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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20101228
modified20150225
projectid3c1a5c8b
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XIII

Hordubal sitzt in der Schenke und freut sich. Gottlob, heute geht's hier geräuschvoll zu: Michaltschuk ist da und Warwarin, Poderejtschuk Mechajlu, Herpak, Stute genannt, Fedelesch Michal und Fedelesch Gejza, Fedjuk, Hryc, Alexa, Hryhorij und Dodja der Heger, lauter Nachbarn, und sie reden vom Abschuß der Wildsäue, die stiften Schaden auf den Feldern. Dem Hryhorij gehört der Felsen unter dem Mentschul, es wäre ratsam, mit ihm zu sprechen, ganz weit ausholen und vorsichtig; zum Beispiel, daß man den Weg in die Felder mit Gestein ausbessern muß. – Eh, dachte Juraj verstimmt, ich hab' ja keine Felder mehr. Pjosa hat sie, dort sitzt er mit finsterm Gesicht. Ich hab' keine Felder, was gehn mich ihre Eber an? Die sollen sie allein verjagen; aber ich – ich gehöre gar nicht hier herein, murrt Hordubal; behaltet eure Sorgen, ich habe meine eigenen.

Die Männer beraten unterdessen, was und wie, wann aufbrechen und von wo. Juraj trinkt langsam und denkt an seine Sorgen. Sie hat nur die Augenbrauen gehoben und ins Haus hinein. Recht so, Polana; einmal vielleicht wirst du anfangen wollen, hör' mal, Juraj, dies und das; und ich werde die Augenbrauen heben und in die Schenke gehen. Sollst auch wissen, wie das schmeckt. Hab' ich denn einen räudigen Rüssel, rinnt es mir aus den Augen oder hab' ich einen Mund so schrecklich wie Laszlo der Bettler? Ja, alt bin ich und überall von der Kohle zerfressen; lauter Gelenke bin ich, nichts sonst ist von mir übrig geblieben; lauter Buckel, wie ich auf allen vieren in der mine herumgekrochen bin; lauter Pranken und lauter Knie – weißt ja nicht, in was für Löchern ich Kohle brechen mußte! Heut' noch huste ich schwarzen Schleim, Polana. Nun ja, viel ist nicht an mir, was dir gefallen könnte; aber arbeiten kann ich, Seelchen, und du wirst sehn –

»Hej, Amerikaner«, grimassiert Fedelesch Gejza, »hast dich noch nicht sehen lassen. Na, bist wohl gekommen, deine Landsleute freizuhalten?«

Hordubal nickt: »Wohl, wohl, aber auf amerikanisch freihalten. Jud', bring dem Gejza ein Glas Wasser! Und wenn's dir zu wenig ist, Gejza, dann einen ganzen Eimer, wirst dir wenigstens das Maul waschen.«

»Und was geht dich mein Maul an?« lacht Gejza. »Wenn's bloß meinem Weib gefällt.«

Juraj verfinstert sich: was geht mich dein Weib an? Sieh mal an, freihalten! Was denn, ich könnte euch schon freihalten; Herrgott, Nachbarn, gern möchte ich mit euch trinken, Arme um die Schultern und singen, singen, bis mir die Augen zufallen. Aber für andere Sachen hab' ich meine Dollars; hab' da so eine Idee, Nachbarn, eine gute, amerikanische. Aber wartet nur, bis ich anfange, das Gestein zu sprengen. Seht doch den Hordubal, ist er verrückt geworden? Wächst wohl zu wenig Gestein bei uns? Und nach einiger Zeit – siehe da, der Amerikaner, selbst aus dem Felsen versteht er Sahne zu melken.

Fedelesch Michal stimmt ein Lied an, die anderen fallen ein; ach, wie wohl ist einem unter den Männern. Wie lang habe ich das nicht mehr gehört – wie lang schon – – Juraj kneift die Augen zu und summt halblaut, tajda – tajda – tajda; und plötzlich, der Teufel mag wissen, was ihn so krähen macht, singt er, singt aus vollem Hals und schwingt den Leib im Takt.

»Hej, du«, schreit Fedelesch Gejza, »wer nicht mit uns trinkt, soll auch nicht mit uns singen. Sing du daheim, Hordubal!«

»Oder schick den Stefan her«, mengt sich Jura Fejduk ein. »Der soll besser singen können als du.«

Hordubal erhebt sich, er hat kein Ende, fast bis an die Decke reicht er. »Sing nur, Gejza«, sagt er friedlich. »Ich wollte ohnehin schon nach Hause gehn.«

»Und was zu Hause«, feixt Fedelesch Michal. »Hast ja den Knecht dort.«

»Ein großer Herr«, wirft Gejza ein. »Hat sich einen Knecht für die Frau gedungen.«

Hordubal wendet sich heftig um. »Gejza«, knirscht er zwischen den Zähnen, »wem gilt das?«

Gejza wiegt sich spöttisch in den Knien. »Wem? Es gibt nur einen solchen Gazda hier.«

Die Männer erheben sich. »Laß ihn, Gejza«, beschwichtigt Warwarin; jemand faßt Juraj um die Schulter und zieht ihn freundschaftlich hinaus.

Hordubal reißt sich los und stürzt auf Fedelesch zu, fast berührt er ihn mit der Nasenspitze.

»Wem?« röchelt er.

»Es gibt nur einen solchen Esel«, wiederholt Fedelesch Gejza vernehmlich, und plötzlich, wie einen Hieb: »– aber Huren, wie Polana, gibt es mehr.«

»Komm hinaus«, röchelt Hordubal und bahnt sich zwischen den Schultern der Männer einen Weg aus der Schenke. Gejza folgt ihm, klappt das Messer in der Tasche auf. Achtung, Hordubal, Achtung auf den Rücken! Aber Hordubal kümmert sich nicht darum, drängt ins Freie und Gejza hinterdrein, das Messer in der Faust, daß die Hand schwitzt.

Alle drängen zur Schenke hinaus. Juraj wendet sich nach Fedelesch um: »Du«, knurrt er. »Komm doch!«

Gejza, die Hand mit dem Schnappmesser am Rücken, schnaubt dumpf und rüstet sich zum Sprung; Hordubal, die Arme wie Brunnenschwengel, umklammert seine Hüften und Hände, hebt ihn empor, dreht sich herum und schleudert Gejza auf die Erde. Gejza fällt auf die Füße und zischt wütend. Hordubal abermals mit ihm auf und nieder, auf und nieder, als wolle er mit Gejza Schotter schlagen; plötzlich knicken Gejzas Knie ein und der Kerl fliegt, die Arme gebreitet, zu Boden, und krach! mit dem Kopf gegen eine Butte, und da liegt der Mensch wie ein Haufen Kleider.

Hordubal schnauft schwer und sucht mit unterlaufenen Augen die Leute. »Hab' nicht gewußt«, brummt er entschuldigend, »daß die Butte da steht.«

Im selben Moment kriegt er mit einer Latte eins über den Schädel und wieder und wieder. Zwei, drei, vier Menschen schlagen stumm auf Hordubals Kopf los, daß es dröhnt.

»Abfahren«, brüllt Hordubal und schwingt im Dunkeln die Arme, schlägt auf eine Nase los, sinkt zu Boden und versucht aufzustehn –

»Was geht da vor?« eine rasche, atemlose Stimme, und ein Hieb mit dem Ochsenziemer in den keuchenden Haufen. Und auf die Köpfe! Jemand brüllt wütend: Achtung auf die Messer! Wasil Geritsch Wasilu verschnauft gewaltig und fuchtelt mit dem Ochsenziemer über Hordubals Leib. Juraj versucht sich aufzurichten. »Macht, daß ihr verschwindet, ihr«, poltert der Dorfschulze und schwingt den Ochsenziemer. Eh, wenn du nicht der Biro wärst, ah was, der Biro! aber ein berühmter Raufbold ist Wasil Geritsch Wasilu. Schon wagen sich auch die Weiber auf die Straße, mit verschränkten Armen, und blicken nach der Schenke aus.

Juraj Hordubal versucht aufzustehen, sein Kopf liegt auf Wasils Schoß, und jemand wäscht ihm das Gesicht. Es ist Pjosa.

»Das war kein ehrlicher fight, Wasil«, murrt der Amerikaner. »Sie von hinten, und zwei gegen einen –«

Eh, Juraj, sechse sind's gewesen, die Lumpen, und alle mit Zaunlatten; hast einen Eichenschädel, daß er nicht geborsten ist. »Und Gejza?« fragt der Verprügelte.

»Gejza hat vorläufig genug, den haben sie weggetragen«, sagt der Schulze.

Juraj atmet befriedigt auf »Der wird jetzt auf seine Schnauze achtgeben, der Schuft«, brummt er und versucht aufzustehen, und gottlob, es geht schon, er steht schon aufrecht und hält sich den Kopf. »Was wollten sie denn von mir«, wundert er sich. »Komm, Wasil, trinken wir noch eins. Sie haben mich nicht singen lassen, die Luderkerle!«

»Geh heim, Juraj«, redet ihm der Schulze zu. »Ich begleite dich, vielleicht lauern sie dir auf.«

»Als ob ich Angst hätte«, sagt Hordubal kampfbereit und taumelt heimwärts. Nein, ich bin nicht betrunken, Polana, aber ich hab' mich in der Schenke gerauft. Warum gerauft? Nur so, Liebchen, aus guter Laune, im Spaß haben wir unsre Kräfte gemessen mit Fedelesch Gejza.

»Und weißt du, Wasil«, erklärt Juraj aufgeräumt, »in Amerika, da hab' ich auch einen fight gehabt, mit einem miner, mit dem Hammer ging er auf mich los. Ein Deutscher oder so was; aber die andern, die haben ihm den Hammer weggenommen, sich im Kreis herumgestellt, und jetzt los mit dem fight, aber nur mit bloßen Händen. Eh, Wasil, ich hab' da paar übers Maul gekriegt, der Deutsche aber ist zu Boden gegangen. Und niemand hat sich eingemengt.«

»Du, Juraj«, sagt Geritsch ernst, »geh nie in die Schenke hier, sonst gibt's wieder eine Rauferei.«

»Warum?« staunt Hordubal. »Ich tu' ihnen doch nichts.«

»Je nun«, sagt der Vorsteher ausweichend, »mit jemandem müssen sie sich raufen. – Geh schlafen, Juraj; und morgen schick den Knecht fort.«

Hordubal verfinstert sich. »Was sagst du da, Geritsch? Also auch du mengst dich in meine Sachen ein?«

»Wozu einen Auswärtigen im Haus haben«, bemerkt Wasil ausweichend. »Geh, geh ins Bett. Ech, Juraj, Polana ist nicht wert, daß du dich ihretwegen schlägst.«

Hordubal steht wie eine Säule und blinzelt. »Also auch du bist so – niedrig wie sie«, entringt es sich ihm endlich. »Da kennst du Polana nicht, du –. Nur ich kenne sie, und du untersteh dich nicht –«

Wasil legt ihm ernst die Hand auf die Schulter. »Juraj, acht Jahre haben wir sie vor den Augen –«

Hordubal entwindet sich ihm heftig: »Geh, geh, sonst – – Geritsch, so lange ich lebe, so wahr ein Gott über mir ist, kenne ich dich nicht, und du bist mein bester Freund gewesen.«

Und schon wendet sich Hordubal nicht mehr um und torkelt nach Hause. Geritsch hat nur kurz geschnauft und flucht lange leise in die Nacht hinein.

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