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Horand und Hilde

Rudolf Baumbach: Horand und Hilde - Kapitel 4
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authorRudolf Baumbach
titleHorand und Hilde
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Buchschmuck

IV.

König Hagen und die Frauen

Abend war's, der König sass behaglich
Ohne Schwert im weichen Kleid von Wolle
Bei den Frauen in der Kemenate.
Neben ihm die Königin, Frau Hilde
Hatte traulich ihren Arm, den vollen,
Um den Nacken ihres Herrn geschlungen.
Aber auf dem niedern Purpurschemel
Sass das einzige Kind des wilden Hagen,
Sass die junge, liliengleiche Hilde.
An den Vater schmiegte sich die Schöne,
Und des Königs allgewalt'ge Schwerthand,
Oft von Feindesblut geröthet, spielte
Kosend mit des Mägdleins goldnem Haupthaar.
Vor der Königin auf einem Tische
Lag der fremden Männer reiche Gabe,
Lag die Pracht des funkelnden Geschmeides
Und der schweren, golddurchwirkten Zeuge.

Mit geschäft'ger Hand den Stoff entfaltend
Und das blinkende Gespäng entwirrend
Stand am Tisch die schwarzgelockte Hildburg
Hoch und stattlich anzuschau'n wie Fulla,
Die des Schmucks der Göttermutter waltet,
Doch vergrämten Angesichts und finster
Gleich der Norne Urd, der früh verblühten,
Die nach rückwärts schaut in das Vergang'ne,

Sie und Hilde waren jung an Jahren
Heimatlos an Sigbands Hof gekommen
Und im Schutz der Königin, Frau Ute,
Hagens Mutter, lieblich aufgewachsen.
Aber ungleich war der beiden Mägdlein
Sinnesart und Leben. Bei den Frauen
Im Gemache sass die blonde Hilde,
Mit der Nadel und dem Weberschifflein
Emsig schaffend, oder auch am Rocken,
Weisse Fäden auf die Spindel rollend,
Während Hildburg wie die schöne Skadi,
Durch die Wälder zog mit ihrem Jagdspiess,
Oder auch den Falken auf der Rechten
Muthig mit dem wilden Königsknaben
Hagen über Feld und Haide jagte.

Aus dem Knaben ward ein Mann, zu Jungfrau'n
Blühten auf die beiden fremden Kinder.
In den Grabeshügel stieg der greise
König Sigband, und des jungen Hagen
Stirne trug den goldnen Reif der Herrschaft.
Sieh, da wandte sich das Herz des Königs
Von der schwarzgelockten Jagdgefährtin
Zu der sanften Hilde. – Tann' und Eiche
Wachsen nun und nimmermehr zusammen. –
Hilde ward des wilden Hagen Hausfrau,
Hildburg aber, die zurückgesetzte,
Beugte schweigend ihren stolzen Nacken
Vor der Königin.

                  Im fernsten Nordmeer
Liegt ein Eiland; Eis und Schnee bedeckt es,
Schnee bedeckt auch seinen höchsten Gipfel,
Doch in seiner Tiefe kocht und wallt es
Wie in Muspelheim, dem Land der Flamme.
Viele Jahre schläft der Berg. Da plötzlich
Sprengt die lang verhalt'ne Gluth den Mantel,
In den Himmel steigt die rothe Garbe,
Und verheerend stürzt zuthal der Gluthstrom.

Von den fremden Schiffern sprach der König
Zu der Trauten und der schönen Tochter,
Ihre Schätze rühmend und sie selber:
»Reiche, stolze Männer sind die Gäste,
Stark und schön von Wuchs; sie stünden besser
In der Feldschlacht als im Krämerzelte.
Habe drum Bedenken nicht getragen
Sie für morgen mir zum Mahl zu laden,
Will sie ehren, wie man Recken ehret.
Schmücket euch, ihr Frauen mit Gewändern,
Wohl empfangen sollt ihr mir die Gäste,
Sollt sie grüssen, wie man Helden grüsset
Und mit Dank die reiche Spende lohnen.«

Drauf zu seinem Kind gewendet sprach er,
Sanft liebkosend ihre weichen Wangen:
»Staunen wirst du, wenn du schaust den einen.
Einem Riesen gleicht er fast an Grösse,
Bis zum Gürtel reicht sein grauer Breitbart,
Wenn er spricht, so grollt's wie fernes Wetter.
Doch du darfst nicht zagen, meine Taube;
Sanft von Sitten ist er und so höflich
Wie der Meister Braun im Bärengraben,
Wirfst du einen Apfel ihm durch's Gitter.«

Fröhlich lachte Hilde, dass die Zähne
Silbern aus den rothen Lippen blitzten.
»Hagens Tochter,« sprach sie, »ist nicht zaghaft,
Und wo andre zittern, lacht jung Hilde.
Einen König weiss ich dir zu nennen,
Väterchen, mit dem ist nicht zu scherzen.
Tausend Recken folgen seinem Winke,
Furchtsam geht das Volk ihm aus dem Wege,
Wenn er spricht, so schweigt am Strand die Meerfluth;
Aber ich, ich darf am Bart ihn zupfen,
Darf die Arme um den Hals ihm werfen
Und ihm, wenn er brummt, den Mund verschliessen.«

Sprach's und schlang behend die weissen Arme
Um den Hals des Königs, und ihr rothes
Mündlein küsste Hagens bärt'ge Lippen.
Freudig hing der schönen Mutter Auge
An dem Mägdlein mit den Rosenwangen,
Das sich kosend an den Vater schmiegte
Wie die Epheuranke an den Eichstamm.

Mittlerweile war der rothe Schimmer
An des Himmels Westrand über'm Meere
Längst verglüht, die lichte Iringstrasse
Glänzte hell am Himmel, und die kleinen
Sterne traten schüchtern aus den Pforten
Freundlich auf die schwarze Erde schauend.

Doch der jungen Hilde Augensternlein
Blickten trüber, und es sprach die Mutter:
»Kind, es nickt dein Köpfchen wie die Blüthe
Eines Winterglöckchens über'm Schneefeld,
Süsse Müdigkeit befällt die Maide,
Wenn der Holler sich mit weissen Dolden
Schmückt und im Gezweig die Drosseln schlagen.
Such' dein Kämmerlein und geh' zur Ruhe!«
Da erhob sich Hilde; von den Eltern
Nahm sie Urlaub, und geführt von Hildburg
Stieg sie auf zum runden Thurmgemache.

Seinem Kinde war der wilde Hagen
Mit dem Blick gefolgt. Jetzt sprach er traulich
Zu der Königin an seiner Seite:
»Mancher Frühling ist in's Land gekommen,
Seit ich dich und Hildburg auf dem Eiland
Fand, dahin der Greif, der ungefüge,
Euch und mich der jungen Brut zum Frasse
Fernher über's wilde Meer getragen.
Lang ist's her, dass wir am heimischen Ufer,
Ich ein Knabe, du ein zartes Mägdlein,
Landeten nach Kummer, Noth und Fährniss.
Siebzehn Jahre sind es, dass Frau Hilde
Auf dem Haupte trägt den goldnen Stirnreif,
Sechzehn Sommer zählt die junge Hilde,
Und mir ist's, als wären's wenig Monde,
Dass ich meines Glückes mich erfreue.
Wer sich sonnt im Glück, der misst die Zeit nicht
Und mit Schwalbenfügeln fliegt die Stunde.
Giebt's in Nordlands Reichen einen König,
Der an Macht und Reckenkraft mir gleiche,
Eine Königin wie meine Hilde
Und ein Mägdlein wie mein holdes Herzblatt?
Was die Schwestern, die beim Urdborn sitzen
An der Riesenesche mir gesponnen,
Weiss ich nicht. – Es wechselt stets im Leben
Wie im Weltmeer Wellenruh mit Sturmfluth.
Unheil kann die dunkle Zukunft bringen;
Mehr des Glückes, als ich jetzt geniesse,
Können mir die Götter nicht verleihen.
Ist mir's zu verargen, wenn ich sorglich
Festzuhalten trachte, was ich habe?
Kaum zur Jungfrau ist mein Kind erwachsen,
Und schon schwärmt es um die junge Blume
Wie von Bienenvolk zur Zeit des Frühjahrs.
Hart und grausam schelten mich die Zungen,
Dass ich über meinem Kleinod wache
Wie der Lindwurm über'm gelben Rheingold.
Und auch du, Frau Hilde, meine Traute,
Hast im Stillen mir gegrollt, ich weiss es,
Als ich jüngst des Hegelingenkönigs
Boten abgewiesen mit der Werbung.«

Und es sprach die Königin dagegen:
»Von der Schwelle hast du sie gewiesen,
Hast sie heimgesendet mit der Meldung,
König Hagens Tochter sei kein Blümlein,
Das der erste Beste heften könne
An den Helmhut. Aber König Hettel
Ist der Besten bester, und sein Name
Hallt wie deiner durch des Nordlands Reiche.
Hast du wohl erwogen, was du thatest?«

Trotzig lachend sprach der wilde Hagen:
»Was ich that, es ist nicht mehr zu ändern,
Und ich weiss, der König sinnt auf Rache,
Rüstet Drachenschiffe und besendet
Seine Helden. Aber unversehens
Fall' ich ihm in's Land; das ist beschlossen.
Viele Feinde hat der König Hagen,
Doch noch nicht so viele, dass ihm bangte,
Wenn die Zahl um's doppelte sich mehrte.
Weh dem Kühnen, der nach Hagens Küste
Einen Pfeil vom Meer herüber sendet!
Weh der Hand, die gegen meinen Willen
Keck sich ausstreckt nach der weissen Taube,
Meiner Augenweide, meiner Hilde!«

Und es sprach die sanfte Gattin wieder.
»Ueber das zu richten, was der König
Thut als seines Landes Vogt und Schirmherr
Steht mir nimmer zu, der Vater aber
Soll das Wort der Hausfrau nicht verachten,
Wenn sich's handelt um das Heil des Kindes.
Und so frag' ich: Soll am End die schlanke
Zarte Lilie, die wir beide pflanzten,
Unter'm Aug' des harten Vaters welken?«

Seine Stirne runzelnd sprach der König:
»Nicht verwelken soll die junge Blüthe,
Doch nur der soll mir die Herzensfreude
Aus dem Hause führen, der im Stand ist,
Sie zu schützen, wie sie meine Hand schützt.
Selber will ich mir den Eidam suchen,
Wenn die Zeit gekommen. – Meine Hilde
Kann ich noch nicht missen, ihres Lachens,
Ihres Kosens kann ich nicht entrathen.
Und wenn Woden selbst aus Asgard nieder
In die Burg des Königs Hagen stiege
Hildes Hand zu fordern, wenn er käme
An der Spitze aller seiner Helden,
Meine Lilie dürft er jetzt nicht pflücken.
Kannst du's,« fuhr er fort, und seine Augen
Blickten finster, »kannst du's nicht erwarten,
Dass ein Fremder dir die einz'ge Tochter
Wegführt? Ist des Mägdleins Jugendschöne
Dir im Weg, du eitle Königin?«

Da erhob Frau Hilde sich vom Sessel
Und verliess gekränkt die Kemenate.

Buchschmuck

Auf der Schneckentreppe war jung Hilde
In ihr hohes Thurmgemach gestiegen.
Luftig war's und licht, die graue Steinwand
War umhüllt mit buntgewirkten Decken.
Silbern war die Ampel, die ein wilder
Greif, geschnitzt aus Holz und reich vergoldet
Hielt im krummen Schnabel. Greifen trugen
Auch das Lager mit den weichen Decken.
Aber vor dem Bett lag ausgebreitet
Eine dunkle Bärenhaut; zum Schemel
War das Haupt gestaltet, und die Zähne
Dräuten schimmernd aus dem rothen Rachen.
Hagen hatte selbst das ungefüge
Thier erlegt und ihm die Haut gepfändet,
Drauf die junge Hilde früh und Abends
Jetzt die kleinen Silberfüsse setzte.

Mit der Königstochter war Frau Hildburg
Eingetreten. Von der jungen Herrin
Hüfte löste sie die reiche Borte,
Dass das Kleid in ungehemmten Falten
Niederwallte zu den zarten Füssen,
Zog ihr dann die Nadeln aus dem Haupthaar,
Und im goldnen Mantel stand die Jungfrau,
Anzuschau'n wie Sif, die schöne Traute
Asathors, des Donnrers in den Wolken.
Nieder auf den Schemmel sass das Mägdlein,
Und Frau Hildburg strählte Hildes Haare
Sanft und lind, und wie im Traume sprach sie:

»In der Heimat, die ich früh verloren,
Wallt es golden nicht vom Haupt der Frauen.
Dunkle Strähne schlingen um die weissen
Stirnen sich, und dunkel glänzt das Auge
Wie zur Abendzeit die schwarze Meerfluth.
Ach, daheim war vieles, vieles anders!«

Buchschmuck

Dort, wohin im Herbst die Vögel streben,
Liegt mein Heim; den Namen weiss ich nicht.
Doch wenn Nachts die Träume mich umwehen,
Seh ich's hell beglänzt vom Sonnenlicht.

Statt der grauen Nebelschleier droben
Ist ein blaues Zelttuch ausgespannt;
Gute Götter Blumensterne woben
Reichlich in der Erde Festgewand.

Nimmer weisse Winterflocken wehen,
Frei von Eis ist Bach und Strom und See,
Ewig grün im Hain die Bäume stehen,
Weiss im Frühling nur von Blüthenschnee.

Säulenhallen steh'n im Opferhaine
Aufgerichtet für der Götter Schaar,
Und es tanzen um die Altarsteine
Schöne Menschen mit bekränztem Haar.

Meine Götter haben mich verlassen,
Und die fremden hören nicht mein Fleh'n. –
Lieben möcht' ich, und muss hassen, hassen,
Und im Hasse muss ich untergehen.

Buchschmuck

Leise sang's die schwarzgelockte Hildburg,
Während sie des Mägdleins Haare strählte,
Und die junge Hilde sass und nickte
Schlummermüd, dem Kinde zu vergleichen,
Dem ein Wiegenliedlein singt die Amme.
Da auf einmal tönten andre Klänge
An dem Fuss des Thurmes. Nicht der Sprosser
War es, der da singt vor Hildens Fenster
Im Hollunderbaum sein sehnend Nachtlied.
Saitentöne, wunderbare schwebten
Von dem thaubeglänzten Lindenhügel
Aufwärts, und die Frauen sassen lauschend.
Leise öffnete die kluge Hildburg
Eine Fensterpforte, kühler Nachtwind
Trug von Blüthendüften eine Wolke
In's Gemach und eine süsse Stimme:

      Es sank der Sonnenwagen,
      Die Vögel gingen zur Ruh',
      Das Meer rauscht alte Sagen
      Der träumenden Erde zu,
      Die Blumen haben geschlossen
      Der bunten Kelche Pracht,
      Es fährt mit schwarzen Rossen
      Am Himmelsbogen die Nacht.

      Es schleppen aus ihren Verstecken
      Die Zwerge das gleissende Gut,
      Meerminnen und lustige Necken
      Sich wiegen auf dunkeler Fluth,
       Es tanzen die Hagedisen
      Den Reigen am Waldesborn,
      Hoch über den thauigen Wiesen
      Erglänzt des Mondes Horn.

      Die Götterköniginne
      Verträumt die Sommernacht.
      Da schleicht um Folkwangs Zinne
      Der listige Loke sacht.
      Der Göttin Halsgeschmeide,
      Er löst's mit diebischer Hand
      Und fliegt im Rabenkleide
      Schnell über Meer und Land.

      Doch hoch auf goldener Brücke
      Der treue Riger steht.
      Der spürt des Bösen Tücke
      Und hat den Feind erspäht.
      Im rauschenden Adlergefieder
      Ereilt er den Räuber schnell;
      An Freyas Nacken wieder
      Erglänzt es sternenhell.

      Das ist der Brisingamen,
      Das köstliche Halsgeschmeid,
      Es schimmert wie goldener Saamen
      Am Himmel weit und breit.
       Der Wächter der lichten Räume
      Blickt spähend her und hin. –
      In Frieden schlaf' und träume
      Du schöne Königin!

Buchschmuck

»O was war das, Hildburg?« sprach die Jungfrau,
Und es leuchteten vor heller Freude
Ihre Augen, und ihr Busen hob sich.
»Kam von Mannes Mund dies holde Klingen,
Oder sang am Strand der Neck, der list'ge,
Der die Schiffer lockt mit Zauberweisen?«

Aus dem Fenster beugte sich Frau Hildburg,
Spähte mit den scharfen Augen abwärts
Nach dem Sänger, doch vergebens. Einsam
Lag im Sternenlicht der Lindenhügel,
Und sie wandte sich und schloss das Fenster.

»Sicher einer von den fremden Schiffern
War es, der sein Abendlied gesungen,«
Sprach Frau Hildburg. – »Geh zu Bett und träume!«
Sprach's und hüllte warm der Jungfrau Glieder
In die Decken, löschte dann die Lampe
Und verliess mit leisem Schritt die Kammer.

»Ob es wohl der ungefüge Recke
Mit dem breiten Barte war,« sprach Hilde,
»Der so lieblich sang?« – Sie lag und lauschte,
Ob die Stimme nicht von neuem schalle.
Doch der Sänger schwieg, nur Hall der Wogen,
Die des Strandes Felsenklippen nagten,
Trug der Wind zum Thurmgemach herüber,
Und jung Hilde schloss die blauen Augen.

Buchschmuck
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