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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20150225
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IV

Juraj richtet sich auf und trocknet den Schweiß. Ja, das ist wahrlich eine andere Arbeit und ein anderer Duft als dort unten im pit; feines, pechiges Holz hat Polana, keine Baumklötze, kein Dürrholz, Entengeschnatter, schreiend watscheln Gänse vorüber, ein Wagen rattert im Galopp heran und biegt triumphierend in das Gäßchen. Polana kommt aus dem Schuppen gelaufen und eilt, eilt (ach, Polana, du trabst ja wie ein Mädchen), reißt das Hoftor weit auf. Wer ist denn das, wer kommt denn da zu uns hereingefahren? Ein Peitschenknall, hüh, hoch fliegt goldener, warmer Staub, in den Hof rast ein Gespann, ein Leiterwagen rasselt und auf ihm steht fein nach magyarischer Art ein Mann, hält die Zügel hoch, hoch singt er: brr, springt vom Wagen herunter und schlägt die Pferde mit der flachen Hand auf den nassen Hals.

Vom Tor nähert sich Polana, bleich und gleichsam entschlossen: »Das ist Stefan, Juraj, Stefan Manya.« Der über die Stränge gebeugte Mensch richtet sich heftig auf und wendet sich gegen Juraj. Wie schwarz du bist, wundert sich Hordubal. Herrgott, so ein Rabe!

»Er hat hier als Knecht gedient«, ergänzt Polana hart und deutlich.

Der Mann murmelt etwas und bückt sich über die Stränge, hakt die Pferde von der Deichsel los und führt sie heraus, er hält beide mit der einen Hand am Maul und reicht die andere unvermittelt Hordubal. »Willkommen daheim, Bauer.«

Hordubal wischt rasch seine Hand an der Hose ab und reicht sie Stefan; er fühlt sich verwirrt und irgendwie sehr geschmeichelt, wird ganz verlegen, brummt etwas und schüttelt Stefan noch einmal auf amerikanische Art die Hand. Stefan ist nicht groß, aber stramm; er reicht Juraj nur bis zu den Schultern, schaut ihm aber dreist und brennend in die Augen.

»Schöne Pferde«, brummt Hordubal und will ihnen über die Nüstern streichen; aber die Pferde bäumen sich und beginnen zu tanzen.

»Achtung, Herr«, warnt Manya und in seinen Augen blitzt es spöttisch auf. »Es sind Ungarrösser.«

O du Schwarzer, meinst wohl, ich kenne mich nicht mit Pferden aus? Naja, wahrlich nicht, aber die Pferde werden sich an den Gazda gewöhnen.

Die Pferde reißen die Köpfe hoch, gleich werden sie ausschlagen: die Hände in die Taschen, Hordubal, und nicht gezuckt, sonst glaubt der Schwarze gar, du fürchtest dich.

»Das ist ein Dreijähriger«, sagt Manya, »von einem Militärhengst, o-o-oj«, und er zerrt das Pferd am Maul, »c-c-c! Geh, du Teufel! Ajda!« Das Pferd schleppt ihn hin und her, aber Stefan lacht nur; Polana tritt zu dem Pferd und reicht ihm ein Stück Brot. Stefan blitzt sie mit Zähnen und Augen an und hält das Pferd an der Zaumkette fest. »Ej, du! S-s-s!« Es sieht aus, als würde er das Pferd in den Boden rammen, die Anstrengung zischt ihm durch die Zähne; das Pferd steht mit herrlich gerecktem Hals da und schnappt mit den Lippen nach Polanas Hand. »Hüh«, ruft Manya und trabt mit den Pferden, an ihren Köpfen hängend, in den Stall.

Polana schaut ihnen nach. »Vier Tausender bietet man für den Hengst«, sagt sie lebhaft, »aber ich gebe ihn nicht her, Stefan sagt, acht ist er wert. Die Stute werden wir im Herbst beschälen –«

Na, weiß der Teufel, warum sie plötzlich stockt, als habe sie sich in die Zunge gebissen. »Muß ihnen das Futter bereitstellen«, sagt sie und zögert, weiß nicht, wie wegzugehn.

»So, so, das Futter«, nickt Juraj. »Ein feines Pferdchen, Polana; und zieht es auch gut?«

»Der ist für den Wagen zu schade«, sagt Polana gereizt. »Das ist kein Bauernpferd.«

»Nun eben«, zwingt sich Hordubal zu sagen. »Wahr, es wär' schade darum, so ein Kerl. Schöne Pferde hast du, Seelchen, eine Freude, sie anzusehn.«

Da tritt schon Manya mit zwei Leinwandeimern aus dem Stall, um Wasser zu holen. »Achttausend kriegt man für den, Bauer«, sagt er zuversichtlich. »Und die Stute sollte man im Herbst beschälen lassen. Ich hab' einen Hengst für sie versprochen, ej, einen Satan!«

»Brutus oder Hegüs?« wendet sich Polana auf halbem Weg um.

»Hegüs. Brutus ist zu schwer.« Manya zeigt die Zähne unter dem schwarzen Bärtchen. »Ich weiß nicht, wie Ihr es haltet, Bauer, aber ich gebe nicht viel auf schwere Pferde. Kraft haben sie, aber kein Blut, Herr. Kein Blut.«

»Nun ja«, sagt Hordubal unsicher. »Es ist schon so mit dem Blut. Und die Kühe, wie steht's damit, Stefan?«

»Kühe?« staunt Stefan. »Aha, Ihr meint die Kühe. Ja – ja, die Bäuerin hat zwei Kühe, wegen der Milch, sagt sie. Ihr seid noch nicht im Stall gewesen, Herr?«

»Nein, ich – weißt du, ich bin vor einer Weile gekommen«, sagt Hordubal und wird verlegen; je nun, der Haufen Schnittholz läßt sich nicht ableugnen; aber gleichzeitig freut es ihn, daß er Stefan so glücklich zu duzen begonnen hat, wie ein Gazda den Knecht. »Ja«, sagt er, »eben wollte ich hin.«

Stefan führt ihn dienstfertig, die Wassereimer tragend. »Wir haben dort – die Bäuerin hat dort ein neues Füllen, drei Wochen alt, und eine trächtige Stute; es sind zwei Monate her, da war sie beim Beschälen. Da hinein, Herr. Der Wallach da ist schon halb verkauft, zweieinhalbtausend, Herr. Ein gutes Roß, aber ich muß den Dreijährigen einspannen, der braucht das Laufen. Er will nicht stehen.« Manya bleckt wieder die Zähne. »Der Wallach kommt zum Militär. Alle Pferde von uns sind zum Militär gegangen.«

»Ja, ja«, sagt Juraj. »Nun, sauber hast du's hier. Und du, Stefan, bist beim Militär gewesen?«

»Bei der Kavallerie, Herr«, Manya zeigt seine Zähne und tränkt den Dreijährigen. »Seht doch, Bauer, dieser trockene Kopf, dieser Hintern – eida! na also, c-c-c, – Vorsicht, Herr! och, so ein Räuber«, sagt er und schlägt das Pferd mit der Faust auf den Hals. »Ach, Herr, das ist ein Pferd!«

Hordubal fühlt sich nicht heimisch in der scharfen Ausdünstung des Pferdestalls; ja, Bruder, da riecht ein Kuhstall ganz anders, nach Mist und Milch, nach Weide und Heimat – »Wo hast du das Füllen?« fragt er.

Das Füllen ist noch kraushaarig und saugt gerade, man sieht nichts wie lauter Beine; die Stute wendet den Kopf und die klugen Augen Hordubal zu: Na, wer bist denn du? Juraj taut auf und streichelt den Schenkel der Stute; er ist warm und glatt wie Samt.

»Eine gute Stute«, sagt Stefan, »aber schwer. Die Bäuerin will sie verkaufen – Ihr wißt ja, Herr, ein Bauer kann die Pferde nicht bezahlen, und beim Militär wollen sie nur heißes Blut. Kühle Pferde bewähren sich nicht. Besser ein gleichartiger Stall«, meint Stefan. »Ich weiß nicht, wie Ihr darüber denkt, Herr –«

»Nun, Polana versteht sich darauf«, brummt Hordubal schwankend. »Und Ochsen, Ochsen hat Polana keine?«

»Wozu Ochsen, Herr?« sagt Manya verächtlich. »Fürs Feld genügt die Stute und der Wallach – Fleisch wird schlecht bezahlt. Da wäre schon eine Bagaunerzucht besser – habt Ihr gesehen, was für einen Eber die Bäuerin hat? Sechs Säue und vierzig Spanferkel. Spanferkel finden immer ihre Käufer, von weither kommen die Schweinehändler zu uns. Säue wie die Elefanten, schwarzer Rüssel, schwarze Hufe –« Hordubal nickt bedenklich: »Und die Milch – wo schafft ihr die Milch für sie her?«

»Von den Bauern, bitte schön«, lacht Manya. »Eh du, möchtest unsern Eber auf deine schmutzige Sau hetzen? So ein verläßliches Eberchen gibt's in der ganzen Gegend nicht. Wieviel Kannen Milch, wieviel Sack Kartoffeln gibst du dafür? – Je nun, Herr, überflüssig, sich hier zu schinden. Gar weit zur Stadt, schlechter Verkauf. Dummes Volk, Herr. Züchtet alles nur fürs eigne Maul. Die sollen nur hergeben, wenn sie nicht zu verkaufen verstehen.«

Hordubal nickt unbestimmt. Wahr, wahr, wenig hat man hier verkauft, höchstens noch Gänse und Hühner. – Nun ja, das da ist halt eine andere Welt; Polana weiß sich Rat, alles was recht ist.

»Man soll weit verkaufen gehn«, räsoniert Stefan, »und nur das, was sich lohnt. Wer würde mit einem Klumpen Butter auf den Markt laufen? Man sieht's dir an der Nase an, daß du nichts hast, nun, so laß halt etwas nach oder scher dich zum Teufel.«

»Und wo bist du her?« staunt Juraj.

»Von da unten, aus Rybáry, kennt Ihr es, Herr?«

Hordubal kennt es nicht, aber er nickt: so, so, aus Rybáry; was würde so ein Gazda nicht kennen?

»Eine andere Gegend, Herr, reich, und was für eine Ebene! Zum Beispiel unser Sumpf – die ganze Krivá ginge dort hinein wie ein Schnappmesser in die Tasche; und das Gras, Herr, Gras bis an die Brust.« Manya macht eine geringschätzige Geste. »Ech, eine lausige Gegend hier, man ackert und dreht nur die Steine herum. Bei uns, wenn man einen Brunnen gräbt, gibt's lauter schwarze Erde.«

Hordubal schaut finster auf. Was weißt denn du, du Tatare, – ich, ich habe hier geackert und Steine gewendet; aber dafür diese Wälder, Herrgott im Himmel, und diese Weiden! Mißmutig verläßt Juraj den Stall. Lausige Gegend, hat er gesagt – warum, zum Teufel, schleichst du dich dann hier ein? Geht es hier etwa den Herden schlecht? Nun, Gott sei gelobt, jetzt eben ist die Stunde der Herden; schon klingeln sie drunten im Tal und läuten am Dorfrand den Abend ein; heisere, tiefe und langsame Glocken, langsam wie der Gang der Kühe; nur die hohen Glöckchen der Kälber beeilen sich kopfüber – nu, nu, auch du wirst mal eine Kuh und wirst ernst und schwer einherschreiten wie die Herde, wie wir. Das Herdengeläute nähert sich und Juraj möchte den Hut abnehmen wie beim Abendläuten, Vater unser, der Du bist im Himmel; wie ein Strom wälzt sich das Läuten heran, teilt sich in schwere Tröpfchen, ergießt sich über das ganze Dorf; eine Kuh um die andre trennt sich von der Herde ab und trottet ihrem Stall zu, Duft von Staub und Milch, Bimbam im Tor, und mit nickenden Köpfen treten zwei Kühe in Hordubals Hof, Tiere, weise und friedlich, und schreiten auf die Stalltür zu. Hordubal atmet tief auf: nun, auch ich bin schon daheim, gelobt seist Du, o Herr; das ist die Heimkehr. Das Abendgeläute der Herden zerstreut sich im Dorf und verklingt, eine Fledermaus jagt im Zickzack auf den Spuren der Kühe die Fliegen, guten Abend, Gazda; aus dem Stall meldet sich mit gedehntem Muhen eine Kuh. Nu, nu, ich komm schon. Im Finstern betritt Juraj den Stall, befühlt die Hörner, die harte und zottige Stirn, das feuchte Maul und die Nüstern, die weich gefältelte Haut am Hals; ertastet Blechtopf und Dreibein, setzt sich zu dem vollen Euter und melkt Zitze um Zitze, bis die Milch in den Blechtopf rinnt; dünn und halblaut beginnt Juraj zu singen.

In der Stalltür wird eine dunkle Gestalt sichtbar. Hordubal singt nicht weiter. »Ich bin's, Polana«, brummt er entschuldigend. »Damit das Vieh sich an mich gewöhnt.«

»Kommst du zum Abendessen?« fragt Polana.

»Wenn ich gemolken habe«, sagt Hordubal aus dem Dunkel. »Stefan wird mit uns essen.«

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