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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20101228
modified20150225
projectid3c1a5c8b
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Erstes Buch

I

Es ist der zweite vom Fenster, der in dem zerknüllten Anzug: wer würde so was für einen Amerikaner halten? Was fällt Ihnen ein, Amerikaner fahren doch nicht im Personenzug: im Schnellzug fahren sie, und auch das scheint ihnen noch zu wenig, ja, in Amerika, dort gibt es ganz andere Züge, viel längere Waggons und so ein weißer waiter bietet dort Eiswasser und Ice-creams an, verstanden? Hallo, boy, gröhlt so'n Amerikaner, schaff Bier her, eine Runde Bier, für jeden im Wagen ein Glas, und wenn's meinethalb fünf Dollars kostet, damn! Ja, Leute, in Amerika, das ist ein Leben, was soll ich viel erzählen!

Der zweite vom Fenster döst mit offenem Mund, schwitzend vor Ermüdung, und sein Kopf baumelt wie leblos hin und her. Ach Gott, ach Gott, das sind nun schon elf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn Tage; fünfzehn Tage und Nächte auf dem Koffer versitzen, auf dem Fußboden schlafen oder auf einer Bank, schweißklebrig und starr wie ein Klotz, betäubt vom Lärm der Maschinen; schon der fünfzehnte Tag; wenn ich wenigstens die Beine ausstrecken könnte, Heu unterm Kopf, und schlafen, schlafen, schlafen . . .

Die dicke Jüdin beim Fenster drückt sich angewidert in die Ecke. Das hat gerade noch gefehlt; schläft noch obendrein ein und wälzt sich auf mich wie ein Sack; weiß man denn, was für einer das ist – sieht aus, als hätte er sich in den Kleidern auf der Erde oder sonstwo herumgewälzt; du scheinst mir ein sonderbarer Patron zu sein, gleich möchte ich mich wegsetzen, ach Gott, wäre die Fahrt schon zu Ende! Und der zweite vom Fenster neigt sich, fällt vornüber und erwacht durch den Ruck.

»So eine Hitze«, knüpft der Alte mit dem Krämergesicht vorsichtig ein Gespräch an. »Wohin fahren Sie?«

»Nach Krivá«, stottert der Mensch.

»Nach Krivá«, wiederholt der Krämer kennerhaft und wohlwollend. »Und von weither, von weither?«

Der zweite vom Fenster antwortet nicht, fährt mit der schmutzigen Pranke über die feuchte Stirn, Schwäche und Schwindelgefühl machen ihn fast ohnmächtig. Der Krämer schnauft beleidigt und wendet sich zum Fenster ab. Der zweite wagt nicht, durchs Fenster zu schauen, versteckt die Augen auf dem bespuckten Fußboden, erwartet, daß man ihn noch einmal fragen wird. Und dann wird er's ihnen sagen. Von weither. Bis aus Amerika, bitte schön. Aber gehn Sie, bis aus Amerika? Und da fahren Sie so weit auf Besuch? Nein, ich fahre wieder nach Hause. Nach Krivá. Dort hab' ich meine Frau und ein Mädel, Hafia heißt sie. Hafia. Drei Jahre war sie alt, als ich wegfuhr. Also aus Amerika! Und wie lange waren Sie dort? Acht Jahre. Acht Jahre sind es schon. Und die ganze Zeit hab' ich einen Job am gleichen Ort gehabt. Als miner. In Johnstown. Dort war ein Landsmann von mir, Michal Bobok hat er geheißen. Der Michal Bobok aus Jalamasch. Den hat's erschlagen, vor fünf Jahren. Und dann hatte ich nicht mehr mit wem zu reden – bitte schön, wie sollte ich mich mit ihnen verständigen? Ja, der Bobok, der hatte ihre Sprache gelernt, aber das ist so, wenn man ein Weib hat, denkt man daran, wie man ihr eins ums andre erzählen wird, und das geht nicht in so einer fremden Sprache. Polana heißt sie. Und wie konnten Sie dort arbeiten, wenn Sie sich nicht verständigen konnten? Nun, wie: sie sagten mir bloß »Hallo, Hordubal« und zeigten mir meinen job. Bis sieben Dollar im Tag hab' ich gekriegt, bitte schön. Seven. Aber teuer ist es in Amerika, ihr Herren. Da reichen nicht einmal zwei Dollar für den Lebensunterhalt. Fünf Dollar in der Woche für Nachtlager. Und da sagt der Herr da drüben: Aber da müssen Sie einen schönen Batzen Geld erspart haben, Herr Hordubal! Ach ja, man konnte schon was zusammensparen. Aber ich hab's nach Hause geschickt, der Frau – hab' ich Ihnen gesagt, daß sie Polana heißt? Jeden Monat, Herr, fünfzig, sechzig, bis neunzig Dollar. Aber das ging nur, solange Bobok gelebt hat, Bobok konnte nämlich schreiben; ein geschickter Mensch, der Bobok, aber vor fünf Jahren da hat's ihn erschlagen, die Balken haben ihn zerquetscht. Dann konnte ich kein Geld mehr nach Hause schicken und hab's immer auf die Bank gegeben. Über dreitausend Dollar, bitte schön, und die hat man mir gestohlen. Aber das ist doch nicht möglich, Herr Hordubal! Was Sie nicht sagen! Yess'r, über dreitausend Dollar. Und Sie haben sie nicht verklagt? Bitte schön, wie verklagen? Unser foreman hat mich zu irgendeinem lawyer geführt; der hat mir auf die Schulter geklopft, O.K., O.K., aber du mußt zahlen advance; und der foreman hat zu ihm gesagt, you'r a swine, und dann hat er mich wieder die Stiege hinuntergeschubst. Also, so ist es einmal in Amerika, bitte, schade um jedes Wort. Jesus, Jesus, Herr Hordubal, dreitausend Dollar? Das ist viel Geld, das ist ein ganzes Vermögen, himmlischer Gott, so ein Unglück! Dreitausend Dollar, wieviel ist das in unserem Geld?

Juraj Hordubal verspürt eine mächtige Befriedigung: ja, da kämt ihr alle gelaufen, um mich zu sehen, alle, die ihr hier seid, wenn ich zu erzählen anfinge; aus dem ganzen train würden die Leute zusammenlaufen, um den Menschen zu sehen, den man in Amerika um dreitausend Dollar bestohlen hat; yess'r, das bin ich. Juraj Hordubal blickt auf und betrachtet die Leute: die dicke Jüdin drückt sich in die Ecke, der Krämer schaut gekränkt zum Fenster hinaus und lallt zahnlos, die Gevatterin mit dem Korb im Schoß blickt Hordubal an, als gäbe es da etwas, was ihr gar nicht stimmen will.

Juraj Hordubal sitzt wieder in sich verschlossen da: auch recht, bitten werde ich euch nicht; hab' fünf Jahre mit keinem Menschen geredet, und ist auch gegangen. Und da kommen Sie, Herr Hordubal, ohne einen Groschen aus Amerika zurück? O nein, ich hab' einen guten job gehabt, aber das Geld hab' ich nicht mehr in die Bank gegeben, you bet! In den Koffer, Herr, den Schlüssel unters Hemd hängen und fertig. Siebenhundert Dollar bringe ich nach Hause. Well, ich wäre dort geblieben, aber ich hab' mein employment verloren. Nach acht Jahren, Herr. Lock out, sir. Zu viel Kohle oder so was. Sechshundert Mann aus unserem pit haben leave bekommen, Herr. Und überall, überall hat man Leute entlassen. Nirgends robot zu kriegen. Darum fahre ich zurück. Nach Hause, wissen Sie? Nach Krivá. Dort hab' ich die Frau und paar Felder. Und Hafia, drei Jahre alt war sie damals. Siebenhundert Dollar bring' ich unterm Hemd mit und werde wieder der Gazda sein . . . oder in eine factory gehn. Oder Holz fällen.

Und da haben Sie sich nicht nach Frau und Kind gesehnt, Herr Hordubal? Mein Gott, gesehnt hat man sich schon; aber ich hab' ihnen, bitte schön, Geld geschickt und mir dabei gedacht, das hier für eine Kuh, das hier für einen Strich Feld, das da für Polana für dies und jenes, sie wird es schon selber wissen. Jeder Dollar war für etwas bestimmt. Und wie ich das Geld in die Bank gegeben hab', da war's schon so viel wie eine Herde Kühe. Yess'r, und das hat man mir gestohlen. Und Ihre Frau, hat sie Ihnen manchmal geschrieben? Geschrieben, nein, geschrieben hat sie nicht. Sie kann nicht schreiben. Aber Sie haben ihr geschrieben? No, sir. Can't write, sir. Seit damals, wie der Michal Bobok gestorben ist, hab' ich ihr nichts geschickt, nur immer das Geld aufgehoben. Aber Sie haben ihr doch wenigstens telegrafiert, daß Sie kommen? Ah was, ah was, schad' ums Geld. Erschrecken würde sie, wenn der Bote käme, aber vor mir wird sie nicht erschrecken. Haha, ach wo! Vielleicht glaubt sie, daß Sie tot sind, Herr Hordubal; bedenken Sie, wenn sie so viele Jahre keine Nachricht von Ihnen bekommen hat – Tot? ein Kerl wie ich, und tot? Juraj Hordubal schaut auf seine knochigen Fäuste. So ein Kerl, was fällt Ihnen ein! Polana ist klug. Polana weiß, ich komme wieder zu ihr. Je nun, wir alle sind sterblich; wie, wenn Polana nicht so lange gelebt hat? Shut up, sir; dreiundzwanzig war sie, wie ich wegfuhr, und stark, Herr, stark wie ein Riemen – da kennen Sie Polana nicht; mit dem Geld, mit den Dollars, die ich ihr geschickt hab', damit sollte sie nicht am Leben sein? No, thank you.

Der aufgeregte Krämer beim Fenster wischt sich mit einem blauen Tuch den Schweiß ab. Vielleicht wird er gleich wieder sagen: Diese Hitze, Herr? Das nennen Sie Hitze? Sie sollten mal auf lowerdeck sein, Herr; oder dort unten im Anthrazitschacht . . . Dort schicken sie die Niggers hin, aber ich hab's ausgehalten, yess'r. Für sieben Dollar. Hallo, Hordubal! Hallo, you niggahs! Ach, Herr, viel hält der Mensch aus. Das Pferd nicht. Dort hinunter, da konnten sie schon keine Pferde mehr geben, um die Karren zu ziehen. Zu heiß, Herr. Oder so ein lowerdeck auf dem Schiff . . . Der Mensch hält viel aus, wenn er sich bloß verständigen könnte. Da wollen sie was von dir, man weiß nicht was; und sie schreien, toben, zucken die Achseln, – bitte schön, wie soll ich in Hamburg erfragen, wie man nach Krivá fährt? Sie können schreien, ich nicht. Nach Amerika, da fährt man wie geschmiert; einer verladet einen auf das Schiff, drüben wartet schon einer – aber zurück, Herr, zurück hilft einem niemand. No sir. Schwer ist der Heimweg, Herr.

Und Juraj Hordubal nickt mit dem Kopf, jetzt nickt der Kopf schon von selber, sinkt schwer und leblos nieder, und Juraj schläft ein. Die dicke Jüdin beim Fenster hat empört die Lippen geschlossen; die Gevatterin mit dem Korb im Schoß und der beleidigte Krämer werfen einander vielsagende Blicke zu: Ja, ja, so sind die Menschen heutzutage. Wie das liebe Vieh.

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