Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Horacker

Wilhelm Raabe: Horacker - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleHoracker
authorWilhelm Raabe
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009971-4
titleHoracker
pages1-170
created20010322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
Schließen

Navigation:

Wilhelm Raabe

Horacker


Erstes Kapitel

Einst war er sehr häufig auf den Gefilden Neuseelands anzutreffen, jetzt ist er erloschen. Den letzten, dessen man habhaft wurde, hat man ausgestopft und schätzt ihn als eine große Seltenheit; und wie ihn, den Vogel Kiwi – den letzten Vogel Kiwi –, sollte man eigentlich auch den letzten Konrektor ausstopfen und als etwas nie Wiederkommendes verehren. Was wir an gutem Willen dazu zu bieten haben, geben wir gern her; vielleicht liefern andere nachher das Stroh, den Draht und den Kampfer – letzteren gegen die Motten; denn was die Grillen anbetrifft, so wünschen wir dieselbigen uns selber zur Ausrottung vorzubehalten. Wir wünschen eine vergnügliche Geschichte zu schreiben, und wenn wir jemandem das schuldig sind, so ist unser alter Herr, der letzte Konrektor, der Mann. Er ist immer gegen das Lügen gewesen, wenn's ihm heulend vorgetragen wurde; eine gute Schnurre dagegen wußte er schon selber mit Behagen ungemein glaubwürdig zu machen. Über das, was ihm aufgebunden wurde, hielt er selbstverständlich nicht Buch; doch sollen heimtückischer- und frivolerweise andere Leute dann und wann Buch darüber gehalten haben, seine Kollegen zum Exempel, nicht bloß seine Schüler.

Wenn wir nun den höchsten Berg der Gegend – wenig mehr als achtzehnhundert Fuß über das Meer sich erhebend – besteigen, so begreifen wir mit einem Rundblick nicht nur den Horizont, sondern auch die Grenzlinie, über die er, Eckerbusch, nie hinauskam, abgerechnet die drei Jahre seiner Universitätszeit. Es ist eine Gegend, in der man schon mit erklecklichem Behagen geboren worden sein kann, eine recht schöne Gegend in der wirklichen Bedeutung des Wortes.

Ein Fluß, der auch in Schillers Xenien seine Stelle gefunden hat, schlängelt sich in mannigfachen Windungen hindurch. Bergland wechselt mit Wiesen und Ackerfeldern und Wäldern anmutig ab. Ein großer und gleichfalls nicht unberühmter Wald tritt auf einer ziemlichen Strecke bis dicht an den Strom heran und dehnt sich gegen Westen weit über den Gesichtskreis hinaus. Viele Kirchtürme, um die herum sicherlich die dazugehörige Politik getrieben wird, sind zu erblicken; uns jedoch fesselt vor allen einer, spitzig himmelanstrebend, schiefergedeckt; uns fesselt ein Wetterhahn, nämlich der, welcher sich glänzend vergoldet auf diesem Turme dreht und zu dem der Konrektor Eckerbusch aus den Fenstern seiner Sekunda emporblickt, wenn er ganz genau wissen will, woher der Wind weht. Der alte Herr führt seit mehr denn dreißig Jahren auch Buch über den Wind und ist für das Gemeinwesen eine geachtete Autorität in Witterungsangelegenheiten; sorgliche Hausfrauen, die Sonnenschein zum Wäschetrocknen brauchen, pflegen zu ihm zu schicken:

»Ein Kompliment an den Herrn Konrektor Eckerbusch, und ob es morgen wohl regnete?«

Und der Alte hat immer eine Antwort zur Verfügung, und wenn es sich hernach herausstellte, daß er sich irrte, so ist er sicherlich niemals schuld daran, sondern stets »der verfluchte Kerl zu Haparanda, Hernösand oder Konstantinopel, der wie gewöhnlich mit seinen meteorologischen Beobachtungen im Rückstand geblieben ist«. Es muß schon weit gekommen sein, ehe von der Wissenschaft dem Wetter selber die Schuld an der Irrung aufgeladen wird.

Doch die Sonne liegt auf der Landschaft, während wir auf dem Gipfel des oben gemeldeten Berges stehen und uns umschauen. Wenn dann und wann ein kurios geformt und gefärbt Wolkengebilde über das Blau gleitet und seinen Schatten auf das Grün wirft, so kann das nur den Reiz des guten Tages erhöhen. Wir nehmen eine behagliche und jedwedem Erdending wohlgefällige Stimmung mit bergunter; und das ist es grade, ja ist es einzig und allein, weshalb wir uns eben so hoch – ganze achtzehnhundert Fuß hoch! – über der Menschen Häupter und Hausdächer erhoben. Wir steigen bergab und zuerst durch dichtes Haselbuschgewirr. Wir haben vorsichtig die Zweige zur Seite zu biegen, daß sie uns nicht in das Gesicht schlagen, oh, und wir erinnern uns deutlich der Zeit, da der Konrektor Eckerbusch hier im Busch saß und sich ganz etwas anderes schnitt als Pfeifen; denn als er seinen Abschied nahm, wurde er längst nicht mit »vollem Gehalt« pensioniert! – Durch den Hochwald geht unser Weg, über reinliche schöne Waldwiesen, durch ziemlich schmutzige Dörfer, bis uns ein letzter, verwachsener und auch sonst nicht ohne Beschwerde zu erklimmender Hohlweg auf den Rand eines schroff abfallenden Abhangs bringt, unter welchem der Fluß rasch und lebendig dahinschießt und das einzig Langsame auf und an ihm das Schiff ist, das langsam kläglich zu Berg kriecht, geschleppt von den keuchenden Gäulen auf dem steinigen Schifferpfade. Der Hohlweg läuft nun rechtsab im Zickzack den Hügel hinab, geht in einen Feldweg über und führt uns zu einem andern Dorfe, dicht am Strom gelegen.

Da haben wir die Fähre und den Fährmann und schwimmen auf dem Wasser. Zwei eben dem Knabenalter entwachsende und ihren Röcken und Hosen anscheinend spargelhaft über Nacht entwachsene Jünglingsmenschen – Obertertianer oder Untersekundaner jedenfalls – fahren mit über, und der eine spricht zum andern:

»Du, Karl, ich weiß einen, der wird sich heute über vier Wochen wundern.«

»Na?«

»Mein Alter naturellement! Trotz allem Büffeln und Ochsen ist das Vierteljahr durch kein Tag alle geworden, an dem er nicht behauptet hat, ich stänke vor Faulheit: uh, laß ihn mich nur erst mal nach diesen großen Ferien, heute über vier Wochen, riechen! Wenn er sich da nicht die Nase zuhält, so hat er sicher einen borstigen Schnupfen.«

Das andere Ideal einer zärtlichen Mutter, das sich so lang als möglich auf einer Bank des Fahrzeuges hingeflegelt hat, antwortet gar nicht im unendlichen Genuß des Daseins. Nur durch ein grunzendes Gestöhn gibt es seiner Billigung und seinem Behagen Ausdruck.

Die großen Ferien – die Hundstagsferien haben ihren Anfang genommen; die beiden holden Knaben kehren mit ihren grünen Botanisierkapseln und Turnäxten vom ersten freien Ausflug in die himmlische rand- und bandlose Natur unter das väterliche Hausdach zurück, und ach, was gäbe man darum, wenn man in der Haut und den Gefühlen eines der zwei Lümmel steckte! Am liebsten steckte man in den Gefühlen und Häuten beider; denn wer hat je der Lebensseligkeiten genug gehabt, wenn sie ihm mit vollen Löffeln geboten wurden?!

Machen wir wenigstens so rasch als möglich die genaue Bekanntschaft des letzten Konrektors Dr. Werner Eckerbusch! Die guten Gelegenheiten gehen alle vorbei und kommen selten wieder; – die guten Tage in dieser Welt gehen alle hin; und in dem Augenblick, wo wir die Hand auf den alten Eckerbusch legen, nähern sich auch diese Hundstagsferien bereits wieder ihrem Ende und ist die Stimmung des Knaben aus dem Kahn durchaus nicht mehr die nämliche, die sie vor – vier Wochen war.

 Kapitel 2 >>