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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Ein freier Tag.

Wenn es gewittert, fürchtet Tante Lina sich. Dann kriecht sie ins Bett.

Ottilie sagt, der Strauß macht es ebenso. Ich weiß nicht, ob der sich auch das Kopfkissen über die Ohren zieht, um den Donner nicht zu hören und bei jedem Blitz aufjucht wie Tante Lina, würde es ihm jedoch nicht übel nehmen, wenn er es thäte, weil er als Wüstenvogel für die neueren Erfindungen kein Verständniß hat, wie man von Mitgliedern des neunzehnten Jahrhunderts verlangen kann.

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Tante Lina lebt und liest in der Jetztzeit und müßte daher wissen, daß Gewitter auch im Kleinen mittels Elektrisirmaschinen hergestellt werden können, wie Ottilie ihr beruhigungs- und aufklärungshalber aus Krüger's Lehrbuch der Physik vorgelesen hat, worin ein Papphäuschen abgebildet ist, das durch den positiven Funken auseinanderklappt.

Bei dem geringsten Gewitterverdacht bleibt sie daheim und bei dem ersten fernen Grollen des Horizonts flüchtet sie in die Federn.

Mein Karl findet das altfränkisch; Ottilie meint, es wäre Idiosynkrasie gegen elektrische Spannungsverhältnisse, obgleich im Meyer unter diesem Worte mancherlei steht, was ich von Tante Lina unmöglich annehmen kann und sich auch mehr in Widerwillen gegen Speisen äußert, der mir bis dato bei ihr nicht ausgefallen ist. Dorette beschwert sich über das mehrfache Bettenmachen, zumal wenn mehrere Gewitter am Tage sind, und schilt Monologe. Ich für meine Person behaupte, es ist das Alleinstehende, das sie ins Bett treibt.

Wenn es so recht graulich wird, beinahe Nacht am Tage, und ein Blitz fängt an, den anderen zu überbieten und das Rollen wird zum Knattern, dann gehe ich zu meinem Karl, oder er kommt zu mir, und ich fühle mich geborgen, denn ohne etwas Bänglichkeit ist man doch nicht, wenn Blitz und Schlag eins sind und man sich sagen muß: es steht gerade über uns, mit den dunklen Wolken, den Schwingen des Todes. Gottlob, wenn sie verschweben und der Himmel lichtet sich wieder.

Warum Tante Lina sich unvermählte, danach frage ich sie nicht. Vielleicht, daß Solche warben, die weniger sie, als ihr Vermögen begehrten, vielleicht, daß sie sich zu lange jugendlich dünkte, und als sie sich besann, mit Schrecken bemerkte, daß sie bereits zu den Kaltgestellten zählte. Und dann ist das Assortiment der Heiraths-Candidaten in kleinen Städten meist nur gering kompletirt, und ist keiner darunter, für den das Herz schlägt: warum den Prediger zu einer Traurede verleiten, die zum Höllensegen wird anstatt zur Segnung irdischen Glücks?

Und darum geht Tante Lina ins Bett, wenn es donnert.

Man darf die Schwächen seiner Nebenmenschen eigentlich nicht ausnutzen, aber wozu sind sie da, wenn sie nicht verwendet werden sollen? Als es wieder heiß und schwül war und Tante Lina ihre Zuflucht zur Baba nahm, weil sie das Gerummel eines Bierwagens in Kinderüberfahrgeschwindigkeit für die Stimme der erzürnten Vorsehung gehalten hatte, sagte ich zu meinem Manne: »Karl, sie liegt fest, ich habe frei. Was meinst Du, wenn wir zwei Beide alleine gingen? Ottilie sucht die Tante Lina mit dem Physikbuch zu bekehren und hat auch noch Briefe zu schreiben. In den nächsten Tagen kommen Ungermann's und dann Kliebisch's ... Die Gelegenheit ist heute günstig.«

»Ich muß so wie so hinaus und nachsehen, ob der letzte Regen meiner Ausstellung Schaden zugefügt hat. Der Reichsadler aus den schwarzen Socken auf weißem Grunde reicht dicht bis an das Glasdach.«

»Und die Blauholz-Brühe läuft in Strähnen herunter?«

»Nicht doch, die Strümpfe sind goldecht gefärbt.«

»Wie Dein Herz, mein Karl. Nein, Du stellst nichts Unredliches aus, selbst nicht in der dekorativen Verzierung. Dir müßte die Stadt eine Statue setzen.«

»Unter einer halben Million thäte die es schwerlich. Und noch leb' ich ja, und heute wollen wir vergnügt sein.«

»Nicht so laut, Karl! Du scheuchst Tante Lina auf. Seit einer Viertelstunde bullert kein Wagen, der sie niederhielte. Aber weißt Du was ...?«

Ich hinaus nach der Küche und die Blechplatte geholt worauf ich familiäre Konditorwaare backe, und die zum Gewittermachen gebraucht wurde, wenn die Kinder Puppen-Theater spielten, wie Onkel Fritz ihnen gezeigt hatte.

»Karl, faß es an den Ecken oben an und schüttle es; erst langsam, dann mit zunehmender Gewalt und dann ganz balbarisch.«

Er übte einige Male bei verschlossener Thür, und als er es konnte, brachte er aus dem Gange einen so natürlichen Donner heraus, daß ein staatlich angestellter Meteorologe nicht im Stande gewesen wäre, ihn von einem echten zu unterscheiden.

Sogar Dorette eilte herbei und fragte, ob es eingeschlagen hätte.

Ich reichte ihr das Blech und sagte, der Herr hätte ein neues Rostschutzmittel probirt, weil sie das Geschirr nach dem Aufwaschen nie ordentlich austrocknete, worauf sie mit länglicher Gesichtsbildung abzog.

Wir haben aber gelacht, mein Karl und ich. Nein, wie haben wir gelacht! Immer wieder, und uns Tante Lina ausgemalt, wie sie sich ins Bett eingräbt und die Ohren verpanzert. Und lachenden Sinnes verließen wir das Haus wie die großen Kinder.

Wir hatten ja einen freien Tag.

Uns lächelte das Glück. An meines Karls Aufbau war der Regen vorbeigeglitten, um einen Konkurrenten einzunässen; der Adler prangte siegreich in seiner ganzen künstlerischen Schönheit, wir betrachteten die Sündfluth nebenan, denn kein Mensch ist so hartherzig, daß ihn das Mißgeschick seines Nächsten nicht zur Begutachtung einlüde und als wir den Schaden verhältnißmäßig gering fanden, waren wir zufrieden. Es hätte uns ja das Nämliche blühen können.

In dem Hauptgebäude naschten wir hier und da im Vorübergehen an den gewerblichen Leistungen und strebten dem Freien zu. Im Grünen sitzen, das schöne Konzert der badischen Leibgrenadiere aus Karlsruhe anhören, das war unser Plan. Sie spielen ausgezeichnet, auch ältere Stücke aus altmodischen Zeiten, die mir besser gefallen, als welche die Jüngeren machen. Die fangen an, die Musik windet und krümmt sich, und wenn man meint, nun kommt da 'was, ist die Geschichte aus.

Der Blick auf das weiße Eß- und Trinkschloß mit dem Wasserthurm ist bei Nachmittagsbeleuchtung einzig. Von der Sonne angeglüht, hebt es sich italienhaft von dem blauen Himmel ab, und spiegelt sich in dem See, den Gondeln und Barken beleben. Auch die in den Park hereingeleitete Spree muß verdienen helfen, und das thut sie, indem Hunderte sich für einige Nickel nach dem Karpfenteich hin und zurück wricken lassen. Da ich ebenfalls Gelüste äußerte – Wasserfahrt mit Walkürenritt-Orchesterbegleitung ist eben zu ideal – willigte mein Karl ein, aber gerade, als er die Schwimmscheine für uns lösen wollte, redete ihn ein Herr an.

»Endlich erwische ich Sie,« sagte der ... »Kommen Sie man gleich mit. Sie haben mir versprochen, unseren Pavillon zu besuchen; jetzt hilft kein Sträuben.«

Mein Karl stellte ihn vor: »Herr Schulz, städtischer Beamter, Freund vom Stammtisch.«

Dieser Zusatz wirkte vergällend, denn alle Erfahrungen die ich bis dato mit diesem Möbel gemacht habe, sind unerfreulich. Ich halte den Stammtisch für eine Art Magnet, der nichts Gutes an sich zieht, wodurch die Besseren verdorben werden und sollte thun als wenn ich mich geschmeichelt fühlte. Diesem zu entgehen sagte ich: »Mir wollten gerade ein wenig gondeln.«

»Das ist bei Abend viel schöner,« entgegnete Herr Schulz, »und wir machen um Achten zu. Gehen wir gefälligst.«

Sich mit städtischen Beamten anlegen, halte ich für riskant; ich fügte mich daher, als hätte das Gesetz gesprochen. Auch kam mir unwillkürlich der Gedanke: sollte dieser Schulz wohl gar die Strafe für den Unfug sein, den wir mit Tante Lina getrieben?

Es giebt eine Nemesis, nur daß der Eine früher hineinrennt, der Andere später. Aber gerannt wird.

Herr Schulz hakte meinen Mann unter und zog ihn wie einen Arrestanten vorwärts. Ich folgte, bis vor einer Einbuddelung mit Mauerarbeit gehalten wurde.

»Nur heran,« sagte Herr Schulz. »Nur heran, Madamchen. Hier können Sie sich mit dem Haupt-Kanalisationsrohr der Stadt Berlin anfreunden und Ihre geehrten Vorurtheile gegen die Rieselfelder ablegen. Oder gehören Sie schon zu denjenigen, welche eine höhere Stufe erklommen haben und nichts gegen den Kohl einwenden, den wir bauen?«

»O nein,« erwiderte ich mit einiger Anstrengung zu lächeln.

»Schönecken, womit die Stadt am meisten zu kämpfen hat, das ist der Unverstand. Sehen Sie dieses Rohr aus besten Klinkersteinen – bitte treten Sie ein – stellt die unterirdische Leitung dar, durch das die Abwässer entfernt werden. Hier an der Seite die Hausanschlüsse. In der Mitte der Einsteigeschacht.«

Wir also hinein in das Rohr. Es war trocken und propper, worauf es beim Gebrauch allerdings keinen Anspruch macht, aber trotzdem war ich froh, als wir es nach Herrn Schulz Meinung hinreichend kennen gelernt hatten, wir waren doch gekommen, um uns zu vergnügen. Und Kanalisation ist kein Vergnügen.

Hierauf mußten wir uns die Filteranlage gefallen lassen, woran der Fachmann sieht, wie das Trinkwasser für Berlin gereinigt wird. Für die Stadt und ihre Bewohner ist dies von größter Wichtigkeit, Epidemien hängen davon ab und Armenpflege. Aber wenn man Lust hat, fein zu speisen, schwindet das Interesse an den unterirdischen Wohlfahrtseinrichtungen.

Mein Karl und Herr Schulz lagen bei der Besichtigung bald in Meinungsverschiedenheiten und fochten, wie mir schien, alte Stammtischscharmützel über die Stadtverwaltung aus.

Zuletzt legte ich mich ins Mittel und fragte, ob die Herren keinen Durst verspürten?

»Erst das Geschäft,« entgegnete Herr Schulz, »und dann die Weiße. Sehn Sie, Buchholz vertritt die Abfuhr an unserem Tisch ...«

»Karl,« nahm ich strenge das Wort, um Herrn Schulz darauf zu stoßen, daß er Rücksicht auf meine weibliche Anwesenheit nähme, »Karl, was geht Dich die Politik an? Du geräthst noch so tief hinein, daß wir von dem schönen Abend nichts mehr haben, verzeihen Sie, Herr Schulz, unsere Absicht war, uns zu amüsiren.«

»Sollen Sie auch. Kommen Sie man mit. Buchholz macht uns jedesmal Opposition im Bezirksverein, das muß ihm ausgetrieben werden.«

Ich war empört. Aber ein städtischer Beamter ...!

Der Pavillon der Stadt Berlin gefiel mir. Außen ansehnlich und inwendig lustig und sinnvoll gemalt, gestattet er dem Steuerzahler einen Einblick in die Mühewaltung der Oberleitung für das Gedeihen und die Entwickelung der Residenz.

»Sind dies Telephondrähte?« fragte ich bei einem Plan, in den Stäbe gestochen waren, von denen feine Fäden nach einzelnen Punkten gingen, kurze und längere.

»Sehen Sie's man gründlicher an,« forderte Herr Schulz auf. »Das sind nämlich die Schulwege, wieweit die Kinder zu laufen haben, bis sie an die für sie bestimmte Bildungskrippe gelangen.«

»Da haben manche eine gehörige Ecke.«

»Irgendwo wohnt man in der großen Stadt immer weit ab,« sagte Herr Schulz. »Aber Sie sehn, wie durch solche Pläne Licht in die Sache dringt und darauf hin, wie es nur geht, Aenderung geschaffen wird. Jedoch wird trotzdem auf die Verwaltung geschumpfen.«

»Fällt mir gar nicht ein,« erwiderte mein Karl. »Ich behaupte ja blos: vom national-ökonomischen Standpunkt ist Abfuhr eindringlicher ...«

»Karl, bist Du parlamentarisches Fractionsmitglied, daß Du denselben Ekel immer wieder aufrührst? Also Schluß. – Und was ist dieses?«

»Handarbeiten der Blinden, aus der städtischen Anstalt.«

Ich betrachtete die Sachen, Wie sauber das Geflochtene und Gehäkelte und die Pantinen und was sie Alles herstellen! In ewiger Nacht mit dem Tastsinn gearbeitet! Und viele, viele, die ihr Augenlicht haben, sind faul und ungeschickt. Führt sie her, daß sie sich schämen.

Aus den verschiedenen Fortbildungsschulen sind Fachleistungen ausgestellt. An die Stellen der Handwerksmeister sind Schulen getreten. Wie die Zeiten sich ändern. Ich hatte keine Ahnung davon, wie die Stadt in diesem Sinne sorgt und strebt. Gut, daß man es hier gewahr wird, wenn auch, wie es ja nicht anders durchführbar, blos in Proben.

»Herr Schulz,« sagte ich, »wenn ich eben solchen Hut trüge, wie mein Mann, würde ich ihn hochachtungsvoll abnehmen.« – Mein Karl lüftete pflichtschuldigst seinen spiegelblanken Zylinder, neu aufgebügelt, ohne die kleinste Krampfader darin, den er zur Erhöhung der Festfreude aufgesetzt hatte.

»Lassen Sie den Tintenproppen man sitzen, Buchholz,« entgegnete Herr Schulz. »Besser reden Sie am Stammtisch weniger Unsinn.«

»Wenn Jemand Unsinn redet, liegt es am Hörer,« fuhr ich auf.

»Stimmt! Es giebt Horchlappen, die auf Vernunftgründe nicht reagiren,« sagte Herr Schulz.

»Wie die geehrten Ihrigen,« wischte, mein Karl ihm aus.

Ich wollte auch noch einen Satz hinzufügen, aber die Beiden sahen sich an und lachten. Es war nur eine kleine Neckerei gewesen, ein sogenanntes Wortgefecht ohne tödtliche Beleidigung, wie sie, hieraus zu schließen, unter sich gewohnt sind.

Herr Schulz erklärte uns das Rieselfeldmodell, die einzelnen Ackerflächen, wo Getreide gebaut wird und wo Gemüse und wie das Pumpstationswasser durchsickert, daß es klar und rein wird und selbst Goldfischen zum Aufenthalt dient, ohne daß sie an Typhus zu Grunde gehen, wie zwei lebende Beispiele kund thaten. Fischen ist bekanntlich in Gedichten und kleineren Erzählungen immer wohl, allein wer sagt, ob sie in Wirklichkeit nicht doch schon Leibschneiden oder Rollern haben, da sie in eins weg blos Glupaugen machen? Ich kenne nichts Melancholischeres als Goldfische.

»Muntere Thierchen, nicht wahr?« sagte Herr Schulz, als er sie wieder wegthat.

»Schon mehr Schlummerköpfe mit Flossen!« wollte ich antworten, aber ich nahm eine andere Wendung. So darf man städtischen Beamten doch wohl nicht kommen? »was ist dieses inmitten der Rüben und Radieschen?« fragte ich, »dies Rothe und Weiße?«

»Wenn ich Ihnen das sage, das glauben Sie ja doch nicht.«

»Versuchen Sie's!«

»Das sind nämlich Rosen, Damascener Rosen und daraus wird hier in Berlin in der ›Rothen Apotheke‹ Rosenöl destillirt.«

»Was Sie sagen!«

»Sehen Sie, wie ich schon wußte, kein Deibel will's glauben. Und doch ist es so. In Sachsen fingen sie mit den Rosenpflanzungen an und wir versuchen es jetzt auch mit Erfolg. Denn das deutsche Rosenöl wird in Paris um die Hälfte theurer bezahlt als das beste türkische, weil es mehr hergiebt, feiner ist und garantirt unverfälscht, was sagen Sie nun?«

Ich war stumm. Dann rief ich verwundert aus: »Karl, was wir so nach Osdorf rieseln, wird Rosenöl! Das übersteigt die kühnste Phantasie.«

»Einfache Ausnutzung der Naturkräfte durch Stadtverordnete, weiter nichts,« sagte Herr Schulz mit bescheidenem Stolz, der hier auch am Platze war, wenn man bedenkt, daß die Behörde aus Abscheu köstlichen Rosenduft gewinnt, während die jüngste Dichterrichtung das Leben aller Kränze entkleidet und die Menschheit mit Sielschlamm begießt.

Die Riesen-Riesel-Kartoffeln, Kohlrabi, Salat, Hafer, Roggen- und Weizenstauden fesselten uns ebenso sehr wie die goldverzierten Fläschchen mit der Rosenessenz und, eh' wir es uns versahen, war Schluß des Pavillons. wir dankten Herrn Schulz, der darauf bestand, uns zu einer Weißen einzuladen, die wir ihm als städtischem Beamten nicht abschlagen durften.

Mein Karl hatte eine kleine Verschwendung bei Dressel und Adlon nach der Gondelung vorgehabt, die fiel jetzt in Weißbier mit Sülzcotelette und Bratkartoffeln, was durstlöschend und sättigend war, wenn auch ohne die immense Vornehmheit, die wir uns dort unter den Spitzen Berlins angethan hätten.

Wir bauten daher bald ab. Herr Schulz erläuterte uns noch die Straßenpflasterung und kam dabei wieder unter die Erde auf die Rohrlegung, und die Kabbelei von vorhin stand vor erneutem Ausbruch. Der Vernünftige aber zieht rechtzeitig vor dem Streit Leine. Ich sagte: »Wir gehen!« Auf dem Heimwege fragte ich: »Was Tante Lina wohl macht? Das Wetter hat sich wundervoll gehalten.«

»Hoffentlich hat sie nichts gemerkt,« sagte mein Karl.

Als wir zu Hause anlangten, war weder Tante Lina vorhanden noch Ottilie. »Dorette,« rief ich, »Dorette, wo sind die Damen?«

»Mit einen jungen Herrn ausjefahren. Was die Tante is, meinte, mit den einen dollen Schlag wäre das Gewitter wohl alle jewesen.«

»Wer war der junge Herr?«

»Kennen duh ick'n nich, aber die Freilein Ottilie, die schien als wenn't en intimer Fremd von sie sein dähte.«

»Es ist gut, Dorette, Sie können gehn.«

Ob es der junge Mann von neulich war? Oder ein anderer? Tante Lina und Ottilie haben sich auf ihren gemeinschaftlichen Gängen sehr aneinander geschlossen. Man hätte sie nicht ohne Aufsicht lassen sollen.

»Karl,« rief ich. »Da haben wir uns was Schönes zusammengedonnert.«

»Deine Idee, Minchen.«

»Du thust sonst doch nie, was man Dir sagt. Warum denn gerade heute den Unsinn?«

»Gute Nacht, Minchen. weißt Du, das Schlafen in der Fabrik hat doch etwas für sich.«

Er ging. Ich wartete auf den rückständigen Hausbesuch. Als sie endlich kamen, that ich, als sei ich nicht im Geringsten neugierig. Ottilie erzählt mir von selbst bei Gelegenheit haarklein, was war. Und verschweigt sie den jungen Mann, zwick ich ihn aus Tante Lina, was zwei Weiber wissen, ist so gut, als hätte die Dritte es schriftlich.

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