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Horand und Hilde

Rudolf Baumbach: Horand und Hilde - Kapitel 2
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authorRudolf Baumbach
titleHorand und Hilde
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Buchschmuck

II.

König Hagen

Aus des Nordmeers Fluthen steigt ein Land,
Reich an Buchten ist der flache Strand.
Fischerhütten am Gestade liegen,
Boot und Kahn am Ankerseil sich wiegen,
Drachen auch mit hohen Föhrenmasten
Auf dem Sand wie müde Robben rasten.
Hügel folgen auf die nackte Düne
Ueberwachsen von lebend'gem Grüne.

Bei der Birke mit der lichten Rinde
Steht der Eichbaum und die breite Linde,
Und das Gerstenfeld im gelben Kleide
Mit der Wiese wechselt und der Weide.
Lieblich schallt's von Heerdenglockenklängen,
Weisse Schafe grasen an den Hängen,
Rinder auch und eine Zucht von Rossen,
Silberweiss, aus Sleipners Blut entsprossen.

Aus den Hügeln werden Berge bald,
Und Gehölz und Weide weicht dem Wald.
Elke schreiten durch das Dickicht stolz,
Und der Bär zieht langsam durch das Holz.
Borst'ge Eber hegt das schwarze Moor,
Hungrig schleicht der Grauhund durch das Rohr,
Und der Adler aus dem Felsenhorst
Schwebt in Kreisen über Berg und Forst.

Hundert Quellen aus den Felsen brechen,
Und die Quellen sammeln sich zu Bächen.
Lustig springen sie von Stein zu Stein,
Fallen plätschernd in den Bergsee ein,
Und dem See entströmt ein Silberband,
Rauschend wallt es durch das grüne Land,
Und auf viel gewund'nen Schlangenwegen
Zieht der Fluss dem blauen Meer entgegen.

Kurz bevor ihn nimmt die Salzfluth auf,
Hemmt ein hoher Hügel seinen Lauf,
Und der Strom zur Gabelung gezwungen
Hält von allen Seiten ihn umschlungen.
Thürme trägt der Hügel und Paläste
Und ein Steinwall rings umhegt die Veste,
Aufgebaut aus Blöcken roh behauen.
Wie ein Riesenbollwerk anzuschauen.

Baljan ist die stolze Burg genannt,
Und ihr Ruhm erklingt in's fernste Land.
Aus der Mitte ragt das thurmumstarrte
Königsschloss, des Landes hohe Warte,
Drein im Purpurkleid auf goldnem Thron
Richtet König Hagen, Sigbands Sohn.

Keiner in des Nordlands weiten Reichen
Ist an Macht Herrn Hagen zu vergleichen,
Zwanzig Fürsten, stolz und hochgemuth
Dienen ihm und zahlen ihm Tribut.
Zieht der Held zu Feld mit reis'ger Wehr,
Fliegt der bleiche Schrecken vor ihm her,
Leichenhügel zeichnen seine Spuren,
Trümmerhaufen und zerstampfte Fluren.
Bis zum fernsten Nord, wo dunkelroth
Mitternachts die Sonn' am Himmel loht,
Wo das Riesenvolk im Eisland haust,
Geht der Ruf von seiner blut'gen Faust,
Und die Kinder fangen an zu zagen,
Hören sie den Schreckensnamen Hagen.

Milde kennt das Herz des Königs nicht,
Furchtbar trifft den Schuld'gen das Gericht.
Weh dem Edlen, der im Uebermuth
Einem Bauern schädigt Hab und Gut
Unerbittlich fasst ihn Hagens Hand,
Und sein Haupt rollt blutig in den Sand.
Aber sorglos durch die Marken weit
Zieht der Krämer in des Herrn Geleit,
Sorglos legt er sich im Walde nieder,
Und wer Geld verliert, der findet's wieder.

Buchschmuck

König Hagen sass beim reichen Mahl
Auf dem Hochsitz in dem weiten Saal.
Um ihn her auf weichen Bärendecken
Sassen schmaussend hundert bärt'ge Recken.
An der rauchgebräunten Föhrenwand
Glänzte mancher Schild mit blauem Rand,
Von des Elkgeweih's gezackter Sprosse
Hingen Schwerter, Bogen und Geschosse,
Und dazwischen sah man allwärts ragen
Kupferleuchter um den Kien zu tragen.

Mit den Schüsseln und den Humpen schwer
Liefen Schenk und Truchsess hin und her,
Setzten Eierkeulen auf die Tische,
Fleisch vom Hirschen und gewürzte Fische,
Süsse Aepfel auch mit gelber Schale,
Wie Idun sie reicht beim Asenmahle.
In die Hörner füllten Meth sie ein,
In die Silberbecher wälschen Wein.
Mancher Tropfen auf den Estrich rann,
Und mit schwerem Haupt sass mancher Mann.

Trotzig lachend liess nach allen Seiten
König Hagen seine Blicke gleiten.
Nächst dem Kampf, wo Schwert auf Helm erkracht,
War am liebsten ihm die Becherschlacht.
Breit von Schultern war er anzuschauen,
Schwarz von Haar und Bart und Augenbrauen,
Auf dem Koller er die Schuppen trug
Eines Gabiluns, den er erschlug. –
Damals war der König noch ein Kind,
Aber anders, als sonst Knaben sind.
Da er trank des Ungeheuers Blut,
Ward ihm wunderbar erhöht der Muth,
Ward an Klugheit er und Listen reich
Und an Kraft drei starken Männern gleich.

Hellauf rief der königliche Zecher:
»Heda Schenken, bringt den Bragibecher!
Auf ihr Degen, eh' ihr weinschwer sinkt,
Noch des Abschieds Minne mit mir trinkt'«
Und ein Kleinod ward herein getragen,
Silberschwer mit rothem Gold beschlagen;
Ein gebauchtes Meerschiff stellt' es dar
Und gefüllt mit rothem Wein es war.
Hagen trank und hob die Hand empor:
»Hör mich Woden, hör' mich Asathor!
Mit dem König Hettel will ich ringen,
Der im Volke herrscht der Hegelingen.
Nehmen will er sich, so hört' ich sagen,
Was ich seinen Boten abgeschlagen.
Aber für die Drohung soll er büssen;
Will in seinem eignen Land ihn grüssen
Und der bleichen Hel ein Opfer weih'n,
Wenn die Götter mir den Sieg verleih'n.«

Hagen rief's. Da jauchzten wild die Streiter.
Und der König gab das Kleinod weiter.
Wandelnd ging der Becher in der Runde
Immer frisch gefüllt von Mund zu Munde.
Jeder Trinker rief die Asen an,
Und beim Trunk ward mancher Schwur gethan.

Da erhob sich von der Bank ein Greis,
Kahl der Scheitel und der Bart wie Eis.
Weite Falten ihm der Mantel schlug,
Und am Band er eine Harfe trug.
Geisel war er einst in's Land gekommen,
Und das Augenlicht war ihm genommen.
Als ihn trieb zur Heimat das Verlangen,
Ward er flüchtig und ward eingefangen
Und zur Strafe liess von Henkershänden
Ihn der grimme König Hagen blenden.
Vor den Thüren nun um Trank und Speiser
Sang der Alte seine Liederweisen,
Auch zur Kurzweil in den Königssaal
Hagen oft den blinden Greis befahl,
Denn der Recken viel in seinen Landen,
Doch der Sänger wenig nur sich fanden.

Jetzt nun liess der Alte durch die Saiten
Prüfend seine hagren Finger gleiten,
Und in dumpfem Ton zum Harfenschlage
Scholl aus seinem Mund die Svafa-Sage:

Held Helge zog in den wilden Krieg,
Sein Helmbusch wallte, sein Rothross stieg;
So führt' er die Männer zum Streite.
Jung Hedinn, sein Bruder, im Kleid von Stahl,
Die Augen irrend, die Wangen fahl,
Ritt schweigend an seiner Seite.

»Mein Bruder, was ist dein Gesicht so bleich,
Als hätt'st du geschlafen im Todtenreich,
In Helas schaurigen Marken?
Es blickt so scheu dein Aug umher,
Es schwankt und zittert der Eschenspeer
In deiner Rechten, der starken.«

»O Helge!« schrie jung Hedinn laut,
»Beim Becher schwur ich, deine Braut,
Schön Svafa zu gewinnen.
Ich schwur's im Rausch, doch Eid bleibt Eid,
Am Herzen nagt mir grimmes Leid,
Dem kann ich nicht entrinnen.«

Sie ritten stumm in die Männerschlacht,
Sie brachen des Feindes Uebermacht,
Sie würgten wie Wölfe, wilde;
Und als sich neigte der blutige Tag,
Mit klaffender Stirne Helge lag
Leis röchelnd auf seinem Schilde.

Schön Svafa kniete auf rothem Grund,
Ihr Aug war trocken und stumm ihr Mund,
Bleich stand jung Hedinn daneben.
Des Wunden Athem ging tief und schwer:
»Schön Svafa, mein Bruder liebt dich so sehr;
Ihm sollst du zu eigen dich geben.«

Sie küsste des Sterbenden Angesicht.
»Dein Tod zerbricht den Eidschwur nicht;
Kein Andrer soll mich werben.
Gehst du zur Halle Wodens ein,
Nicht ziehen lass' ich dich allein,
Ich folge dir nach im Sterben.«

Schön Svafa zuckte den scharfen Stahl,
Im Bogen sprang ein rother Strahl,
Durchstochen sank sie zu Boden.
Walküren trugen auf weissem Arm
Das Paar, befreit von allem Harm,
Zum Saal des grossen Woden.

Buchschmuck

Leiser rauschten jetzt die Harfenklänge,
Da entstand am Flügelthor Gedränge.
Mit dem weissen Stab in seiner Rechten
Trat der Strandvogt ein mit seinen Knechten,
Und inmitten der bewehrten Schaar
Schritt mit leichtem Gang ein Knabenpaar.
Nach den Kleidern waren's Schiffer fremd,
Trugen Waffen nicht noch Kettenhemd,
Aber eine Truhe, gross und schwer,
Schleppten sie zu Hagens Hochsitz her.

Und der Vogt alsbald das Wort ergriff:
»Herr, im Hafen liegt ein seltsam Schiff,
Blinkt und gleisst von köstlichem Metall,
Und von Seide sind die Segel all,
Birgt im weiten Raum viel edles Gut,
Und die Herren sind gar hochgemuth,
Greis der eine, Jüngling noch der zweite,
Heischen Königsfrieden und Geleite.«

So der Vogt. – Es nickte König Hagen,
Und die Fremden hub er an zu fragen:
»Sprecht, wer seid ihr und aus welchem Land,
Und was führt euch her an meinen Strand?
Seid ihr Recken oder Handelsleute?
Bringt ihr Waaren oder sucht ihr Beute?«

Und der Fremden einer sprach geschwind:
»Reiche Krämer unsre Herren sind.
Wate, Horand werden sie genannt,
Und gen Mittag liegt ihr Mutterland.
Sieh, o König, gnädig auf die Spenden,
Die sie, deinen Frieden heischend, senden."

So der Bote, und mit flinker Hand
Flocht er auf der Truhe Riemenband.
In der Höhlung funkelte Geschmeide,
Reich wie Fafners Hort auf Gnitahaide,
Ketten, Gürtel, reich mit Gold beschlagen,
Ringe, Spangen auch am Arm zu tragen,
Halsgeschmeide für die Königin,
Seide, Sigelat und Baldekin.

Gnädig sah der König auf die Gaben,
Gnädig sprach er zu den Botenknaben:
»Meldet euren Herren unverweilt,
Frei Geleit ist ihnen zugetheilt.
Heisst sie an den Strand die Waaren tragen,
Dank und Willkomm will ich selber sagen.«
Und zum Strandvogt sprach er: »Sorgt auf's beste
Für das Wohl der fremden, reichen Gäste.
Büssen mit dem Halse soll's der Wicht,
Welcher frech des Königs Frieden bricht!«

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