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Hoppla, wir leben!

Ernst Toller: Hoppla, wir leben! - Kapitel 4
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authorErnst Toller
booktitleHoppla, wir leben! Feuer aus den Kesseln
titleHoppla, wir leben!
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
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Erster Akt

Erste Szene

Kanzlei in einer Irrenanstalt

Am Schrank Wärter. Am vergitterten Fenster Professor Lüdin.

Wärter. Eine graue Hose. Ein paar wollene Socken. Unterkleider brachten Sie nicht mit?

Karl Thomas. Ich weiß nicht.

Wärter. Ach so. Eine schwarze Weste. Ein schwarzes Jackett. Ein Paar Halbschuhe. Hut fehlt.

Professor Lüdin. Und Geld?

Wärter. Keins, Herr Doktor.

Professor Lüdin. Angehörige?

Karl Thomas. Mir wurde mitgeteilt, gestern, daß meine Mutter starb, vor drei Jahren.

Professor Lüdin. Werden sich schwer tun. Hart ist das Leben heute. Man muß Ellenbogen stemmen. Nicht verzweifeln. Kommt Zeit, kommt Rat.

Wärter. Entlassungstermin 8. Mai 1927.

Karl Thomas. Nein!

Professor Lüdin. Doch, doch.

Karl Thomas. 1927?

Professor Lüdin. So acht Jährchen bei uns in Pension. Gekleidet, genährt, betreut. Es hat an nichts gefehlt. Sie können sich was einbilden: klinisch merkwürdiger Fall gewesen.

Karl Thomas. Wie ausgelöscht. Doch... an etwas erinnere ich mich...

Professor Lüdin. An was?

Karl Thomas. Ein Waldrand. Braun strebten Bäume in Himmel wie Pfeiler. Buchen. Der Wald flimmerte grün. Mit tausend kleinen Sonnen. Sehr zart. Ich wollte hinein, brennend gern. Es gelang mir nicht. Die Stämme buchteten böse sich nach außen und warfen mich wie einen Gummiball zurück.

Professor Lüdin. Halt! Wie einen Gummiball. Interessante Assoziation. Passen Sie mal auf, Ihre Nerven vertragen die Wahrheit. Der Wald: die Isolierzelle. Die Baumstämme: Gummiwände bester Qualität. Ja, ich erinnere mich, jedes Jahr einmal fingen Sie an zu toben. Man mußte Sie isolieren. Immer am gleichen Tag. Direkt eine klinische Spitzenleistung.

Karl Thomas. An welchem Tag?

Professor Lüdin. An dem Tag wo ... Na, Sie wissen doch.

Karl Thomas. Am Tag der Begnadigung ...

Professor Lüdin. Sie erinnern sich an alles?

Karl Thomas. Ja.

Professor Lüdin. Dafür sind Sie auch geheilt. Karl Thomas. Minuten warten auf den Tod ... Aber zehn Tage. Zehn mal vierundzwanzig Stunden. Jede Stunde sechzig Minuten. Jede Minute sechzig Sekunden. Jede Sekunde ein Mord. Vierzehnhundertvierzigmal gemordet an einem Tag. Die Nächte! ... Ich haßte die Begnadigung. Ich haßte den Präsidenten! Nur ein Schurke konnte so handeln ...

Professor Lüdin. Sachte, sachte. Sie haben allen Grund dankbar zu sein ... Hier drinnen nimmt man Kraftworte nicht krumm. Aber draußen ... Sie hätten schon wieder ein Jahr Gefängnis zugute wegen Beleidigung des staatlichen Oberhauptes. Seien Sie vernünftig. Sie müßten die Nase plein haben.

Karl Thomas. Sie müssen so sprechen, weil Sie zu den Herren gehören.

Professor Lüdin. Beenden wir die Unterhaltung. Daß Sie im Irrenhaus waren, braucht Sie nicht zu deprimieren. Eigentlich sind die meisten Menschen reif dafür. Würde ich tausend untersuchen, müßte ich neunhundertneunundneunzig hier behalten.

Karl Thomas. Warum tun Sie's nicht?

Professor Lüdin. Der Staat hat kein Interesse daran. Im Gegenteil. Mit einem kleinen Schuß Verrücktheit werden die Menschen gute Ehemänner. Mit zwei Schuß Verrücktheit werden sie sozial ... Keine dummen Streiche machen. Ich will Ihr Gutes. Gehen Sie zu einem Ihrer Freunde.

Karl Thomas. Wo mögen die stecken? ...

Professor Lüdin. Sie waren doch mehrere damals in der Zelle?

Karl Thomas. Fünf. Nur einer wurde nicht begnadigt, Wilhelm Kilman hieß er.

Professor Lüdin. Der nicht begnadigt? Hahaha! Der ritt Karriere im Galopp! Klüger als Sie.

Karl Thomas. Ich verstehe Sie nicht.

Professor Lüdin. Werden mich schon verstehen. Gehen Sie nur zu ihm. Der könnte Ihnen helfen. Wenn er Ihnen helfen will. Wenn er Sie kennen will.

Karl Thomas. Er lebt noch?

Professor Lüdin. Sie werden Ihr Wunder erleben. Ausgezeichnetes Rezept für Sie. Klinisch habe ich Sie geheilt. Von Ihrem Ideenspleen mag der Sie kurieren. Gehn Sie zum Ministerium des Innern und fragen Sie nach Herrn Kilman. Glück auf den Weg.

Karl Thomas. Guten Tag, Herr Doktor. Guten Tag, Herr Wächter ... Es duftet so stark nach Flieder hier ... Ach ja, der Frühling. Nicht wahr, draußen vorm Fenster wachsen wirklich Buchen ... keine Gummiwände ... (Hinaus.)

Professor Lüdin. Schlechte Rasse.

(Dunkel)

 

Filmisches Zwischenspiel

Großstadt 1927

Straßenbahnen

Autos

Untergrundbahnen

Aeroplane

Zweite Szene

Sichtbar zwei Zimmer: Vorzimmer des Ministers Arbeitszimmer des Ministers
Man sieht nach Aufgehen des Vorhangs beide Zimmer. Das Zimmer, in dem nicht gesprochen wird, bleibt dunkel.

Im Arbeitszimmer

Wilhelm Kilman. Ich ließ Sie rufen.

Eva Berg. Bitte.

Im Vorzimmer

Sohn des Bankiers. Wird er dich empfangen? Er hat dich nicht rufen lassen.

Bankier. Mich nicht empfangen! Er soll es wagen.

Sohn des Bankiers. Wir brauchen die Kredite bis Ultimo.

Bankier. Warum zweifelst du?

Sohn des Bankiers. Weil er beide Male die Chance abwies.

Bankier. Ich ging zu plump vor.

Im Arbeitszimmer

Wilhelm Kilman. Sie gehören dem Vorstand des Verbandes weiblicher Angestellter an?

Eva Berg. Ja.

Wilhelm Kilman. Sie arbeiten als Sekretärin im Finanzamt?

Eva Berg. Ja.

Wilhelm Kilman. Seit zwei Monaten spielt Ihr Name in den Polizeiberichten keine unbedenkliche Rolle.

Eva Berg. Ich verstehe nicht.

Wilhelm Kilman. Sie hetzen die Arbeiterinnen in den Chemischen Werken auf, Überstunden zu verweigern?

Eva Berg. Ich übe die Rechte aus, die die Verfassung mir gewährt.

Wilhelm Kilman. Die Verfassung ist für ruhige Zeiten gedacht.

Eva Berg. Leben wir nicht in ihnen?

Wilhelm Kilman. Der Staat kennt selten ruhige Zeiten.

Im Vorzimmer

Bankier. Vor der Tarifkündigung muß die Schose geregelt sein. Zwei Überstunden, entweder oder.

Sohn des Bankiers. Die Gewerkschaften haben beschlossen, an achtstündiger Arbeitszeit festzuhalten.

Bankier. Was dem Staat recht ist, wird der Schwerindustrie billig sein.

Sohn des Bankiers. Man müßte eine halbe Million Arbeiter aussperren.

Bankier. Und wenn schon. Man wird zwei Fliegen mit einem Schlag klappen. Überstunden und Lohnsenkung.

Im Arbeitszimmer

Eva Berg. Ich bin Kriegsgegnerin. Hätte ich Macht, die Werke stünden still. Was machen sie? Giftgas!

Wilhelm Kilman. Ihre persönliche Meinung, die mich nicht interessiert. Auch ich liebe den Krieg nicht. Sie kennen dieses Flugblatt? Sie sind die Verfasserin?

Eva Berg. Ja.

Wilhelm Kilman. Sie verletzen Ihre Pflichten als staatliche Beamtin.

Eva Berg. Es gab eine Zeit, wo Sie Gleiches taten.

Wilhelm Kilman. Wir führen ein dienstliches Gespräch, Fräulein.

Eva Berg. In der Vergangenheit haben Sie ...

Wilhelm Kilman. Halten Sie sich an die Gegenwart. Ich habe für Ordnung zu sorgen ... Liebes Fräulein Berg, jetzt seien Sie vernünftig. Wollen Sie sich den Dickkopf einrennen? Der Staat hat immer noch einen härteren Schädel. Ich will von Ihnen nichts Böses. Wir brauchen die Überstunden im Moment. Ihnen fehlt das praktische Wissen. Es wäre mir verdammt peinlich, gegen Sie vorzugehen. Ich kenne Sie doch von früher. Aber ich müßte es. Wirklich. Seien Sie vernünftig. Versprechen Sie mir das ...

Eva Berg. Ich verspreche nichts.

Im Vorzimmer

Pickel (der von Beginn der Szene an unruhig hin und her ging, bleibt vor Bankier stehen). Verzeihen der Herr ... Aus Holzhausen stamme ich nämlich. Vielleicht kennen der Herr Holzhausen? Zwar mit dem Bau der Eisenbahn soll erst im Oktober begonnen werden. Jedoch mir hat die Postkutsche auch genügt. Es gibt ein Sprichwort bei uns ... (Bankier wendet sich ab). Ich glaube zwar, daß die Eisenbahn ... (Da niemand auf ihn hört, bricht er ab, geht hin und her.)

Im Arbeitszimmer

Wilhelm Kilman. Der Staat muß sich schützen. Ich war nicht verpflichtet, Sie rufen zu lassen. Ich wollte Ihnen meinen Rat geben. Man soll nicht sagen, daß ... Sie allein tragen die Verantwortung. Ich warne Sie. (Geste. Eva Berg geht. Wilhelm Kilman am Telephon.) Chemische Werke ... Herr Direktor? ... Kilman ... So? Werkversammlung um zwölf Uhr ... Telephonieren Sie mir das Ergebnis ... Danke ... (Hängt ein.)

Durchs Vorzimmer geht der Kriegsminister

Kriegsminister. Ah, guten Tag, Herr Generaldirektor. Auch hier?

Bankier. Ja, leider, das elende Warten ... Gestatten, Herr Kriegsminister, daß ich meinen Sohn vorstelle ... Exzellenz von Wandsring.

Kriegsminister. Freut mich ... Heikle Lage.

Pickel (wendet sich an den Kriegsminister). Ich meine, Herr General, zwar der Feind ... (Da der Kriegsminister ihn nicht beachtet, bricht er ab, geht in die Ecke, kramt aus seiner Tasche einen Orden, heftet ihn mühselig und hastig an.)

Bankier. Sie werden's schon schaffen, Herr General.

Kriegsminister. Gewiß. Nur ... es macht mir keinen Spaß, auf Leute zu schießen, denen man erst die Paukenschlegel in die Hand drückt und die man dann hindern will, zu trommeln. Diese liberalen Utopien von Demokratie und Volksfreiheit brocken uns das ein. Autorität brauchten wir. Destillierte Erfahrung von Jahrtausenden. Die widerlegt man nicht mit Schlagworten.

Bankier. Immerhin, die Demokratie, allerdings mit Maß, brauchte einerseits nicht unbedingt zur Pöbelherrschaft zu führen, andererseits könnte sie ein Ventil sein ...

Kriegsminister. Demokratie ... Mumpitz. Das Volk regiert? Wo denn? Dann lieber ehrliche Diktatur. Machen wir uns nichts weiß, Herr Generaldirektor ... Sehen wir uns morgen im Klub?

Bankier. Sehr gerne.

(Kriegsminister geht. Graf Lande geht ihm bis zur Tür nach.)

Graf Lande. Exzellenz ...

Kriegsminister. Ah, Herr Graf. Bestellt?

Graf Lande. Jawohl, Exzellenz.

Kriegsminister. Es geht Ihnen gut?

Graf Lande. Die Frontbünde warten.

Kriegsminister. Nicht hitzköpfig vorgehen, Graf. Keine Torheiten. Die Zeiten des Losschlagens sind vorüber. Was wir für unser Vaterland erreichen wollen, können wir legal erreichen.

Graf Lande. Exzellenz, wir rechnen auf Sie.

Kriegsminister. Herr Graf, bei aller Sympathie ... ich warne. (Kriegsminister geht.)

Pickel (in militärischer Haltung). Zu Befehl, Herr General.

(Kriegsminister, ohne ihn zu beachten, hinaus.)

Bankier. Wie lange wird sich Kilman halten?

Sohn. Warum machst du nicht durch Wandsring das Geschäft?

Bankier. Kilman regiert heute. Sicher ist sicher.

Sohn. Passé. Deinen Kilman kannst du in die Konkursmasse der Demokratie werfen. Riech mal die Luft in der Industrie. Ich würde dir raten, auf nationale Diktatur zu setzen.

Pickel (wendet sich an Graf Lande). Könnte mir der Herr sagen, wie spät es ist?

Graf Lande. Zwölf Uhr vierzehn.

Pickel. Die Uhren in der Stadt gehen immer vor. Ich hatte mir gedacht, eine Audienz beim Minister müßte zwölf ... Zwar die Uhren auf dem Lande gehen immer nach, infolgedessen ...

(Da Graf Lande ihn nicht beachtet, bricht er ab, geht hin und her.)

Graf Lande. Wie sprechen Sie Kilman an?

Baron Friedrich. Exzellenz natürlich.

Graf Lande. Daß die Brüder Exzellenz goutieren?

Baron Friedrich. Alte Kiste, mein Lieber. Ziehen Sie einem Menschen Uniform an, und er schmachtet nach Gefreitenknöpfen.

Graf Lande. Antichambrieren läßt er uns. Vor zehn Jahren hätte ich derlei nur in Wildleder gepökelt die Hand gegeben.

Baron Friedrich. Erhitzen Sie sich nicht. Ich kann mit anderen Finessen dienen. Vor acht Jahren hätt' ich ihn beinah an die Mauer gestellt.

Graf Lande. Fabelhaft interessant. Sie waren dabei damals?

Baron Friedrich. Nicht zu knapp. Reden wir nicht darüber.

Graf Lande. Daß er Sie trotzdem ins Ministerium berief. Immer in seiner Nähe. Sie müßten ihm auf die Nerven fallen.

Baron Friedrich. Fürchtete ich sogar. Als er zum ersten Male ins Ministerium kam, große Cour in Kanzleien, machte ich mich mausig, wozu olle Kamellen aufwärmen. Man muß die Wirtschaft mitmachen, um parat zu sein, wenn wieder andere Zeiten kommen. Er, scharfer Blick. Von dem Tag an eine Beförderung nach der anderen, falle schon unliebsam auf. Aber reden tut er nie.

Graf Lande. Also Art Schweigegeld?

Baron Friedrich. Weiß nicht. Sprechen wir vom Wetter. Ich habe den Kerl im Verdacht über erstklassige Spitzel zu verfügen.

Graf Lande. Alles haben die Brüder uns abgeguckt.

Pickel (wendet sich an Baron Friedrich). Zwar mein Nachbar in Holzhausen nämlich meinte ... Pickel, meinte er, für die Audienz beim Minister mußt du dir weiße Handschuhe kaufen. Das war im alten Staat so, das bleibt auch im neuen so. Das verlangt die Zeremonienvorschrift. Ich jedoch ... ich habe gedacht, wenn die Monarchie weiße Handschuhe verlangte, müssen wir in der Republik schwarze Handschuhe anziehen ... Nämlich gerade! ... Weil wir freie Männer jetzt sind ...

(Da Baron Friedrich ihn nicht beachtet, bricht er ab, geht hin und her.)

Baron Friedrich. Tüchtiger Kerl, muß man ihm lassen.

Graf Lande. Manieren?

Baron Friedrich. Ob er wie Napoleon bei Schauspielern Unterricht nahm, weiß ich nicht. Jedenfalls Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Frühritt am Morgen in full dress, tadellos, sage ich Ihnen.

Graf Lande. Und durch welche Ritzen stinkt der Prolet?

Baron Friedrich. Durch alle. Sie müssen nur auf das bißchen zuviel achten bei jedem Wort, jeder Geste, jedem Schritt. Die Leute glauben, wenn sie bei erstklassigen Schneidern sich Fracks anmessen lassen, sei's getan. Sie merken nicht, daß erstklassige Schneider nur was taugen durch Kunden erster Klasse.

Graf Lande. Jedenfalls würde ich bei des Teufels Großmutter dinieren, hülfe sie mir aus dem Provinznest in die Hauptstadt.

Baron Friedrich. Die Großmutter, bei der Sie dinieren werden, führt eine Küche – nicht zu verachten.

Graf Lande. Hat ja lange genug in herrschaftlichen Häusern gedient.

Im Arbeitszimmer

Diener. Ihre Exzellenz und Fräulein Tochter möchten Exzellenz sprechen. Sie warten im Salon.

Wilhelm Kilman. Ich bitte, sich zehn Minuten zu gedulden. (Diener ab. Telephon klingelt.) Hallo. Ach Sie, Herr Geheimrat. Ja, ich bin's... Tut nichts... Aber nein, stören mich wirklich nicht... Die Baisse der Chemischen Werke... Kulissenzauber... Gemanaged, natürlich gemanaged... Dahinter stecken ganz Schlaue. Staatskredite haben wir gestern bewilligt...? Wie? Einstimmig... Dreiprozentige... Immer zu Ihren Diensten... Auf Wiedersehen, Herr Geheimrat...

(Diener herein.)

Diener. Die Damen meinen...

Wilhelm Kilman. Sie sollen warten, ich habe zu arbeiten.

Im Vorzimmer

Baron Friedrich. Bitte, sagte das Töchterchen und entblößte das Knie.

Graf Lande. Und die Mutter?

Baron Friedrich. Meinte, das sei so feine Sitte, und errötete stumm.

Graf Lande. Die Hauptstadt ist die Strapazen einer Jungfernschaft wert. Wie lange das dauert. Das Regieren scheint ihm nicht leichtzufallen.

(Karl Thomas herein. Setzt sich in eine Ecke.)

Im Arbeitszimmer

(Wilhelm Kilman klingelt. Diener herein.)

Diener. Exzellenz...?

Wilhelm Kilman. Herr Baron Friedrich und Herr Graf Lande...

(Diener verbeugt sich. Geht hinaus.)

Im Vorzimmer

Diener (zu Graf Lande und Baron Friedrich). Exzellenz lassen bitten...

Bankier. Entschuldigen Sie, meine Herren. Geben Sie Exzellenz diese Karte. Nur eine Minute.

(Diener geht ins Arbeitszimmer. Bankier und Sohn folgen ihm.)

Im Arbeitszimmer

Wilhelm Kilman. Guten Tag, Herr Generaldirektor. Guten Tag, Herr Doktor. Ich bin heute wirklich außerstande ...

Bankier. Dann treffen wir uns doch lieber in Ruhe.

Wilhelm Kilman. Bitte.

Bankier. Abends im Grand Hotel.

Wilhelm Kilman. Abgemacht.

(Bankier und Sohn gehen.)

Im Vorzimmer

Diener (zu Graf Lande und Baron Friedrich). Exzellenz lassen bitten.

(Öffnet die Tür zum Arbeitszimmer. Graf Lande und Baron Friedrich hinein. Diener will durch die seitliche Tür hinaus.)

Karl Thomas. Entschuldigen.

Diener. Exzellenz sind beschäftigt. Ich weiß nicht, ob Exzellenz heute noch jemand empfangen.

Karl Thomas. Ich will nicht den Minister sprechen. Ich will zu Herrn Kilman.

Diener. Suchen Sie sich andere für dumme Späße.

Karl Thomas. Genosse, Späße ...

Diener. Bin nicht Ihr Genosse.

Karl Thomas. Herr Kilman arbeitet wohl als Sekretär beim Minister? Der Portier wies mich ins Vorzimmer des Ministers, als ich nach Herrn Kilman fragte.

Diener. Kommen Sie vom Mond? Wollen Sie mir einreden, Sie wüßten nicht, daß Seine Exzellenz Kilman heißen? Überhaupt machen Sie einen sehr verdächtigen Eindruck ... Ich rufe den Herrn Kriminaloberkommissar.

Karl Thomas. Meinen Sie nicht einen anderen Kilman? Es gibt doch so viele Kilman ...

Diener. Was wollen Sie?

Karl Thomas. Ich möchte Herrn Wilhelm Kilman sprechen. Kilman. K-I-L-M-A-N

Diener. So schreiben sich Seine Exzellenz ... Individuum.

(Diener will hinausgehen.)

Karl Thomas. Kilman Minister? ... Nein, bleiben Sie. Ich kenne nämlich den Minister. Ich bin sein Freund. Ja, wirklich, sein Freund. Wir waren vor acht Jahren ... So bleiben Sie doch ... Haben Sie ein Stück Papier? ... Bleistift? Ich schreibe dem Minister meinen Namen, er wird mich gleich empfangen. (Diener unschlüssig.) So gehen Sie doch.

Diener. Man soll sich auskennen bei den Zeiten.

(Gibt Karl Thomas Papier und Feder. Geht hinaus. Karl Thomas schreibt.)

Pickel. So so ... ein Freund des Ministers ... Obwohl nämlich ich ... Pickel ist mein Name ... Ei dieser Grobian von Diener ... Zwar man sollte gegen die alten Hofschranzen strenger vorgehen, jedoch wir Republikaner lassen uns alles gefallen ... Ich hingegen habe den Scherz mit Ihrem Freund, dem Minister, gleich verstanden ... Man darf sich wohl noch ein Späßchen mit dem Minister erlauben ... Ich meine, es müßte etwas geschehen ... In der hohen Verwaltung zum Beispiel dieser Diener ... Nämlich da hapert's in der Republik ...

Im Arbeitszimmer

Wilhelm Kilman. Man muß die Völker zu nehmen wissen, meine Herren.

Baron Friedrich. Exzellenz meinen nicht, daß Amerika kein Interesse am Krieg ...

Graf Lande. Bedenken Exzellenz Frankreichs friedliche Haltung ...

Wilhelm Kilman. Weil die Minister von Völkerfriede schwatzen und mit Menschheitsideen paradieren? Aber meine Herren. Achten Sie in jeder Ministerrede darauf, wie oft »Völkerfriede« und »Menschheitsidee« sich blähen, garantiere, daß ebensoviel Giftgasfabriken und Flugzeuggeschwader im Geheimetat vorgemerkt sind, Ministerreden ... meine Herren ...

Baron Friedrich. Man meinte, Exzellenz zählten Machiavell zu Ihren Lieblingsautoren.

Wilhelm Kilman. Was brauchen wir Machiavell ... Der gesunde Menschenverstand.

(Diener herein.)

Diener. Ob die Damen jetzt ...

Wilhelm Kilman. Ich lasse bitten. (Herein Frau und Tochter.) Du kennst ja Herrn Baron ...

Baron Friedrich. Exzellenz ... Gnädiges Fräulein.

Frau Kilman. Aber nennen Sie mich doch nicht immer Exzellenz. Sie wissen, ich mag das nicht.

Wilhelm Kilman. Herr Graf Lande. Meine Frau. Meine Tochter.

Graf Lande. Exzellenz ... Gnädiges Fräulein.

Baron Friedrich. Wir stören wohl ...

Frau Kilman. Nein. Zufällig schrieb ich Ihnen. Ich lud Sie ein für Sonntag.

Graf Lande. Küß die Hand.

Frau Kilman. Vielleicht bringen Sie Ihren Freund mit.

Baron Friedrich. Zu viel Ehre, Exzellenz.

Lotte Kilman (leise zum Baron Friedrich). Du hast mich versetzt gestern.

Baron Friedrich (leise). Aber Liebling.

Lotte Kilman. Dein Freund gefällt mir.

Baron Friedrich. Da gratulier' ich ihm.

Lotte Kilman. Ich las deinen Personalakt.

Baron Friedrich. Wann treffen wir uns?

Wilhelm Kilman. Ja, Herr Graf, man dürfte nur noch dementieren. Verleumdungen von links – lese ich nicht. Verleumdungen von rechts – Sie besitzen eine meiner Antworten. Ich kenne die Qualitäten der Männer des alten Regimes. Man ist nur ein Mensch, hat Schwächen, aber Gerechtigkeitsmangel werden mir die extremsten Konservativen nicht vorwerfen.

Graf Lande. Aber Exzellenz ... Man schätzt Sie in nationalen Kreisen.

Wilhelm Kilman. Ich schreibe heute Ihrem Landrat. Sie treten Ihren Dienst am Ministerium in vier Wochen an.

Im Vorzimmer

Karl Thomas (hin und her laufend). Minister ... Minister ...

Im Arbeitszimmer

verabschiedet der Minister Graf Lande und Baron Friedrich

Im Vorzimmer

Baron Friedrich. Was hab' ich gesagt?

Graf Lande. Die Brüder ... Die Brüder ...

(Beide hinaus)

Karl Thomas. Das Gesicht hab' ich gesehen. Wo? (Herein Diener.) Hier der Brief für den Minister.

(Diener nimmt den Brief und trägt ihn ins Arbeitszimmer.)

Im Arbeitszimmer

Diener. Ein Mann, Exzellenz.

Wilhelm Kilman. Ich wünsche nicht ...

(Karl Thomas klopft an die Tür, ohne Antwort abzuwarten herein.)

Karl Thomas. Wilhelm! Wilhelm!

Wilhelm Kilman. Wer sind Sie?

Karl Thomas. Du kennst mich nicht mehr. Die Jahre ... Acht Jahre ...

Wilhelm Kilman (zum Diener). Sie können gehen.

(Diener hinaus.)

Karl Thomas. Du lebst noch. Erklär mir ... Wir wurden begnadigt. Du als einziger nicht ...

Wilhelm Kilman. Zufall ... glücklicher Zufall.

Karl Thomas. Acht Jahre ... vermauerter als Grab. Ich hab' den Doktoren erzählt, an nichts erinnerte ich mich. O Wilhelm, oft sah ich mit wachem Gesicht ... Oft ... Oft ... Sah dich tot ... In meine Augen grub ich die Nägel, bis Blut spritzte ... Die Wärter glaubten, mich beutelten Anfälle.

Wilhelm Kilman. Ja ... damals ... ich erinnere mich nicht gerne.

Karl Thomas. Immer hockt der Tod unter uns. Einen hetzte er gegen den andern.

Wilhelm Kilman. Was für Kinder wir waren.

Karl Thomas. Stunden wie jene im Gefängnis kitten mit Blut. Darum kam ich zu dir, als ich hörte, du lebst. Du kannst auf mich zählen ...

Frau Kilman. Wilhelm, wir müssen gehen.

Karl Thomas. Frau Kilman, Guten Tag, Frau Kilman. Ich hab' Sie ja gar nicht bemerkt. Sie sind die Tochter? So groß sind Sie geworden?

Lotte Kilman. Jeder wird einmal groß, mein Vater ist auch inzwischen Minister geworden.

Karl Thomas. ... Erinnern Sie sich, wie Sie zum letztem Mal Ihren Mann besuchen durften in der Armesünderzelle? Was haben Sie mir leid getan. 'rausschleppen mußte man Sie. Und die Tochter stand neben der Tür, Hände vorm Gesicht und sagte nur immer: Nein, nein, nein.

Frau Kilman. Ja, ich erinnere mich. Es war eine schwere Zeit. Nicht, Wilhelm? Es geht Ihnen gut jetzt? Das ist schön. Besuchen Sie uns mal.

Karl Thomas. Danke schön, Frau Kilman. (Frau Kilman und Lotte gehen.) Muß das sein? Daß deine Tochter die vornehme Dame markiert?

Wilhelm Kilman. Wie?

Karl Thomas. Dein Ministeramt ist doch Kniff, nicht wahr? Immerhin gewagter Kniff. Früher hätte man die Taktik nicht zugelassen. Ist der Apparat bald in unseren Händen?

Wilhelm Kilman. Du sprichst, als ob wir noch Revolution hätten?

Karl Thomas. Wie?

Wilhelm Kilman. Seitdem vergingen zehn Jahre. Wo wir schnurgerade Wege sahen, kam die unerbittliche Wirklichkeit und bog sie krumm. Es geht dennoch vorwärts.

Karl Thomas. So nimmst du dein Amt ernst?

Wilhelm Kilman. Freilich.

Karl Thomas. Und das Volk?

Wilhelm Kilman. Ich diene ihm.

Karl Thomas. Bewiesest du nicht früher, daß, wer in solchem Staat Ministersessel drückt, als Kollegen die härtesten Feinde, versagen wird, versagen muß, gleichgültig, ob ihn gute Absichten treiben oder nicht!

Wilhelm Kilman. Das Leben spult sich nicht in Theorien ab. Man lernt aus seinen Erfahrungen.

Karl Thomas. Daß sie dich an die Mauer gestellt hätten!

Wilhelm Kilman. Immer noch der hitzige Träumer. Ich nehme dir deine Worte nicht übel. Wir wollen demokratisch regieren. Was ist denn Demokratie? Der Wille des ganzen Volkes. Als Minister vertrete ich nicht eine Partei, sondern den Staat. Wenn man die Verantwortung hat, lieber Freund, sehen die Dinge unten anders aus. Macht gibt Verantwortung.

Karl Thomas. Macht! Was nützt es, daß du dir einbildest, Macht zu besitzen, wenn das Volk keine hat? Fünf Tage hab' ich mich umgesehen. Hat sich was geändert? Du sitzest oben und regulierst den Schwindel. Siehst du nicht ein, daß du die Idee verließest, daß du gegen das Volk regierst?

Wilhelm Kilman. Es gehört mitunter Mut dazu, gegen das Volk zu regieren. Mehr als auf die Barrikaden zu gehn. (Telephon klingelt.) Entschuldige... Kilman... Einstimmiger Beschluß, Überstunden zu verweigern... Danke, Herr Direktor... Trägt das Flugblatt Namen? So... Notieren Sie: Wer um fünf Uhr die Fabrik verläßt, ist fristlos entlassen... Gut, werden die Fabriken schließen für einige Tage. Verhandeln Sie mit Privaten. Der Auftrag der Türkei muß ausgeführt werden... Auf Wiedersehen, Herr Direktor... (Hängt ein. Telephoniert wieder.) Setzen Sie sich mit Polizei in Verbindung... Akten Eva Berg... Beschleunigen... Danke. (Hängt ein.)

Karl Thomas. Welch ein Mut! Du beherrschst die Methoden.

Wilhelm Kilman. Wer hier oben arbeitet, muß dafür sorgen, daß die komplizierte Maschine nicht durch plumpe Hände ins Stocken gerät.

Karl Thomas. Kämpfen die Frauen nicht für deine alten Ideen?

Wilhelm Kilman. Darf ich dulden, daß die Arbeiterinnen irgendeiner Fabrik den Mechanismus des Staates stören?

Karl Thomas. Deine Autorität litte wohl?

Wilhelm Kilman. Soll ich mich blamieren? Soll ich mich unfähiger zeigen als die alten Minister? Es ist gar nicht so leicht oft... Versagt man einmal, dann... Es gibt Stunden... Ihr stellt euch das so vor... Ach, was wißt ihr?...

Karl Thomas. Was wir wissen? Ihr verhelft der Reaktion in den Sattel.

Wilhelm Kilman. Unsinn. In der Demokratie habe ich die Rechte der Arbeitgeber ebenso zu achten wie die Rechte der Arbeitnehmer. Wir haben eben noch nicht den Zukunftsstaat.

Karl Thomas. Aber die andern haben Presse, Geld, Waffen. Und die Arbeiter? Leere Fäuste.

Wilhelm Kilman. Ach, ihr seht nur immer den bewaffneten Kampf, hauen, stechen, schießen. Auf die Barrikaden! Auf die Barrikaden, du Arbeitervolk! Wir lehnen den Kampf roher Gewalt ab. Wir haben unermüdlich gepredigt, daß wir mit sittlichen, mit geistigen Waffen siegen wollen. Gewalt ist immer reaktionär.

Karl Thomas. Ist das die Meinung der Masse? Nach deren Meinung fragst du wohl nicht?

Wilhelm Kilman. Was ist die Masse? Hat sie positive Arbeit leisten können damals? Nichts! Sprüche klopfen und kaputtschlagen. Ins Chaos wären wir hineingeschliddert. Jeder Abenteurer bekam einen Kommandoposten. Leute, die ihr Leben lang die Arbeiter nur aus Kaffeehausdiskussionen kannten. Seien wir doch ehrlich. Wir haben die Revolution gerettet... Die Masse ist unfähig und wird unfähig bleiben vorerst. Jedes Fachwissen fehlt ihr. Wie vermöchte der Arbeiter ohne Schulung in unserer Epoche die Funktion meinetwegen eines Syndikatsleiters zu übernehmen? Oder eines Direktors der Elektrizitätswerke? Später... in Jahrzehnten... in Jahrhunderten... durch Erziehung... durch Entwicklung... wird es sich ändern. Wir müssen heute regieren.

Karl Thomas. Und mit dir saß ich...

Wilhelm Kilman. Und hältst mich wohl für einen »Verräter«?

Karl Thomas. Ja.

Wilhelm Kilman. Ach, lieber Freund, an die Worte bin ich gewöhnt. Für euch ist jeder Bürger ein Schurke, ein Blutsauger, ein Satan, was weiß ich. Wenn ihr nur begriffet, was die bürgerliche Welt geleistet hat und noch leistet.

Karl Thomas. Halt! Du verdrehst meine Worte. Daß die bürgerliche Welt Mächtiges leistete, hab' ich nie bestritten. Daß das Bürgertum rabenschwarz und das Volk schneeweiß ist, hab' ich nie behauptet. Aber was ist aus der Welt geworden? Unsere Idee ist die größere. Wenn wir die durchsetzen, leisten wir mehr.

Wilhelm Kilman. Es kommt auf die Taktik an, mein Lieber. Mit deiner Taktik regierte bald die finsterste Reaktion.

Karl Thomas. Ich seh' keinen Unterschied.

Wilhelm Kilman. Ihr habt wohl die Striemen vergessen, die euch den Rücken bleuten? Wie Kinder seid ihr. Den ganzen Baum wollen, wenn man einen Apfel haben kann.

Karl Thomas. Auf wen stützest du dich? Auf die alte Bürokratie? Und wenn ich dir glaubte, deine Absichten seien ehrlich, was bist du in Wirklichkeit? Ein ohnmächtiger Popanz, ein Spielball!

Wilhelm Kilman. Was willst du eigentlich? Sieh dir den inneren Betrieb an hier. Wie das klappt. Wie das am Schnürchen läuft. Jeder versteht sein Fach.

Karl Thomas. Darauf bist du stolz?

Wilhelm Kilman. Jawohl, ich bin stolz auf meine Beamten.

Karl Thomas. Wir sprechen verschiedene Sprachen... Du nanntest einen Namen vorhin am Telephon.

Wilhelm Kilman. Ich sprach über dienstliche Belange.

Karl Thomas. Eva Berg.

Wilhelm Kilman. Ach die... Sie arbeitet beim Finanzamt. Macht mir schwer zu schaffen. Was ist aus dem Püppchen geworden.

Karl Thomas. Fünfundzwanzig Jahre muß sie alt sein heute.

Wilhelm Kilman. Ich wollte sie schonen. Aber sie rennt ins Unglück... Ich muß dich verabschieden. Hier, nimm. (Will Karl Thomas Geld geben; der weist es zurück.) Anstellen kann ich dich leider nicht. Geh zur Gewerkschaft. Vielleicht findest du dort alte Bekannte. Ich vermute es. Man ist so beschäftigt. Man verliert den Kontakt. Laß dir's gut gehen. Mach keine Dummheiten. Im Ziel sind wir uns ja einig. Nur die Wege... (Schiebt Karl Thomas mählich ins Vorzimmer. Bleibt Sekunden stehen. Geste.)

Im Vorzimmer

(Karl Thomas starrt stumm.)

Pickel (zum Diener). Komm' ich jetzt dran, Herr Sekretär?

Diener. Sind Sie angemeldet?

Pickel. Zweieinhalb Tage fuhr ich mit der Eisenbahn, Herr Sekretär. Zwar man erlebt da sein reines Wunder. Kennen Sie Holzhausen?

Diener. Weiß der Herr Minister?

Pickel. Es ist doch wegen der Eisenbahn in Holzhausen.

Diener. Ich werde fragen.

(Diener ins Arbeitszimmer.)

Pickel. Der Herr Minister ist wohl ein sehr strenger Mann? (Karl Thomas antwortet nicht!) Wenn der liebe Gott einen zum Minister gemacht hat, stelle ich mir meinerseits das so vor... (Da Karl Thomas nicht antwortet, bricht Pickel ab, geht hin und her.)

Im Arbeitszimmer

Wilhelm Kilman. Na meinetwegen. Führen Sie ihn herein.

(Diener öffnet die Tür zum Vorzimmer.)

Diener. Herr Pickel.

(Herein Pickel.)

Pickel. Habe die Ehre, Herr Minister. Ich hab' so viel auf dem Herzen, Herr Minister. Zwar sind Sie sicher sehr beschäftigt. Jedoch ich will Ihnen nicht Ihre Zeit stehlen, Herr Minister. Pickel ist mein Name. Gebürtig in Holzhausen, Bezirk Waldwinkel. Es ist nur wegen der Eisenbahn, die Sie nach Holzhausen legen wollen, Herr Minister. Sie wissen doch, im Oktober ... Zwar es gibt ein Sprichwort bei uns: Hannes will einer fetten Gans den Sterz einschmieren. Jedoch so eine fette Gans war Holzhausen. Die Dampfer fahren vorbei, jede Woche dreimal, die Postkutsche kommt hin, jeden Tag, den der liebe Gott geschaffen hat. Mir meinerseits hätte ... Zwar ich will mir gewiß nicht anmaßen ... Der Herr Minister wird das besser wissen ... Jedoch das ist sicher, das hat der Herr Minister nicht gewußt, wenn die Eisenbahn schon über mein Grundstück fahren soll, dann ... Ich halt' Sie auch nicht auf, Herr Minister?

Wilhelm Kilman. Also, lieber Mann, was soll nun die Eisenbahn?

Pickel. Ich hab' meinen Nachbarn gleich gesagt, wenn ich dem Herrn Minister vis-à-vis stehe, dann wird er ... Zwar er hat was gemeint, von weißen Handschuhen und so Zeug ... Jedoch ich hab' mir immer gedacht, ein Minister, was muß der alles kennen! Bald soviel wie der liebe Gott. Ob die Ernte gut wird, ob es Krieg gibt, ob die Eisenbahn über das Grundstück fahren soll oder über jenes ... Ja, so ein Minister ... Ach, ich komm' nicht nur wegen der Eisenbahn ... Zwar die Eisenbahn hat ihre Wichtigkeit ... Jedoch das andere hat auch seine Wichtigkeit. Da sitz' ich nun in Holzhausen ... Die Zeitungen, man wird nicht klug aus ihnen ... Ich hab' mir gesagt, wenn du erst dem Herrn Minister vis-à-vis stehst ... Wenn's nicht gar zuviel verlangt ist, wie stellen Sie sich vor, wie das alles weitergeht? ... Wenn nun die Eisenbahn durch Holzhausen fährt und man geradewegs bis nach Indien fahren kann? ... Und in China sollen die Gelben sich mucksen ... Und es soll Maschinen geben, mit denen kann man bis nach Amerika schießen ... Und die Neger in Afrika machen Sprüch und wollen die Mission 'rauswerfen ... Und das Geld will die Regierung abschaffen, sagt man ... Zwar da oben sitzt der Herr Minister, und mit all dem soll er fertig werden ... Jedoch wirst ihn mal selbst fragen. Herr Minister, was wird nun aus der Welt werden?

Wilhelm Kilman. Was aus der Welt werden wird?

Pickel. Was Sie aus ihr machen wollen, meine ich, Herr Minister?

Wilhelm Kilman. Na, trinken wir zuerst einen Kognak. Rauchen Sie?

Pickel. Zu gütig, Herr Minister. Zwar ich hab' mir gleich gesagt nur dem Minister vis-à-vis mußt du stehen ...

Wilhelm Kilman. Die Welt ... Die Welt ... Hm ... es ist gar nicht so einfach darauf zu antworten. Trinken Sie doch.

Pickel. Das hab' ich meinem Nachbar auch immer gesagt. Zwar mein Nachbar, ich meine den, der die Gemeindewiese gepachtet hat, erst sollte sie zweihundert Mark kosten, jedoch er ist mit dem Bürgermeister verwandt, und wenn einer verwandt ist ... (Es klopft)

Diener. Ich möchte Exzellenz erinnern, Exzellenz müssen um zwei Uhr ...

Wilhelm Kilman. Ja, ich weiß ... Also, lieber Herr Pickel, fahren Sie beruhigt nach Holzhausen zurück. Grüßen Sie Holzhausen ... Trinken Sie doch Ihren Kognak.

Pickel. Ja, Herr Minister. Und die Eisenbahn ... Zwar wenn die schon über mein Grundstück fahren soll, dann ...

Wilhelm Kilman (schiebt Pickel mählich ins Vorzimmer, ohne daß Pickel dazu kommt, seinen Kognak zu trinken). Es wird niemand ein Unrecht geschehen.

Im Vorzimmer

Pickel (hinausgehend). Ich werd's ihnen schon besorgen in Holzhausen.

Diener (zu Karl Thomas, der gleichsam erstarrt steht). Sie müssen gehen, es wird geschlossen.

Filmisches Zwischenbild

Frauen im Beruf
Frauen als Schreibmaschinistinnen
Frauen als Chauffeure
Frauen als Lokomotivführerinnen
Frauen als Polizistinnen

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