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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20101228
modified20150225
projectid3c1a5c8b
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VII

Betrunken geht Hordubal durch die Mondnacht, betrunken, denn er ist den Branntwein nicht gewohnt, denn er ist solche Gedanken nicht gewohnt, denn er geht zu seiner Frau. Was blickst du so eisig drein, Mond, – geh' ich etwa nicht leise genug, so leichtfüßig, daß ich nicht einmal den Tau von den Grashalmen streifen würde? Heda, Hundevolk im ganzen Ort, hier geht Juraj Hordubal, nach acht Jahren kehrt der Mann heim, die Arme im Bogen ausgebreitet, um sein Weib hineinzunehmen: so, nun hab' ich beide Arme voll von dir, und auch das ist noch zu wenig, in den Mund möcht' ich dich nehmen, dich mit den Knien pressen, zwischen den Fingern möcht ich dich spüren, Polana, Polana! Und was schaust du mich so frostig an, du? Es ist wahr, ich bin betrunken, weil ich mir Kurasche angetrunken habe, weil ich mich kopfüber nach Hause stürzen will; die Augen schließen, die Arme schwenken und kopfüber springen – – hier hast du mich, Polana, da und da und da, überall, wo deine Hände sind, deine Beine, dein Mund; oh, wie groß du bist, wieviel von dir vom Kopf bis zu den Fersen, wann nehme ich dich ganz auf!

Hordubal geht durch die Mondnacht und zittert am ganzen Körper. Nicht rufen würdest du, kein Wort sprechen in dieser Mondnacht, wirst kein Rad schlagen auf dieser glatten Fläche; leise, leise, dieser lichte Schatten bist du, nenne meinen Namen nicht, ich bin's; so stille halte ich dich, so wie ein Baum wächst; und ich schlage kein Rad auf dieser glatten Fläche, ich sage kein Wort, atme nicht aus; ach Polana, man könnte einen Stern fallen hören.

Aber nein, zu uns scheint der Mond nicht herein, bei uns kühlt nicht der Mond; er leuchtet über dem schwarzen Wald, und bei uns ist es dunkel; du mußt im Finstern mit den Händen tasten und findest die Frau, schläft sie – schläft sie nicht, du siehst sie nicht und doch ist's hier voll von ihr, leise lacht sie dich an und macht dir Platz; wie soll so ein Riesenkerl denn hier Platz finden, du bist zu groß, du mußt dich zwischen ihre Arme pressen; und sie flüstert dir etwas ins Ohr, du weißt nicht was – die Worte sind kalt, aber warm ist das Flüstern und dunkel, das Dunkel wird noch dichter davon, so dicht und schwer, daß du es mit den Fingern fühlst, und es ist die Frau, das Haar da, die Schultern da, und sie atmet, zischt durch die Zähne, atmet dir dunkel ins Gesicht – ach, Polana, stammelt Hordubal, o du!

Leise öffnet Juraj die Pforte in den Bauernhof und erbebt. In der Vorlaube sitzt Polana im Mondlicht und wartet. »Du, Polana«, murmelt Hordubal und sein Herz setzt aus. »Warum schläfst du nicht?«

Polana schüttelt sich vor Kälte. »Ich erwarte dich. Wollte dich etwas fragen – im vorigen Jahr haben wir für ein Paar Pferde siebentausend bekommen; also, was – was hältst du davon –«

»Nun ja«, meint Hordubal zögernd. »Gut ist es, warum denn nicht, wollen morgen darüber reden –«

»Ich möchte jetzt«, sagt Polana hart. »Deswegen warte ich. Ich will nicht mehr den Kühen dienen . . . mich auf dem Feld rackern . . . nein, ich will nicht!«

»Das wirst du nicht«, sagt Hordubal und sieht auf ihre Hände, wie sie weiß im Mondlicht glänzen. »Jetzt bin ich da, um zu arbeiten.«

»Und Stefan?«

Juraj schweigt, seufzt auf, warum gerade jetzt davon sprechen? »Nun«, brummt er, »es wird hier nicht genug Arbeit geben für zwei.«

»Und die Pferde?« wendet Polana hurtig ein. »Jemand muß bei den Pferden sein, und du verstehst dich auf Pferde nicht –«

»Das ist wahr«, weicht Hordubal aus. »Ah was, es wird schon irgendwie gehen.«

»Ich will es wissen«, drängt Polana und ballt die Fäuste. Oh du, wie heftig du bist!

»Wie du willst, Polana, wie du willst«, hört Juraj seine eigene Stimme. »Stefan bleibt, Herzchen . . . Du sollst wissen, ich bringe Geld nach Hause . . . Alles werde ich für dich tun.«

»Stefan kennt sich in den Pferden aus«, hört Hordubal, »so einen findest du nicht gleich. Fünf Jahre dient er hier –«

Polana erhebt sich, seltsam bleich im Mondlicht. »Gute Nacht. Geh leise, Hafia schläft.«

»Was – was willst du – wohin gehst du?« staunt Hordubal.

»Auf den Dachboden, schlafen. Du schläfst in der Stube, du bist – der Gazda.« Etwas Hartes, etwas Böses ist in Polanas Gesicht. »Stefan – schläft im Pferdestall.«

Regungslos sitzt Hordubal in der Vorlaube und starrt in die Mondnacht. So, so. Der Kopf will nicht denken, ist wie hölzern. Und was sitzt mir da im Hals, daß ich es nicht herunterschlucken kann? Du schläfst in der Stube, du bist der Gazda. So ist es.

Irgendwo fern bellt ein Hund, im Stall rasselt die Kette einer Kuh. Du schläfst in der Stube. Eh, der stumpfsinnige Schädel! So sehr man ihn auch schüttelt, es macht nichts aus, gar nichts – starr bleibt er. Also, der Gazda. Dies alles ist dein, Gazda, diese weißen Mauern, der Hof alles: was bist du für ein Herr, hast eine ganze Stube für dich, kannst dich allein in dem Bett breitmachen – je nun, der Gazda! Und was ist das, daß ich nicht aufstehn kann, daß mein Kopf so stumpf ist das ist vielleicht der Schnaps, Holzspiritus hat mir der rothaarige Jude eingeschenkt, aber bin ich nicht wie im Tanz aus der Schenke gegangen? Also in der Stube. Da will Polana wohl den Gazda ehren, wie ein Gast wird er schlafen. Eine grenzenlose Müdigkeit befällt Hordubal. Nun wohl, sie will, ich soll ausruhn, mich von der Reise erholen; wahrhaftig, ich kann ja gar nicht aufstehn, dummes Gefühl, Beine wie aus Sülze zu haben. Und der Mond ist schon hinter das Dach geklettert.

»Es hat elf geschlagen, lobet Gott den Herrn –« Der Nachtwächter ruft aus – in Amerika wird nicht ausgerufen, seltsam ist Amerika. Er soll mich hier nicht sehen, der Nachtwächter, es wäre eine Schande, erschrickt Hordubal und stiehlt sich leise wie ein Dieb in die Stube. Er zieht den Rock aus und hört einen schwachen Atem – Gott sei gepriesen, Polana hat nur gescherzt und schläft hier; ach, ich Tölpel, und ich hab' mittlerweile wie ein Stock auf dem Hof gehockt!

Juraj schleicht leise, leise zu dem Bett und tastet; das zarte Haar, die dünnen schlaffen Ärmchen – Hafia. Das Kind wimmert leise und wühlt sein Gesicht in die Kissen hinein. Es ist wirklich Hafia. Juraj setzt sich still auf den Bettrand, ich werde dem Kind die Füßchen zudecken: ach Gott, wie soll ich mich legen, ich könnte ja das Kind aufwecken. Polana wollte wohl, das Kind soll sich an den Vater gewöhnen. Also so, Vater und Kind in der Stube und sie auf dem Dachboden.

Etwas blitzt in Juraj auf und nun – ja, es gibt keine Ruhe. Ich gehe auf den Dachboden schlafen, hat sie gesagt. Vielleicht hat sie es absichtlich gesagt: du Dummer kannst mir nachkommen, du weißt ja, wo ich bin; ich geh' auf den Boden schlafen. Auf dem Boden ist keine Hafia. Hordubal steht in der Finsternis wie eine Säule und sein Herz hämmert. Polana ist stolz, sie wird nicht sagen: da hast du mich; du selbst mußt ihr nach wie einem Mädel, wirst im Dunkeln herumtasten und sie wird leise lachen, ach, Juraj, du Dummer, acht Jahre denke ich an dich.

Leise, leise klettert Juraj auf den Dachboden. Ach, wie finster, Polana, wo bist du, ich höre dein Herz klopfen. »Polana, Polana«, flüstert Hordubal und tastet im Dunkeln. »Geh, geh weg!« stöhnt, stammelt es aus der Finsternis, »ich will dich nicht! Ich bitte dich, ich bitte dich, Juraj, ich bitte dich –«

»Ich will nichts. Polana«, brummt Hordubal maßlos verwirrt. »Ich wollte nur . . . fragen, ob du hier gut schläfst –«

»Ich bitte dich, geh fort, geh«, stammelt sie entsetzt aus dem Dunkel.

»Ich wollte dir nur sagen«, stottert Hordubal, . . . »alles wird bleiben, Herzchen, wie du es willst . . . auch ein Stück Land darfst du hinzukaufen –«

»Geh, geh weg«, schreit Polana wie von Sinnen –

– und Juraj weiß nicht, wie er hinuntergelangt ist, wie ein Sturz kopfüber in den Abgrund ist es gewesen. Aber nein, er ist gar nicht gestürzt, er sitzt auf der letzten Stufe und fällt in einen Abgrund. So tief mein Gott, so tief zu fallen! Und wer stöhnt denn da? Du bist es, du bist es. Ich stöhne nicht, ich versuche nur zu atmen und ich kann nichts dafür, daß es so klagend klingt, und wieder, und wieder! Na, ächze nur zu, bist ja daheim, bist der Gazda –

Hordubal hält in seinem Sturz inne, sitzt auf der Stufe und starrt ins Dunkel. Du schläfst in der Stube, hat sie gesagt, du bist der Gazda. Also, so meinst du es, Polana: acht Jahre warst du deine eigene Herrin, und jetzt bist du böse, weil du einen Gazda über dir haben sollst. Eh, Herzchen, sieh doch, was für einen Gazda: er sitzt auf der Stiege und raunzt, mit der Schürze möchtest du ihm die Nase abwischen, so ein Gutsherr ist das. Hordubal spürt etwas an seinem Mund, er langt hin, du lieber Gott, es ist ja ein Lächeln. Hordubal lächelt ins Dunkel hinein: ein Gazda? Nein, ein Knecht. Es ist ein Kuhknecht gekommen, Herrin, und du, Polana, wirst die Gutsfrau sein. Na, siehst du, alles läßt sich regeln: Pferde und Kühe, Stefan und Juraj. Ich werde die Kühe betreuen, Polana, eine Freude, sie anzusehen – und Schafe; alles wirst du haben, sollst herrschen über das alles.

Sieh mal, schon gelingt es, zu atmen, ohne zu stöhnen; man kann Luft schöpfen wie ein Schmiedeblasbalg. Ah was, Herrin, ein Knecht gehört nicht in die Stube; er wird zu den Kühen schlafen gehen, dort ist sein Platz. Man ist wenigstens nicht so allein, man hört jemand atmen; es passiert, daß man unvermittelt laut zu reden beginnt und selber darüber erschrickt, aber zu einer Kuh kann man sprechen: sie wendet den Kopf und hört zu. Gut schläft es sich im Kuhstall.

Leise, leise geht Juraj in den Stall; warmer Kuhgeruch umweht ihn, eine Kette klirrt. Heda, ihr Kühe, heda, ich bin's; gottlob, Stroh genug für einen Menschen.

»Es hat zwölf geschlagen, lobet Gott den Herrn . . .« Nein, das gab's in Amerika nicht. »Bewahrt das Feuer und das Licht, daß keinem nicht ein Leids geschieht –«

Tuh – tuh – tuh macht des Nachtwächters Horn, wie wenn eine Kuh muht.

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