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Horand und Hilde

Rudolf Baumbach: Horand und Hilde - Kapitel 11
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authorRudolf Baumbach
titleHorand und Hilde
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Buchschmuck

XI.

Die Rache

Nebel, dichter, grauer Nebel
Lagert über Meer und Insel
Kalt und feucht. Als matter Lichtfleck,
Röthlichtrüb erscheint die Sonne.
Luft und Wasser sind verschwommen,
Und am Strand die Drachenschiffe
Schwanken hin und her wie Schatten
Auf den grauen Nebeltüchern.
Einem Schatten gleicht die Burg auch,
Die gefügt aus ries'gen Blöcken
Ueberragt das Felseneiland.
Einst das Raubnest wilder Finnen
War die Burg, gefüllt mit Schätzen,
Bis der Hegelingen König
Sie vertrieb aus ihrem Horste.
Wie vom Frass gescheuchte Geier
Wichen sie in ihre Wildniss.

Jetzt gebot der König Hettel
Auf der Insel, seiner Marken
Nördlichsten. Der Degen Morung
Sass als Vogt mit wenig Leuten
Auf der Burg. Den armen Fischern,
Die am Strande friedlich wohnten,
Sprach er Recht und war ihr Schirmherr.
Doch noch besser als die Steinburg
Und Herr Morung mit den Seinen
Schützte das im Meer verlorne
Eiland eine Zackenkrone
Fluthzernagter Uferklippen.

Kam einmal ein Gast zur Insel,
War es ein vom Sturm verschlagner
Schiffer oder auch ein Krämer,
Welcher seine Herrlichkeiten
Gegen trockne Fische tauschte
Und die Haut des plumpen Seehunds.
Andre Fremde sah das Eiland
Selten, aber jetzt seit Wochen
War die Burg mit edlen Gästen
Wohl besetzt, und vor der Lände
Lagen schwarze Drachenschiffe.

Als der liebeskranke König
Aus dem Hegelingenlande
Aufbrach mit dem Heergefolge
Um des wilden Hagens Tochter,
Hilde, listig zu gewinnen,
Liess er an dem Klippenstrande
Anker werfen. Seine Recken
Horand und den starken Wate,
Die das Abenteuer kühnlich
Zu bestehen sich unterwunden,
Sandte mit erlernen Degen
Hettel auf dem Wunderschifflein
Nach dem Land des Königs Hagen.
Doch er selber blieb dahinten
Bei den Schiffen, hoffend, harrend
Und bereit, wenn seine Boten
Etwa Unheil treffen sollte,
Rettung bringend beizuspringen
Oder ihren Tod zu rächen.
Glücklich war der Raub gelungen,
Glücklich mit der weissen Taube
War das Adlerpaar, von Sturmnoth
Hart bedrängt, im Felsenhorste
Angelangt. Nun hemmte Nebel
Auf der See der Helden Heimfahrt.

Längs der Lände, wo die Schiffe
Lagen an den Ankertauen,
Standen stahlbewehrte Wachen
Frierend bei den ausgebrannten
Lagerfeuern, die zu löschen
Wate weislich angeordnet,
Dass nicht Rauch und rothes Glimmen
Ihren Ankerplatz verrathe,
Denn des Königs Hagen Schiffe,
Mussten längst schon auf der Fahrt sein.

An dem Strand, der Wächter Vorsicht
Prüfend, schritten drei Gestalten,
Hoch von Wuchs. Der alte Wate
War der eine, Degen Horand
War der andre, und der dritte
Trug den Schmuck des rothen Mantels
Ueber seinem Streitgewande
Und den Goldreif um den Stahlhelm.
Hettel war's der hochgemuthe,
Reiche Hegelingenkönig.

Wie der Nebel auf dem Meere
Lag des Missmuths trübe Wolke
Auf der Stirn der Hegelingen,
Und zumal der König blickte
Finster drein, und grollend sprach er.
»Hätt' ich doch den Nordlandsänger,
Der zuerst von Hagens Tochter,
Von der liliengleichen Hilde
Mir das Zauberlied gesungen,
Das die Sinne mir bestrickt hat,
Hätt' ich ihn doch nie vernommen,
Meiner besten Helden Leben
Wagt' ich; meines Goldhorts Hälfte
Ist geopfert; wohlgelungen
Ist die List, die klug erdachte.
Und nun sitzt die junge Hilde
Bleich und weinend, händeringend
Bei den Mägden in der Kammer,
Und des Hegelingenkönigs
Werbung will sie nicht erhören,
Seine Liebe nicht erwidern.
Meiner Schätze andre Hälfte,
Meine Länder, meine Burgen
Und das Blut aus meinen Adern
Möcht' ich um ein einzig Lächeln
Ihres rothen Mündleins geben.
Doch sie wendet ihre Blicke
Von dem König, und den Harfner
Sucht ihr rothgeweintes Auge.
Blinder Thor, der ich den schönen
Weiberliebling Horand sandte!«

Hettel sprach's, doch augenblicklich
Reuten ihn die harten Worte,
Als er sah, wie Horand traurig
Seine Stirne senkte. Gütlich
Sprach er zu dem Schwergekränkten:
»Ach, vergieb dem Liebeswunden,
Wenn er schmäht die treusten Freunde.
Ungerecht und ungeduldig
Ist der Kranke, und die Hände,
Die ihn warten, stösst er von sich.«
Sprach's und fasste Horands Rechte,
Die der Sänger zögernd darbot.

Weiter am Gestade schritten
Hettel und der greise Wate,
Aber nach der Insel Südrand
Ging der Sänger. Jäh und schüssig
Fiel das Ufer dort in's Meer ab,
Und gereihte Klippenzacken
Starrten aus der wilden Salzfluth
Wie die Zähne eines Drachen.
Heute aber barg die Felsen
Grauer Nebel, nur die Brandung,
Die am Uferlande brausend
Scholl, verrieth die Felsenriffe.

An dem Strand auf einem Felsblock
Sass der Degen Horand nieder,
Und sein blaues Auge starrte
In des Nebels graue Wolken.
Seinem Geist vorüber zogen
Schöne Bilder. Wieder stand er,
In den Händen seine Harfe,
Vor des wilden Hagen Hochsitz,
Und der Königstochter Auge
Strahlte Seligkeit und Liebe.
Dann im Gärtlein unter Rosen
Stand er wiederum und hörte
Hildens süsse Silberstimme,
Wie sie neckisch nach dem König
Hettel den Verkannten fragte.
Und zuletzt des Sturms gedacht' er,
Da sie ihre zarten Glieder
Zitternd an die seinen schmiegte.
Wieder fühlte von den weichen
Armen er den Hals umschlungen
Und vernahm das Liebesstammeln
Und den jammervollen Aufschrei
Des getäuschten Königskindes.
Hörst du Horand, was die Wellen,
Die zu deinen Füssen brausend
Um die Felsen branden, singen?
»Nimm in deinen Arm jung Hilde!
Du gewannst sie, dir gehört sie.
Flieht bei Nacht auf schnellem Fahrzeug.
Sicher wollen wir euch tragen
Fort gen Mittag, wo sich ewig
Ueber schönen, reichen Ländern
Spannt des Himmels blaues Zelttuch.
Keines Rächers Arm erreicht dich;
Vor des Lebens wilden Stürmen
Ruhst du sicher und geborgen
Und von deiner Trauten Lippen
Trinkst du Seligkeit allstündlich.«

Also liess des Meeres Woge
Ihr verlockend Lied ertönen.
Aber Horand rasch erhob sich,
Und die finstre Wolke strich er
Von der Stirn. In seine Harfe
Griff er, und den Sang der Woge
Ueberscholl der Saiten Rauschen.
Mählig zogen Ruh' und Frieden
Wieder in die Brust des Sängers,
Und die Wellen seines Blutes
Wallten nicht mehr wild wie Sturmfluth.
Da auf einmal durch den Nebel
Brach es hell wie Sonnenleuchten,
Aber nicht die Sonne war es. –
Wie ein Vorhang weicht zur Seite,
Thaten sich die Nebeltücher
Auseinander, und am Himmel
Sah des Helden staunend Auge
Eine hohe Burg, von goldnen
Schilden strahlend, und der Brücke
Bifrost hochgewölbter Bogen
Spannte sich zur Erde nieder.
Sprachlos stand der Held. Da dröhnten
Donnergleich der Schildburg Thore,
Und auf silberweissen Rossen
Ritten drei behelmte Jungfrau'n
Niederwärts. Die goldnen Brünnen
Glänzten hell wie Sonnenschimmer,
Und die weissen Hände winkten.
In Verzückung stand der Sänger,
Und ein Schauer überkam ihn.
Wer des Schlachtengottes Maide,
Die Walküren schaut, muss sterben.

Als er seine Augen wieder
Aufwärts lenkte, war verschwunden
Burg und Brücke, grauer Nebel
Hüllte Himmel, Land und Meerfluth.
Kurse Zeit nur stand der Sänger
Mit gesenktem Haupt, dann warf er
In den Nacken seine Locken,
Seine Augen blickten wieder
Adlerhell, und lichte Röthe
Färbte Wangen ihm und Stirne.
In die Saiten griff er mächtig,
Und sein Mund sang siegesfroh:

      Walküren sah ich reiten
      Und Asgard offen steh'n.
      Es geht an's letzte Streiten;
      Allvater soll ich seh'n.
      Die Götter meiner warten
      Und Wodens Heldenheer.
      Fahrwohl du Erdengarten
      Und du, mein blaues Meer!

      Ich schau' dich nimmer wieder,
      Mein Hof am stillen Sund,
      Wo mich die ersten Lieder
      Gelehrt der Mutter Mund;
      Wo mir, gehöhlt aus Rinde,
      Das erste Schifflein floss
      Und wo ich von der Linde
      Den ersten Vogel schoss.

       Fahrt wohl, ihr schnellen Degen
      In König Hettels Bann;
      Nehmt wohlgemuth entgegen,
      Was euch die Norne spann.
      Fahr' wohl, mein Heergeselle
      Und klage nicht zu sehr. –
      Der Mensch ist eine Welle,
      Und tausend zählt das Meer!

      Du süsse Augenweide,
      Du junge Rose roth!
      Ich that dir viel zu Leide,
      Nun geh' ich in den Tod.
      Mein Spiel ertönt nicht länger,
      Mein Lied verhallt im Wind. –
      Vergiss den armen Sänger,
      Du schönes Königskind!

Buchschmuck

Dahinten die Erde, Walhalla vorn,
Die Götterbrücke inmitten –
Lass schallen, Riger, dein goldnes Horn!
Es kommt ein Held geritten.

Es donnert die Brücke, es tönt das Thor,
Es grüssen mich Asgards Söhne,
Mit Bragi schreitet lächelnd hervor
Idun, die ewigschöne.

Sie bieten mir Aepfel, sie bieten mir Meth,
Sie leiten meine Schritte
Dahin, wo Wodens Hochsitz steht
In seiner Helden Mitte.

Es wird mir der Brünne schwere Last,
Der Helm herunter genommen;
Allvater winkt, den Erdengast
Einherier heissen willkommen.

Schildmaide reichen mir Salz und Brot
Und schenken mir Saft der Reben. –
Willkommen herrlicher Schlachtentod!
Fahrwohl du freudiges Leben!

Buchschmuck

Horand sang's, dann band er fester
Seinen Helm und lenkte wieder
Seine Schritte nach der Seebucht.
Warnen wollt' er König Hettel
Und das Heer der Hegelingen,
Denn er glaubte nah den Kampf schon,
Den das Wolkenbild gedeutet.
Längs der Küste schritt er weiter
Langsam nur, denn immer dichter
Quoll vom Meer herauf der Nebel
Und verhüllte die Umgebung
Also, dass er nur mit Vorsicht
Ueber das mit Felsenblöcken
Und mit Büschen reich bedeckte
Inselufer wandeln konnte.

Wie er so mit Hindernissen
Kämpfend am Gestade hinschritt,
Sah er durch den Nebel kommen
Eine kleine Schaar von Männern,
Unerkennbar, wenn auch nah schon,
Wächter wohl, die um das Eiland,
Wie es Wate anbefohlen,
Spähend ihren Rundgang machten,
Und es schritt der Degen näher.

Wie im grünen Wald ein Waidmann,
Der des Rehbocks Fährte folgend
Auseinander schlägt die Büsche
Und statt des gehofften Wildes
Einen grimmen Bären antrifft.
Also fuhr zurück der Sänger,
Denn auf eines Armes Länge
Sah er vor sich König Hagen.

Einen Satz zurück that Horand.
Nicht den Schwertgriff, nein das Schlachthorn,
Das an einer reichen Borte
Um den Hals ihm hing, ergriff er,
Hob es an den Mund, und weithin
Hallte durch die Luft der Nothruf.
Dann erst fuhr des treuen Helden
Rechte nach der guten Klinge,
Doch zu spät. – Mit gellem Kampfschrei
Sprang ihn an der wilde Hagen.
Durch den Nebel fuhr ein Leuchten
Wie ein Blitzstrahl. Schwirrend sauste
Nieder das verhängnissvolle
Gastgeschenk des alten Wate.
Stumm zu Boden sank der Sänger
Mit zerspälltem Helm und Haupte,
Nacht umzog die Adleraugen,
Und es trugen ihn Walküren
Aufwärts zu Allvaters Lichtsaal.

»Blast das Heerhorn, lasst das Banner
Fliegen!« rief der wilde Hagen
Seinen Recken zu, die eilig
An den Felsen aufwärts klommen,
»Einer von den Räubern tränkt schon
Grund und Gras mit seinem Herzblut,
Auf die andern jetzt!« – Da wallte
Blutigroth des Königs Banner,
Das den goldnen Greifen zeigte.
Laut zum Streite rief das Heerhorn,
Und mit wildem Kampfruf stürmte
Hagens Reckenschaar landeinwärts.

Buchschmuck
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