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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20150225
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XVII

Manya fährt den Bauer nach Rybáry, wegen Rücksprache mit den Eltern. C-c. Und die Pferde, Kopf hoch, – eine Freude, sie anzusehen.

»Also, Stefan«, sagt Hordubal nachdenklich, »du hast einen älteren Bruder, einen jüngeren und eine verheiratete Schwester. Hm, da seid ihr nicht wenige. Und bei euch ist lauter Ebene, sagst du?«

»Ebene«, sagt Stefan bereitwillig, und seine Zähne blitzen. »Bei uns werden vor allem Büffel gezüchtet – und Pferde. Büffel sind gern im Sumpf, Herr.«

»Sumpf«, denkt Juraj nach. »Und läßt er sich nicht austrocknen? Ich hab' das in Amerika gesehen.«

»Wozu austrocknen?« lacht Stefan. »Boden ist genug da, Herr. Und um den Sumpf wäre es schade, dort wachsen Ruten; bei uns werden im Winter Körbe geflochten. Statt Bretter haben wir Ruten. Der Wagen – Korbgeflecht; Zäune, Ställe – lauter Korbgeflecht. Seht, dort die Schafhürde.«

Juraj gefällt die Ebene nicht, sie hat kein Ende, aber was tun. »Und der Vater lebt noch, sagst du?«

»Lebt. Wird sich wundern, wen ich da bringe«, sagt Manya irgendwie stolz, jungenhaft. Aber da ist schon Rybáry. Und das Hütchen im Genick fährt er peitschenknallend Juraj wie einen Baron in das Anwesen und in den Hof der Manyas hinein.

Aus dem Haus tritt ein kleiner, unwirscher Bursche. »Hör mal, Djula«, ruft Stefan, »stell die Pferde in den Schatten und gib ihnen Futter und Wasser. Hier hinein, Herr.« Hordubal mustert mit einem Seitenblick den Bauernhof. Die Scheune in Trümmern, auf dem Hof spaziert eine Muttersau, drüben sträuben Truthennen das Gefieder; in die Türverschalung ist eine Art langer Ahle eingetrieben –

»Das ist eine Nadel, Herr, eine Nadel zum Korbflechten«, erläutert Stefan. »Und eine neue Scheune werden wir im Frühjahr bauen.«

Auf der Schwelle steht der alte Manya mit langen Schnurrbartenden unter der Nase.

»Vater, ich bringe Euch den Gazda aus Krivá«, meldet Stefan und bläht sich ein wenig auf. »Er will mit Euch reden.«

Der alte Manya führt den Gast in die Stube und wartet mißtrauisch, was da wird. Hordubal setzt sich würdevoll hin, nur auf das halbe Gesäß, um merken zu lassen, daß man noch nicht handelseins geworden ist, und befiehlt: »Nun, sag doch, Stefan, wie und was.«

Stefan weist die Zähne und schüttelt die ganze große Neuigkeit aus: daß ihm der Gutsherr da seine einzige Tochter Hafia geben will, wenn sie erwachsen sein wird; und daß er daher mit dem Vater reden will, damit sie einig werden. –

Hordubal nickt: ja, so ist es.

Der alte Manya wird lebendig. »Hej, Djula, bring Branntwein! Willkommen, Hordubal; nun, gute Fahrt gehabt?«

»Gute Fahrt.«

»Gott sei gelobt! Und gute Ernte bei euch?«

»Ganz schön.«

»Und alle gesund?«

»Schönen Dank, gesund.«

Nachdem solcherart alles, was sich gebührt, gesagt worden ist, beginnt der alte Manya: »Also, Ihr habt nur ein Töchterchen, Hordubal?«

»Nun, 's ist nur eine einzige geraten.«

Der Alte kichert, aber sein Blick prüft. »Sagt das nicht, Hordubal, es kann noch ein Sohn kommen. Ausgeruhtes Ackerfeld trägt gute Frucht.«

Juraj zuckt nur mit der Hand, wie um abzuwinken.

»Da wird dann vielleicht ein Söhnchen geboren, ein Erbe«, schmunzelt der Alte und seine Spüraugen blitzen. »Und Ihr seht gut aus, Hordubal; werdet noch fünfzig Jahre Gazda sein.«

Hordubal fährt sich langsam über den Hinterkopf. »Nun, wie Gott will. Was das betrifft, Hafia muß nicht auf die Erbschaft warten. Ihre Mitgift hab' ich gottlob für sie bereit.«

Der alte Manya hat funkelnde Äuglein. »Wie denn auch nicht, man erzählt es sich. In Amerika, da klaubt man das Geld nur so von der Erde auf nicht wahr?«

»So leicht ist's nicht«, meint Hordubal besorgt. »Ihr wißt ja, Manya, das Geld. Hat man's zu Hause – wird es gestohlen; gibt man's in die Bank – wird es auch gestohlen. Besser wäre eine Wirtschaft.«

»Heilige Wahrheit«, stimmt der alte Manya bei.

»Wenn ich mich hier umsehe«, fährt Hordubal bedächtig fort. »Viele Leute ernährt der Boden bei euch nicht. Lauter Sumpf und Auslauf. Ich schätze, hier muß ein Landwirt zehn Morgen Pußta haben, wenn er davon leben soll.«

»Na ja«, brummt der Alte vorsichtig. »Schwer ist es hier, eine Wirtschaft zu teilen. Unser Ältester, der Michal, soll die Wirtschaft erben und die anderen zwei – nur Anteile.«

»Wieviel«, schießt Juraj los. Der alte Manya blinzelt überrascht. O du, läßt einem keine Zeit zum Nachdenken? »Drei Tausender«, brummt er, indem er mürrisch auf Stefan schielt.

Hordubal rechnet flink zusammen. »Dreimal drei – also neun, zehntausend, sagt Ihr, ist Eure Wirtschaft wert.«

»Wieso, bitte, dreimal drei«, ärgert sich der Alte.

»Auch die Tochter soll einen Anteil bekommen.«

»Das ist wahr«, räumt Hordubal ein. »Also sagen wir – dreizehn.«

»Ach nein, das nicht«, der Alte schüttelt den Kopf. »Das soll wohl nur ein Scherz sein, Hordubal.«

»Kein Scherz«, beharrt Hordubal. »Ich möchte wissen, Manya, was so eine Wirtschaft in der Ebene kostet.«

Der alte Manya ist verwirrt, Stefan macht große Augen: will der reiche Hordubal etwa das Anwesen der Manyas kaufen?

»So ein Gut kriegt Ihr nicht einmal um zwanzig Tausender«, sagt der Alte zögernd.

»Mit Stumpf und Stiel?«

Der Alte kichert. »Ihr seid gut, Hordubal. Wir haben immer vier, fünf Pferde auf dem Hof.«

»Ich meine ohne Pferde.«

Der alte Manya wird ernst. »Was wollt Ihr eigentlich, Hordubal – seid Ihr gekommen, um das Gut zu kaufen oder um die Tochter zu verloben?«

Hordubal ist rot geworden. »Ein Gut kaufen – ich, und ein Gut in der Ebene kaufen? Kot kaufen werde ich, was? Pfeifenraten, he? Höflichen Dank, Manya, aber jetzt frisch von der Leber weg. Wenn wir beide einig werden, wenn Euer Stefan sich mit Hafia verlobt, dann vermacht Ihr Euer Gut dem Stefan. Nach der Hochzeit – bekommt Euer Michal seinen Anteil von mir ausbezahlt. Und Djula auch.«

»Und Marja«, haucht Stefan.

»Und Marja – sonst habt Ihr niemand mehr? Stefan soll in Rybáry wirtschaften.«

»Und Michal?« fragt der Alte verständnislos.

»Nun, der kriegt seinen Anteil, dann kann er mit Gott seiner Wege gehen. Ein junger Mensch – nimmt lieber Geld als Boden.«

Der alte Manya schüttelt den Kopf »Nein, nein«, murmelt er, »es wird nicht gehen.«

»Und warum sollte es nicht gehen?« stößt Stefan eifrig hervor.

»Du, du scher dich weg von hier, marsch«, schreit der Alte. »Was hast du dich einzumengen?«

Beleidigt murrend schleicht Stefan auf den Hof hinaus. Djula – natürlich bei den Pferden.

»Nun, Djula«, schlägt ihn Stefan auf die Schulter.

»Ein feines Rößchen«, sagt der Bursche mit Kennermiene. »Darf ich ein wenig darauf reiten?«

»Viel zu gut für deinen Steiß«, versetzt Stefan und deutet mit dem Kopf nach der Stube hin. »Unser Alter –«

»Was?«

»Eh, nichts. Er macht, was er kann, um mir mein Glück zu verderben.«

»Was für ein Glück?«

»Ah, gar keins. Was weißt du.«

Auf dem Hof herrscht Stille, nur die Sau grunzt vor sich hin; vom Sumpf sind die Wasserhühner zu vernehmen, auch die Frösche fangen schon an –

»Und du wirst in Krivá bleiben, Stefan?«

»Vielleicht – noch hab' ich mich nicht entschieden«, wirft sich Stefan in die Brust.

»Und die Bäuerin?«

»Was geht's dich an«, hüllt sich Stefan in Geheimnis. Eh, die Gelsen! und die Schwalben, wie sie mit dem Bäuchlein schier auf dem Boden schleifen. Stefan gähnt, fast kann er sich den Kiefer ausrenken. Was wohl die zwei Alten da drinnen – daß ihr euch die Nasen abbeißt!

Stefan zieht vor Zorn und Langerweile die Korbmachernadel aus der Türverschalung und treibt sie mit aller Kraft wieder hinein. »So, jetzt reiß sie heraus«, fordert er Djula auf.

Djula zieht sie heraus. »Komm, wer von uns wird sie tiefer hineintreiben.« Eine Weile unterhalten sich die beiden damit, die Nadel in die Tür zu rammen, bis Splitter herausschießen.

»Ach was«, sagt Djula, »ich lauf den Mädchen nach. Mit dir ist kein Spaß mehr.«

Allmählich dämmert es, der Horizont über der ganzen Ebene beginnt sich im veilchenfarbenen Nebel zu röten. Soll ich hineingehen? denkt Stefan. Justament nicht. Scher dich fort, hat mich der Alte angefahren, misch dich nicht ein. Bietet der Amerikaner Hordubal seine Tochter ihm an oder mir? Ich wüßte schon allein für mich zu sorgen, und statt dessen scher dich! Und was hast du mir zu befehlen, wütet Stefan, ich gehöre schon zu einer anderen Familie!

Endlich wälzt sich Hordubal zur Tür heraus, vom Branntwein angeheitert, die Alten sind wohl einig geworden: der alte Manya begleitet ihn und schlägt ihn klatschend auf den Rücken. Stefan – steht vorn bei den Pferden und hält sie an dem Gebißkettchen, je nun, wie ein Groom: selbst Hordubal ist es nicht entgangen und er nickt lobend Stefan zu.

»Also am Sonntag in der Stadt«, ruft der alte Manya, und c-c, setzt sich der Wagen in Fahrt. »Glückliche Reise!«

Stefan blinzelt nach dem Bauer hin, er will nicht fragen: vielleicht fängt er selber an –

»Dort – unser Fluß«, zeigt er mit der Peitsche.

»M.«

»Und dort, der Wagen mit dem Schilfrohr, das wird unser Michal sein. Bei uns gibt man Rohr statt Stroh als Streu.«

»So.«

Und nichts. Stefan hält die Zügel zusammen, so schön er kann, der Bauer aber – läßt nur den Kopf baumeln. Schließlich hält Manya es nicht mehr aus. »Also was, Bauer, wieviel habt Ihr ihnen gegeben?«

Hordubal zieht die Augenbrauen hoch.

»Was?«

»Wieviel habt Ihr ihnen verschrieben, Herr?«

Hordubal sagt nichts. Erst nach einer Weile: »Fünf Tausender für jeden.«

Stefan denkt nach, dann stößt er zwischen den Zähnen hervor: »Da haben sie Euch bestohlen, Bauer. Jedem drei Tausender – das wäre genug.«

»M«, knurrt Hordubal. »Dein Vater – wie ein Eichenklotz.«

Eh, der, denkt Stefan; den andern gibt er und mir – nimmt er es eigentlich weg.

»Und dir – auch fünf Tausender«, ergänzt Hordubal. »Für deine Wirtschaft, hat er gesagt.«

Gut, denkt Stefan. Aber jetzt, wo ich beinahe sein Sohn bin – wie wird es mit dem Lohn? Er kann mich nicht mehr wie einen Knecht bezahlen. Vielleicht könnte er mir das Fohlen geben. Verkaufs, Stefan, bist du nicht schon wie unser eigen Kind?

»Und fahr ordentlich«, befiehlt Hordubal.

»Ja, Herr.«

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