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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Verwickelungen.

Wo man nicht direct selbst dabei ist, werden Verkehrtheiten vollführt, auf die man nach mehrtägiger Ueberlegung nicht gekommen wäre. So auch dieses Mal.

Bei meinem Schwiegersohn, dem Sanitätsrath, hat es nämlich einen Krach gegeben. Und worüber? – Ueber mich!

Betti hat mir es wiedererzählt. Die hat es von ihrer Schwester, der Frau Sanitätsräthin, und hatte auch wohl damit hinter dem Berge gehalten, wenn wir nicht in einen Kampf wegen vier Mark fünfzig gerathen wären, die sie als Auslagen für die Kinder-Expedition nach Treptow heraushaben wollte.

»Betti,« sagte ich, »nachdem ich Unsummen für Eintritte in's Ganze und Sonderspecialitäten und ein freiwilliges Zusatz-Zehnmarkstück gespendet, verthut Ihr noch volle vier Mark und fünfzig auf mein Konto? Das finde ich heftig. Und ein für alle Mal – ich zahle nicht. Für Gewaltsachen habe ich kein Gemüth. Womit habt Ihr denn das viele Geld verprezelt?«

»Die Kinder mußten doch das Eismeerpanorama sehen!«

»Was war denn da los?«

»Denke Dir, Mama, eine riesige Eiskute.«

»Reelles Eis?«

»Warum nicht gar Vanille-Eis? Gott bewahre, aus Farbe, wie so Panoramen überhaupt, vorne Gewässer mit Seehunden und Möven und im Hintergrunde mit mindestens elf Stück lebendigen Eisbären.«

»Betti, die Kinder hatten im Thiercirkus Bären genug gesehen und Kunstgletscher vorher. Das war unnöthig, weil verschwenderisch.«

»Und zwei Eskimos und eine Eskimofrau«.

»Was hatte die an?«

»Pelzjacke und Pelzhosen, gerade so wie die Männer.«

»So weit sind sie schon da oben in der Aufklärung?«

»Und denke Dir, die Eisbären nahmen der Frau Fische aus dem Munde, ganz zahm. Und kriegten was mit dem Stock auf den Rüssel und rissen aus wie die Hämmel.«

»Betti, sag' selbst, ist das noch Naturgeschichte? Wenn der Lehrer den Kindern erzählt, der Eisbär ist das gefährlichste und grimmigste Raubthier des Nordens, – Ottilie hat den Brehm mitgebracht, da steht es drin – das den Menschen auf dem Lande und in Schiffen angreift und nach blutiger Gegenwehr auffrißt, lachen sie ihn ohne Frage aus, weil sie den Gegenbeweis erlebt haben. Die Folge ist Nachbleiben, Strafarbeit, schlechtes Zeugniß und elterliche Senge. Und dazu gebe ich kein Geld her.«

Betti murmelte etwas.

»Wie meinst Du?«

»Du hattest uns doch eingeladen.«

»Du sagtest eingeladen?« – Ich verstand Blaak oder so ähnliches. »Mit den zehn Mark konntet Ihr übrigens gut rund kommen. Freilich Extravaganzen hatte ich nicht vorgesehen?«

»Sollten wir mit den Kindern verhungern und verdursten?«

»Ich rieth Euch ja die Milchhalle an.«

»Aber ehe wir dahin fanden bei der Hitze! Die Butsch entdeckte eine Weißbier-Niederlassung und wir waren alle so erschöpft, daß wir ihr folgten und ihren Falkenblick lobten.«

»Nun ja, Weißbiergläser kennt sie nachgerade auch von Weitem; aber es kostet doch enorme Anstrengung, zehn Mark in Weißen zu verprassen, selbst mit hinzugerechneten Stullen!«

»Wer that denn das?« brauste Betti auf. »Und dann wurde Karussell gefahren.«

»Das kann man Kindern nicht verweigern. Die sechs Groschen sind bewilligt.«

»Die langen nicht. Wir fuhren doch alle.«

»Die Butschen auch?«

»Sie kriesch nur immer so furchtbar, weil die Sitze sich wieder um sich selbst drehen wie ein Triesel. Mama, Du mußt nächstens mal mitmachen.«

»Damit mein Gehirn verschoben wird? Nein. Jedoch ist es mancher vielleicht heilsam, indem, was an der falschen Stelle saß, an den richtigen Platz hinkreist. Möglich, daß die Butsch sich aus unbewußtem Instinct in diese Drehkur begab.«

»Sie war so karmoisinvergnügt mit den kleinen Butschens.«

»Schön, dann nehme ich das Karussell auf mich. Es bleibt aber immer noch ein ansehnlicher Rest.«

»Der schmolz in der Milchhalle ein.«

»Was?« rief ich entsetzt. »Milch? Ihr habt Milch getrunken?«

»Wie Du uns anbefohlen hattest.«

»Kalte Milch auf das Weißbier und Karussell fahren? war nicht noch Gurkensalat bei der Hand, um die Speisefolge zu vervollständigen?«

Betti schwieg verlegen. »Der war nicht mehr nöthig,« sagte sie dann etwas bedrippt.

»Sind die Kinder noch am Leben?«

»Meine ja. Emmis auch. Von den Butschens haben wir keine Nachricht,« antwortete Betti lächelnd.

»Die haben abgehärtete Mägen, wenigstens wenn die Butschen noch so kocht, wie sie es früher nicht gelernt hatte«.

»Gerade die fingen zuerst an. Sie hatten vorher auch am meisten Napfkuchen vertilgt.«

»Mein Napfkuchen hat noch nie einen Menschen compromittirt, weil er von Hause aus mit Citronat ist, das ich weglasse, weil es schwer liegt und zweitens billiger kommt. Den können Sterbende essen, ohne daß er ihnen schadet. Na, also, Ihr mußtet nach Hause, wo blieb der Saldo von dem Gelde?«

»Wärst Du bei uns gewesen, würdest Du es wissen.«

»Wieso?«

»Mama, es muß ja für alles draußen bezahlt werden.«

»Da, ja! Kinder machen Sorge und Kosten, besonders bei ungesunder Verpflegung; das merke Dir für die Zukunft. Aber Fritz und Franz hatten doch keine weitere Anfechtung?«

»Ich möchte fast annehmen, daß Du Fritz übermäßig Napfkuchen zugesteckt hattest ...«

»Betti, was hast Du gegen Fritzchen? was hat denn das Kind gegessen? Knapp so viel als in einen hohlen Zahn geht.«

»Wenn Du Elephantenzahn meinst ...«

»Betti, ich verbitte mir solche Scherze, selbst wenn wir allein sind. Ich will wissen, ob der Knabe ernstlich in Gefahr schwebte?«

»Der Vater hat ihm Medicin verordnet und nicht schlecht gescholten.«

»Sein gutes Recht.«

»Er hat gesagt ...«

»Was hat er gesagt? Heraus damit, warum stockst Du? Also was?«

»O, nichts.«

»Ich kann mir's schon denken – über mich hat er raisonnirt – hat er? Sag', hat er? Nicht wahr – er hat?«

»Nun ja. Aber sehr. Und dabei weiß er noch nicht einmal, wie Du die Kinder um Tante Lina's Erbschaft gebracht hast, wenn er das erfährt, gerathet Ihr mindestens ein halbes Jahr auseinander.«

»Siehst Du, Betti, das hat man davon. Man opfert sich auf, man sucht alles zum besten zu wenden und, wenn man das Resultat besieht, hat man in Modder gegriffen. Ich geh' gleich und sehe, was der Junge macht.«

»Das würde ich nicht thun.«

»Nicht den süßen Engel auf seinem Schmerzenslager besuchen?«

»Der ist längst wieder kreuzfidel. Aber der Rath möchte noch grollen.«

»Den lad' ich auf Krebse ein. Ausgesucht, lauter Hengste und er kriegt die größten. Da wird er fromm. Und Du willst noch vier Mark fünfzig heraus haben?«

»Ja, Mama. Soll ich Dir jeden Posten einzeln vorreiten?«

»Nein, nein, laß nur. Aber merke Dir eins: Weißbier und kalte Milch vertragen wetterfeste Landbewohner kaum, viel weniger gebildete Stadtkinder.«

Ich gab ihr die Groschen, die sie schmunzelnd in ihr Portemonnaie knippste, wobei ich sofort ahnte, daß sie mich um eine heimliche Provision überlistet hatte. Aber was hilft die richtigste Rechnung, wenn sie nicht bezahlt wird? Ich lag drin, jedoch es blieb in der Familie. –

Mit diesem Kummer hatte ich mich abgefunden, nicht aber mit dem Verdruß, den Ottilie mir durch ihre Neigung zu Kriehberg bereitet. Nie wäre es dahin gelangt, wenn ich sie straff unter meiner Aufsicht gehalten hätte, anstatt sie während meiner Abwesenheit Tante Lina anzuvertrauen, von der ich alles erwartet hätte, nur nicht die Begünstigung eines Liebesverhältnisses, das, wenn auch nicht direct ins Armenhaus, so doch nicht weit davon führt.

Denn die Sache liegt so.

Kriehberg hatte noch eine kleine, mit dem Bauwesen verknüpfte Stellung, Ausbesserungen zu leiten, wenn die Bedachung undicht geworden und was es sonst gab, denn wenn auch alles ein Ende nimmt, die Reparaturen an einem Neubau hören nie auf. Und die ganze Ausstellung ist ein Riesengesammtneubau.

Man sagte mir, weil das richtigste bei einem vor der Verlobung Stehenden ist, seine Verhältnisse zu erkunden, er wäre nicht ohne Fähigkeiten, aber die Häuser, die er entwürfe, ständen schon irgendwo. Mit der bloßen Verlegung von Fenstern und Thüren, daß nachher die Treppe nicht hineinpaßte oder ganz dunkle Räume erzielt würden, sei selbstständiges Fortkommen unmöglich. Man würde ihn seines Fleißes wegen in zweiter und dritter Linie beschäftigen, wenn er nicht die Manier hätte, sobald er sich warm fühlte alles besser wissen zu wollen. Das könnte er ja auch, aber er müßte seine Weisheit bei sich behalten.

Was thut jedoch mein Kriehberg? Er nicht auf den Bureau-Maulkorb geachtet und eigene Meinung gehabt und den Vorgesetzten und beleidigende Scharaden gekommen.

Was hat er über das Thorhaus zu quesen und zu sagen, es wäre nicht viel dahinter? Und wie sie ihn fragen, wie er sich erdreisten könne, einen gothisch-romanisch-altdeutsch-renaissancenen Bau so zu despectiren, hat er geantwortet, es wäre auch nicht viel dahinter, nämlich blos ein Stück Treptower Chaussee.

Da ließ sich freilich wenig drauf antworten, weil die Eingangsfluren zur Ausstellung einen überraschend nuttigen Eindruck machen, gegen den das rechts und links verstreute Bedeutende stark zu kämpfen hat, um die erste Enttäuschung allmählich zu verwischen.

Und auch was er über die Drahtgeflechtthür beim Hauptportal geäußert hat, ist nicht ohne Berechtigung. Er sagt: für einen Hühnerhof eignete sie sich einigermaßen, für eine Ausstellung, die der Welt zeigen sollte, was Berlin vermöchte, sei sie belemmert. Diese Kritik haben sie ihm besonders verargt.

Und dabei stehen in der großen Halle im Schatten, als vertrügen sie weder Sonne noch Regen, die schönsten Thore, die man sich denken kann, der Stolz der Berliner Kunstschmiede, deren Arbeiten es nicht nur siegreich mit jeder Concurrenz des Auslandes aufnehmen, sondern auch mit dem berühmtesten Mittelalter. »Wie man sich so im Lichte stehen kann!« hat Kriehberg gesagt. Und da gaben sie ihm Feierabend.

.

Und was sagte er da?

»Es ist das Unglück der Comites, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen.«

Draußen war er.

Auf solche Aussichten hin ihm Ottilie zu geben, wäre eine Unverantwortlichkeit, gegen die Alpdrücken liebliches Gekose ist. – Und wenn sie sich auch noch so lieben, von Butter allein kann man nicht leben, es gehört das tägliche Brot dazu ...

Ich band mir Ottilie vor, sie müßte Kriehberg abgeloben.

Sie hätte ihn nicht ermuthigt, erwiderte sie, hoch vom Thurme herab, als geschehe ihr wer weiß welche Bezichtigung.

»Hast Du nie in seiner Gegenwart mit den Augen geklappert?«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ottilie, es giebt verschiedene Sprachen, und eine davon ist die Augensprache, die ist in allen Dialekten die nämliche. Ein Blick sagt mehr als ein dickbändiger Briefsteller. Ich frage Dich, ob Du auf die Art etwa zu viel geredet hast?«

»O Nein. Ich beschäftige mich mit dem gewaltigen Pulsschlag des Residenzlebens, der täglich Neues und Großes bringt und der geistigen Förderung durch die entzückenden Darbietungen des Gewerbes und der Industrie.«

»Doch wohl nicht ausschließlich. Reichliche Zeit verbringst Du, Dich zu bewundern.«

»Wer sagt das?«

»Betrachte Dir den Teppich vor dem Spiegel, wie er leidet und stets und immer mit frischen Fußspuren. Das ist auch eine Sprache: Teppichsprache nämlich.«

Sie that schnippisch.

»Du bist jung, Ottilie, Du weißt noch nicht, ein wie theurer Lehrer die Erfahrung ist. Nimm meinen Rath an und verkriehberge Dich nicht.«

»Aber Tante Lina meinte, er müsse gut sein, gerade so gut wie Johannes Viedt, an den er sie erinnere, der nach Amerika gegangen ist, weil er Eine nicht unglücklich machen wollte, die er liebte, und ohne den Fluch der Eltern nicht die. Seine nennen durfte.«

»Ob sie das selber gewesen ist?«

»Ich glaube fast.«

»Die Alten haben keinen Bürstenbinder als Schwiegersohn gemocht; natürlich, so liegt der Roman. Ottilie,« fuhr ich warnend fort, »und Kriehberg ist nicht mal Bürstenbinder ... er ist augenblicklich garnichts.«

»Er hofft.«

»Ich auch. Ich hoffe, daß er einsehen wird, wie es keine größere Selbstsucht giebt, als wegen kurz verküßter Flittervierzehntage ein leichtgläubiges Mädchen mit sich in endloses Elend zu ziehen. Das Leben ist lang, Ottilie, und die Feuerung theuer. Mit Liebe allein kannst Du nicht einheizen. Der Winter kommt, Kind, der Winter des Lebens. Liebst Du Kriehberg wirklich? Möchtest Du um seinetwillen blos in Kattun gehen und nie nach der Mode, immer denselben alten Mantel?«

»Das würde er doch nicht verlangen?«

»Er nicht; aber die Noth und die ist unerbittlich. Man kann sie miteinander tragen, wenn sie hereinbricht, ohne eigene Schuld und fest und innig verbunden den Kampf mit dem Schicksal aufnehmen. Aber Uebereilung ist eigene Schuld.«

So redete ich und sie hörte zu, aber mich dünkte, sie war klüger als ich. wenn jemand eine Unterhaltung nicht behagt, besieht er die Zimmereinrichtung und Ottilie ließ ihre Blicke wandern, als wären alle Stuhllehnen und Tischkanten ihr noch nie vorgestellt.

Mir bleibt nur noch ein Ausweg. Mein Karl muß Kriehberg aufs Dach steigen und ich – ich nehme Tante Lina in die Beichte.

Dies muß geschehen, ehe Ungermann's eintreffen, denen ich mich zu widmen habe. Ungermann ist, wie es in der Geschäftssprache heißt, ein großartiger Kunde. Der muß warm gehalten werden.

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