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Horand und Hilde

Rudolf Baumbach: Horand und Hilde - Kapitel 7
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authorRudolf Baumbach
titleHorand und Hilde
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Buchschmuck

VII.

Hilde und Hildburg

Wie grün ist heut das Land, wie blau die Meerfluth,
Welch süsser Duft umfliesst die Rosenbüsche,
Wie lieblich lockend schallt aus Lindenkronen
Der Drossel Sang, und selbst der Schrei der Möve,
Die schimmernd über'm Wasserspiegel schwebt,
Tönt freudig heut vom Seegestad herüber.
Verwandelt ist die Welt, Lichtalfen gleiten
Auf Wolkenschiffen durch die Luft und winken
Der jungen Königstochter, die vom Fenster
Hinaus blickt in die Weite, traumverloren.

Frau Hildburg sass auf einem niedern Schemel
Die Nadel führend mit geschickten Fingern.
Mit Fadengold und bunter Seide wob sie
Gethier des Waldes in den Stoff: den Eber
Von Rüdenzahn gefasst, den flücht'gen Damhirsch,
Den Silberreiher in des Sperbers Fängen
Und Jäger mit dem Bogen und dem Jagdspiess.
Ein goldenes Geranke zierlich schlang
Sich um das Bild. Frau Hildburg aber sang:

      Durch's Meer ein Schiff geschwommen kam,
      Am Mastbaum stand der König Gram.
      Zum Klang der Harfe sang er laut
      Ein Lied von Signe, seiner Braut,
          Des Finnenkönigs Tochter.

      Und wie er schloss den rothen Mund,
      Ein Greis auf einmal vor ihm stund.
      Woher er kam, man sah es nicht,
      In einen Silberspiegel licht
          Den König liess er schauen.

      Da ging des Helden Athem schwer,
      Die Wange ward von Blut ihm leer.
      Im Brautgeschmeid, im Brautgewand
      Schön Signe in dem Spiegel stand
          Und neben ihr ein Fremder.

       Der König Gram gerieth in Wuth,
      Die Rechte zog die Klinge gut;
      Zerschmettern sollt' ein grimmer Streich
      Den Spiegel und den Greis zugleich,
          Doch beides war verschwunden.

      Da sprach kein Wort der König Gram,
      Das Steuer er zu Händen nahm,
      Gen Mitternacht, gen Finnenland
      Ward schnell das Drachenschiff gewandt;
          Hei, wie es flog im Winde!

      Der Finnenkönig sass im Saal
      Bei seiner Tochter Hochzeitsmahl.
      Schön Signe sass so blass und bleich
      Und neben ihr im Kleide reich
          Der Fürst der wilden Sachsen.

      Da trat ein alter Mann herein,
      Den hüllten Grauhundfelle ein.
      Er ging am Stab gebückt einher,
      Als ob er siech und müde wär'
          Und sass am Eingang nieder.

      So Meth als Wein in Strömen rann,
      Und wüster Lärm im Saal begann,
       Manch einer vom Bewusstsein schied,
      Ein finn'scher Sänger sang ein Lied,
          Das klang wie Rabenkrächzen.

      Da nahm das Saitenspiel zur Hand
      Der fremde Mann im Wolfsgewand
      Und sang ein Lied voll Klang und Gluth,
      Von Frauentreu' und Mannesmuth. –
          Schön Signe sass und lauschte.

      Und wie vom Regen neu belebt
      Die welke Blüthe sich erhebt,
      So hob das schöne Haupt die Braut,
      Von heissen Thränen hell bethaut
          Und spähte nach dem Sänger.

      Da warf der Fremde von sich schnell
      Die Kappe sammt dem rauhen Fell.
      Hei, wie den bleichen Bräutigam
      Zu Boden schlug der König Gram
          Mit seinem guten Schwerte!

      Schön Signe von dem Hochsitz sprang,
      Der König fest die Braut umschlang,
      Und aus dem Hochzeitssaal im Flug
      Sein starker Arm die Traute trug
          Zum Drachenschiff am Strande.

       Die Fahrtgesellen riefen an
      Den Oegir und die weisse Ran.
      Vom Decke rann das Opferblut,
      Da flog das Schifflein durch die Fluth
          Wie eine weisse Möve.

      Es stand der König Gram am Mast
      Schön Signe hielt sein Arm umfasst.
      Meerminnen schwammen um den Kiel,
      Ein Sänger sang zum Harfenspiel
          Von starker Treu im Norden.

Buchschmuck

Das Lied verklang. Gelockt von Wort und Weise
Stand Hilde vor der Freundin, die sich beugte
Auf ihre bunte Schilderei und emsig
Den goldnen Faden zog. Da sprach die Jungfrau:
»Die Königsburg erschallt von neuen Liedern.
Du hast mir oft von Zwergenvolk gesungen,
Das in den hohlen Bergen wohnt, von Riesen,
Die listig Asathor den Hammer stahlen,
Und von den Wellentöchtern in der Salzfluth.
Allein der Sang von König Gram und Signe
Ist neu. Hat dir der fremde Sänger Horand
Das Lied vertraut? Ich weiss, du warst am Strande
Und hast das Wunderschiff geschaut. Erzähl' mir Hildburg!«

Und Hildburg sprach: »Es ist ein Lied, ein altes.
In deines Vaters Halle sang's vor Jahren
Ein fremder Sänger, und entschwunden war mir's
Im Lauf der Zeit. Doch als der Fremde gestern
Die süssen Weisen sang zum Ton der Harfe,
Und als ich sah die Hochgestalt des Helden,
Das Haupt von goldner Lockenfluth umflossen,
Wohl würdig, dass es einen Kronreif trüge,
Und als ich sah, wie meine Hilde lauschte
Und wie am Sänger hing ihr blaues Auge,
Da plötzlich mir das Lied zu Sinne kam,
Und die Gestalten fügten sich zum Bilde;
Held Horand schien mir wie der König Gram
Und wie schön Signe meine traute Hilde.«

Sie sprach's und sah der Jungfrau scharf in's Auge.
Die aber warf sich an dem Schemel nieder
Und barg ihr Angesicht im Schooss der Andern
Und schluchzte laut. »Ach, Hildburg«, rief sie weinend,
»Ach hilf und rathe mir! Ich bin so thöricht,
So selig – schilt mich nicht – ich kann nicht anders.
Seitdem ich seine Stimme hörte schallen
Und sah das Bild des Helden vor mir steh'n,
Schön wie ein Gott aus Asgards lichten Hallen,
War's um der armen Hilde Kopf geschehen.
Ich möchte jubeln, singen, weinen, klagen,
Ach, was ich will, ich weiss es nicht zu sagen,
Das eine weiss ich, lieber will ich sterben
Als mich von einem andern lassen werben.«

Frau Hildburg trocknete die feuchten Wangen
Dem Königskind. »Sei ruhig, meine Taube!
Drei Schwestern sitzen an dem Fuss der Esche
Am ew'gen Brunnen, Zauberlieder raunend.
Auf goldne Spindel rollen sie den Faden
Und wirken jedem das Gewand der Zukunft.
Ein reiches Schicksalskleid wird dir gewoben,
Und herrlich seh' ich's der Vollendung nah'n.
Und weil du mir vertraut hast ein Geheimniss,
So will ich dir dafür ein andres künden.«
Da trocknete die Thränen von den Wangen
Das schöne Königskind und sass und lauschte.
»Der Fremden Wesen,« so begann Frau Hildburg,
Ihr Adel, ihre ungemess'nen Schätze,
Die sie verstreuen wie mit Königshänden,
Die Asenkraft des Alten und die Lieder
Des Sängers Horand, alles schien mir seltsam.
Und die Gelegenheit drum nahm ich wahr
Und folgte heute früh nach Sonnenaufgang
Den Mägden, die zum Strand das Linnen trugen,
Im Stillen hoffend, dass ein günst'ger Zufall
Vielleicht mich auf die Spur, die rechte, leite.
Im blauen Sunde lag das Wunderschifflein
Der fremden Gäste wie ein bunter Vogel.
Am Ufer aber vor dem Waarenzelte
Ging Horand hin und her. – Da schritt ich näher,
Und mich erkennend sprach der Sänger freundlich:
Willkommen, edle Frau mit deinen Maiden,
Und hiess uns in den inneren Zeltraum treten,
Wo aufgehäuft auf breiten Tischen lagen
Die Prachtgewänder und die Goldkleinode,
Jedwede Magd erhielt ein goldnes Ringlein,
Ich aber eine Spange, drein ein Jaspis
Erglänzte, grün wie junges Gras im Frühjahr.
Die hocherfreuten Mägde schieden dankend
Aus Horands Zelt und schritten zu dem Bache,
Der lustig schäumend mündet in die Seebucht,
Das Linnen und die Kleider dort zu waschen.
Wir beide aber gingen an dem Strande
Lustwandelnd hin und her und sprachen dieses
Und jenes, wie es Brauch im Zwiegespräche.
Und als ich seiner süssen Kunst gedachte
Und ihm erzählte, wie dem Königspaar
Sein Spiel und Sang gefallen, frug er hastig:
Und Hilde? – Stille stand ich, und in's Antlitz
Dem Helden sah ich, und sein Auge zuckte.
Da hatt' ich ihn verstanden und er mich,
Und warnend sprach ich also zu dem Helden:
Verloren bist du, wenn ein andres Auge
Als meins das schlaue Spiel des fremden Sängers
Durchschaut. – Der König hütet seine Taube
Wie Fafner seinen Hort. – Der ist verloren,
Der kühn die Hand nach Hagens Tochter streckt.
Des Todes bist du, selbst wenn die Verkleidung
Des Sängers Horand einen König deckt.

Und Horand sprach: Hab' Dank für deine Warnung.
Wohl weiss ich, dass sein Kind der starke Hagen
Behütet wie der Felsenaar sein Junges;
Wohl weiss ich, dass er alle Königsboten,
Die um der jungen Hilde willen kamen,
Von seiner Thüre wies, mit Hohn sie kränkend.
Auf seinem Felseneiland sitzt er trotzend
Auf seine Macht und seiner Recken Hände.
Das alte Sprichwort aber sagt mit Recht:
Ist einer übermüthig, immer findet
Ein andrer sich, der jenen überwindet.
Ich weiss von einem jungen Heldenkönig,
Dem wilden Hagen gleich an Kraft und Ehre,
An Schätzen aber und an festen Burgen,
An Land und Leuten noch bei weitem reicher.
Der hat geschworen bei den starken Asen,
Des wilden Hagen Kind, von dessen Schöne
Die Fahrenden an allen Höfen singen,
Als seine Hausfrau in das Land zu bringen,
Auf dass ihr Haupt der goldne Stirnreif kröne.

So sprach der Fremde, der sich Horand nennt,
Und wie der Götter einer, die vom Himmel
Zuweilen auf die Erde niedersteigen,
Erschien er mir, und alles war mir klar.
Er selber ist der junge, reiche König,
Von dem er sagte, dass er Hagens Tochter
Gelobt als seine Traute heimzuführen.
Um deinetwillen ist er hergekommen,
Und singend hat der Held dein Herz genommen.
Was er gelobt hat bei den starken Asen,
Er führt's zu End. – Du zagst und zitterst, Hilde,
Wie Laub im Wind? – Sei ruhig und vertraue!
Was dir die Norne spann, es muss geschehen,
Und treu zur Seite wird dir Hildburg stehen.«

Und flüsternd fuhr sie fort: »Wenn in der Halle
Die fremden Gäste heut zum Mahl erscheinen,
Und, wie es Brauch, das Waffenspiel beginnen,
Dann wird Held Wate seine Künste zeigen
Und aller Augen fesseln. – Unterdessen –
Erschrick nicht, meine Taube! – Unterdessen
Entfernt sich unbemerkt der kühne Horand
Und schreitet, in den Armen seine Harfe,
Zum abgelegnen Garten an dem Zwinger.
Dort findet uns von Ungefähr der Sänger,
Die wir im Grünen wandeln auf und nieder.
Und dort, so sprach er, soll die junge Hilde
Das schönste hören aller meiner Lieder.«

Frau Hildburg war zu Ende. – Bebend nickte
Und schweigend mit dem Haupt die Königstochter
Und barg ihr Angesicht in beiden Händen.
Doch Hildburg flösste Muth ihr in die Seele,
Die bangende, und sprach die Trostesworte:
»Sei guten Muthes, Hilde, und nicht fürchte
Des Vaters Rache. Toben wird er freilich
Vor Zorn, wenn ihm die Tochter wird entrissen,
Wenn sich ein Andrer mit der Lilie schmückt,
Die seine Selbstsucht wollte welken lassen.
Wohl wird Frau Hilde, deine Mutter, klagen
Und weinen und ihr Kind des Undanks zeihen;
Doch bist du erst des jungen Königs Hausfrau,
Und schmückt der Kronreif deine weisse Stirne,
Dann ist des Königs Groll und Gram zu Ende,
Dann scheidet deine Mutter von dem Leide,
Und reichen Segen streuen ihre Hände
Auf's Haupt des Kindes, ihrer Augenweide.

Noch sind wir nicht am Ziel; das kühne Wagniss
Gelang noch nicht, allein es wird gelingen,
Und freudig nehm' ich auf die eignen Schultern
Für dich die grösste Hälfte der Gefahr.
Mein Schicksal will ich an das deine ketten,
Du trautes Kind. – An deines Vaters Hofe
Bist du die einz'ge, die mich liebt von Herzen
Und die ich selber liebe wie mein Leben.
Du weisst, dein Vater fand mich als ein Mägdlein
Bei deiner Mutter auf dem Felseneiland,
Dahin die wilden Greifen uns getragen.
Nach Kummer, Noth und mancherlei Bedrängniss
Gelang's dem jungen Recken uns zu bringen
Hierher in seines Vaters Reich, und Hilde
Ward Hagens Weib, fand Liebe, Haus und Heimat.
Ich aber ward die Magd. Doch lass mich schweigen.
Was ich geduldet viele, lange Jahre,
Du ahnst es nicht und kannst es nicht ermessen,
Jetzt aber endlich ist der Tag gekommen,
Da ich sie breche die verhasste Fessel,
Und du, ich weiss es, wirst mir gern vergelten,
Was ich gelitten und für dich gethan.«

So sprach Frau Hildburg, und die Arme schlang
Um ihren Hals das Kind des wilden Hagen
Und schwur's ihr zu. – Es schlug ihr Herz so bang,
Doch froh begann der andern Herz zu schlagen.

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