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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/capek/hordubal/hordubal.xml
typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20150225
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Drittes Buch

Verhandlung gegen Stefan Manya, sechsundzwanzigjähriger Knecht, ledig, reformierter Konfession, und gegen Polana Hordubal, geborene Durkota, Witwe, einunddreißig Jahre, römisch-katholischer Konfession, wegen Meuchelmordes, begangen an Juraj Hordubal, Gazda in Krivá, gegebenenfalls wegen Mitschuld an der Ermordung des Juraj Hordubal.

Angeklagter, stehn Sie auf. Sie haben soeben die Anklageschrift vernommen. Fühlen Sie sich schuldig im Sinne der Anklage?

Der Angeklagte fühlt sich unschuldig. Er hat Juraj Hordubal nicht getötet, er hat in jener Nacht daheim in Rybáry geschlafen. Das Geld hinter dem Balken – das hat er vom Gazda bekommen, angeblich als Mitgift, wenn er Hafia heiraten würde. Den Glaserdiamanten hat er nicht gekauft. Zu der Bäuerin hat er keine intimen Beziehungen gehabt. Sonst hat er nichts auszusagen.

Die Angeklagte fühlt sich unschuldig. Über den Mord weiß sie nichts, erst am Morgen –. Auf die Frage, wie sie von Juraj Hordubals Tod erfahren habe: sie habe nur das zerbrochene Fenster gesehen. Zu dem Knecht hat sie keine Beziehungen gehabt. Den Glaserdiamanten hat der Gazda selbst vor Jahren gekauft. Der Mörder muß durch das Fenster gekommen sein, weil die Hoftür die ganze Nacht verriegelt gewesen ist.

Hierauf setzt sie sich, bleich, unschön, hochschwanger: wegen dieser Schwangerschaft mußte die Verhandlung beschleunigt angesetzt werden.

Und der Prozeß wälzt sich weiter mit der unerbittlichen Routine der Justizmaschine. Protokolle und Gutachten werden verlesen, Papier raschelt, die Geschworenen gebärden sich, als verfolgten sie andächtig und voll Verständnis jedes Wort, das auf dem Amtspapier geschrieben steht. Die Angeklagte sitzt unbewegt wie eine Puppe, nur ihre Augen irren unruhig hin und her. Stefan Manya trocknet von Zeit zu Zeit seine Stirn und strengt sich an zu verstehen, was da vorgelesen wird: wer weiß, was für eine Schlinge es enthält, wer weiß, was die hochmächtigen Herren da herausschälen werden; und mit höflich gesenktem Kopf horcht Manya zu und bewegt die Lippen, als wiederholte er jedes Wort.

Der Gerichtshof eröffnet das Zeugenverhör.

Aufgerufen wird Wasil Geritsch Wasilu, Dorfschulze aus Krivá, ein hoher, breitschultriger Bauer. Er war einer der ersten, welche die Leiche gesehen haben. Es ist wahr, hat er gesagt, daß dies Heimarbeit ist. Warum? Der Vernunft nach, bitte schön. Und ist Ihnen bekannt, Geritsch, daß Polana Hordubal Beziehungen zu Stefan Manya gehabt hat? Es ist mir bekannt. Hab's ihr selber vorgeworfen, ehe Juraj zurückgekommen ist. – Und hat Hordubal die Frau schlecht behandelt, wie? – Verprügeln hätte er sie sollen, hoher Herr, erklärte Wasil Geritsch Wasilu, ihr den Teufel austreiben. Nicht einmal sattessen hat sie sich Juraj lassen. – Hat sich Hordubal vielleicht über seine Frau beschwert? – Nicht beschwert, bloß den Leuten ausgewichen ist er; vor Kummer eingegangen ist er wie eine Kerze.

Polana sitzt aufrecht und starrt ins Leere.

Der Gendarmeriewachtmeister Gelnaj sagt im Sinne der Anklage aus. Er deutet auf die betreffenden Gegenstände: ja, dies ist das Fenster aus Hordubals Stube, hier ist auf der Innenseite der Diamantenritzer. An jenem Tag war es kotig, unter den Fenstern war eine Wasserlache; aber in der Stube war keinerlei Kotspur und im Fensterrahmen war der Staub nicht verwischt worden. Ist es möglich, daß ein erwachsener Mensch durch diese Öffnung schlüpft? Unmöglich; da müßte wenigstens der Kopf hindurchgehen, – er geht nicht.

Verhört wird der Gendarmerieaspirant Biegl; er steht wie beim Rapport und glänzt vor Eifer. Er sagt genau im Sinne der Anklage aus. Den Diamanten hat er in dem versperrten Schrank gefunden: die Hordubal wollte den Schlüssel nicht ausliefern, sie habe ihn verloren. Er hat den Schrank erbrochen und auch den Schlüssel dazu später auf dem Boden eines Hafereimers gefunden. Er hat auch in Rybáry Hordubals Dollars gefunden. Und noch etwas habe ich mir mitzubringen gestattet, Herr Vorsitzender, meldet Biegl mit erhobener Stimme und wickelt etwas aus einem Taschentuch heraus. Er habe es erst gestern gefunden, als man Manyas Misthaufen ausräumte. Man hatte es in die Senkgrube geworfen.

Biegl legt auf den Tisch vor den Herrn Vorsitzenden einen dünnen, etwa fünfzehn Zentimeter langen, spitzigen Gegenstand von ovalem Querschnitt. – Was ist das? – Eine Korbflechternadel, bitte, die immer bei Manya war und am Tage des Mordes verschwunden ist. – Biegl zuckt mit keiner Wimper, genießt nur seinen Triumph und labt sich an dem allgemeinen Interesse. Fünf Wochen hat er diese elende Nadel gesucht, und da ist sie nun.

Angeklagter, kennen Sie diese Nadel?

Nein. Und Manya setzt sich, düster und trotzig.

Man hört den Doktor an. Er beharrt darauf, der Mord sei mit einem dünnen, spitzigen Gegenstand von ovalem Querschnitt ausgeführt worden. Wäre Hordubal erschossen worden, so müßte das Projektil im Fenster steckengeblieben sein, und es hat nicht darin gesteckt; und der Doktor erläutert ausführlich den Unterschied zwischen einer Schuß- und einer Stichwunde; außerdem müßte bei einem so kleinen Kaliber der Schuß aus unmittelbarer Nähe abgefeuert worden sein, so daß das Hemd und eventuell auch die Haut auf der Brust versengt sein müßte.

Kann die Wunde durch diesen Gegenstand verursacht worden sein?

Das kann sie. Man kann nicht mit Sicherheit sagen, daß sie es ist, aber dieser Gegenstand ist hinlänglich scharf und dünn, um eine solche Wunde zu erzeugen. Er würde sich sehr gut dazu eignen, schätzt der Doktor. Ja, und der Tod ist unmittelbar eingetreten. Und der jähzornige Doktor rennt weg, wie vom Teufel gejagt. Vernommen wird der Gefängnisarzt. Polana Hordubal ist allen Anzeichen nach im achten Monat der Schwangerschaft. – Angeklagte, sagt der Vorsitzende, Sie brauchen nicht aufzustehn. Wer ist der Vater des Kindes, das Sie unter dem Herzen tragen?

Juraj, flüstert Polana mit gesenktem Blick.

Hordubal ist zurückgekehrt, jetzt sind es fünf Monate. Von wem haben Sie das Kind?

Polana schweigt.

Der alte Manya verzichtet auf die Zeugenaussage; Stefan verbirgt das Gesicht in den Händen, der Alte schneuzt Tränen in ein rotes Taschentuch. Nebenbei, Manya, kennt Ihr diesen Gegenstand?

Der alte Manya nickt, ah, das ist unsere Nadel, die Nadel zum Korbflechten. Und er will sie gleich erfreut in die Tasche stecken. Nein, nein, Alter, die muß hier bleiben.

Auch Michal und Djula verzichten auf die Zeugenaussage. Marja Janosch wird vorgerufen. Wollen Sie Zeugnis ablegen? Ja. Ist es wahr, daß Ihr Bruder Stefan von Ihrem Mann verlangt hat, er solle Juraj Hordubal totmachen? Wahr ist es, bitte untertänigst; aber der Meinige – nicht um hundert Paar Ochsen, hat er gesagt. Hat Stefan ein Verhältnis mit der Bäuerin gehabt? Das wohl, hat sich selber zu Hause damit gebrüstet. Ein böser Mensch ist Stefan, hohes Gericht. Es war nicht gut, ihm das Kind zu verloben; Gott sei gelobt, daß es nicht dazu gekommen ist. – Und was, Zeugin, hat sich Ihr Bruder sehr gekränkt, als ihn Hordubal hinausgeworfen hat? Marja schlägt ein Kreuz: ach, mein Gott, wie der Teufel: nicht gegessen, nicht getrunken, nicht einmal geraucht hat er. – Die Zeugin entfernt sich und schluchzt in der Tür auf: er tut mir leid, hoher Herr – –, bitte untertänigst, darf ich diese Groschen für Stefan dalassen, zur Aufbesserung? – Nein, nein, Matuschka, er braucht kein Geld, gehn Sie mit Gott.

Janosch wird aufgerufen. Wollen Sie Zeugenschaft ablegen? Bitte, wie die Herren befehlen. Ist es wahr, daß Stefan von Ihnen verlangt hat, Sie sollen Hordubal den Tod bereiten? – Der Zeuge blinzelt verlegen. Es ist wahr, etwas hat er gesagt, ein Bettler bist du, Janosch, könntest Geld kriegen. – Und wofür das Geld? – Was weiß denn ich, bitte schön, solche dumme Reden. – Hat er Ihnen gesagt, Sie sollen Hordubal erschlagen? – Das wohl nicht, Euer Gnaden. Es ist schon lange her. Es war nur so die Rede von Geld – Stefan hat immer nur vom Geld geredet. Wozu soll ich solche Dummheit im Kopf herumtragen? Und daß ich ein Dummkopf bin. Ein Dummkopf, meinetwegen ein Dummkopf: an den Galgen wird es mich nicht bringen, Bruderherz. – Sind Sie nicht betrunken, Zeuge? – Bin ich, bitte schön, hab' ein Gläschen getrunken zur Kurasch, schwer zu reden mit den Herren.

Die Verhandlung wird auf morgen vertagt. Stefan sucht mit den Augen Polana, aber die Witwe Hordubals schaut so wie aus Bein geschnitzt, als wüßte sie nichts von ihm: knochig, unschön, schroff. Niemand sieht Stefan an, alle nur sie: was soll uns Stefan, so ein schwarzer Kerl! Ist es denn so selten, daß ein Mann den andern erschlägt? Aber das hier – die eigene Frau, bitte schön; was für ein Leben, himmlischer Herr, wenn man der eigenen Frau nicht vertrauen kann. Nicht einmal im Bett zu Hause sicher zu sein, ob man nicht wie ein Vieh abgestochen wird. Hordubals Witwe durchschreitet einen Gang des Hasses, der sich wie Wasser hinter ihr schließt. Eh, mit einem Beil hätte sie der Selige erschlagen sollen, wie einen Wolf, der sich im Eisen gefangen hat. Aufhängen soll man sie, sagen die Weiber. Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, wenn sie nicht gehängt wird. Geht doch, ihr Vetteln, brummen die Männer, Weiber werden nie gehängt, das weiß man doch; aber man sollte sie bis zum Tod einsperren. – Wenn die Frauenzimmer richten sollten, würden sie das Luder aufhängen. Hört, ich selber würde ihr den Strick um den Hals legen. – Schwatz nicht, Marika, das ist keine Weiberarbeit. Aber Stepka, den wird man gewiß auf den Galgen führen.

So, so, den Stepka; und er hat nur einen fremden Menschen erschlagen. Wenn ihr die Polana nicht aufhängt, werden dann nicht die Weiber ihre Männer erschlagen? Das würde mancher in den Kopf kriechen, – in der Familie, liebe Leute, im ehelichen Stande gibt es gar oft einen Grund dazu. Nein, nein, hängt sie nur auf. Und wie soll man sie hängen, wenn sie ein Kind trägt? Was für ein Kind, den Teufel selber wird sie gebären.

Als Zeuge wird Iwan Fasekasch, genannt Leca, aufgerufen. Er hat Polana mit Stefan stehen sehn an dem Tag, wo der Mord geschah, hinterm Bach ist es gewesen. Stefan Manya, leugnen Sie auch jetzt noch, daß Sie an jenem Tage in Krivá gewesen sind und mit Polana Hordubal gesprochen haben?

Ich bin nicht dort gewesen, bitte. Angeklagte, hat Manya hinterm Bach mit Ihnen gesprochen? Nein. Aber den Gendarmen haben Sie angegeben, Sie hätten gesprochen. Die Gendarmen haben mich gezwungen.

Juliana Warwarin sagt aus, die Nachbarin der Hordubal. Ja, sie hat Hordubal oft gesehen, er ist wie ein Körper ohne Geist herumgegangen. Polana hat ihm nichts zu essen gegeben, als er Stefan entlassen hatte, aber für den Knecht hat sie Hühner und Spanferkel gebraten. Sie ist täglich mit Manya schlafen gegangen, Gott möge sie nicht strafen, die Nachbarin spuckt aus, aber als Hordubal heimgekehrt war, wer weiß, wo sie sich mit dem Knecht getroffen hat; den Stall hat sie nicht mehr betreten. In der letzten Zeit wandelte Hordubal auch bei Nacht mit der Laterne herum, als hielte er Wache.

Hören Sie, Zeugin, Sie haben gesehen, wie Hordubal den Stefan über den Zaun geworfen hat. Hat Stefan dabei seinen Rock angehabt? Nein, nur in Beinkleidern und Hemd ist er gewesen. Und er ist ohne Rock weggegangen? Ja, bitte schön. Also mußte der Rock, den er angehabt hatte, mit seinen Sachen bei Hordubal bleiben? Stefan Manya, wann sind Sie nach Krivá zurückgekehrt, um diesen Rock zu holen?

Stefan erhebt sich und blinzelt unsicher.

Sie haben sich ihn geholt, in derselben Nacht, in welcher Juraj Hordubal ermordet wurde. Sie können sich setzen. Und der Staatsanwalt notiert triumphierend etwas.

Man führe die beiden Angeklagten ab, befiehlt der Vorsitzende. Als Zeugin wird Hafia Hordubal vorgerufen.

Man führt ein blauäugiges hübsches Mädchen herein; es herrscht atemlose Stille.

Fürchte dich nicht, Kleine, komm her, sagt väterlich der Vorsitzende. Wenn du nicht willst, brauchst du nicht auszusagen. Nun, willst du aussagen?

Das Mädchen blickt fragend, benommen auf die großmächtigen Herren in den Talaren. Willst du aussagen? Hafia nickt gehorsam. Ja.

Ist deine Mutter immer in den Stall gegangen, wenn Stefan dort war? Ja, jede Nacht. Hast du sie manchmal zusammen gesehen? Ja. Onkel Stefan hat sie einmal umarmt und ins Stroh gewälzt. Und der Gazda, der Vater, war er manchmal mit der Mutter zusammen? Nein, der Vater nicht, nur Onkel Stefan. Und als der Gazda aus Amerika zurückgekehrt war, war die Mutter auch dann mit dem Onkel zusammen? Hafia schüttelt den Kopf. Wieso weißt du das? Weil der Gazda zu Hause war, sagt das Kind erfahren und selbstverständlich. Onkel Stefan hat doch gesagt, daß er bei uns nicht bleiben wird, daß jetzt alles anders ist –

War der Gazda gut? Hafia zuckt verlegen die Achseln. Und Stefan? O je, Stefan war gut. War die Mutter brav zum Gazda? Nein. Und zu dir? Hatte sie dich gern? Sie hatte nur Onkel Stefan gern. Hat sie für ihn gut gekocht? Ja, aber er gab mir immer davon. Und wen hattest du am liebsten? Das Mädchen windet sich schamhaft. Onkel Stefan.

Und wie war das, Hafia, in der letzten Nacht, als der Vater starb. Wo hast du geschlafen? Bei der Mutter in der Kammer. Hat dich nicht etwas geweckt? Ja. Jemand hat an das Fenster geklopft und die Mutter ist auf dem Bett gesessen. Und weiter? Weiter nichts, die Mutter hat gesagt, ich soll schlafen, wenn ich keine Schläge kriegen will. Und du hast geschlafen? Ja. Und hast nichts weiter gehört. Nichts, nur daß jemand im Hof herumgegangen ist, und die Mutter war fort. Und wer da gegangen ist – das weißt du nicht? Das Mädchen macht erstaunt den Mund auf. No, Stefan. Mit wem sollte die Mutter sonst hinausgehen?

Eine furchtbare Stille herrscht in dem Saal, man atmet schwer. Ich verfüge eine Pause, sagt der Vorsitzende rasch und führt Hafia an der Hand hinaus. Bist ein braves Mädchen, brummt er, brav und vernünftig; aber sei froh, daß du nicht weißt, um was es sich handelt. Die Geschworenen durchsuchen ihre Taschen, um Hafia etwas zu schenken: sie drängen sich um sie herum, um ihr wenigstens das Haar zu streicheln.

Und wo ist Stefan? fragt Hafias Silberstimmchen. Da ist schon der dicke Gelnaj da, schnaubt und drängt sich zu Hafia durch: komm, Kleine, komm, ich bringe dich nach Hause. Aber in den Gängen drängen sich die Leute und stecken Hafia hier einen Apfel, dort ein Ei oder ein Stück Kuchen zu, schneuzen gerührt in ihr Taschentuch, die Weiber küssen sie und weinen reichlich; Hafia hält krampfhaft Gelnajs dicken Finger umschlossen und ist selbst nahe daran zu weinen; aber Gelnaj sagt, wein' nicht, ich kaufe dir Zuckerwerk, und das Mädchen beginnt vor Freude zu hüpfen.

Die Verhandlung schleppt sich weiter, manchmal hat es den Anschein, als schürzte sich ein Knoten, einige Hände müssen ihn entwirren. Es sagen aus: Pjosa, genannt der Husar, Alexa Vorobec Metru und sein Weib Anna und die Frau des Herpak, legen Zeugnis ab über dieses Weib hier, Polana Hordubal. Ach, gütiger Gott, es ist schier schandhaft, was die Leute alles über die Menschen zu sagen wissen; da braucht Gott nicht zu richten, die Menschen richten selber. Und zur Zeugenaussage meldet sich der Hirte Mischa. Treten Sie näher, Zeuge. Wie alt seid Ihr?

Was?

Wie alt Ihr seid, Mischa.

Ah, ich weiß nicht. Was liegt daran? Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Hordubal läßt euch verkünden, daß sein Weib brav und treu gewesen ist.

Halt, Mischa, wieso läßt er das verkünden? Wann hat er es Euch gesagt?

Was?

Wann er es Euch gesagt hat, Mischa?

Ah, wann. Nun, ich weiß nicht. Geregnet hat es damals. Er hat mir befohlen, sag du's ihnen, Mischa, dir werden sie glauben.

Gott mit Euch, Alter, mit so was seid Ihr bis von Krivá hergekommen?

Was?

Ihr könnt gehen, Mischa, nicht nötig zu schwören. Wir brauchen Euch nicht mehr.

Ah, danke ergebenst. Gelobt sei Jesus Christus.

Der Glaser Farkasch sagt aus. Den Glaserdiamanten hat Manya Stefan bei mir gekauft. Und Sie erkennen ihn? Wie sollte ich ihn nicht erkennen, hier dieser ist es, der gelbe. Manya, stehen Sie auf: gestehen Sie, daß Sie diesen Diamanten bei dem Glaser Farkasch gekauft haben? Ich gestehe nicht. Sie können sich setzen, Manya, aber so werden Sie sich nicht helfen.

Es sagen aus: die Frau des Baran, die Frau des Hryc, die Frau des Fedor Bobal. Eh, Polana, welche Schande: mit den Fingern weisen sie auf dich, deine Unzucht klagen sie an, Frauen steinigen die Ehebrecherin. Niemand mehr sieht Stefan Manya, vergebens verbirgst du mit den gekreuzten Armen den schwangeren Leib, deine Sünde wirst du nicht verdecken; Stefan hat getötet, du aber hast gesündigt. Seht doch die Schamlose, sie senkt nicht einmal das Haupt, sie weint nicht, sie schlägt nicht die Stirn an die Erde, sie sieht drein, als wollte sie sagen, redet nur, redet, was liegt mir daran. – Angeklagte, haben Sie zu der Zeugenaussage der Marta Bobal etwas zu bemerken?

Nein. Und sie neigt nicht den Kopf, errötet nicht vor Schande, versinkt nicht vor Scham in den Boden – wie eine Säule.

Keine Zeugen mehr? Gut, die Verhandlung wird bis morgen unterbrochen. Aber diese kleine Hafia hat fein ausgesagt, nicht wahr? So ein Kind, Herr Kollege, und was es schon alles gesehen hat. Furchtbar, furchtbar. Und trotzdem ihre Aussage wie das Rieseln eines klaren Bächleins. Eine solche Selbstverständlichkeit in allem – als wenn das, was sie da geschildert hat, nichts Böses wäre. Aber dafür ist das ganze Dorf gegen Polana. Schlimm steht es um Polana; um Stefan freilich auch, aber was bedeutet Stefan – eine Nebenfigur. Ja, ja, das Dorf hat begriffen, daß es sich hier um eine Sache der Moral handelt, Herr Kollege: man könnte sagen, die Gemeinde rächt sich für die verletzte Ordnung. Seltsam, das Volk nimmt doch in der Regel dies und das, was sich so in der Familie begibt, nicht so streng, nicht wahr? Es scheint, daß Polana nicht nur Ehebruch, sondern etwas Schwereres begangen hat. Was, meinen Sie? Je nun, öffentliches Ärgernis; dadurch hat sie sich den Fluch des Dorfes zugezogen.

Verflucht werde Polana. Habt ihr alle gesehen, wie sie den Kopf gereckt hat? Daß sie sich nicht schämt! Sie hat noch dazu gelächelt, als Fedor Bobals Frau erzählte, daß ihr die Weiber die Fenster einschlagen wollten, für ihre Unzucht. Jawohl, den Kopf noch höher gereckt und gelächelt, als hätte sie auf etwas stolz zu sein. Eh, geht, Gevatter, da möcht' ich sie doch selber sehen wollen: ist sie wenigstens hübsch? Hübsch – daß Gott mich nicht strafe! Die muß den Stefan verzaubert haben, sage ich, die Augen muß sie ihm getrübt haben: mager, sage ich, und die Augen – nur stechen mit ihnen; böse muß die gewesen sein, sag' ich. Aber das Kind, hört ihr, wie ein Bildchen; wir haben alle geweint, – wenn man bedenkt, eine Waise! Und seht ihr, nicht einmal vor dem Kindchen hat sich die Person geschämt, vor der eigenen Tochter hat sie Unzucht getrieben. Nun ja, ein Satan, sage ich. Da muß ich sie mir auch anschaun gehn, Gevatter.

Laßt uns, laßt uns hinein, wir wollen die Schamlose sehn. Ah was, wir drängen uns schon zusammen, wie in der Kirche werden wir stehen, laßt uns nur hinein. Leute, drängt nicht so, werdet mit den Pelzen den hohen Gerichtshof verpesten. Weg von dieser Tür! Seht doch, die Magere, die dort, die so gerade sitzt, das ist sie. Wahrhaftig, wer würde das von ihr sagen? Sieht aus wie irgendein Weiblein. Und wo ist Stefan? Ah, von dem sieht man nur die Schultern, und der, welcher aufsteht, der große im Talar, das ist der Staatsanwalt selbst. Stille, stille, jetzt werdet ihr was hören.

Meine Herren Geschworenen, ich habe Ihnen die Umstände wiederholt, wie sie dank der musterhaften Arbeit der Sicherheitsorgane (Biegl im Auditorium stößt Gelnaj in die Seite) festgestellt worden und wie sie aus den Zeugenaussagen hervorgegangen sind. Ich möchte an diesem Orte beiden Teilen meinen Dank ausdrücken. Meine Herren, während meiner langen gerichtlichen Laufbahn habe ich noch keinen Prozeß gesehen, wo die Zeugenaussagen von einer so tiefen, so leidenschaftlichen Anteilnahme an dem Wirken der Gerechtigkeit durchdrungen gewesen wären, wie in diesem Fall. Ein ganzes Dorf, die ganze Bevölkerung von Krivá, Männer, Frauen und Kinder sind vor Sie getreten, nicht nur um Zeugnis abzulegen, sondern um vor Gott und den Menschen eine ehebrecherische Frau anzuklagen. Nicht ich im Namen des Gesetzes, sondern das Volk selbst ist der Ankläger. Nach dem Buchstaben des Gesetzes werden Sie ein Verbrechen richten. Nach dem Gewissen dieses Gottesvolkes werden Sie eine Sünde richten.

Der Staatsanwalt ist sich seiner Sache sicher, aber in diesem Augenblick zögert er. (Was rede ich da von Sünde? Richten wir die Seele eines Menschen, oder nur seine Taten? Es ist wahr – nur die Taten – aber entspringen die Taten nicht der Seele? Halt, Vorsicht, Achtung auf Sackgassen! Der Fall ist doch so klar –.)

Hohes Schwurgericht, der Fall, über den Sie urteilen werden, ist klar, geradezu erschreckend klar in seiner Einfachheit. Sie haben hier nur drei Personen. Die erste davon ist der Gazda, Juraj Hordubal, ein schlichter Mensch, gutmütig, vielleicht ein wenig schwachen Verstandes. Er rackert sich in Amerika ab, verdient fünf bis sechs Dollars täglich und schickt davon vier seiner Familie, seiner Frau, damit sie besser leben kann. Die Stimme des Staatsanwalts nimmt eine seltsame, kehlige Schärfe an. Und von diesem blutverdienten Gelde bezahlt sich diese Frau einen jungen Knecht, welcher sich nicht ekelt, der ausgehaltene Liebhaber eines alternden Weibes zu werden. Was tut Stefan Manya nicht um des Geldes willen? Er zerstört das Heim des Emigranten, entfremdet die Mutter dem Kinde, und als ihn seine Geliebte dazu anstiftet, erschlägt er den schlafenden Gazda um eines Säckchen Dollars willen. Welch ein Verbrechen – welch eine Sünde des Geizes! (Der Staatsanwalt hält inne. Verbrechen, nicht Sünde. Hier ist kein Gottesgericht.)

Und dann ist hier – diese Frau. Wie Sie sie sehen, kühl, berechnend, hart. Zwischen ihr und dem jungen Knecht kann keine Liebe sein, nicht einmal sündige Liebe; nur Unzucht, nur Sünde, nur Sünde – sie hält sich ein Werkzeug ihrer Begierden aus, sie verhätschelt ihn, kümmert sich nicht mal um ihr Töchterchen. Gottes Finger rührt sie an: in ihren Sünden wird sie schwanger. Und da kommt der Gazda aus Amerika zurück, Gott selbst sendet ihn, um den Ehebruch in seinem Hause zu bestrafen. Aber Juraj ist ein Schwächling: niemand unter uns, keiner der Männer, hoffe ich, würde das erdulden, was dieser geduldige und schwachsinnige Gatte schweigend ertragen hat, er, dem vielleicht nur mehr daran gelegen war, im Hause Ruhe zu haben. Aber mit seiner Heimkehr hat die Dollarflut aufgehört; die Bäuerin hat nichts mehr, wodurch sie die Gunst des jungen Tunichtguts aufrechterhalten könnte. Stefan Manya verläßt den Sündendienst; und da bietet ihm der unbegreifliche Schwächling Hordubal, zweifellos auf Drängen seiner Frau, selber die Hand seiner Tochter an, bietet ihm Geld und einen Gutshof dafür an, daß er heimkehre . . .

Der Staatsanwalt verspürt in der Kehle ein würgendes Unbehagen von Ekel. Und nicht genug daran. Es scheint, daß Stefan ihn erpreßt und bedroht. Da hat auch dieser geduldige Schwächling endlich genug davon und wirft den dreisten Mitesser hinaus. Aber von diesem Augenblick an hat er Angst um sein Leben, sucht irgendwo jenseits der Berge Arbeit, macht nachts mit der Laterne die Runde und wacht. Aber der Mordplan ist fertig: der alte Bauer ist dem geilen Weib und dem geldgierigen Knecht zu sehr im Wege; Unzucht und Geiz haben sich gegen ihn verbündet. Der Alte ist krank und kann das Haus nicht bewachen, kann sich nicht wehren; am nächsten Morgen findet man ihn mit durchbohrtem Herzen, im Schlaf ermordet.

Und das ist das Ende? Der Staatsanwalt wundert sich selbst darüber; er hatte einen glänzenden und beredten Abschluß vorbereitet, aber der scheint ihm in der Kehle steckengeblieben zu sein, und auf einmal, ritz, Schluß: er sitzt da und weiß nicht, wie das gekommen ist. Er blickt fragend auf den Vorsitzenden, es scheint, daß der ihm zustimmend zugenickt hat; die Geschworenen schlucken etwas hinunter, schnaufen durch die Nase und zwei weinen offensichtlich. Der Staatsanwalt atmet auf.

Manyas Advokat erhebt sich. Ein mächtiger Mensch, und ein Jurist von großem Namen. Der Herr Staatsanwalt hat sich am Schluß seiner wirksamen Rede auf Juraj Hordubals Herz berufen. Hohes Schwurgericht, erlauben Sie mir, mit diesem Herzen die Verteidigung meines Klienten zu eröffnen. Und schon geht es los, wie wenn eine Peitsche knallt: die Anklage selbst gestehe den Zwiespalt im Sachverständigenurteil ein. Ist Hordubals Herz durchbohrt oder durchschossen worden? War die Mordwaffe jene unscheinbare Nadel dort aus dem Besitz des Manya oder die Schußwaffe eines unbekannten Täters? Für meine Person möchte ich mich der Ansicht der hervorragenden wissenschaftlichen Autorität anschließen, welche mit absoluter Bestimmtheit von einer Schußwaffe kleinsten Kalibers spricht. Wohlan, meine Herren, falls Juraj Hordubal erschossen worden ist, dann ist nicht Stefan Manya der Täter – – Und so weiter: Schritt für Schritt zerzupft der berühmte Jurist die Anklage und schlägt mit der dicken Hand den Takt dazu. Es gibt keinen einzigen Beweis gegen meinen Klienten, es gibt nur Indizien. Ich appelliere nicht an die Gefühle des hohen Schwurgerichtes: ich bin überzeugt, daß auf Grund des Anklage- und Prozeßmaterials das Schwurgericht Stefan Manya nicht schuldig sprechen kann. Und der berühmte Jurist setzt sich siegesbewußt und mächtig.

Gleich als hätte man auf einen Knopf gedrückt, springt eine neue schwarze Figur empor, der Rechtsanwalt der Polana Hordubal, ein junger, schmucker Mensch. Es gibt keinen einzigen direkten Beweis gegen meine Klientin, daß sie an der Ermordung Juraj Hordubals beteiligt gewesen sei: es gibt nur Beweise, die aus den Begleitindizien, die aus dem hypothetischen Zusammenhang des Anklagefalles deduziert werden. Meine Herren Geschworenen, dieser Zusammenhang ist auf der Voraussetzung aufgebaut, daß Polana ein Interesse am Tode ihres Gatten besessen habe, das heißt, daß sie ihm untreu gewesen sei. Meine Herren, ich könnte sagen: wenn die eheliche Untreue ein hinreichendes Mordmotiv wäre, – wieviele Männer, wieviele Frauen hier in der Stadt, im Dorf in Krivá selbst wären noch am Leben? Das, bitte, lassen wir lieber beiseite; aber ich frage, wieso wissen wir um den Ehebruch der Polana Hordubal? Es ist wahr, das ganze Dorf ist hier vorbeidefiliert und hat gegen die angeklagte Frau ausgesagt. Meine Herren, denken Sie einmal nach: wer von uns ist sicher vor seinen Nächsten und Nachbarn? Wissen Sie etwa, oder Sie, was Ihre Umgebung über Sie erzählt? Vielleicht noch schlimmere Dinge als über dieses unglückliche Weib; keine Unbescholtenheit beschützt Sie vor falscher und ehrenrühriger Nachrede. Die Anklage hat sich keinen einzigen Zeugen erspart, der da Lust und Mut bekundete, eine wehrlose Frau zu schmähen –.

Ich verwahre mich dagegen, daß hier die Zeugen beleidigt werden, ruft der Staatsanwalt.

Das ist unstatthaft, sagt der Gerichtsvorsitzende. Ich muß bitten, daß es sich nicht wiederhole.

Das schmucke Männchen verbeugt sich knapp und höflich. Bitte. Man hat hier alle Zeugen einvernommen, die etwas gegen Polana Hordubal zu sagen hatten. Aber die Anklage hat es unterlassen, einen Zeugen über diese Frau, ich möchte sagen, den Kronzeugen vorzuladen. Dieser Zeuge ist der ermordete Juraj Hordubal.

Das schmucke Männchen schwenkt ein Schriftstück in der Luft. Meine Herren Geschworenen, zehn Tage vor seinem Tod hat Juraj Hordubal, Gazda aus Krivá, diesen letzten Willen niederschreiben lassen. Und darin, wie wenn er geahnt hätte, daß man seiner Stimme bedürfen werde, hat er (der junge Advokat liest mit hoher und erregter Stimme) folgendes zu schreiben geheißen: Mein gesamtes bewegliches und unbewegliches Vermögen vermache ich meinem Weibe Polana, geborene Durkota, für ihre Treue und eheliche Liebe. Hier bitte, meine Herren. – Für ihre Treue und eheliche Liebe. Das ist das Vermächtnis Juraj Hordubals, das ist seine Zeugenaussage. Wir haben hier die Aussage des Hirten Mischa gehört, Hordubal lasse Ihnen mitteilen, daß Polana ein braves und treues Weib gewesen ist. Ich gestehe, daß mich Mischas Aussage überrascht hat; sie klang für mich wie eine Stimme aus dem Jenseits. Hier haben Sie ein geschriebenes Zeugnis, das Zeugnis des einzigen Mannes, welcher Polana wirklich gekannt hat. Der Knecht Manya hat sich vor seiner Schwester gerühmt, daß er ein Verhältnis mit seiner Herrin habe. So sieht die Rede eines Knechtes aus, und so (mit einem Schlag der Hand auf das Schriftstück) sieht die Rede des Gatten vor Gott aus. Meine Herren, es steht bei Ihnen, wem von diesen beiden Sie glauben werden.

Der junge Advokat senkt nachdenklich den Kopf. Wird dadurch der Ehebruch meiner Klientin hinfällig, so entfällt damit auch jeglicher Beweggrund, daß sie sich ihres Mannes entledigen solle. Sie werden mir entgegenhalten, daß sie sich im achten Monat der Schwangerschaft befindet; aber meine Herren, ich kann Ihnen zahllose ärztliche Autoritäten anführen, die Ihnen beweisen, wie irrig die Altersbestimmung einer ungeborenen Leibesfrucht zu sein pflegt. Und das scharfsinnige Männchen leiert eine Reihe autoritärer wissenschaftlicher Ansichten herunter. Der erfahrene Advokat des Manya schüttelt den Kopf: damit hat er es verdorben, die Geschworenen haben wissenschaftliche Argumente nicht gern; aber das mit dem Testament war geschickt. Stellen Sie sich vor, meine Herren Geschworenen, daß Sie Polana Hordubal verurteilen und daß Juraj Hordubals Kind, das lebendige Vermächtnis der Treue und ehelichen Liebe, im Kerker geboren wird, gebrandmarkt als Kind einer Ehebrecherin. Bei allem, was uns heilig ist, warne ich Sie, meine Herren Geschworenen: begehn Sie keinen Justizirrtum an einem ungeborenen Kinde.

Das schmucke Männchen setzt sich und trocknet sich den Schweiß mit einem parfümierten Taschentuch. Gratuliere, Herr Kollege, dröhnt ihm der alte Tribunalkämpfer ins Ohr, nicht schlecht plädiert. Doch da erhebt sich der Staatsanwalt zur Replik.

Er ist rot und seine Hände beben. Wenn schon einem Kind kein Unrecht geschehen soll, dann bitte, stößt er heiser hervor. Herr Kollege Rechtsanwalt, hier hat das Kind des Juraj Hordubal, Hafia, ausgesagt. Ihre Aussage werden Sie wohl nicht (Faustschlag auf den Tisch) – üble Nachrede nennen. Ich hoffe es wenigstens. (Das schmucke Männchen verneigt sich und zuckt die Achseln.) Übrigens danke ich Ihnen, daß Sie uns das Testament Juraj Hordubals gebracht haben, das einzige, was uns hier gefehlt hat (der Staatsanwalt reckt sich empor, als wüchse er), um uns den Charakter dieser geradezu dämonischen Frau fertig zu zeichnen, welche – welche bereits den Plan ausgearbeitet hat, wie sie den stumpfen, gutmütigen Schwächling von Gatten töten wird – und dabei noch diesen letzten raffinierten Schlußpunkt für ihren Plan ersinnt: den Ärmsten zu zwingen, daß er ihr allein, nur ihr, alles vermache – und ihr noch eine Art moralisches Alibi ausstelle – für ihre Treue und eheliche Liebe! Und der gute Kerl geht gehorsam hin – damit auch kein Heller der kleinen Hafia zufalle, sondern ihr, Jesabel, damit sie sich einen Liebhaber aushalten, damit sie sich in ihrer Sünde herumwälzen kann. – Der Staatsanwalt erstickt an leidenschaftlicher Erbitterung: das ist kein Prozeß mehr, das ist in der Tat ein Gottesgericht über die Sünden der Welt; man hört, wie schwer das gläubige Volk da unten atmet. Und nun ist ein scharfes Licht auf den Fall Juraj Hordubal gefallen. Der gleiche zynische, berechnende, gefühllose Wille, der es verstanden hat, die Hand des Analphabeten Juraj zu veranlassen, drei Kreuze unter dieses furchtbare und belastende Testament zu zeichnen, der gleiche schauerliche Wille, meine Herren, hat die Hand Stefan Manyas – des Mörders geführt. Dieser kleine Dorfgigolo ist nicht nur ein Werkzeug der Unzucht gewesen – er ist auch das Werkzeug des Mordes geworden. Dieses Weib ist schuldig, schreit der Staatsanwalt und deutet mit heftigem Schwung auf sie. Das Testament hat sie überfuhrt, nur der Teufel selbst konnte einen so höllischen Hohn ersinnen – für ihre Treue und eheliche Liebe! Jesabel Hordubal, bekennen Sie endlich, Juraj Hordubal ermordet zu haben?

Polana erhebt sich, bleich, unförmig durch die Schwangerschaft, und bewegt lautlos die Lippen.

Nichts sollt Ihr ihnen sagen, Bäuerin, ertönt es rauh und hastig. Ich werde es ihnen selber sagen. Stefan Manya steht da, das Gesicht von seelischer Anstrengung verzerrt. Ho – Hohes Gericht, stottert er, und plötzlich entringt sich ihm ein unaufhaltsames Schluchzen.

Der Staatsanwalt beugt sich irgendwie überrascht in der Richtung zu ihm vor. Bitte, beruhigen Sie sich, Stefan. Der Gerichtshof wird Sie gerne anhören.

Ich – ich, schluchzt Stefan, ich wollte mich nur an ihm rächen – dafür – dafür – daß er mich über den Zaun geworfen hat – und daß die Leute gelacht haben – ich hab' ja nicht schlafen können – ich mußte ihm etwas antun – ich mußte mich rächen – darum bin ich hingegangen –.

Die Bäuerin hat Ihnen das Haus geöffnet? fragt der Vorsitzende.

Nein – die Bäuerin hat nichts – nichts hat sie gewußt. Ich bin am Abend – es war niemand zu sehen – der Gazda ist in der Stube gelegen – und ich auf dem Dachboden – und hab' mich dort versteckt –

Im Auditorium stößt Biegl aufgeregt Gelnaj in die Seite. Das ist ja nicht wahr, zischt er außer sich, er konnte nicht auf den Boden hinauf, die Tür war mit Kukuruz verschanzt. Ich bin gleich morgens dort gewesen, Gelnaj. Ich geh es ihnen sagen –

Bleib sitzen, zischt Gelnaj und zupft Biegl. Untersteh dich, du Esel.

Und in der Nacht, stottert Stefan, Nase und Augen trocknend, in der Nacht bin ich hinuntergestiegen – in die Stube – der Gazda hat geschlafen – und hab' mit dieser Nadel – sie wo – wollte nicht in ihn hinein – und er hat sich nicht gerührt – nicht gerührt – Stefan taumelt, ein Aufseher reicht ihm ein Glas Wasser vom Tisch des Vorsitzenden. Stefan trinkt dankbar und schluckend und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Und dann – hab' ich das Fenster herausgeschnitten und dem Gazda das Geld weggenommen – damit es aussah, als wenn Diebe – und – zurück auf den Boden – und durch die Luke hinunter. Stefan verschnaufte. Und dann hab' ich ans Fenster geklopft – bei der Bäuerin – daß ich meinen Rock holen komme.

Polana Hordubal, ist das wahr? Polana erhebt sich, die Lippen zusammengepreßt. Nein. Er hat nicht geklopft.

Die Bäuerin hat von nichts gewußt, stottert Stefan. Und es ist nicht wahr, daß sie mit mir etwas gehabt hat, einmal ja, einmal wollte ich sie ins Stroh werfen, aber sie hat sich gewehrt und Hafia ist gekommen. Und dann nichts mehr, nichts –.

Das ist schön, Stefan, sagt der Staatsanwalt und beugt sich vor. Aber eine Frage habe ich bis jetzt für mich behalten. Es hat Ihrer nicht bedurft. Polana Hordubal, ist es wahr, daß Sie vor diesem da, Stefan, einen anderen Geliebten gehabt haben, den Knecht Pavel Drevota?

Polana atmet stoßweise, führt die Hand an die Stirn und wird von dem Aufseher halb hinausgeführt und halb getragen.

Ich unterbreche die Verhandlung, verkündet der Vorsitzende; mit Rücksicht auf die in dem Geständnis Stefan Manyas enthaltenen neuen Angaben wird sich das Gericht morgen an den Tatort begeben.

 

Biegl erwartet auf Hordubals Hof das Eintreffen des hohen Gerichts. Und da kommen die großmächtigen Herren schon: Biegl klappt zusammen und salutiert, das Volk steht hinterm Zaun auf der Landstraße und glotzt auf Hordubals Hof als sollte sich Gott weiß was ereignen; ein großer Tag für so'nen Gendarmen. Biegl führt den hohen Gerichtshof auf den Boden. Der Boden, bitte, ist so, wie er gewesen. Niemand hat ihn seit dem Mordtag betreten. Schon damals war die Tür durch Kukuruz verschanzt; hätte jemand versucht, ihn wegzuschieben, so wäre der Kukuruz hier auf die Stiege verschüttet worden. Und Biegl lehnt sich gegen die Tür, der Haufen gibt nach und strömend regnen Kukuruzkörner hinunter. Wenn sich die Herren hinaufbemühen wollen, sagt Biegl höflich. Auf dem Boden liegt der ganze Gottessegen aus der Ebene, Haufen von rotem Kukuruz – waten und springen möchte man darin – und hier das einzige Fensterchen; hier also ist Manya angeblich hinaus.

Aber das Fensterchen ist doch von innen verriegelt, stellt ein Geschworener fest und blickt wichtig um sich. Falls seit dem Mordtag niemand hier gewesen ist, dann konnte Manya doch gar nicht hier hinausspringen.

Das konnte er wahrhaftig nicht; hier am Fensterbrett irgendwelche seit Jahren verstaubte Fläschchen und Blechschalen, was alles diese Bauern aufzuheben pflegen! Wäre Manya hier hinausgeklettert, so hätte er vorher diesen Kram entfernen müssen, nicht wahr? Das hätte er wohl tun müssen. Und was ist unter diesem Fensterchen? Unter uns ist die Stube, wo Hordubal ermordet worden ist, und das Gärtchen vor dem Haus. Ich bitte die Herren, dorthin mitzukommen. Der hohe Gerichtshof begibt sich ernst in den Garten. Eines der Erdgeschoßfenster ist aus dem Rahmen gehoben; hier, bitte, ist die Öffnung in das Glas geschnitten worden. Gerade über uns ist das Dachbodenfenster, aus dem Manya hinausgesprungen sein will. Ich habe hier unmittelbar nach dem Mord nachgeforscht, erzählt Biegl bescheiden, und habe hier unter den Fenstern keine einzige Fußspur bemerkt; hier, bitte, war ein umgegrabenes Beet, und damals war es nach dem Regen –.

Der Gerichtsvorsitzende nickt lobend. Es ist klar, daß Stefan lügt. Aber Sie hätten vielleicht doch gleich nach dem Mord auf dem Dachboden nachsehen sollen.

Biegl schlägt die Hacken zusammen. Herr Vorsitzender, ich wollte den aufgeschütteten Kukuruz nicht zerstören. Aber ich habe sicherheitshalber sofort die Bodentür mit Nägeln verschlagen, so daß niemand hinein konnte. Erst heute früh habe ich sie herausgenommen. An die Tür habe ich ein Stück Zwirn befestigt. – Gut, gut, brummt der Vorsitzende zufrieden. Sie haben an alles gedacht, Herr – Herr –

Biegl wölbt die Brust. Gendarmerieaspirant Biegl . . .

Noch ein gnädiges Kopfnicken. Unter uns, meine Herren, ist es zweifellos, daß Stefan Manya gelogen hat. Aber da wir einmal hier sind, würde es Sie vielleicht interessieren, hineinzuschauen.

Vom Tisch erhebt sich ein großer, breitschultriger, schwerfälliger Bauer. Sie sitzen eben beim Mittagessen. Das ist, bitte, Michajl Hordubal, der Bruder des Seligen: er führt mittlerweile die Wirtschaft.

Michajl Hordubal verneigt sich tief vor den Herren. Oxena, Hafia, flink, Stühle für die Herren.

Nicht nötig, Batschi, nicht nötig. Und wie kommt es, daß Ihr hier noch kein neues Fenster habt einsetzen lassen? Da kommt doch die Kälte herein.

Wozu denn, bitte, ein neues Fenster? Das Fenster ist beim Gericht, schade, ein neues zu kaufen.

So, hm. Und da, ich sehe, Sie kümmern sich um Hafia. Ein kluges Kind ist Hafia, betreuen Sie die Waise gut. Und hier – Ihre Frau, nicht wahr?

Wahr, bitte ergebenst. Demeter Barivodjuk Ivans Tochter, aus Magurica.

Und Sie erwarten Familie, wie ich sehe.

Wohl, so Gott will, gepriesen sei sein Name.

Und – gefällt es Ihnen gut in Krivá?

O gut, sagt Michajl und winkt mit der Hand. Bitte ergebenst, wenn ich so nach Amerika fahren könnte, roboten, hohe Herrschaften.

Wie Juraj?

Ja, wie Juraj. Gott schenke ihm das ewige Heil. Und der Gazda Michajl begleitet die sich entfernenden Herrschaften zum Tor.

Der hohe Gerichtshof kehrt in die Stadt zurück. Eilet, Pferdchen, eilet, ein großes Ereignis bringt ihr gefahren. Wie Bethlehem sieht das Dorf aus. Wirklich, wie Bethlehem.

Der Vorsitzende beugt sich zum Staatsanwalt vor. Noch ist es nicht zu spät, Herr Kollege, wir könnten es bis abends erledigen, heute wird wohl nicht so viel geredet werden wie gestern –.

Der Staatsanwalt ist leicht errötet. Ich weiß selbst nicht, was da gestern in mich hineingefahren ist. Ich habe wie in Trance geredet, so als wäre ich kein Beamter, sondern ein Rächer – ich hatte geradezu das Verlangen, zu predigen und zu wettern.

Es war wie in der Kirche, meint der Vorsitzende bedächtig. Wissen Sie, wie die Leute im Auditorium gar nicht geatmet haben. Ein seltsames Volk. Auch ich habe es gefühlt: daß wir etwas Schwereres richten, als ein Verbrechen, daß wir eine Sünde richten – gottlob, heute werden wir's dort leer haben; keine Sensation, ganz glatt wird es gehen.

Es ging ganz glatt. Die Geschworenen beantworteten die Frage, ob Stefan Manya des Verbrechens des Meuchelmordes, begangen an Juraj Hordubal, schuldig sei, mit acht Stimmen: ja, mit vier Stimmen: nein; und die Frage, ob Polana Hordubal des Verbrechens der Teilnahme an dem gleichen Mord schuldig sei, beantworteten sie mit ja, mit sämtlichen zwölf Stimmen.

Auf Grund dieses Verdikts verurteilt das Gericht den Stefan Manya zur Strafe des lebenslänglichen schweren Kerkers, und Polana Hordubal geborene Durkota zur Strafe des schweren Kerkers im gesetzlichen Ausmaß von zwölf Jahren.

Polana steht wie entgeistert mit erhobenem Haupt; Stefan schluchzt laut.

Man führe sie ab!

Das Herz des Juraj Hordubal ist irgendwo verlorengegangen und niemals begraben worden.

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