen? Und zuletzt hielt er es nicht mehr aus, er konnte sich nicht länger bezwingen.

Und wie er erst zögernd begann und erröthete und sagte, wie er auf uns zählte, namentlich auf meine Aufrichtigkeit – er wußte ja nichts von meiner so eben abgelassenen Rohrpostlüge – und dann immer lebhafter wurde, je mehr er den Eindruck schilderte, den Ottilie auf ihn gemacht hatte, gleich beim ersten Anblick und nachher wieder, so oft er sie gesehen, das klang so gewinnend und innig, daß ich ihm freundlich zunickte. Und da sagte er, sie müßte die Seine werden, so liebe er sie.

Nun war es heraus, und ich sollte Ja und Amen dazu sagen.

»Sie kennen sich gegenseitig noch viel zu wenig,« wandte ich ein. »Sie müssen erst vertrauter werden.«

»Dazu bietet uns das ganze lange Leben Gelegenheit.«

»Und Sie wissen so viel, da kommt Ottilie nicht gegen.«

»Ich will Liebe, nicht Gelehrsamkeit.«

»Sie ist arm.«

»Ich habe mehr als genug. Unsere Fabrik wächst von Jahr zu Jahr, unser Betrieb dehnt sich aus. was mein Vater begründete, führen wir gemeinschaftlich weiter, ich bin nicht nur sein einziger Sohn, sondern sein geschäftlicher Mitarbeiter. Meine Eltern wollen mein Glück und mein Glück ist Ottilie; meine Lebensfreude, sie mit Allem zu umgeben, was ihr wünschen begehrt.«

»Wenn die Eltern mit der Wahl einverstanden sind,« sagte mein Karl, »sehe ich nicht ein ...«

»Karl!« rief ich, »nicht zu hastig. Hast Du Verständniß von einem Mädchenherzen? Ottilie muß doch erst gefragt werden!«

»Das ist Herrn Braun's Sache, wenn die jungen Leute einig sind, sehe ich nicht ein ...«

»Karl, versetze Du Dich in Ottiliens Lage, ebenso schüchtern und gewissermaßen vom Lande, und Herr Brauns kommt mit der Thür in's Haus gefallen und will Dich heirathen, natürlich schreist Du und läufst weg oder Du giebst in Verwirrung Dein Wort und sitzest hernach da und weinst aus Voreiligkeit, und sie schleifen Dich in die Kirche und ein Jahr daraus liegst Du mit gebrochenem Herzen in weiß Atlas im Sarg.«

»Gott soll mich schützen,« lachte mein Karl und sah mich verwundert an, und fragte mit seinen Blicken: »Alte, was hast Du?«

Herr Brauns lachte nicht. Der war blaß geworden und schwieg ernst, furchtbar ernst. Ihm mochte wohl aufdämmern, daß etwas nicht in Ordnung sei und sein Glück wie Edelweiß an einem Abgrund blühte, und ich sollte der Führer sein und weigerte mich aus Sachgründen.

Er brach auch bald auf. – wie that er mir leid.

Er reichte uns die Hand beim Abschied, sie zitterte leicht. So mächtig war der Aufruhr in ihm, daß er seiner kaum Herr ward, er, der Eisen und Stahl brach, wenn er wollte.

Ich begleitete ihn hinaus. Meinen Karl winkte ich mit dem Ellbogen und der rechten Fußsohle, zurückzubleiben.

»Gewähren Sie mir drei Tage,« sagte ich. »Ich muß verreisen; wenn ich wiederkomme, dann ... dann sind wir ... älter.« – »Aber Ottilie geht?«

»Vorläufig nicht; ich sagte nur so.«

Ein Freudenschimmer überflog seine Züge.

»Versprechen Sie mir, keine Thorheit zu begehen?«

»Thorheit?« lächelte er. »Thorheit? Nein.«

»So ist's recht. Sehen Sie, Herr Brauns, wenn ein junges Mädchen heiß und verzehrend liebt, dann fürchtet es sich vor der Entscheidung. Es ist, als sollte sie in Gluth und Feuer springen und schließt die Augen und beträgt sich wie blind.«

»Verstehe ich Sie recht?« – »Adieu, Herr Brauns.« –

Mein Karl wollte Auskunft haben; ich bat ihn, mir die Angelegenheit zu überlassen. Heirathen sei Frauenaufgabe. – Darin ergab er sich.

Ungermanns und Ottilie kamen spät nach Hause.

Mein Karl fragte: »Ottilie, würden Sie Herrn Brauns Ihre Hand geben, wenn er sie verlangte?«

Sie sah ihn starr an, dann mich – Ungermanns hatten sich gottlob zurückgezogen – als hätte sie nicht recht gehört.

»Er will Sie zur Frau.«

»Karl!« rief ich.

Es war zu spät. Ottilie lag ohnmächtig auf dem Teppich. Die Wahrheit war ihr zu viel gewesen.

»Karl, wie konntest Du?«

»Einmal muß Euren Heimlichkeiten ein Ende gemacht werden. Ich will nicht, daß Du mir draufgehst.«

»Wie egoistisch, Karl.«

Ottilie kam wieder zu sich. Ich half ihr, sich zur Ruhe zu legen und wärterte an ihrem Bette, bis sie schlief. –

In der Nacht hörte ich sie weinen.

»Ottilie,« sprach ich, »es kann ja noch Alles gut werden.«

»Ich wollte, ich wäre todt,« schluchzte sie.

Da beschloß ich mit Onkel Fritz zu sprechen, wie es geschah. Und seinen Rath, Tante Lina vor das Messer zu nehmen, befolge ich.

Wenn Jemand Schuld an dem Jammer hat, ist es Tante Lina. Nichts ist verderblicher, als das Heirathstiften, zumal von älteren Jungfern, die nur in der Theorie Bescheid wissen.

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