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Hordubal

Karel Capek: Hordubal - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorKarel ?apek
titleHordubal
publisherErnst Klett Verlag
year1984
isbn3-608-95241-1
firstpub1933
translatorOtto Pick
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20101228
modified20150225
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XI

Besoffen hat sich Manya in dieser Nacht, wie ein Vieh hat er sich besoffen; nicht hier in Krivá, sondern ganz weit in Toltschemesch beim Juden, mit den Burschen hat er sich herumgeschlagen und, so sagt man, auch herumgestochen, wer weiß; erst in der Frühe ist er zurückgekommen, aufgedunsen und zerschunden, und jetzt holt er im Stall den Schlaf nach. Man sollte die Pferde tränken, denkt Juraj, aber ich werde mich nicht in deine Angelegenheiten einmengen. Wenn man mit den Pferden nicht reden soll, dann gut; betreu du sie selber. Und Polana – wie ein Schatten, besser, sie nicht zu sehn. Ja, das sind so Sachen, meint Hordubal betrübt; was tun?

Und schwül ist es, schwül wie vor einem Gewitter, die Fliegen ärgern, ach, ein ekelhafter Tag! Juraj schlendert in den Garten hinter der Scheune; aber auch dort ist es so – was dort? Nur lauter Brennesseln, und wozu die vielen Scherben, dieser Zigeunerunrat – –. Wie ein Schatten ist Polana; hockt in ihrer Kammer und nichts – Gott mit dir; aber weißt du, schwer wird es einem hier. Hordubal fährt sich sorgenvoll über das feuchte Genick. Je nun, wir kriegen ein Gewitter, Stefan sollte das Heu hereinschaffen. –

Hordubal klettert über den Zaun und geht hinten ums Dorf, um am Himmel Ausschau zu halten. Das Dorf von hinten – als wenn man einen Tisch von unten her betrachtet, lauter rauhes Holz und Leisten; und als wenn einen niemand sähe, als wenn man mit der ganzen Welt Verstecken spielte; nur Zäune und Klettersträucher, der Blattkohl von Raupen zerfressen, und hier ein Kehrichthaufen, Bilsenkraut, Stechapfel und Zigeuner, Zigeunerhütten hinter dem Dorf – Juraj bleibt stehen und zögert: mein Gott, wohin bin ich geraten. Polana ist allein, Stefan bewußtlos im Stall . . . Hordubals Herz pocht heftig. Der Teufel hole die Zigeunerin! Da sitzt sie auf der Erde, die fette, entsetzliche Vettel, und laust ein Zigeunerkind.

»Was wünscht der Herr?« quäkt die Zigeunerin.

»Zigeunerin, Zigeunerin«, sagt Juraj mit zitternder Stimme, »kannst du mir einen Liebestrank brauen?«

»Na, und ob«, feixt die Zigeunerin, »und was gibst du mir?«

»Einen Dollar, einen amerikanischen Dollar«, stammelt Hordubal, »zwei Dollar –«

»Joj, du Schuft«, schreit die Vettel, »für zwei Dollar, zum Beispiel, paarst du nicht einmal einen Hund, für zwei Dollar, zum Beispiel, besprichst du nicht einmal eine Kuh –«

»Zehn Dollar«, flüstert Hordubal erregt, »zehn, Zigeunerin!«

Die Zigeunerin hat sich im Nu beruhigt. »Gib her«, sagt sie und hält die schmutzige Pranke hin.

Jurajs Finger beben, während er fieberhaft im Geld wühlt. »Aber mach' einen guten Zauber, Zigeunerin, nicht für die Nacht, nicht für einen Monat, nicht für ein Jahr. – Daß das Herz weich wird, daß die Zunge sich löst, daß sie mich gerne sieht –«

»Hej«, murmelt die Zigeunerin. »Ilka, mach' Feuer an!« Sie wühlt in einem Sack, ihre Hände sind runzlig wie Vogelklauen. Ach, diese Schande! Der Himmel trübt sich, wir bekommen ein Gewitter. Leg los, Zigeunerin, schnell. – Ech, Polana, sieh, wie weit du mich gebracht hast!

Die Zigeunerin plärrt und schüttet etwas aus dem Sack in den Kessel; es riecht ekelhaft, und was murmelt die Zigeunerin da, sie schüttelt den Kopf und zaubert mit den Klauen – Juraj verspürt ein Grauen, auf der Stelle möchte ich versinken! Um deinetwillen, Polana, nur du, nur du – welch eine Sünde!

Juraj rennt nach Hause, er trägt den Zauber und rennt, wir kriegen ein Gewitter. Kühe mit Erntefracht traben heran, Kinder, flugs nach Hause, Staub steigt hoch. Erschöpft öffnet Hordubal die Hoftür und muß sich anlehnen, sein Herz hämmert, um deinetwillen, Polana. Und plötzlich rennt der Dreijährige aus dem Stall heraus, hält inne, wiehert, und im Galopp zum Tor.

»O-o-oh«, schreit Juraj und schwenkt ihm die Arme entgegen. Aus dem Haus eilt Polana herzu.

Das Pferd auf die Hinterbeine, dreht sich, rennt durch den Hof Brust hoch und Hinterteil geduckt, und scharrt die Erde mit den Hufen.

Und wie ist Hafia hierhergeraten, sie läuft über den Hof zu der Mutter hin, wimmert entsetzt und stürzt. Polana schreit auf und Hordubal brüllt. Ach, die hölzernen Füße! Kann ich denn nicht springen –

Und da rast Manya aus dem Stall heran, die weißen Ärmel flattern, steil hat sich das Pferd aufgerichtet und an der Mähne hängt der Bursche, rüttelt es, eh, du schüttelst ihn nicht ab, wie eine Wildkatze am Hals. Das Pferd springt zurück, wirft den Kopf hin und her, schlägt mit dem Hinterteil aus; Manya stürzt, hält sich aber an der Mähne fest, kniet und zerrt das Pferd zurück. Jetzt erst entspannen sich Hordubals Füße, und er rennt hin, um Hafia zu holen. Das Pferd schleift Manya durch den Hof, doch da stemmt Stefan plötzlich die Absätze in den Boden und zerrt, zerrt an der Mähne. Hordubal drückt das Kind an die Brust, er möchte es wegtragen und vergißt es – so gewaltig ist der Anblick: Mann und Tier. Polana, die Hände am Herzen. – Da lacht Manya schrill auf, wiehert wie ein Pferd und führt den schnaubenden Hengst im Sprunggalopp in den Stall.

»Da, nimm das Kind«, sagt Hordubal, aber Polana hört nicht. »Polana, hörst du, Polana!«

Zum erstenmal legt ihr Juraj die Hand auf die Schulter. »Polana, Hafia!« Sie blickt auf – ach, hattest du je solche Augen, atmetest du je so durch den halboffenen Mund? Wie schön du geworden bist – und nun ist es wieder erloschen.

»Nichts ist ihr geschehen«, murmelt sie und trägt das schluchzende Kind ins Haus.

Aus dem Stall kommt Manya, wischt mit dem Ärmel das Blut von der Nase, spuckt Blut. »Es ist wieder gut«, sagt er.

»Komm«, knurrt Hordubal, »komm, Stefan, ich pump' dir Wasser auf den Kopf.«

Stefan schnaubt wollüstig unter dem Wasserstrom und spritzt reichlich, fröhlich herum. »Das war mal was, gelt?« schwatzt er wiederbelebt. »Das Hengstlein war brünstig, Bauer, darum war's so wild.« Manya zeigt die Zähne, naß und zerzaust. »Hei, das wird mal ein Hengst!«

Juraj möchte Stefan sagen, na, bist ein Prachtbursche, gut hast du das Rößchen gebändigt; aber unter Männern – unnötig zu reden. »Ein Gewitter wird's geben«, brummt er und schlendert hinter die Scheune. Im Süden färbt sich der Himmel schwarz, schlimm sind die Gewitter von unten. Der Hengst ist brünstig geworden, und was ist das, der Mensch kann gar nicht auf die Füße, um das Kind aufzuheben. Vielleicht bin ich schon alt, Polana, oder was –. Merkwürdig, die Füße werden hölzern, wie verzaubert.

Herrgott, diese Schwärze! Es donnert schon. – Die Zigeunerin zaubert, und sieh mal, ein Hengstlein wird brünstig; und ich spring' dem Pferd nicht in die Mähne, ich erstarre bloß und glotze. Nicht ich, sondern Stefan springt. Warum sollte er nicht springen, wenn er jung ist? Ach, Polana, warum hast du so geschaut, warum bist du so schön geworden!

Und schon ist es da, schon ist es da: das Gewitter – wie wenn ein scheugewordenes Pferd dahinjagt, Funken unter den Hufen, und wiehert. Du springst nicht mehr dem Pferd in die Mähne, die Füße tragen dich nicht und zögern selber. Du springst nicht, du jauchzt nicht; Stefan tut es. Pfui doch, niederträchtig ist die Zauberei der Zigeuner: ein Hengstlein wird brünstig und fertig. Und du denkst: Polana. Warum bist du dann nicht auf das Pferd zugesprungen? Polana hätte geschaut, die Hände an der Brust, und die Augen – wie noch nie.

Juraj blinzelt, ohne die warmen Tropfen im Nacken zu verspüren. Der Himmel zerreißt, es schmettert und kracht. Hordubal bekreuzt sich flüchtig und die Eile fährt ihm in die Beine. Noch nicht, erst den Zauber der Zigeunerin in die Brennesseln schütten. Und dann mit einem Sprung unter die Scheune und schauen, wie das Gewitter draußen tobt.

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