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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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XXIV

Hafia fand ihn im Stall. Die Kühe waren unruhig und Polana schickte sie, geh, sieh dort nach. Er lag im Stroh und röchelte.

Und wendete nichts mehr ein, als ihn Polana in die Stube führte, versuchte nur die Augenbrauen hochzuziehen. Sie entkleidete ihn und schaffte ihn ins Bett.

»Willst du etwas?«

»Nein«, stammelte er und wollte nur wieder schlafen; er hat etwas geträumt und sie haben ihn aufgestört – was war's doch bloß? Geritsch war doch nicht in Amerika, sie haben alles verwirrt, jetzt muß man's wieder ganz von vorn beginnen. Wenn bloß dieser Druck auf der Brust nicht wäre, das ist wohl das Hündchen Tschuvaj, hat sich mir auf die Brust gelegt und schläft. Juraj streichelt mit unruhiger Hand seine behaarte Brust: schlaf nur, du zottiger Bursche, und wie dein Herzchen schlägt. Ach, du Luder, wie schwer bist du doch.

Eine Weile hatte er geschlafen, und als er die Augen öffnete, stand Polana in der Tür und sah prüfend herüber. »Wie geht es dir?«

»Besser, Herzchen.« Er fürchtete sich, zu sprechen, damit es nicht verschwinde, damit es sich nicht wieder in sein Kämmerchen verwandle, dort in Johnstown. Hier ist es ja – wie zu Hause: der bemalte Schrank, der Eichentisch, die Eichenstühle, – Hordubals Herz hämmert: ich bin ja endlich heimgekehrt. Herrgott, diese lange Reise, vierzehn Tage im lowerdeck und im Zug – wie zerschlagen ist man. Aber rühren darf man sich nicht, sonst verschwindet es wieder: lieber die Augen schließen und wissen, daß es da ist –.

Und dann begann sich wiederum alles zu verwirren: die miner in Johnstown, man schlägt Hordubal; Juraj flüchtet durch den Stollen, kreuz und quer, faßt die Grubenleiter und klettert den Schacht empor; und von oben fliegt ein Förderkorb, der wird ihm den Kopf zerschmettern, ganz bestimmt, und Hordubal erwacht durch sein eigenes Aufstöhnen. Lieber nicht schlafen, hier ist es besser; mit starren Blicken klammert sich Juraj an die friedlichen Möbel. Hier ist es besser. Hordubal zeichnet mit dem Finger in der Luft und erzählt Mischa von Amerika. Bruder, mich immer nur zu den schwersten Arbeiten, nur hallo, Hordubal, und schon bin ich gegangen. Einmal war ein Stollen eingestürzt, nicht einmal die Zimmerleute wollten dorthin gehn. Zwanzig Dollar hab' ich damals gekriegt, der Ingenieur selbst hat mir die Hand geschüttelt, so, Mischa, so hat er sie geschüttelt. Und nun fährt Hordubal im Förderkorb hinunter, immerzu hinunter; eine dicke Jüdin sitzt da und ein Greis und sie blicken streng auf Hordubal. Hunderteinundachtzig, zweiundachtzig, zählt Juraj und schreit: genug, genug schon, tiefer geht's nicht mehr, das ist schon das Ende vom Schacht. Aber der Käfig gleitet immer tiefer, die Hitze nimmt zu, man kann nicht atmen, die Bagage fährt bis in die Hölle. Juraj glaubt zu ersticken, und erwacht.

Es dämmert, in der Tür steht Polana, blickt gespannt.

»Es ist schon besser«, lallt Hordubal und seine Augen brennen. »Sei nicht bös, Polana, ich steh' gleich auf«

»Bleib nur liegen«, sagt Polana und tritt näher. »Tut dir etwas weh?«

»Nicht weh. In Amerika hatte ich's auch. Flue, meinte der Doktor. Flue. Und in zwei Tagen – wie ein Fisch. Morgen steh' ich auf, Seelchen. Ich mach' dir hier Unordnung, was?«

»Möchtest du etwas haben?«

Hordubal schüttelt den Kopf »Bin ganz wohl. Nur – einen Eimer Wasser; aber ich könnte selber –«

»Gleich hole ich es.« Und sie geht.

Hordubal hat die Kissen hinterm Rücken glatt gestrichen und sein Hemd an der Brust zugeknöpft. Damit mich Polana nicht so entblößt sieht, denkt er. Und wenn ich mich waschen und rasieren könnte! Gleich kommt Polana, gleich ist sie hier. Vielleicht setzt sie sich sogar auf den Bettrand, während ich trinke. Juraj macht Platz, damit sie sich setzen kann, und wartet. Vielleicht hat sie vergessen, denkt er; sie hat so viel zu tun, die Arme – wenn wenigstens Stefan wieder da wäre. Ich werde ihr sagen, wenn sie kommt: nun, Polana, wie wär's, wenn Manya zurückkäme?

In die Tür tritt Hafia und trägt ein Glas Wasser, trägt es so behutsam, daß sie das Zünglein vor lauter Aufmerksamkeit herausstreckt.

»Bist brav, Hafia«, haucht Hordubal. »Nun, Onkel Stefan ist nicht da?«

»Nein.«

»Und was macht die Mutter?«

»Auf dem Hof steht sie.«

Hordubal weiß nichts mehr zu sagen, auch zu trinken hat er vergessen.

»Na, geh nur«, brummt er, und Hafia ist mit einem Satz zur Tür hinaus.

Juraj liegt still da und lauscht. Die Pferde im Stall stampfen mit den Hufen – ob ihnen Polana Wasser gibt? Nein, sie gibt es den Schweinen, man hört ein zufriedenes Grunzen. Wieviele Schritte so ein Weib machen muß, wundert sich Hordubal. Stefan sollte zurückkommen; ich werde nach Rybáry fahren, vorwärts, du Faulpelz, marsch zu den Pferden. Polana kann nicht die ganze Arbeit machen. Vielleicht fahr' ich am Nachmittag fort, denkt Juraj, und dann fallen Schleier auf seine Augen und alles verschwindet.

Hafia guckt zur Tür herein, zögert, und ist gleich wieder fort. »Er schläft«, flüstert sie der Mutter auf dem Hof zu.

Gegen Mittag kommt Hafia wieder auf den Fußspitzen in die Stube. Hordubal liegt da, die Arme hinter dem Kopf, blinzelt zur Decke empor.

»Die Mutter läßt fragen, ob Ihr etwas wollt«, – leiert Hafia herunter.

»Ich glaube, Polana«, sagt Juraj, »Stefan könnte zurückkommen.«

Das Mädchen reißt verständnislos das Mäulchen auf. »Und wie es Euch geht?« haucht es.

»Gut, danke höflichst.«

Hafia eilt hinaus. »Er sagt, es geht ihm gut«, meldet sie Polana.

»Ganz gut?«

»No«, meint das Mädchen.

Und dann kommt die Nachmittagsstille. Hafia weiß nicht mehr, was sie anfangen soll. Du bleibst da, wenn der Gazda etwas brauchen sollte – Hafia spielt in der Vorlaube mit der Puppe, die Stefan für sie geschnitzt hat. Du darfst nicht hinaus, spricht sie zu der Puppe, der Bauer liegt, du mußt den Hof hüten. Weine nicht, sonst kriegst du Schläge.

Auf den Fußspitzen geht Hafia in die Stube nachschauen. Der Bauer sitzt auf dem Bett und nickt.

»Was macht die Mutter, Hafia?«

»Sie ist weggegangen.«

Hordubal nickt. »Sag ihr, daß Stefan zurückkommen soll. Und das Hengstlein kann Stefan zurückbekommen. Möchtest du Kaninchen haben?«

»O ja.«

»Ich werde dir einen Kaninchenkäfig bauen, so einen, wie ihn der miner Jensen gehabt hat. Ach, Polana, in Amerika gibt es solche Dinge –. Alles werde ich machen.« Hordubal nickt mit dem Kopf »Warte, ich nehme dich mit hinauf auf die Polonina, dort ist so ein merkwürdiger Bau – nicht einmal der Mischa weiß, was dort gewesen ist. Geh, geh, sag der Mutter, Stefan soll zurückkommen.«

Hordubal ist zufrieden, legt sich hin, macht die Augen zu. Finster ist es, wie im Stollen. Buch, buch, mit dem Hammer in den Felsen. Und Stefan grinst, lauter Steine, sagt er. Ja, aber dafür weißt du Dummkopf eben nicht, was Arbeit ist. An der Arbeit erkennt man den Mann. Und was für ein Holz hast du da im Hof Seelchen? Lauter gerade Scheite. Und ich – Baumklötze habe ich gespalten, das ist Männerarbeit, Klötze spalten, oder Gestein aus der Erde fördern. Hordubal ist zufrieden. Viel hab' ich gerobotet, Polana, weiß Gott, sehr viel. Wohlgetan ist es, in Ordnung. Und Juraj, mit gekreuzten Armen, schlummert friedlich ein.

In der Dämmerung ist er erwacht, weil das Zwielicht lastet. »Hafia«, ruft er. »Hafia, wo ist Polana?« Stille, nur fernes Geläute; die Herden kehren von der Weide heim. Hordubal springt aus dem Bett und zieht die Hosen an: ich muß den Kühen das Tor aufmachen. Der Kopf dreht sich, das kommt vom Liegen. Juraj tappt hinaus, in den Hof, reißt das Tor weit auf: sonderbar ist ihm zumute, er ist außer Atem, aber Gott sei gelobt, wir sind wieder draußen. Das Geläute nähert sich, flutet heran wie ein Fluß; wie wenn alles ins Läuten geriete durch die Glocken der Kühe und das Bimmeln der Kälber. Juraj hat Lust, niederzuknien, er hat noch nie ein so feierliches und großes Läuten vernommen. Mit nickenden Häuptern, gleichsam riesengroß, stapfen zwei Kühe in den Hof mit vollen lichten Eutern. Juraj lehnt sich ans Tor und ihm ist so wohl, so versöhnlich, als betete er.

Ins Tor kommt Polana gelaufen. Hastig, außer Atem. »Bist schon aufgestanden«, stammelt sie. »Und wo ist Hafia?«

»Nun, aufgestanden«, lallt Juraj entschuldigend. »Mir ist wieder gut.«

»Geh, leg dich wieder«, befiehlt Polana. »Am Morgen – bist du ganz gesund.«

»Wie du willst, Seelchen, wie du willst«, sagt Juraj gehorsam und freundlich. »Ich würde hier nur unnötig im Weg stehen.« Noch das Tor schließen, einhaken, und langsam in die Stube zurück.

Als man ihm das Abendbrot brachte, schlief er.

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