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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20150225
projectid3c1a5c8b
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VI

Aber noch ist nicht alles erledigt, Juraj weiß, was sich schickt. Wenn man aus Amerika zurückkommt, muß man sich in der Schenke zeigen, die Nachbarn begrüßen und Branntwein offerieren: soll doch ein jeder sehen, daß man nicht mit leerem Beutel und nicht mit Schande heimgekehrt ist. Hej, Wirtshaus! Für jeden ein Gläschen und gut eingeschenkt, kennst wohl den Hordubal nicht und bin ich nicht ein miner aus Amerika? Das ganze Dorf soll wissen, wer da heimgekommen ist, ej, laßt uns hingehn, den Hordubal ansehn, – Frau, Rock und Hut her – –

»Ich bin bald wieder zurück, Polana, geh nur schlafen und warte nicht«, redet ihr Juraj zu und marschiert breitbeinig und großartig durch das schwarze Dorf auf die Schenke zu. Nach wie vielen Dingen duftet das Dorf: nach Holz und Kühen, Stroh und Heu, und dies ist der Geruch der Gänse, und das duftet nach Kamillen und Brennesseln. In der Schenke ist nicht mehr der alte Salo Berkowitsch, ein fuchsroter Jude erhebt sich vom Tisch und fragt mißtrauisch: »Der Herr wünscht?«

Einer sitzt im Winkel, wer könnte das sein, es könnte Pjosa sein, meiner Treu, Andrej Pjosa, genannt der Husar, glotzt Juraj an, als wollte er schreien: Bist du's, Juraj? Und ob ich's bin, Andrej Husar, wie du mich hier siehst.

Nun, Pjosa hat nicht geschrien, er starrt; und Hordubal, um zu zeigen, daß er ein Hiesiger ist: »Wirt, lebt der alte Berkowitsch noch?«

Der sommersprossige Jude stellt ein Gläschen Schnaps auf den Tisch. »Sechs Jahre ist es her, seit man ihn begraben hat.« Sechs Jahre? ech, Pjosa, eine lange Zeit; was bleibt von einem Menschen übrig nach sechs Jahren – und was nach acht Jahren? Acht Jahre, Schankwirt, hab' ich keinen Branntwein getrunken; ach Gott, manchmal hätt' ich ihn trinken mögen – den Kummer ersaufen, auf die Fremde spucken, weißt du? Aber sie haben den Branntwein verboten in Amerika. So hab' ich wenigstens der Polana mehr Dollars geschickt; und weißt du, Pferde hat sie gekauft und die Felder verkauft. Lauter Gestein, sagt sie. Und du, Husar, du hast die Felder nicht verkauft? Nun ja, man sieht, du bist nicht in Amerika gewesen.

Der Jude steht hinterm Pult und starrt Juraj an. Soll ich mich mit ihm in ein Gespräch einlassen? denkt der Jude. Gesprächig ist er wohl nicht, er schaut so so drein, werde mich lieber nicht mit ihm einlassen; welcher von den Hiesigen könnte es denn sein? Matwjej Pagurka hat einen Sohn irgendwo, vielleicht ist es Matwjejs Sohn; oder wäre es etwa Hordubal, der Mann der Polana Hordubal, der, was in Amerika ist –

Juraj hat mit den Augen geblinzelt. Der Jude wendet sich ab, er muß die Gläser auf dem Pult in Ordnung bringen; und was ist mit dir, Pjosa, warum versteckst du immer die Augen unter den Brauen? Soll ich dich beim Namen rufen? Das ist nun mal so, Andrej Pjosa: der Mensch gewöhnt sich gleich das Reden ab, sein Mund wird hölzern, aber – nun ja, selbst ein Pferd, selbst eine Kuh will ein menschliches Wort hören. Wahr doch, Polana war immer so still, und acht Jahre machen das Reden nicht leicht, die Einsamkeit lehrt nicht sprechen; ich weiß ja selber nicht, wo anfangen; fragt sie nicht – so sag' ich nichts, sagt sie nichts – so will ich nicht fragen. Ach was, Stefan ist ein guter Knecht, selbst das Reden besorgt er für die Bäuerin. Die Felder hat die Bäuerin verkauft, eine Pußta in der Ebene hat sie sich gekauft, und fertig. Hordubal trinkt und wackelt mit dem Kopf; das Luderzeug brennt, aber man wird sich daran gewöhnen. Stefan – scheint ein guter Junge zu sein; kennt sich in Pferden aus und hat Hafia gern; und was Polana anbelangt – auch die Frau wird sich gewöhnen, und es wird von selber kommen, was kommen soll. Eh, Pjosa, wie steht's mit der Deinigen – ist sie manchmal wunderlich? Nun, wirst sie halt verprügeln, aber Polana, die ist – wie eine Edelfrau, Andrej: so ist's. Klug ist sie, fleißig und sauber – Gott sei gelobt. Ei wahr, doch wunderlich ist sie. Und hält sich, Bruderherz, wie keine andre im ganzen Ort. Ich versteh's nicht mit ihr, Husar. Wie der Wind hätte ich ins Haus fahren sollen und sie herumwirbeln, daß ihr die Puste ausgegangen wäre. So wird's gemacht, Andrej. Aber ich – siehst du, es ging nicht: erschrocken ist sie, als wär' ich ein Gespenst. Und Hafia ist auch irgendwie erschrocken. Du auch, Pjosa. Nun, da habt ihr mich, was kann ich tun? Wenn das Eis nicht birst, so schmilzt es langsam. Dein Wohl, Andrej!

Andrej Pjosa, genannt der Husar, steht auf und geht zur Tür, als hätte er nichts gesehen; in der Tür dreht er sich um, schießt einen Blick zurück und stottert: »Willkommen daheim, Juraj!« Was bist du für ein Sonderling, Husar; als wenn du dich nicht zu mir setzen könntest – sollst nicht meinen, daß ich als Bettler heimgekehrt bin: ich hab' gute paar hundert Dollar – nicht einmal Polana weiß es noch. Sieh mal, Pjosa hat mich erkannt; nun denn, von selbst ist's gekommen, von selbst wird auch das übrige kommen, freut sich Hordubal; Jude, schenk mir noch eins ein!

Die Tür fliegt auf und ein Kerl kommt hereingestürmt wie Hochwasser – aber das ist ja Wasil Geritsch Wasilu, der beste Kamerad; ein Blick nur und schon auf den Tisch zu. Wasil! Juraj! Kratzen tut so ein Männerkuß und nach Tabak stinken, aber gut ist er, ech, du, Wasil!

»Willkommen, Juraj«, sagt er irgendwie besorgt, »und sag, wieso bist du gekommen?« »Und sag, du Esel, hätte ich dort sterben sollen?« lacht Hordubal. »Je nun«, sagt Geritsch ausweichend, »den Bauern geht's jetzt nicht gut. Gesund, was? Gott sei bedankt, wenigstens für das.« Wunderlich bist du, Wasil, sitzt nur auf dem halben Hintern und schüttest das Gläschen ritsch ratsch in dich hinein. Was gibt's Neues? Nun, der alte Kekertschuk ist gestorben, in der Karwoche, Gott schenk' ihm die ewige Ruhe, und am Sonntag hat der junge Horolenko die Tochter vom Michaltschuk geheiratet; im vorigen Jahr hat uns der Teufel die Klauenseuche beschert ja, Juraj, mich hat man hier zum Dorfschulzen gemacht, Biro bin ich, hab' lauter Ärger davon, das kannst du dir denken. – Das Gespräch stockt, Wasil Wasilu weiß gleichsam nicht, was er erzählen soll; er erhebt sich und hält Juraj die Pranke hin: »Gott helf dir, Juraj; ich muß schon gehen.«

Juraj lächelt und dreht das Glas in den schweren Fingern. Wasil ist nicht mehr so wie früher, ach, Herrgott im Himmel, was hat der saufen können, daß die Fenster klirrten; aber er ist gekommen und hat mich geküßt – der Kamerad. Gott helf dir, Juraj; was hast du denn, steht es mir vielleicht an der Nase geschrieben, daß mir die Heimkehr nicht gelungen ist? Wahrlich nicht gelungen, aber das kommt noch; langsam, langsam werde ich heimkehren, jeden Tag ein Stückchen näher, und sieh da, auf einmal werde ich zu Hause sein. Ich hab' Geld, Wasil; kann mir ein Feld kaufen, und Kühe, zwölf Kühe, wenn ich will; werde sie selber auf die Weide treiben, meinetwegen bis nach Volov Chrbat, mit zwölf Glöckchen werden sie am Abend läuten, und Polana wird flink gelaufen kommen und das Tor aufmachen, wie ein Mädel. – In der Schenke herrscht Stille, der Jude schlummert hinterm Pult, nun, so eine Einsamkeit tut wohl; der Kopf dreht sich, dreht sich, aber das bringt Ordnung in die Gedanken, Kamerad. Im Schritt und langsam heimkehren, wie eine Herde heimkehrt; oder aber wie ein Gespann herantoben, im Sturm in den Hof rasen, daß die Funken stieben – hoch dastehen, hoch die Zügel halten und herunterspringen – da bin ich, Polana, und jetzt laß ich dich nicht los; hoch auf meinen Händen trag' ich dich nach Hause und drücke dich fest an mich, daß dir der Atem vergeht. Zart bist du, Polana. Acht Jahre, acht Jahre habe ich an dich gedacht; und erst jetzt komme ich zu dir. Hordubal beißt die Zähne aufeinander, seine Gesichtsmuskeln schwellen an. Hüh, wilde Rösser, hüh! Polana soll sehen – ihre Knie werden beben vor Schrecken und Freude, sie soll sehen: der Mann kommt zurück.

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