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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/capek/hordubal/hordubal.xml
typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20101228
modified20150225
projectid3c1a5c8b
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II

Wer kommt denn da, wer ist der dort drüben an der Tallehne? Sieh' da, ein Herr in Schuhn, vielleicht ein Monteur oder so was, ein schwarzes Köfferchen trägt er und stapft hügelan – wenn er nicht so weit entfernt wäre, würde ich die Hände an den Mund legen und ihn anrufen: Gelobt sei Jesus Christus, Herr, wie spät ist es?

Zwei Uhr mittags, Hirte; wenn ich nicht so weit entfernt wäre, würde ich dir zurufen, wessen Kühe weidest du da, und du würdest vielleicht zeigen: die Kahle, die Schecke, die Sternige, die Himbeerfarbene, die Färse gehört der Polana Hordubal. Ja, ja Junge, schöne Kühe, eine Freude, sie anzusehen; darfst sie bloß nicht hinunter zum Schwarzbach lassen, dort ist das Gras sauer und das Wasser bitter. Sieh mal an, der Polana Hordubal; nun ja, früher, da hatte sie nur zwei Kühe; und hör mal Junge, hat sie nicht auch ein paar Ochsen? Ach Gott, und was für Ochsen, podolische mit Hörnern wie ausgebreitete Arme; zwei Ochsen, Herr. Und Schafe? Auch Widder, auch Schafe, Herr, aber die weiden dort oben auf der Durna Polonina. Klug und reich ist Polona. Und sie hat keinen Mann? Was winkst du mit der Hand? Hat Polana keinen Gazda? Ach, so ein Dummkopf erkennt einen nicht; beschattet die Augen mit der Hand und glotzt, glotzt wie ein Klotz.

Juraj Hordubal fühlt das Herz bis in die Kehle pochen, er muß innehalten und tief atmen, ahah! ahah! Es ist beinahe zuviel für ihn, es ist so plötzlich, er verschluckt sich dabei wie einer, der ins Wasser gefallen ist; auf einmal, auf einmal ist er zu Hause, hat nur einen Schritt über diesen steinigen Wasserriß getan, und schon überflutet es ihn von allen Seiten: ja, dieser Wasserriß war immer da, da war das Schlehengesträuch, auch damals vom Hirtenfeuer versengt; wieder blühen im Geröll Königskerzen, der Weg verliert sich in dürrem Gras und trockenem Quendel, dieser Felsblock da mit Heidelbeeren bewachsen, Enzian, Wacholder und der Waldrand, trockene Kuhfladen und die verlassene Sennhütte; es gibt kein Amerika und es gibt keine acht Jahre mehr; alles ist wie früher, der schimmernde Käfer in einem Distelköpfchen, das glitschige Gras und aus der Ferne die Kuhglocken, der Sattel oberhalb der Krivá, die braune Segge und der Weg nach Hause –

– der Weg mit den weichen Schritten des Gebirglers, welcher Opanken trägt und nicht in Amerika gewesen ist, der nach Wald und Kühen duftende Weg, ausgeglüht wie ein Backofen, der Weg talab, der steinige Weg, von den Herden ausgetreten, sumpfig von Quellen, über das Gestein hüpfend, ach, Herrgott im Himmel, ein rechtschaffener Pfad, heftig wie ein Bach, weich vom Gras, über Schotter verbröckelnd, schmatzend in Naß, sich bückend unter den Wipfeln des Waldes: no, sir, kein schlackiger Gehsteig, der unter dem Stiefel knirscht, wie in Johnstown, keine railings, keine Scharen von Männern, die zur mine trotten, kein Mensch zu sehen, kein Mensch, nur der Weg hinunter, der Bach und das Herdengeläute, der Weg nach Hause, der Sturz nach Hause, die Glöckchen der Kälber und blauer Eisenhut am Bachrand –

Juraj Hordubal steigt mit langen Schritten talwärts, was gilt ihm der Koffer, was die acht Jahre; hier ist der Weg nach Hause, man läuft von selbst hinunter, so wie die Herde in der Dämmerung heimkehrt mit vollen Eutern, das Bimbam der Kühe und die Glöckchen der Kälber: schön wär's, hier sitzenzubleiben und die Dämmerung abzuwarten, in das Dorf zu kommen mit dem Läuten der Herden, zur Stunde, wenn die Weiber auf die Schwelle hinaustreten und die Männer sich an den Zaun lehnen: seht, seht, wer kommt denn da? Aber ich wie die Herde von der Weide und stracks in das offene Tor hinein. Guten Abend, Polana. Auch ich komme nicht mit leeren Händen zurück.

Oder nein, bis zur Dunkelheit warten, bis das liebe Vieh vorbei ist, bis alles im Schlummer liegt; und ans Fenster klopfen, Polana! Polana! Jesus Christus, wer ist da? Ich, Polana, du sollst die erste sein, die mich sieht; gelobt sei Gott. Und wo ist Hafia? Hafia schläft; soll ich sie wecken? Nein, laß sie schlafen. Gelobt sei der Herr.

Hordubal schritt noch rüstiger aus. Du mein Gott, es ist leicht zu gehen, wenn einem die Gedanken vorauseilen! Du kannst sie gar nicht einholen, streckst vergeblich die Beine aus: dein Kopf eilt dir voraus und ist schon bei den Vogelbeersträuchern am Dorfrand, husch, Gänse, husch, und schon bist du daheim. Austrompeten solltest du's: seht her, ihr alle, seht ihn euch an, der da kommt, den Amerikaner, tramtara, da guckt man, boys, hallo! Und nun stille, hier sind wir zu Hause, Polana bricht Flachs auf dem Hof man schleicht sich von hinten heran und hält ihr die Augen zu – Juraj! Wie hast du mich erkannt, Polana? Gott sei gelobt, wie sollt' ich deine Hände nicht erkennen!

Hordubal rennt durch das Tal, das Köfferchen in der Hand spürt er nicht, dort ist das ganze Amerika verfrachtet, blaue Hemden, der Manchesteranzug und ein Teddybär für Hafia; und das da, Polana, für dich, Stoff für ein Kleid, wie man's in Amerika trägt, duftende Seife, ein handbag mit Kettchen, und das da, Hafia, ist electric light, du drückst diesen Knopf da und es leuchtet, und hier bring' ich dir Bildchen, aus der Zeitung ausgeschnitten – ach, Mädel, so viele hab' ich gesammelt, acht Jahre hab' ich für dich aufgehoben, was ich nur finden konnte; ich mußte sie drüben lassen, sie gingen nicht mehr in mein suitcase hinein. Aber wart', in dem Koffer dort gibt es noch Dinge!

Und hier, gelobt sei Gott, führt schon der Weg über den Bach; kein Eisensteg, sondern nur Steine im Wasser, du mußt von Stein zu Stein springen und die Arme schwingen, eh, Jungens, dort im Erlengesträuch sind wir auf den Krebsfang gegangen, mit aufgekrempelten Hosen und naß bis an die Ohren; und ist noch das Kreuz an der Wegbiegung da? Gelobt sei Jesus Christus, es ist da, geneigt über den Fahrweg, weich vom warmen Staub und duftend von Herde, Stroh und Korn; und da muß schon der Zaun sein von Michaltschuks Garten, und da ist er, verwachsen mit Flieder und Haselnuß wie damals, und umgestürzt, so wie damals; gepriesen sei der Herr, da sind wir schon im Dorf willkommen daheim, Juraj Hordubal. Und Juraj Hordubal hält inne, der Teufel soll wissen, warum das Köfferchen auf einmal so schwer ist, jetzt nur den Schweiß trocknen und, Jesus Maria, warum hab' ich mich nicht am Bach gewaschen, warum hab' ich nicht Rasierklinge und Spieglein aus dem Koffer geholt, um mich am Bach zu rasieren? Ich seh' ja wie ein Zigeuner aus, wie ein Landstreicher, wie ein Bandit, soll ich nicht zurück, um mich zu waschen, bevor ich mich Polana zeige? Aber das geht nicht mehr, Hordubal, man schaut dir zu; hinter Michaltschuks Zaun, hinter dem Klettengraben guckt regungslos und entsetzt ein Kind hervor. Rufst du es an, Hordubal? Sagst, hej du, bist du dem Michaltschuk seins? Und das Kind, mit den nackten Pfoten klatschend, ergreift die Flucht.

Soll ich ums Dorf herum gehen, denkt Hordubal, und von hinten ins Haus hinein? Das wär' was, damit sie herauslaufen, he, du dort, wohin schleichst du dich? Marsch auf die Straße, sonst kriegst du eins mit der Peitsche! Was tun, man muß mitten durchs Dorf gehen; ach du mein Gott, wenn der Koffer nicht so drücken wollte! Das Gesicht einer Muhme im Fenster hinter dem Muskattopf, die entsetzten Blicke der Sonnenblumen, eine Frau schüttet im Hof etwas aus, scheint sich mit dem Gefäß umzublicken, Kinder bleiben stehen und glotzen, seht, seht, ein Fremder kommt, der alte Kyril mahlt mit dem Kinn in der Luft und blickt nicht auf, noch ein Stich ins Herz, Gott mit uns, und nun tritt mit gebeugtem Nacken in das Tor deines Heims ein.

Ej, du Dummkopf, wie konntest du dich so irren! Das ist ja nicht Hordubals Holzhütte, Holzstall und Balkenscheune; das ist ein richtiger Gutshof, gemauerter Bau und Schindeldach, im Hof eine eiserne Pumpe, eiserner Pflug und eiserne Tore, nun, irgendein Gutshof; flink, Hordubal, mach' dich flink aus dem Staub mitsamt deinem schwarzen Köfferchen, eh' noch der Gazda kommt und sagt: Na, was gaffst du da herum? Guten Tag, Bauer, hat hier nicht Polana Hordubal gewohnt? Bitte um Entschuldigung, Herr, ich weiß nicht, wo ich meine Augen gehabt habe.

Aus dem Haus tritt Polana und stockt wie versteinert, die Augen herausgewälzt, preßt die Hände mit aller Macht an die Brust und atmet heftig, stoßweise.

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