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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20101228
modified20150225
projectid3c1a5c8b
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XXI

Hordubal, ruhelos, stiehlt sich gleich morgens aus dem Haus, der Herrgott kümmere sich um die Wirtschaft, und treibt sich, weiß der Teufel wo, herum. Hier – in Tibava, sag mal, Geletaj, kannst du einen Knecht brauchen zu den Kühen oder aufs Feld? Wozu einen Knecht, Hordubal, hab' zwei Söhne; für wen, Vetter, suchst du denn eine Stellung? Oder im Tatiner Revier, dort wohnt der Heger Stoj, da gibt es Bäume zu fällen, hab' ich gehört. Keine Bäume, Bruderherz, tausende Meter Holz verfaulen im Wald. Dann also Gott befohlen. Und wird denn nirgends eine Bahn oder eine Straße gebaut, kein Felsen gesprengt? Wo denkst du hin, Gevatter, hier hat man uns alle vergessen: für wen bauen?

Je nun, was tun, man setzt sich hin und wartet bis zur Abenddämmerung. Von fern sind die Glocken der Herden zu hören, ein Hirte knallt mit der Peitsche, das gellt wie ein Schuß, irgendwo kläfft ein Schäferhund. In den Feldern – Gesang. Was tun, du sitzt und hörst zu, wie die Mücken summen; machst die Augen zu und kannst für ganze Stunden lauschen, und niemals wird es hier still, immerfort wird gelebt; da schwirrt ein Käfer vorbei oder ein Eichhörnchen erbost sich, und überall steigt das friedliche Geläute des lieben Viehs zu Gottes Himmel empor.

Und vor Abend schlendernd heimwärts. Hafia bringt das Essen – ech, was für ein Essen, kein Hund fräße das; aber man hat ohnehin keinen Hunger. Es ist wahr, Polana hat keine Zeit, das Abendbrot zu bereiten. Schon ist es Nacht, das Dorf ist schlafen gegangen; und Hordubal macht mit der Laterne die Runde und arbeitet, was es zu arbeiten gibt, die Ställe reinigen, den Düngerhaufen zurechtschaufeln, Wasser holen – leise, um niemanden zu wecken, bastelt Juraj zusammen, was es da für einen Mann zu tun gibt. Schon schlägt die elfte Stunde, lobet Gott den Herrn, und Juraj klettert ganz leise in den Stall. Nun, ihr Kühe, nun, in der Frühe wird für Polana ein Stück Arbeit getan sein.

Und wieder nach Volovo Polje Arbeit suchen. Hej, Hartschar, brauchst du keinen Roboter? Was fällt dir ein, bist wohl verrückt geworden, oder hat man dich aus dem Kriminal entlassen? Jetzt nach der Ernte suchst du Robot? – Reiß nur das Maul auf, denkt Hordubal, in meinem Säckchen ist Geld genug, deinen halben Hof könnt' ich kaufen, brauchst dich wahrhaftig nicht so aufzublasen. Langsam wankt Hordubal heimwärts. Und was zu Hause? Ach, nur so, hinüber über diese Hügel, was soll ich hier in der Fremde?

Juraj sitzt am Waldrand, oberhalb von Warwarins Feld. Auch hier hört man die Herdenglöckchen, wohl von dem Lehoter Weideland her. Was treibt jetzt Mischa droben auf der Polonina? Unten der Bach, und am Bach – eine Frau. Juraj zieht die Brauen zusammen, um besser zu sehen. Sieht sie nicht aus wie Polana? Ach nein, wie käme Polana hierher? Aus solcher Entfernung würde jedes Weib Polana gleichen. Und aus dem Wald kommt ein schwarzer Bursche gelaufen – nicht Manya, urteilt Juraj, wie könnte Stefan von dieser Seite kommen. Der Schwarze bleibt bei dem Weib stehn, steht da und plaudert. – Daß sie sich so viel zu erzählen haben, staunt Hordubal. Wird irgendein Mädel sein, mit ihrem Liebsten – ein Ortsfremder, aus Lehota oder aus Volovo Polje; treffen sich heimlich, damit ihn die Dorfburschen nicht verprügeln. Und die zwei stehn da unten und schwatzen; na, schwatzt nur, ich schau' nicht hin. Die Sonne steht über dem Mentschul, wird es bald Abend? Und die beiden stehn drunten und reden. Wie wär's, noch einen Versuch zu machen, vielleicht hat man im Salzbergwerk Arbeit für einen miner. Wohl sind die Gruben weit; aber wen kümmert's, wie weit? Die zwei stehn drunten und schwatzen. Nutzlos wird es sein, im Bergwerk anzufragen. –

Nein, sie schwatzen nicht. Es steht ja nur eins dort und taumelt. Nein, es sind zwei und taumeln, als rauften sie. Aber wo, sie halten sich nur so eng umarmt, es ist, als taumle nur einer hin und her. Hordubals Herz setzt aus. Rasch hinunter. Nein, nach Hause, ob Polana daheim ist; sicher ist sie daheim, wo sonst? Herrgott, meine Füße – wie bleiern. Hordubal steht auf und läuft den Wald entlang. Rennt über den Feldweg, jagt auf das Dorf zu. Achich, das sticht in der Hüfte, wie Nadelstiche – mit so einer Korbflechternadel. Hordubal kann nicht mehr Atem holen und läuft, läuft aus Leibeskräften. Heil dir, mein Gott, da ist schon das Dorf; Juraj geht in scharfem Tempo, was sticht da so, o Gott, nur ans Ziel gelangen, nur noch ein Stückchen, dort ist schon das Tor; mit aller Kraft die Hand auf die Rippen pressen, dann kann's nicht so stechen, und auf das Tor zu rennen –.

Hordubal lehnt sich atemlos an den Torpfeiler, sein Kopf dreht sich, er schöpft Atem, als schluchzte er. Der Hof – leer; Polana wohl in der Kammer oder sonstwo – Juraj ist es plötzlich sterbensgleichgültig, wo sie ist, er könnte nicht bis zur Kammer gelangen, er könnte keinen Laut hervorbringen; er atmet nur zischend und muß sich festhalten, um nicht zusammenzubrechen.

Die Pforte geht auf und Polana gleitet in den Hof atemlos, gerötet; stockt, als sie Juraj gewahrt, bleibt stehen und sagt überstürzt:

»Ich bin nur bei der Nachbarin gewesen, Juraj, bei – bei der Herpak – mir das Kind ansehn –«

Juraj richtet sich in seiner ganzen Länge auf; zieht die Augenbrauen hoch – »Ich hab' nicht gefragt, Polana.«

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