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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20101228
modified20150225
projectid3c1a5c8b
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VIII

Stefan spannt die Pferde vor den Wagen. »Guten Tag, Herr«, ruft er, »wollt Ihr Euch nicht die Wiesen drunten anschauen?«

Juraj verfinstert sich ein wenig: bin ich ein Herrschaftsverwalter, daß ich im Wagen die Felder besichtigen soll? Ah was, es gibt keine Arbeit, kein Feld, wohin man mit der Kornsense gehn könnte; warum soll ich mir nicht Polanas Besitz ansehen?

Breite Leinwandhosen hat Stefan und eine blaue Schürze, – man sieht, er ist aus dem Flachland; und schwarz ist er wie ein Zigeuner. »C-c«, schnalzt er den Pferden zu, und schon fliegen sie rasselnd und klirrend dahin, Juraj hält sich mühsam an der Wagenleiter fest; Stefan aber steht, den Hut im Nacken, die Zügel hoch, und spielt mit der Peitsche über den Rücken der Pferde. Na, na, langsam, es ist nicht so eilig.

»Eh du«, sagt Juraj unzufrieden, »warum zerrst du die Pferde so an der Schnauze? Du siehst, wie sie mit den Lefzen mahlen, es tut ihnen weh.«

Stefan wendet sich um und grinst. »Das muß man, Herr«, sagt er. »Damit sie den Kopf hochtragen.«

»Und wozu«, wendet Hordubal ein. »Laß sie den Kopf tragen, wie er ihnen gewachsen ist.«

»Das wird gut bezahlt, Herr«, erklärt Stefan. »Jeder Käufer schaut nach, ob das Pferd den Kopf hochträgt. Seht doch, Herr, seht, jetzt laufen sie gut: auf den Hinterbeinen und mit den vorderen scharren sie nur den Boden. C-c.«

»Hetze sie nicht so!« ruft Hordubal.

»Sie lernen laufen«, sagt Manya gleichgültig. »Laßt sie lernen. Was soll einem ein langsames Pferd, Herr?«

Ob Stefan Polana auch immer so fährt? sinnt Hordubal nach. Der ganze Ort dreht sich nach ihnen um: da fährt Hordubals Weib, nun ja, wie eine Gutsherrin; verschränkt die Arme und fährt dahin. Und warum sollte sie nicht stolz sein? denkt Juraj. Gottlob, sie ist anders als andere Weibsbilder, hart und aufrecht wie eine Säule; sie hat den Gutshof wie ein Kastell hergerichtet, siebentausend hat sie für ein Paar Pferde gelöst, nun denn, sie hat schon, warum den Kopf hoch zu tragen. Das macht sich gut bezahlt, Bruderherz.

»Also da ist die Ebene«, zeigt Stefan mit der Peitsche. »Bis zu den Akazien dort gehört sie der Bäuerin.«

Hordubal klettert wie zerbrochen vom Wagen herunter. Hast mich gut durchgerüttelt, du Teufel. Also das ist die Ebene; wahrhaftig, Gras bis zur Hüfte, aber trocken und hart – sag nicht, es sei Rübenboden, das ist Steppe. Manya kratzt sich im Nacken. »Wenn man noch bis dorthin Land zukauft, Herr, dreißig Pferde könnte man hier weiden.«

»Na – a«, wendet Hordubal ein, »mästen werden sie sich hier nicht gerade.«

»Wieso mästen?« Manya verzieht das Gesicht. »Ein Pferd soll trocken sein, Herr. Oder wollt Ihr die Pferde für den Metzger füttern?«

Hordubal antwortet nicht, geht zu den Pferden und tätschelt ihnen die Stirnen. »Nono – no, Kleiner, nur keine Angst, bist ein Prachtkerl. Was, du spitzt die Ohren? Ach, du bist klug! Was scharrst du, was möchtest du?«

Stefan spannt die Pferde aus, richtet sich auf und sagt mit einer gewissen Schärfe: »Nicht mit den Pferden reden, Herr. Sie werden verweichlicht.«

Hordubal wendet sich heftig nach ihm um: was spielt du dich auf den Gazda auf? Ach was, das tut er wohl nur so, damit sich die Pferde nicht an mich gewöhnen. Und ich werde mich dir nicht in deine Pferde hereinmengen, du Esel; na, na, brauchst keine finstere Miene zu machen.

Stefan läßt die Pferde frei weiden und ergreift die Sense, er wird Heu mähen; der Dummkopf hat nicht einmal eine zweite Sense mitgenommen. Juraj seufzt auf und blickt über die Ebene zu den Anhöhen oberhalb Krivá. Dort gibt es wenigstens richtige Felder – es ist wahr; lauter Gestein, aber es sind Felder: Kartoffeln, Hafer, Korn – an manchen Stellen steht noch das Korn, an manchen werden schon Garben gebunden. – »Und wer, Stefan, hat denn unsre Felder dort oben gekauft?«

»Ein gewisser Pjosa«, sagt Manya.

Aha, der Pjosa, Andrej Pjosa, der Husar; und deshalb hat er sich in der Schenke nicht gemeldet, hat sich wohl geschämt, daß er die Frau um die Felder gebracht hat. Juraj starrt zu den Hügeln empor, seltsam, als liefen die Felder der Hordubals von den Bergen hinunter und setzten sich in die Ebene hinein. –

»Und Rybáry ist hier unten?« fragt Juraj.

»Hier unten«, sagt Stefan. »Auf dieser Seite, drei Wegstunden von hier.«

Drei Wegstunden, siehe da, es ist noch weit nach Rybáry. Hordubal pflückt aus Langerweile einen Grashalm und zerkaut ihn; er schmeckt säuerlich – da schmeckt das Gras dort oben auf den Bergen ganz anders, würzig, nach Quendel. Juraj schlendert immer weiter fort über die Wiesen; welch eine Ebene, nichts anderes als der Horizont zu erblicken, aber es ist kein solcher Horizont wie dort droben, er ist gleichsam verstaubt. Und hier eine Kukuruzhufe, wahrlich so hoch wie ein Mann, lauter Krautblätter; ach Gott, wie kommt's, daß der Kukuruz so unordentlich aussieht – ja: Schweine hineinlassen, das wär' ein Gegrunze! Hingegen Kornfelder, das ist wie ein Pelz. Akazien – Juraj hat Akazien nicht gern; dort oben sind Schlehen und Spindelbäume, Ebereschen, Wacholder und keine solchen nichtsnutzigen Akazien. Jetzt ist Manya in seiner Schürze und den hohen Stiefeln nicht mehr zu sehen. Was heißt das, nicht mit den Pferden sprechen! Ein Pferd ist auch ein kluges Tier, ebenso wie eine Kuh; durch Reden lernt es friedlich sein.

Vor Juraj liegt die Ebene, ein banges Gefühl beschleicht ihn, es ist fast wie das Meer, was dort! Was dort! Er wendet sich gegen die Hügel, eh ihr, auch euch frißt die Ebene auf, macht euch klein und dumm; aber hinaufstapfen, Kamerad, da erkennst du wenigstens, was Erde ist! Und da hält Juraj es nicht mehr aus, er eilt dem Dorf zu und läßt Stefan mit seinem ganzen Gespann hinter sich. Ich werde mir das Korn ansehen, denkt er, aber er rennt schon eine Stunde, und die Hügel sind noch immer weit fort; und diese Hitze hier, kein Lüftchen weht – da hast du deine Ebene! Wer hätte geglaubt, daß Stefan mich so weit weggefahren hat? Nur c-c, und schon waren wir am Rand der Welt. Flinke Pferde hat Polana: was, Herr, mit einem langsamen Pferd?

Hordubal läuft schon gute zwei Stunden, und da ist endlich der Dorfrand: Zigeuner, das elende Pack, wälzen sich zwischen Bilsenkraut und Stechäpfeln herum, und da ist schon die Schmiede an der Landstraße: – Hordubal bleibt stehen, ihm fällt etwas ein, ei, Polana, ich werd's dir zeigen! Und schon drängt er sich in die Schmiede. Hallo, Meister, macht mir einen Haken, na, was für einen Haken: einen Riegelhaken zu einer Tür, einen Haken, ich werde darauf warten. Der Schmied erkennt Hordubal nicht, es ist hier finster und er sieht wegen der Esse nicht. Wenn's ein Haken sein soll, dann also einen Haken; und er schmiedet einen Haken wie das Donnerwetter. Nun, Schmied, gute Pferde hat die Hordubal? Je nun, Pferde wie die Teufel, aber herrschaftliche; nichts für die Arbeit, Gevatter. Aber die zu beschlagen, aha! Da müssen zwei Kerle so ein Luder halten.

Hordubal blickt auf das glühende Stückchen Eisen. Ich bring' dir was mit, Polana, etwas für den Haushalt. Und was kann so ein Pferd kosten, Schmied? Daß Gott mich nicht strafe, spuckt der Schmied aus, sie wollen angeblich acht Tausender dafür! So viel Geld für Pferde! Der Wildling wird lahm und was hast du dann? Besser ist ein Huzulenpferd, oder so ein schwerer Wallach, das Hinterteil wie ein Altar und die Brust wie 'ne Orgel – ach ja, früher, da hat's Pferde gegeben auf dem Hof! aber jetzt – ein Traktor! Es heißt ja, der Gutsherr verkauft die Wiesen! Wozu denn Heu, wozu Pferde, jetzt gibt es Maschinen. –

Hordubal nickt zustimmend. Ja, Maschinen, wie in Amerika. Ich muß achtgeben, daß Polana keine Dummheiten macht. Da kommen Maschinen, was fängst du dann mit den Pferden an? Aha, siehst du wohl; nein, nein, Polana, für Wiesen gebe ich meine Dollars nicht her. Felder und Kühe, das ist etwas anderes, – an Maschinen essen sich die Leute nicht satt. Naja, aber es trägt doch nichts ein, sagst du. Je nun, vielleicht nicht, aber du hast Milch und Korn. So ist es.

Hordubal kommt wieder heim und trägt ein noch heißes Stück Eisen. Polana – sie kocht wohl das Mittagessen; und Juraj schleicht sich über die Stiege auf den Dachboden und befestigt den Haken an der Innenseite der Tür. So, nun noch dieses Ringlein – die Stufen empor steigt Polana, runzelt die Brauen und schaut, was ist das, was hämmert Juraj dort fest, na, wird sie fragen? Sie fragt nicht, blickt nur gespannt hin. »Es ist schon fertig, Polana«, brummt Hordubal. »Ich hab' nur einen Haken angemacht, damit du dich absperren kannst.«

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