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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Täuschungen.

Was dem Menschen im Buche des Schicksals angekreidet steht, das wird ihm besorgt. Für mich stand eine Nähmamsell drinn und ich habe sie. Hinter meinem Rücken hat die Ungermann sie gedungen und in Thätigkeit gesetzt, als ich pflichtgemäß außer Hause war. Und wer hat ihr dabei geholfen? Die Krausen.

Hätte ich die Beiden doch nur nicht miteinander bekannt gemacht. Aber es mußte so kommen.

Die Ungermann beschwabbelte mich, mit ihr noch einmal die Costüme zu begutachten und ich ging darauf ein, weil ich später selbst darüber sachgemäß berichten muß, obgleich ich nicht kapabel bin, mich in die confectionelle Schreibweise hineinzuzwängen, wodurch die Modeberichte immer ihre Pompösität kriegen. Ich weiß nämlich nicht, wo ich die Fremdworte alle aufgabeln soll, die kunstvoll in die Sätze vernäht werden, damit sie etwas hergeben.

Und schließlich: was ist Mode? – Es ist dasjenige, weswegen man ausgelacht wird, wenn man es nicht mitmacht, und das man auslacht, wenn es nicht mehr mitgemacht wird. So denke ich darüber.

Man sieht es ja. Raum nehmen die Damen bei dem Trachten-Panoptikum von Moritz Bacher Aufstellung: heiter werden sie und schmunzeln und kichern und machen sich lustig über ein Jahrhundert Mode und halten es für unmöglich, daß verständige Menschen sich jemals so zu Schauten machten, außer auf Maskenbällen. Das Ungreiflichste ist ihnen die Krinoline, aber damals, als sie aufkam, hielt es jeder für heiligste Pflicht, das Birnenhafte den Franzosen nachzuäffen und in allem Ernste schön zu finden.

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Wie wohl nach hundert Jahren über unsere Mode gespottet wird? Aber es geht nun einmal nicht anders. Anhaben muß der Mensch etwas. Barfuß bis unter die Arme, wie die alten Griechen, ist nur Statuen erlaubt.

»Da sieht man, auf was für Fahnen die Damen verfielen, um ihre Nebenbuhlerinnen zu ärgern,« sagte ich zur Ungermann, die diesen Stich nothwendig versetzt haben mußte, weil sie doch nichts weiter sinnt, als sich mit ihrer Kleedage beneiden zu lassen. Ob sie Glück haben wird? Kaum. Grün mit erdbeercremefarbigem Besatz erregt meiner Ansicht nach höchstens Bedauern. Und das nennt sie eigenen Geschmack. Sie aber gethan, als hätte sie nicht verstanden. »Gottlob, daß wir nicht in so ordinärer Vergangenheit leben,« sagte sie, »wir schreiten eben vorwärts; auch die weißen Röcke kommen ab. Haben Sie den Unterrock von gelb und blau chinirter Seide gesehen? Solchen schaffe ich mir an, er ist wie ein Gedicht.«

»Aus der goldenen Hundertzehn,« ergänzte ich ihre Schwärmerei und dachte, ob sie wohl vorhat, den Leuten das Nähmaschinengedicht auf dem Thurmseil vorzudeclamiren, worüber ich in lächelnde Stimmung gerieth, in der ich den Antrag auf Verweilung im Freien stellte, mit einem Täßchen Eis-Schocolade bei Hildebrand. – wurde angenommen.

Wie wir nun unterwegs das große Becken betrachten, worin der Lichtspringbrunnen emporlodern soll, stößt Ottilie mich an und flüstert: »Da ist er.«

»Wer?«

Ich hingesehen und richtig, da steht der Adonis von neulich in Lebensgröße und giebt einem Arbeiter Anweisungen aus einem Taschenbuch. Er wird uns gewahr, zielt scharf herüber und eilt auf uns zu.

»Herrjeh, Tante Ungermann,« ruft er, »Du in Berlin? Also täuschte ich mich nicht, als ich Onkel kürzlich im Olympia-Theater zu sehen glaubte.«

Tante und Neffe begrüßten sich und sie stellte ihn vor.

»Rudolph Brauns, mein Schwestersohn.«

Ich verneigte mich gemessen. Ottilie erröthet.

»Wo kommst Du denn her?« fragte die Ungermann.

»Ich bin als Elektrotechniker engagirt,« antwortete er. »Papa meinte, ich sollte es annehmen: bei den kolossalen Anlagen hier könnt' ich mich nur vervollkommnen.«

»Elektrotechniker?« redete ich ihn mißtrauisch an. »Als wir vor einiger Zeit, wie der Zufall es so fügte, an ein und demselben Tisch in Unterhaltung geriethen, sagten Sie doch selbst, Sie wüßten nicht einmal, was Elektricität sei.«

»Das weiß auch noch Niemand!« entgegnete er unbefangen. »Kein Gelehrter kann bis heute sagen, was sie ist. Wir kennen ihre Erscheinungsformen. Alles andere ist Theorie.« – Ich dachte ihn zu überführen, aber wenn die Sache liegt, wie er sagt, dann war unmöglich richtig, was Ottilie über das Wesen der Elektricität vortrug. Mir dämmerte so etwas wie Blamirung auf.

Ottilie war ganz roth geworden, stark lippenpomadenroth.

Tante und Neffe erkundigten sich gegenseitig nach ihren Erlebnissen seit dem letzten Zusammensein; Ottilie und ich gingen voran zur Schocolade, die jedoch mit Hindernissen verbarrikadirt war, und zwar in Gestalt von Herrn und Frau Krause und Butsch und Gattin, die auf uns zu stießen.

Die Krausen hochelegant. Mein erster Gedanke war, »wie kommt sie dabei?« und ehe ich einen zweiten fassen konnte, sie mir vortriumphirt, daß sie alles vermiethet hätte mit Verpflegung und fabelhaft verdiente. Ich zog natürlich gleich die Hälfte ab.

»Feine Leute,« schwadronierte sie, »und so zufrieden mit allem, Geld spielt gar keine Rolle. Nun sie merken ja auch gleich, daß sie es mit Bildung zu thun haben. – Sie sind doch auch so schlau, zu vermischen? Oder haben Sie noch Zimmer leer?«

»Alles besetzt,« gab ich zur Antwort. »Mein Mann schläft sogar in der Fabrik.« – Und das war der Wahrheit gemäß. – »wir persönlich schränken uns auch ein,« fuhr sie fort.

»Das sieht man Herrn Krause an,« warf ich ihr vor. »Ich, an Ihrer Stelle, würde den Fremden nicht alle die kräftigste Bouillon allein geben oder lieber ein halbes Pfündecken Fleisch mehr nehmen, damit der Mann auch was hat.«

Auf diese Enthüllung aus heiterem Himmel war sie nicht vorbereitet, vergebens fischte ihr Geist nach Wiedervergeltung. Aber ich hatte polizeilich beglaubigte Bestätigung ihrer Mierigkeit, indem Doretten's jetziger Bräutigam eine Cousine bei Krauses zu dienen hatte. Schaudervoll geht es her. Von einem halben Pfund Beilage, dreitägige Brühe gekocht und den Zampel mit Rosinensauce aufgetischt, daß der Mann seine eigene Haut als Ueberzieher brauchen könnte, wenn sie zu knöpfen ginge und deshalb gab der Schutzmann das Familienverhältniß auf. Wo die Herrschaft selber Ammi spielt und die Knochen abgnabbelt, hält kein Geliebter aus, da wird die Küche bald zum Kloster mit der Krausen als Aebtissin, worauf das Mädchen sofort kündigt. Warum hat sie sonst alle halbe Jahre eine neue?

Dies hat mir Dorette hinterbracht, die es von ihrem Verlobten weiß, und Schutzleute lügen nie. Als ich fragte, ob die Krause'sche Philippine auch eine wirkliche Cousine von ihm gewesen sei, wurde sie patzig und sagte, er hätte seinen Diensteid darauf gegeben, daß es keine Stiefliebste war: ob ich Lust hätte, mich in Unannehmlichkeiten zu stürzen? worauf ich nicht weiter auf den Fall einging.

Die Butschen hatte meinen Sieg über die Krausen nicht bemerkt. Sie schwamm am Arm ihres Mannes in Festtagslust. Er sah auch gentil aus mit der ihm angeborenen und mit Weißbier weiter gepflegten Stattlichkeit und schwarzblank neu in Kleidung, wozu Herr Bergfeldt sich nie aufschwingen konnte, weil immer nur mit Ach und Krach ersetzt wurde, worauf längst Ventilationsklappen gehört hätten, womit sie ihn nicht gut gehen lassen konnte.

»Butsch wollte erst gar nicht,« erzählte sie, »um damit daß nichts im Geschäft passirt, wenn er weg ist und irgend so'n Besoffsky Radau macht, denn gerade in der Abwesenheit erlebt man gewöhnlich den mehrsten Verdruß ...«

»Aber meine Olle mir keine Ruhe gelassen,« nahm Herr Butsch das Wort, »bis ich mich bewogen fühlte, zu sagen, wenn es so brüllend schön ist, wie Deine Beschreibung unbegreiflich, denn man hin. Und ich muß gestehen, blos um das Ausgefallenste zu betrachtigen gehören minimumst Zweie.«

»Nicht wahr? freute sich die Butsch. »Und so raffinant. Das Industriegebäude und die Hauptrestauration ganz natürlich wie sonne Pendants.«

Ungermann's merkten bereits auf und damit die Butschen als meine Bekanntin nicht aus grenzenlosester Kunstunwissenheit ertappt würde, sagte ich: »Beides in italienischer Phantasie stilisirt. Gehen wir.«

Die Krausen aber spitzlistig gefragt: »Was verstehen Sie unter Pendants, meine Beste?«

Die Butschen wies erst auf den weißen Wasserthurm und dann auf die blanke Kuppel und sagte grundehrlich: »Na, auf der einen Seite ein Thermometer und auf der anderen ein Barometer, wie es unsere gute Stube auch in der Mode hat.«

»Kein übler Gedanke,« rief der junge Herr Brauns, »damit ließe sich in der Metall- und Galanteriewaarenbranche vielleicht ein Geschäft machen, wollen Sie mir die Idee überlassen? Wir theilen den Gewinn. Ich übernehme die Musterschutzkosten und die Abmachungen mit den Fabrikanten. Ein paar tausend Märkelchen können dabei herausschauen, Notabene wenn wir Glück haben.«

»Meine Frau willigt ein,« sagte Herr Butsch. »Olle, Olle, bist Du helle!« rief er und küßte sie inmitten der Menschheit und sie stand ganz verlegen und glücklich. So glücklich.

»Und wenn's nur ein paar hundert Mark werden,« fuhr Herr Busch fort, »es wäre auch schon schön. Kathinka, es kommt in die Sparkaste und bleibt Deine. Ich habe ja immer gesagt, wer meine Frau für dumm kauft, der schmeißt sein Geld weg.«

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Die Krausen zipperte mit den Eßwinkeln. Die Butschen, die sie verdunkeln wollte, strahlte in Glorie. Das verdroß sie schmählich.

In diesem Zustande war Eis-Schocolade für sie wie von der Vorsehung angerührt. Herr Butsch ließ sich nicht nehmen, die ganze Runde auf die Erfindung seiner Frau hin zu erledigen. Herr Brauns gab eine zweite dagegen.

»Ich finde es abscheulich, daß der junge Mann die Butschen so zum Besten hat,« raunte die Krausen mir zu. »So ihre Bornirtheit zu verspotten.«

»Erlauben Sie, es war sein voller Ernst.«

»Das glauben Sie selber nicht. Außerdem halte ich an die Öffentlichkeit treten für unweiblich.«

»Man muß es nur können.«

»Aber wie wenige vermögen das? Und dann ist es auch nur Zufall, wenn mal etwas gelingt, wirklich Denkende, wie mein Mann, halten es mit der Würde ihres Standes unvereinbar, ihre Geistesschätze auf dem Markt zu profaniren. Gelehrsamkeit ist eben keine Kuh, die Einen mit Milch und Butter versorgt.«

»Er kriegt wohl blos amerikanisches Schmalz,« entgegnete ich. Das mußte ich ihr einreiben, erstens wegen ihres Dünkels und zweitens, weil sie mich meinte. Und um ihren Hochmuth ein für alle mal zu dämpfen und neben der Butschen, die doch meine langhergebrachte Freundin ist, nicht wie die Krausen als Nachtschatten betrachtet zu werden, sondern ebenfalls als lebende Magnesiafackel, sagte ich: »Jetzt wird gerade gedruckt; wir sehen uns das Innere des Lokalanzeigers an, wo die Ausstellungsnachrichten entstehen. Da kommen die höchsten Herrschaften und Minister und Excellenzen und alles, was von Bedeutung ist, wie heute unsere liebe Butschen, die einen gewaltigen Schritt in das Erfinderische gethan hat.«

»Müssen wir,« pflichtete Herr Butsch bei. »willst Du auch einen Kognac auf das kalte Zeug, Kathinka?«

»Nee, nee,« dankte sie. »Mir ist so heiß, ich weiß nicht wie.«

Die Setzmaschinen in der Druckerei und wie sie das Geschriebene in runde Metallplatten verwandeln, das ist direkt räthselhaft und die Pressen sind so gerieben ausgedacht, daß wir sie nur so lange verstanden, als Herr Brauns sie uns erklärte. Das Papier an sich ist doch ganz vernunftlos, aber in der Presse wird es lebendig und geht seine Wege, wie auf dem Exercierplatz kommandirt und kommt unten als Zeitung heraus. Immer klapp, klapp, klapp ist eine Nummer nicht nur lesbar, sondern auch gefaltet. Dies fesselt stets auf's neue, so oft man es auch anstaunt.

Und nun führte ich meinen Plan aus, gerade jetzt durch die Krausen gereizt.

»Meine Herrschaften,« sagte ich so verständlich in dem Maschinen-Geräusch wie möglich: »Sie verweilen wohl einen Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.«

Sie nickten Einverständniß.

»Ich habe nämlich auf der Redaction zu thun.«

»So?«

Weiter nichts als gleichgiltiges So. Die Krausen that, als wollte sie in die Walzen hineinkriechen. Das war Neid. Sie wollte nicht hören. Sie ahnte etwas.

»Ich muß mir nämlich die Correcturen von meinem Bericht holen.«

»Dann eilen Sie sich man,« sagte die Butschen.

Konnte sie nicht loswundern und einen Strahl über mich als Presse reden? Ih Gott bewahre. Der Effect war vorbei gegangen und die Krausen beleidigend gleichgültig gethan. Aber ihre Blicke hohnlachten.

Ich verabsentirte mich. Der Redacteur war bereits sich erholen oder Beobachtungen machen gegangen, was man nie genau unterscheiden kann, aber ein Umschlag mit den Abzügen, an mich gerichtet, lag zum Absenden da, den ich an mich nahm. Ich behielt ihn in der Hand. Sehen mußten die Anderen ihn. Noch war die Bataille nicht verloren.

Auf die Frage, wo Abendbrot genießen, empfahl Herr Brauns die Brauerei von Berliner hinter der Maschinenhalle und wie manches so hintrifft, kamen wir an denselben Tisch, an dem Ottilie und ich Herrn Brauns erste Bekanntschaft machten. Es wurde angebaut und da gute Prepelung aufheitert, wurden wir bald recht fidel.

Herr Butsch war der Vergnügteste und hielt die Kellnerkräfte in Bewegung. »Kathinka, trink,« forderte er sie auf. »Trockene Freude ist halber Schmerz. Trink, Kathinka. Ich geb' noch einen aus. Kellnär!«

»Aber Butsch, bedenke, was Du schon losgeworden bist.«

»Wenn't nich Geld genug gekostet hat, gehn wir noch mal wieder her,« lachte er. »Was kann das schlechte Leben helfen, n't Vermögen ist doch bald alle. Kellner, zwei Cognac, aber ohne Fußbad.«

Ich hatte den Schreibebrief auf den Tisch gelegt, dicht vor Herrn Krause, aber er sah nicht hin. Er aß und trank und es schmeckte ihm. Es war ja auch eine stärkende Unterbrechung der Suppenfleischklopse, an denen er langsam vermickert. Aber es soll thatsächlich Naturen geben, die sich an Vergiftung gewöhnen.

Sie, die Krausen, brannte auf den Brief. Sie faßte ihn ganz unabsichtlich an, tändelte damit und warf ihn wieder hin. Aber sie konnte und konnte nicht davon bleiben.

»Was ist darin?« fragte sie endlich.

»Correcturen von meinem nächsten Bericht. Es hat so leicht Keiner eine Ahnung, wie mühsam die sind.«

»Das kann ich mir garnicht denken, wenn Sie es fertig bringen, ist es doch unmöglich so schwer?«

»Versuchen Sie. Da ist ein Bleistift. Zeichnen Sie einmal einige Fehler an.«

»Ich werde doch nicht das Ganze durchstreichen,« sagte sie und meckerte. Das sollte ein Witz sein.

Rasch hatte sie den Umschlag aufgerissen. Da waren die Correcturstreifen. Sie las. Ihre Züge verklärten sich, als sie weiter schnüffelte. »Ah,« dachte ich, »sie wird bezwungen von Deiner Schreibung, Wilhelmine. Sie ist doch am Ende nicht so schlecht und aller höheren Empfindung bar, wie man leider manchmal angenommen hat.« – Gerade dieser Bericht war mit besonderer Hingabe abgefaßt, sozusagen mit Begeisterung und doch wieder mit dem sachlichen Pflichtgefühl des hohen Berufes der Presse.

»Darf ich vorlesen?« fragte die Krausen.

»Vorlesen!« lechzten die Anderen förmlich, »vorlesen!«

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht,« gestattete ich bescheiden und sah auf das Tischmuster, vorgelesen werden sollen ist ähnlich wie in einer Schaukel, nicht schön und doch wieder sehr schön.

Die Krausen räusperte sich und las laut: »Der Glanzpunkt der gesammten Ausstellung, wie noch niemals da war und die Augen der Nationen auf sich lenken wird, befindet sich links im Hauptgebäude. Es ist dies ein aus diamantschwarzen Strümpfen auf weißem Grunde künstlerisch hergestellter Reichsadler, unter Garantie absolut farb- und waschecht mit verstärkten Spitzen und verstärkten Fersen, ein großer Theil der Qualitäten außerdem mit verstärkten Sohlen eine Musterleistung des Hauses Buchholz und Sohn.«

Die Krausen hielt inne. »Darf ich weiter lesen?« fragte sie. »Ist es Ihnen auch recht?«

»Gewiß!« erlaubte ich ihr, da alle mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten. Sie lächelte mir teuflisch zu und las mit erhobener Stimme.

»Die Güte der Waare fechten wir keineswegs an, aber Glanzpunkt ist zu viel gesagt, in Anbetracht hervorragenderer Objecte, und über das Künstlerische des Adlers ließe sich diskutiren, mehr als wir Raum in unserem Blatte für Erwiderungen zur Verfügung haben, wir ersuchen Sie, einen anderen Eingang zu schreiben. Ganz ergebenst die Redaction. – Das steht hier mit Tinte am Rande. Ihr Glanzpunkt aus Strümpfen ist dick blau ausgestrichen. Sehen Sie, meine Damen.«

Wie ich da saß, war mir wie weit weg im Nebel, was ich sagte, war wie hohles Echo. Ich hatte es so gut mit meinen! Karl gemeint, und seine Ausstellung ist auch der Glanzpunkt. Und der Adler ist von einem früheren jungen Akademiker entworfen, also künstlerisch. Rann man sich denn nicht mehr auf die Akademie verlassen?

»Die größten Schriftsteller haben ihre ersten Entwürfe oft genug umgearbeitet,« sagte Herr Brauns, »und in unserem Fach ist der erste Plan meist nur ein Anhalt, wir alle müssen corrigiren.«

»Pah!« sagte die Krausen, »ich möchte um nichts in der Welt ein Genius sein. In meine Sachen redet mir kein Zweiter hinein, das ist mein Ehrgeiz.«

»Der Anfang war auch nicht gut,« sagte ich, mich aufraffend. »Mir fehlte es an Zeit und Ruhe. Der, den ich jetzt schreibe, wird besser. Und das wissen Sie alle: über künstlerisch und unkünstlerisch gehen augenblicklich die Ansichten quer auseinander. Der Adler ist mehr nach der alten Schule, und der Redacteur gehört wahrscheinlich zu den Modernen. Wer von den Beiden den Vorsitz hat, kugelt den anderen hinaus. Somit werden meine Ansichten durchaus nicht berührt.«

Herr Brauns gab dem Gespräch eine andere Wendung, mehr nach launigen kleinen Geschichten hin, bis Herr Butsch durch das viele Freudenbier zu aufgeräumt wurde.

Als wir aufbrachen, versicherte die Krausen, sie hätte lange keinen gemächlicheren Abend verlebt, als den heutigen, wann wir uns wieder treffen wollten?

»Nächstens«, entgegnete ich, »aber lassen Sie's mich vorher wissen.«

An dem schadenfrohen Lächeln ihrer Larve sah ich, daß sie erkannte, wie ich es meinte, nämlich nicht in die la main. Nun war sie zufrieden, nun sie wußte, daß ich durch ihre Spinnenumgarnung hineingelegt worden war, und machte sich an die Ungermann, mit der sie ein Herz und eine Seele wurde. Da hat sie ihr, mir zum Schabernack, auch noch die Nähmamsell nachgewiesen. Meine Zuversicht ist: der liebe Gott sieht durch die Finger, aber nicht ewig.

Zu Hause angelangt, fragte ich Ottilie, warum sie so gänsehaft dagesessen und nicht ihre wissenschaftliche Unterhaltungsgabe in die Bresche geworfen hätte, der Krausen den Giftschnabel zu stopfen?

»Ach,« seufzte sie, »Herr Brauns ist zum Verzweifeln schön.«

»Der geht Dich nichts an, Du hast Dich ja schon für Kriehberg entschieden. Troll Dich, Du bist müde. Dir fallen ja schon die Sehluken zu. Ich habe noch stundenlang zu arbeiten.«

Sie verduftete seufzend und ich setzte mich vor das Papier, aber es wollte mir nicht gelingen, den vorherigen Schwung zu erreichen. Ins Wasser gefallen ist der stolzeste Adler, ebenso klatrig, wie ein nasser Spatz. Ich marterte mein Gehirn umsonst. Und dazu die letzten Erlebnisse. Es kribbelte nur so in mir.

Mein Mann kam. »Wilhelmine, willst Du Dich ganz aufreiben? Es ist nachtschlafene Zeit. Sei vernünftig, Kind, und leg' Dich.«

»Bette mich in Daunen vom Zephyr, was die Krausen mir angethan hat, hält mich wach wie Distel und Dorn, selbst im Grabe. Die Person ist noch mein Tod.«

»Mir ist sie auch eine gräuliche Prise, aber laß sie laufen. Denke vornehmer als sie, Wilhelmine.« – »Das thu' ich lange.« – »Beweis es mit der That und ärgere Dich nicht.« – »Ueber so Eine nicht im Geringsten.« – »Das ist recht. Ein edles Gemüth vergiebt.«

»Gut, ich will vergeben, aber Du, Karl, Du vergiß es nicht. Man kann nie wissen, wie es kommt.«

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