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Gutenberg > Rudolf Baumbach >

Horand und Hilde

Rudolf Baumbach: Horand und Hilde - Kapitel 6
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typepoem
authorRudolf Baumbach
titleHorand und Hilde
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Buchschmuck

VI.

Wie Horand vor den Könniginnen sang

Ein Horn erklang im Königssaal,
Eintrat Herrn Hagens Ehgemahl,
Das Haar geschmückt mit goldnen Reifen,
Das Kleid gestickt mit goldnen Greifen,
So ging sie her vor ihren Frauen
Wie Mittagssonne anzuschauen.
An ihrer Hand mit leichtem Tritt
Die junge Königstochter schritt,
Wie wenn dem Aehrengold im Feld
Blaublümlein traulich sich gesellt.
Da sprangen von der Bank geschwind
Die Herren und das Ingesind.
Die Gäste sich gar höfisch zeigten,
Sich vor den Frauen züchtig neigten,
Und ihren Dank empfingen beide
Für das gespendete Geschmeide.

Jung Hilde liess die Blicke gleiten
Auf Wates Bart, den ellenbreiten;
Vor seiner grauen Augen Gluth
Ward's fast dem Mägdlein bang zu Muth.
Soll dieser wohl der Sänger sein
Des süssen Nachtgesangs? O nein!
Wie käme wohl der Bärengrimme
Zu solcher Nachtigallenstimme?
Der andre, dem der Locken Gold
In Ringeln auf die Schultern rollt,
Dess Mund so roth, dess Stirn so rein,
Gewiss, das muss der Sänger sein.
Es mustert ihn das Königskind
Neugierig, wie die Mägdlein sind,
Doch wie Held Horand gleich dem Aar
Aufschlägt sein lichtes Augenpaar,
Jung Hilde jäh zusammen zuckt,
Wie's Vögelein im Nest sich duckt.

Die Schüsseln aus dem Saal man trug,
Und Scherz und Kurzweil gab's genug
Herr Wate nur, der graue Zecher
Sah still in seinen tiefen Becher.
Es war dem Alten nicht zu eigen
Mit witz'ger Rede sich zu zeigen,
Drum sass er schweigend auf der Bank
Am Tisch und hörte zu und trank.

Drauf hub Herr Hagen an zu melden
Das Schicksal der vertriebenen Helden,
Und wie den Waffenmeister fast
Erschlagen sein verschmitzter Gast;
Wie dann er selbst das Schwert genommen,
Wie arg er in's Gedräng gekommen
Und wie zu seinem grössten Glücke
Das Schwert zersprungen sei in Stücke.
Mit Neid vernahm die Tafelrunde
Des Alten Lob aus Königsmunde.
Herr Wate aber blickte drein,
Als müsst es so, nicht anders sein.

Verwundert sah des Königs Fraue
Das Heldenbild, das altersgraue
Und frug, ein Lächeln im Gesicht:
»Held Wate, däucht dich's besser nicht
Mit schönen Frauen süss zu kosen
Als in der Männerschlacht zu tosen?«

Der alte Streiter dachte nach,
Verneigte züchtig sich und sprach:
»Die schönen Frauen und jungen Maide
Sind meinen Augen süsse Weide.
Doch mehr als Frauenaugen mild
Erfreut mein Herz ein blauer Schild,
Und lieber, als wenn Frauen lachen,
Vernehm' ich's, wenn die Helme krachen.«

Er sprach's und trank den Becher leer,
Und Jubel schallte rings umher.
Das hat Herrn Wate nicht verdrossen;
Er winkte seinem Fahrtgenossen
Und sprach: »Nun lasset diesen zeigen,
Welch selt'ne Kunst ihm ist zu eigen.
Wohl weiss auch er den Schild zu halten
Und Helme mit dem Schwert zu spalten.
Gar manchen Feind warf in den Sand
Jung Horands starke Heldenhand,
Doch kann die Hand auch sänftlich gleiten
Wie Windhauch über Harfensaiten,
Sie siegt, wenn sie die Klinge führt
Und siegt, wenn sie die Saiten rührt.«

Da sprach zu Horand König Hagen:
»Kannst du so gut die Harfe schlagen,
Wie dein Geselle führt das Schwert,
So bist du höchster Ehre werth.
Frischauf und lass zum Harfenklang
Ertönen einen Schallgesang!«

Nicht lange liess der Held sich bitten,
Er neigte sich mit höf'schen Sitten,
Und wie er vor dem Hochsitz stand,
Die Harfe prüfend mit der Hand,
So stolz und minniglich zu seh'n
Gleich einem Bild auf Pergamen,
Vor stiller Freude hoch erglühte
Jung Hilde wie die Rosenblüthe.
Die Saiten klangen lind und leis,
Da ward es still im ganzen Kreis,
Kein Wörtlein fiel, kein Becher klang,
Und Horand zu der Harfe sang:

Was trägt der König für Herzeleid,
Was liegt ihm lastend im Sinn?
Warum ist thränenfeucht das Kleid
Der schönen Königin?
      Es hat den Königsknaben
      Ein wilder Greif geraubt.
      Die Freude liegt begraben,
      Und Gram beugt jedes Haupt.

Vorüber rollten Jahre drei,
Da hub sich neue Noth.
Das Land erscholl von Kriegsgeschrei,
Der Himmel war blutigroth.
      Des Königs Heerschild hallte
      Wie Wettersturm durch's Land,
      Zu Fuss und Rosse wallte
      Das reisige Volk zum Strand.

Und als der König stieg zu Ross,
Ein Wunder sich begab.
Vom Strande kam mit grossem Tross
Ein junger Heldenknab.
      Zwei schöne zarte Frauen,
      Die schritten ihm nicht fern,
      Sie waren anzuschauen
      Wie Mond und Abendstern.

»Herr König!« rief der Knabe hell,
»Nun gieb mir Botenbrot!
Als Geisel bring' ich dir zur Stell
Den Feind, der dich bedroht.«
      Da stand des Landes Schrecken
      Und düster um ihn her
      Die Schaar der besten Recken,
      Barhäuptig, ohne Wehr.

Der König sah verwundert drein.
»Steh' weiter Rede mir!
Wie kam es, dass das Wieselein
Bezwang den Auerstier?« –
      »Als wir zusammen rangen,
      Da that ich einen Griff
      Und nahm den Wicht gefangen
      Auf seinem eig'nen Schiff.«

»Dein Arm ist stark, dein Aug' ist hell,
Doch dunkel ist dein Wort.
Steh' Rede, wie du kamst, Gesell,
An meines Feindes Bord?" –
      »Sein Drache kam geschwommen
      Zum öden Inselstein
      Und hat mich aufgenommen
      Sammt diesen Mägdelein.«

»Wie kamt ihr auf das Inselland?
Das, Knabe, thu' mir kund!
Warf euch die Sturmfluth an den Strand?
Ging euer Schiff zu Grund?« –
      »Ein Greif hat uns getragen
      Von fernher über die Fluth;
      Ich hab' ihn todt geschlagen
      Zusammt der jungen Brut.«

Es ging des Königs Athem tief,
Es raunte das Gesind,
Die Königin mit Beben rief:
»Wer bist du und wessen Kind?« –
      »Meine Mutter, Wahrheit sag ich,
      Ist Königin genannt;
      Ein gold'nes Ringlein trag' ich;
      Vielleicht ist dir's bekannt.«

Da schlang die Mutter um den Sohn
Den Arm und weinte laut,
Der König rief mit frohem Ton:
»Willkomm mein Knabe traut!«
      Und Schwert auf Schild erdröhnte
      Erzhallend rings umher,
      Von Jubelrufen tönte
      Die Insel und das Meer.

Buchschmuck

Die Harfe schwieg, das Lied verhallte,
Von allen Tischen Beifall schallte.
Hei, wie der liederreiche Mann
So schnell des Königs Gunst gewann!
Denn stets die schönsten Liederweisen
Sind, die des Hörers Thaten preisen.

Herr Hagen drauf begann mit Feuer
Von seinem Jugendabenteuer
Zu melden: Wie in frühen Tagen
Der Greif ihn über's Meer getragen,
Wie dann dem Nest der Greifenjungen
Mit knapper Noth er sei entsprungen
Und wie er streifend in der Wilde
Hildburg gefunden und Frau Hilde,
Die gleich ihm selbst aus fernem Land
Der Greif geschleppt zum Inselstrand;
Und weiter fuhr er fort zu sagen,
Wie er die Greifen all erschlagen
Und wie er von dem Felsenriff
Gelangt sei auf ein feindlich Schiff,
Dess Herrn er zum Gefangnen machte,
Als Geisel seinem Vater brachte.
Das alles thät er klärlich melden
Den heimischen und fremden Helden
Und hatt' im Eifer unterdessen
Des Sängers ganz und gar vergessen.
Nicht so des Königs Ehgemahl,
Sie nahm vom Tisch den Goldpokal
Jung Hilde aber trug dem Degen
In weisser Hand den Trank entgegen.

Die blauen Augen schlug sie nieder,
Und leis erbebten ihre Glieder.
Es wäre fast der Hand entsunken
Die Last, bevor der Held getrunken.
Er hob den Becher an den Mund,
Er trank ihn aus bis auf den Grund,
Und wieder seiner Brust entquoll
Ein Lied, das wie ein Giessbach schwoll:

Jung Weland hat geschmiedet ein Schwert;
Nun ist die Flamme gesunken,
Zuweilen noch aus der Asche fährt
Ein knisternder Feuerfunken.
Mittsommernacht ist lau und lind,
Die Sterne funkeln und glimmen,
Am Weiher rauscht das Schilf im Wind,
Es rufen Silberstimmen:
      »Schwanewit, Schwanewit!«

Der Waldsee blinkt im Sternenlicht,
Drei Schwäne senken sich nieder;
Schildmaide, schön're sah man nicht,
Entsteigen dem Gefieder.
Jung Weland schleicht durch Schilf und Rohr
Und raubt sich einen Schleier.
Zwei Schwäne flattern geschreckt empor
Und klagen über dem Weiher:
      »Schwanewit, Schwanewit!«

Goldstufen schmelzen in der Gluth,
Jung Weland schwingt den Hammer;
Schön Schwanewit am Herde ruht,
Vergessen ist all ihr Jammer.
Die Traute schmückt der kluge Schmied
Mit Kette, Ring und Spange,
Er schürt die Lohe und singt sein Lied
Zum dröhnenden Hammerklange:
      »Schwanewit, Schwanewit!«

Jung Weland zog zu jagen aus
Mit Köcher und mit Bogen,
Und als er Abends kam nach Haus,
War Schwanewit entflogen.
»O weh! Sie fand das Federkleid,
Das sie vordem getragen.
O Herzeleid, o Herzeleid!
Nun muss ich jammern und klagen:
      Schwanewit, Schwanewit!«

Jung Weland war ein Meister gut,
Er klagte nicht allzulange;
Er schürte der Esse rothe Gluth
Und rührte Hammer und Zange.
Er stand am Feuer sonder Ruh
Und reckte das glühende Eisen,
Und wollten ihm fallen die Augen zu,
So sang er liebliche Weisen:
      »Schwanewit, Schwanewit!«

Und als das Werk vollendet war
Beim siebenten Morgenstrahle,
Da war's ein mächtiges Flügelpaar,
Geschmiedet aus leuchtendem Stahle,
Den Hammer warf er in Feuers Loh',
Die Schwingen rauschten und klangen,
Aufflog jung Weland adlerfroh,
Und seine Lippen sangen:
      »Schwanewit, Schwanewit!«

Schön Schwanewit sitzt im Alfensaal
Mit nass geweinten Wangen,
Im Herzen bittrer Reue Qual
Und sehnendes Verlangen.
»O weh mir, dass ich dir entfloh'n
Im rauschenden Gefieder,
O hört' ich deiner Stimme Ton
Ein einzigmal nur wieder:
      Schwanewit, Schwanewit!«

Schön Schwanewit ruft's im Alfensaal
In übergrossem Leide.
Da wehen Flügel, da klirrt's von Stahl –
O süsse Augenweide!
»Willkomm, Willkomm, mein Trautgesell!
Nun scheid' ich von allem Harme.« –
Jung Weland jubelt lerchenhell
Und schlingt um sie die Arme.
      »Schwanewit, Schwanewit!«

Buchschmuck

Held Horand schwieg und abermal
Scholl Jubelruf im Königssaal.
In mancher Brust, die Eisen trug,
Ein süss bewegtes Herze schlug,
Und mancher Held, ergraut im Streite
Sah starren Blickes in die Weite.
In Hildens blauem Auge stand
Ein Thränlein, hell wie Adamant,
Und durch die Seele zog ihr leise
Des jungen Helden süsse Weise.
Sie hörte nicht der Becher Klirren
Und nicht der Stimmen lautes Schwirren,
Sie sah nicht mehr der Zecher Schaar,
Sie sah auch nicht ihr Elternpaar,
Vor ihrem Auge stand nur er. –
»O Horand, Horand, singe mehr!«
Sie sprach es nicht, sie rief's im Stillen,
Und doch, gehorsam ihrem Willen
Liess Horand seine Saiten klingen
Und hub von Neuem an zu singen:

         All Leben schlief und träumte,
         All Land war öd und leer,
         Kein Wasser rann und schäumte,
         Kein Wind bewegte das Meer;
         Und aus dem Nebelreiche
         Ein Schifflein stieg zu Tag,
         Darin der göttergleiche,
         Sangkundige Bragi lag.

         Er lag wie nach dem Streite
         Ein Kämpe schlummerschwer;
         Es hing an seiner Seite
         Die Harfe stumm wie er.
         Doch als die müden Glieder
         Der Pfeil der Sonne traf,
         Da hoben sich die Lider,
         Da wich der Todtenschlaf.

         Er stand auf seinen Füssen,
         Die Harfe mächtig klang,
         Das Sonnenlicht zu grüssen
         Sein Lied zum Himmel drang.
          Er sang das Lied vom Lehen,
         Vom Werden und Entsteh'n –
         Das Meer begann zu beben,
         Der Wind begann zu weh'n.

         Die Wogen schlugen zusammen
         Und brandeten um das Riff,
         Meerwunder horchend schwammen
         Um Bragis schwarzes Schiff.
         Es fuhr mit gutem Winde,
         Bald knirschte der Kiel im Sand,
         Und Bragi sprang geschwinde
         An's öde Uferland.

         Aus seiner Sohlen Spuren
         Empor schoss lichtes Grün,
         Die Dünen wurden Fluren,
         Die Blumen begannen zu blühen,
         Aufstiegen Föhren und Tannen
         Und Eschen und Birken schlank,
         Epheu und Hopfen spannen
         Ihr fröhliches Gerank.

         Waldwasser schäumend sprangen
         Und eilten durch das Ried,
         Die bunten Vögel sangen
         Zu Bragis Harfenlied,
          Durch's Dickicht schritten leise
         Der Elkhirsch und das Reh,
         Und Adler zogen Kreise
         Hoch über Land und See.

         Die Saiten lauter rauschten,
         Es wuchs des Liedes Schall,
         Die starken Asen lauschten
         Beim Methhorn in Walhall.
         Es klang wie trautes Kosen
         So weich und süss und lind,
         Da hob sich aus den Rosen
         Idun, Iwaldis Kind.

         Süss klangen Bragis Töne
         Voll Seligkeit und Lust;
         Es sank die jugendschöne
         Idun an seine Brust.
         Er hat sie fest umschlungen:
         Geküsst als sein Gemahl
         Und dann sich aufgeschwungen
         Mit ihr zu Wodens Saal.

         Fortan beim Göttermahle
         Die Harfe Bragis klingt,
         Idun in goldner Schale
         Der Jugend Aepfel bringt. –
          Die Götterburg wird stehen,
         Die Norne weiss wie lang;
         Sie wird zu Grunde gehen,
         Wenn Jugend flieht und Sang.

Buchschmuck

Des klugen Sängers Stimme schwieg,
Sein Heldenauge blickte Sieg.
Wie Bragis süsse Harfentöne
Erweckt Idun, die morgenschöne,
So hatt' er Hilde wach gesungen –
Die junge Knospe war gesprungen.

Die Jungfrau schlug die Augenlider
Nicht zaghaft mehr zu Boden nieder,
An Horand hing ihr Auge blau,
Wie an der Blume hängt der Thau;
Sie wär' am liebsten sangestrunken
Dem Sänger an die Brust gesunken.

Es sah das frohe Königspaar
Nicht, wie ihr Kind verändert war,
Frau Hildburg aber sah der feuchten
Blauäugelein glückselig Leuchten,
Sah, wie sich Hildens Busen hob,
Sah auch das Netz, das Horand wob
Und sprach alsbald mit klugem Sinn
Das leise Wort zur Königin:
»Die tapfern Zecher auf den Bänken
Bereits die Köpfe weinschwer senken,
Und immer schneller macht die Runde
Das grosse Horn von Mund zu Munde.
Schon seh' ich wie im Wind die schlanken
Hängbirken unsre Recken schwanken.
Lass uns entweichen, eh! die Wellen,
Die schäumenden zur Sturmfluth schwellen!«

Die Herrin sich alsbald erhob,
Zurück den Purpursessel schob.
»Hab Dank, Held Horand,« sprach sie milde
Und leise sprachs die junge Hilde.
Sie neigten sich mit zücht'gen Sitten
Und mit den Frau'n von dannen schritten,
Wie wenn der Sonne goldne Gluth
Verlöscht in dunkler Meeresfluth.

Erst jetzt begann im Saale recht
Der durst'gen Zecher Trinkgefecht.
In Horn und Becher unverdrossen
So Bier als Wein die Schenken gossen.
Das Tosen immer höher schwoll,
Dass dröhnend der Palast erscholl,
Und mehr als einer von der Bank
Als stiller Mann zu Boden sank.

Im Sessel sass Herr Wate hehr,
Der Klippe gleich im wilden Meer.
Das volle wie das leere Horn
Erregten seinen Heldenzorn.
Das volle Horn er grimmig leerte,
Das leere Horn er voll begehrte.
Hei, wie der Meth dem starken Mann
Aufschäumend durch die Kehle rann!
Mit Staunen sahen's alle Recken,
Herr Hagen aber sprach mit Necken:

»Ein Meister bist du, Held, im Zechen,
Wie du es bist im Helmzerbrechen,
Doch Horands Harfenspiel und Sang
Weit höhern Preis als du errang.
Wie schade, dass ein solcher Mann
Wie du nicht lieblich singen kann!«

Das Wort verdross Herrn Wate fast,
Er fuhr vom Sitz empor mit Hast;
Nicht wanken machte ihn der Meth,
Fest stand er, wie der Weltbaum steht.
Er strich des grauen Bartes Wellen,
Und sprach zu seinem Heergesellen:
»Lass, Horand, deine Harfe klingen!
Ich, Wate, will ein Lied jetzt singen,
Das Lied, wie Asathor die Reise
Gen Utgard that, du kennst die Weise.«
Die Harfe Horands kräftig schallte,
Einfiel mit tiefem Ton der Alte,
Und wie des Bären Brummen klang,
Herrn Wates ungefüger Sang:

         Wintersturm aus Riesenheim
         Kam mit Hagelschauer,
         Eis erdrückte Korn und Keim;
         Trauernd sah's der Bauer.

         Zornig rief der starke Thor:
         »Will euch den Meister weisen.
         Spannt die Böcke dem Wagen vor!
         Will zu den Riesen reisen.«

         Ueber gefrorene Ströme ging's
         Fort durch die Oede, die todte.
         Eis und Schnee und Nebel rings,
         Blutig das Nordlicht lohte.

         Utgard-Lokes Schildburg stand
         Hinter eisigem Walle.
          Thor den Riesenfürsten fand
         Zechend in seiner Halle.

         Schrecklich war er anzuschau'n,
         Weiss von Reif umsponnen;
         Seine Augen unter den Brauen
         Glühten wie zwei Sonnen.

         Um des Fürsten Hochsitz her
         Sass sein Volk auf Bänken,
         Liess aus Kesseln, bergesschwer,
         Schäumenden Meth sich schenken.

         Utgard-Loke zu lachen begann,
         Rief mit Donnerschalle:
         »Sprich, was willst du kleiner Mann,
         Thor in meiner Halle?

         Rühmend deine Kraft bespricht
         Riese, Mensch und Ase,
         Und doch gleichst du, kleiner Wicht,
         Einem Käfer im Grase.

         Dennoch sollst du willkommen sein,
         Will nach Gebühr dich ehren.
         Auf, mein Trinkhorn bringt herein!
         Asathor soll's leeren.

          Mancher mit einem Zug es zwingt,
         Viele zwingen's mit zweien;
         Möchte seh'n, ob dir's gelingt,
         Asathor, mit dreien.«

         Und ein ungefüges Horn
         Brachten zwölf Riesenfrauen.
         Thor stand an der Mündung vorn,
         Konnte das Ende nicht schauen.

         Zwar er hob's mit starker Hand,
         Trank mit Asenmuthe,
         Doch nur trocken war der Rand,
         Als er vom Zuge ruhte.

         Zweimal noch in grimmem Zorn
         Hob er das Horn, das volle,
         Aber des Methes brauner Born
         Sank nur wenige Zolle.

         Dröhnendes Lachen rings erscholl
         Von den Zechern im Saale. –
         Asathor sass unmuthvoll
         Und beschämt beim Mahle.

          Andern Tags bei guter Zeit
         Aufbrach Thor, der starke.
         Loke gab ihm das Geleit
         Bis zur Landesmarke.

         Still der Riesenkönig stund,
         Deutete nach dem Strande.
         Ausgetrocknet war der Sund,
         Fische zuckten im Sande.

         Wo sonst Wellen mit weissem Kamm
         Brandeten um die Riffe,
         Lagen im schwarzen Uferschlamm
         Halbversunkene Schiffe.

         Und der Riesenfürst hub an,
         Zu dem Gast gewendet:
         »List, du starker Thor, und Wahn
         Hat dein Auge geblendet.

         Was im Horn dir quoll als Meth,
         Waren des Meeres Wogen.
         Sieh, wie tief das Weltmeer steht;
         Kräftig hast du gezogen.

          Dir an Stärke gewachsen ist
         Keiner in meinen Reichen,
         Aber vor der Riesen List
         Asenkraft muss weichen.«

         Zornig schwang mit starker Hand
         Thor den Hammer zur Rache,
         Aber im wallenden Nebel schwand
         Loke mit höhnischer Lache.

         Thor, du gewalt'ger, zu deiner Ehr
         Leer' ich jetzunder das Stierhorn.
         Hoffe, es hält nicht Wasser vom Meer,
         Sondern weissschäumenden Bierborn.«

Buchschmuck

Der alte Zecher rief's und wog
Das Auerhorn und zog und zog,
Bis dass er's leer vom Munde setzte. –
Ich weiss nicht, ob es war das letzte.

Buchschmuck
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