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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20101228
modified20150225
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XXIII

In aller Herrgottsfrühe, niemand ist noch wach, hat Juraj das Dorf hinter sich und geht auf die Berge zu. Zu Mischa. Was dort? Je nun, nur so, um mit einem Menschen zu reden. Es ist noch neblig, die Berge unsichtbar. Juraj fröstelt ein wenig, aber es sticht ihn nicht mehr in der Brust; nur der Atem geht schwer, wohl von dem Nebel. Er kommt an dem Hang vorbei, wo früher das Feld der Hordubals war, und muß innehalten, um zu verschnaufen; Pjosa hat schon geackert – lauter Stein, sagen sie, aber sieh mal, Pjosa findet das Feld auch der Mühe wert. Hordubal atmet schwer und steigt bergan. Der Nebel wogt schon über den Wäldern: nur wenig Zeit noch, und der Herbst ist da. Hordubal steigt und preßt die Hand auf die Hüfte: je nun, es sticht, aber jetzt ist es schon einerlei, ob hinauf oder hinunter. Und es ist kein Nebel, es sind Wolken, hier kann man bereits wittern, wie wasserdurchtränkt sie sind. Achtung auf den Kopf sonst stößt du hinein. Und nun haben sie sich über den Berg gewälzt und du bist mitten unter ihnen, siehst keine drei Schritte weit und stapfst nur, drängst dich durch den dichten Nebel hindurch, weißt nicht, wo du bist. Und Hordubal atmet keuchend und schwer, langsam steigt er in das Gewölk hinein.

Ein kalter Sprühregen beginnt zu fallen. Droben auf der Polonina treibt Mischa, einen Sack über den Kopf geworfen, mit Peitschengeknall, heiza, höh, die Ochsen zur Sennhütte. Nicht zu erkennen, ob Tier, Strauch oder Felsblock. Aber ein kluges Hündchen ist Tschuvaj, rennt um die Herde herum und treibt die Ochsen an, nur das Geläute ist aus dem Nebel zu hören.

Mischa sitzt auf der Schwelle der Hütte und schaut in den Nebel hinein; die Schwaden zerstreuen sich und man sieht, wie sich die Ochsen aneinanderpressen; dann fällt wieder ein Dunstvorhang auf alles und nur der Regen prasselt. Wie spät mag's sein? Gewiß bald Mittag. Und da springt Tschuvaj auf wittert in den Nebel und knurrt leise.

Aus dem Nebel taucht der Schatten eines Menschen.

»Bist du da, Mischa?« ruft eine heisere Stimme.

»Ja.«

»Gott sei gelobt.«

Es ist Hordubal, bis auf die Knochen durchnäßt, zähneklappernd; von seinem Hut rinnt das Wasser wie aus einer Dachtraufe.

»Was suchst du im Regen hier«, ärgert sich Mischa.

»In der Frühe . . . hat's nicht geregnet . . .« keucht Juraj. »Die Nacht war so klar . . . gut, daß es regnet, wir brauchen Regen.«

Mischa blinzelt nachdenklich. »Warte, ich mache Feuer.« Hordubal sitzt im Heu, schaut ins Feuer; das Holz prasselt und raucht, Juraj wird von Wärme durchströmt, Mischa hat ihm auch noch einen Sack über die Schultern geworfen; uff ganz heiß wird einem, so heiß, wie dort unten, in der mine. Juraj klappert mit den Zähnen und streichelt den nassen Tschuvaj, der an seiner Seite stinkt; ah was, ich riech' ja selber wie ein nasser Hund. »Mischa«, stammelt Juraj, »was ist denn das, dieses Bauwerk im Wald?«

Mischa kocht Wasser im Kessel und wirft Kräuter hinein. »Ich weiß, dir ist nicht gut«, brummt er. »Was läufst du im Regen herum, Dummkopf?«

»Da war in der mine so ein Stollen«, erzählt Juraj hastig, »dort tropfte immerzu das Wasser herunter, immerzu. So – so – so, wie wenn eine Uhr tickt. Weißt du auch, daß die Herpak ein Kind bekommen hat, Polana ist es anschauen gegangen und nirgends Arbeit zu kriegen, Mischa, man braucht keine Menschen mehr, sagen sie.«

»Und doch werden neue geboren«, brummt Mischa.

»Müssen geboren werden«, plappert Juraj. »Weil es Frauen gibt. Du hast keine Frau, du weißt nichts, du weißt nichts –. Was hast du zu reden, wenn du keine Frau hast? Ah, Bruderherz, an alles muß man denken. Zum Beispiel, daß sie dort hineinschreiben – für ihre Liebe und eheliche Treue. Sonst führen die Leute Gott weiß was für Reden. Und schade, um dreitausend Dollar hat man mich bestohlen; wie eine Edelfrau hätte sie leben können, nicht wahr? Nicht wahr, Mischa?«

»Na ja«, murmelt Mischa und bläst ins Feuer.

»Siehst du, und dann sagt man, ein Dummkopf. Beneidet dich, weil du so eine Frau hast, die den Kopf hochträgt, wie ein Kutschierpferd. So sind halt die Leute: wollen einem weh tun. Dabei war sie nur bei der Nachbarin, sich das Kind ansehn. Lauter niederträchtiges Gerede, Mischa. Sag ihnen, ich habe sie gesehn, wie sie von der Nachbarin kam.«

Mischa nickt ernst. »Ich werd' es sagen, werd' alles sagen.«

Juraj atmete auf »Darum komme ich zu dir, weißt du? Du hast kein Weib, hast nichts, warum du dich rächen solltest. Sie – sie würden's nicht glauben; aber du wirst es bezeugen, Mischa. Das sagt einem doch der Verstand, sie mußte einen Knecht nehmen, wenn der Bauer weg war; aber auf dem Dachboden hat sie sich eingesperrt, ein Riegel wie ein Donnerwetter, hab's selber gesehen. Und so ein Geritsch wird da etwas erzählen, acht Jahre und so. Sag doch, wer kennt sie besser – der Geritsch oder ich? Nur mit der Achsel gezuckt hat sie, und schon war die Brust unterm Hemd. Und der dort unten, das war ein Bursche aus Lehota, ich hab' ihn gesehn, von Lehota ist er gekommen, und die Leute tratschen gleich herum.«

Mischa schüttelt den Kopf »Hier, trink das da aus, das ist gesund.«

Juraj schlürft den heißen Trank und starrt ins Feuer. »Schön hast du's hier, Mischa. Und sag es ihnen, sie halten auf dich, bist ein Wissender, sagen sie. Sag ihnen, eine brave und treue Frau ist sie gewesen.« Der Rauch beißt in die Augen, Juraj rinnen Tränen herunter; seine Nase ragt spitz aus dem Gesicht. »Nur ich allein, ich allein weiß, wie sie ist. Ech, Mischa, gleich möcht' ich wieder nach Amerika gehn, und das Geld für sie –«

»Trink es auf einen Zug aus«, drängt Mischa, »es wird dich wärmen.«

Hordubals Stirn ist in Schweiß gebadet, er fühlt sich schwach und behaglich. »Oh, ich könnte so viel von Amerika erzählen, Mischa«, sagt er. »Vieles hab' ich schon vergessen, aber warte, es wird mir wieder einfallen –«

Mischa facht still das Feuer an; Hordubal atmet heftig und plärrt aus dem Schlaf. Draußen hört der Regen auf, nur von den Fichten hinter der Hütte fallen schwere Tropfen; aber die Nebelschwaden wälzen sich weiter. Hin und wieder brüllt ein Ochse, und Tschuvaj rennt nachzusehen, ob die Herde beisammen ist.

Mischa spürt etwas im Rücken, es sind Hordubals Augen; Juraj ist schon eine Weile wieder wach und blickt aus eingefallenen Augen.

»Mischa«, röchelt er, »sag, darf sich der Mensch selbst das Leben nehmen?«

»Was?«

»Ob sich der Mensch das Leben nehmen darf?«

»Wozu das?«

»Damit er den Gedanken entgeht. Es gibt solche Gedanken, Mischa, die – gehören nicht in einen hinein. Da denkst du . . . nehmen wir an . . . daß sie gelogen hat, daß sie nicht bei der Nachbarin gewesen ist . . .« Jurajs Mund ist ganz verzerrt. »Mischa«, keucht er, »wie soll ich mich davon befreien?«

Mischa blinzelt grübelnd. »Ah, eine schwere Sache. Du mußt eben bis ans Ende denken.«

»Und wenn am Ende . . . nur das Ende ist, was dann? Darf man dann selber ein Ende machen?«

»Nicht nötig«, sagt Mischa langsam. »Wozu das? Stirbst auch so.«

»Und – bald?«

»Wenn du's wissen willst – bald.«

Mischa hat sich erhoben und verläßt die Hütte. »Und schlaf jetzt«, wendet er sich in der Tür zurück und verschwindet – wie in den Wolken.

Hordubal versucht aufzustehn. Gottlob, es geht schon besser, nur der Kopf dreht sich noch und der Körper ist so sonderbar schlaff, wie ein Fetzen.

Juraj taumelt hinaus, in den Nebel; man sieht nichts, nur das Läuten der Herden ist zu hören. Tausende Ochsen weiden in den Wolken und machen bim-bam mit den Glöckchen. Juraj geht, geht, und weiß nicht recht, wohin; ich soll doch nach Hause gehn, denkt er, und darum muß er gehen. Er weiß nicht, ob er aufwärts oder abwärts geht; vielleicht abwärts, weil er – gleichsam fällt; vielleicht immer bergauf weil er so mühsam geht und schwer atmet. Ah, einerlei, nur nach Hause. Und Juraj Hordubal taucht im Gewölk unter.

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