Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Baumbach >

Horand und Hilde

Rudolf Baumbach: Horand und Hilde - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/baumbach/horand/horand.xml
typepoem
authorRudolf Baumbach
titleHorand und Hilde
publisher
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090308
projectid7dcaccf1
Schließen

Navigation:
Buchschmuck

IX.

Die Flucht

Der Tag hat aufgeschlossen sein goldigrothes Thor,
Die Sonnenrosse flogen den Himmelspfad empor.
Im frischen Winde sprangen die Wellen auf der Fluth
Wie eine Lämmerheerde, die lust'ge Sprünge thut.

Aus Baljans Mauern zogen Herr Hagen und die Frau'n,
Das Schiff der fremden Helden und ihren Hort zu schauen.
Es folgten ihnen Recken wohl sechzig an der Zahl;
Auf ihren Helmen glänzte der rothe Morgenstrahl.

Auf weissen Mähren ritten in Sattelkleidern reich
Die edlen Königinnen, jung Hilde lilienbleich.
Sie hob die lichten Augen vom Hals des Rosses kaum,
Und zitternd hielt die Linke den purpurfarbnen Zaum.

Den beiden Hilden folgte Frau Hildburg im Geleit;
Sie sass so kühn im Sattel, als gings zu Kampf und Streit,
Sie liess die dunklen Locken im Morgenwinde weh'n,
Wie eine schlachtenfrohe Schildjungfrau anzuseh'n.

Der Hass, den gegen König und Königin sie trug.
Genährt seit vielen Jahren, jetzt wilde Flammen schlug.
Zur lang ersehnten Rache gekommen war die Zeit.
Sie schuf dem wilden Hagen das grösste Herzeleid.

Und als der Zug des Königs gekommen an den Strand,
Da hob man von den Rossen die Frauen auf den Sand.
Herr Horand und Herr Wate, der wunderstarke Mann,
Begrüssten ihre Gäste, dazu des Königs Bann.

Auf langen Tischen rauchten der Schüsseln wohl genug,
Die Schenken hurtig rannten mit Becher und mit Krug,
In weiten Hörnern schäumte des Methes braune Fluth,
Und in den Silberbechern der Rebe süsses Blut.

Da legten ihre Wehre die Degen schnell beiseit
Und setzten sich zu Tische, zum Zechen stets bereit.
Ein fröhliches Gelage begann alsbald am Meer;
Die Schüsseln und die Becher, sie wurden nimmer leer.

Indess das Heergesinde beim reichen Mahle sass,
Herr Hagen mit den Frauen des Schmausens ganz vergass.
Erfreute sich im Laden an blauer Helme Schein,
Die Königin hinwieder an Gold und Edelstein.

Da hob zu seinen Gästen der alte Wate an:
»Nun sollt ihr seh'n das beste von allem, was wir han.«
Er hob mit starken Händen den Deckel einer Truh'
Und winkte mit den Augen dem kühnen Horand zu.

Ein Waffenhemde bot er dem wilden Hagen dar,
Der Draht war siebenfältig, aus dem's gewoben war;
Es mochte keine Klinge, wie grimmig sie auch schnitt,
Das Streitgewand durchdringen; fest war es wie Granit.

Und Wate holte wieder aus seiner Truhe Grund
Ein schweres Silberkästlein, von Edelsteinen bunt.
Es barg ein köstlich Kleinod von wunderbarem Glanz;
Ein Halsgeschmeide war es, gefertigt in Byzanz.

Herr Hagen und Frau Hilde vor Freude wurden roth,
Sie sahen nur die Gaben, die ihnen Wate bot,
Sie hörten nur die Worte, die sprach der schlaue Held,
Und Horand mit den Frauen wich eilends aus dem Zelt.

Es war der Weg zum Schiffe nur wenige Schritte weit;
Den alten Wate däuchte es eine Ewigkeit,
Bis das ersehnte Zeichen, ein Hornstoss gellend klang.
Hei, wie mit wildem Toben empor der Recke sprang!

Mit starkem Fussstoss warf er die Tafel goldesschwer.
Das köstliche Geschmeide flog blitzend weit umher,
Er schwang die lichte Klinge in hochgehobner Hand,
So brach er aus dem Zeltraum und rannte nach dem Strand.

Von Hagens Degen keiner verlegte seine Bahn;
Er flog hinab zur Lände und sprang in einen Kahn,
Das Tau zerschnitt er eilig, das Ruder er ergriff,
Mit wenig Ruderschlägen gewann der Held das Schiff.

Erst stand der wilde Hagen vor Staunen schweigend da,
Doch als er auf dem Schifflein das rothe Zeichen sah,
Darauf den goldnen Leuen, da ward ihm schrecklich klar,
Dass von den Hegelingen geraubt die Tochter war.

Aufschrie er wie ein Waldthier, durch einen Pfeilschuss wund,
Die Königin, Frau Hilde, sank leblos auf den Grund,
Die Heergesellen rannten am Strande hin und her,
Und immer weiter schwebte das Schifflein auf dem Meer.

Da riss der König einem den Speerschaft aus der Faust;
Wie eine Schlange kam er mit Zischen angesaust.
Frau Hildburg fiel getroffen zu Boden todtenbleich,
Und zürnend glitt ihr Schatten hinab ins Todtenreich.

Zum zweitenmal versandte der König einen Schaft,
Er warf ihn tödtlich sicher mit ungefüger Kraft,
Doch von dem Wall der Schilde zurücke sprang der Speer;
Der dritte Wurf erreichte die Fliehenden nicht mehr.

Da jauchzten wild die Recken im Fahrzeug auf der Fluth,
Und wie ein Eber schäumte Herr Hagen, bleich vor Wuth.
»Zu Schiffe!« rief er schnaubend, »die Segel aufgespannt!«
Und legte selber helfend an's Werk die starke Hand.

Sie rüsteten die Drachen, indess verging der Tag,
Und auf der See der Abend in grauem Mantel lag,
Es traten aus den Pforten die Sternlein silberlicht. –
Das Schiff der Hegelingen war längst schon ausser Sicht.

Da ritt der König stöhnend zurück nach seinem Schloss,
Die jammervolle Hilde der Thränen viel vergoss,
Es biss der wilde Hagen die Lippe bis aufs Blut.
Es war zu Fall gekommen sein hoher Uebermuth.

Buchschmuck
 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.