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Honoré de Balzac: Honor - Franz' des Ersten Fastenfreuden
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
translatorOtto Julius Bierbaum, Carl Theodor Ritter von Riba
titleFranz' des Ersten Fastenfreuden
booktitleDie drolligen Geschichten des Herrn von Balzac
publisherWilhelm Borngräber
addressLeipzig
year1914
pages164-170
printrun50. Tausend
senderhille@abc.de
created20020426
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Honoré de Balzac

Franz' des Ersten Fastenfreuden

Jeder weiß, wie König Franz der erste seines Namens, gleich einem törigen Vögelein ins Garn ging und nach Hispaniens Hauptstadt Madrid geschleppt wurde. Dort ließ ihn Kaiser Karl der Fünfte forsorglich bewachen, wie es einem solchen Wertgegenstande geziemt, und so saß nun unser unvergeßlicher Herr in einem kaiserlichen Schlosse eingesperrt und verging schier vor Langeweile. Seltsame Schwermut umfing ihn und bald entnahmen die Frau von Angoulême, seine Mutter, Katharina, die Kronprinzessin, der Kardinal Duprat und alle die andern Mitglieder des Staatsrates, als man seine Briefe dort verlaß, was dem armen Wollüstlinge fehlte. Und man beschloß nach reiflicher Überlegung die Königin Margarete zu entsenden, die er ob ihrer Fröhlichkeit und vielgewandten Erfahrung so sehr liebte. Und als sie einwandte, solches Zusammensein könne doch für ihr Seelenheil recht bedenklich werden, so entsandte man eiligst einen Boten zum Heiligen Vater, um für alles, was sie etwa zur Zerstreuung des armen Königs nötig fände, Generalablaß im voraus zu erlangen. Dem Papste ging das alles sehr zu Herzen, weshalb er zunächst durch einen besonderen Gesandten Hispaniens Hof auf die argen Nöte aufmerksam machte. Kaiser Karl aber war überaus mißtrauisch, und deshalb bedurfte es endloser Verhandlungen, ehe die Königin von Navarra endlich abreisen konnte, und derweile sprach man am Hofe von nichts weiter als von des Königs betrüblichen Fasten und der Verhinderung aller Liebesbetätigung, an welche er doch so sehr gewöhnt war. Kurz, man dachte am Ende mehr an des Königs Latz, denn an ihn selbst. Und die Frau Admiralin machte dem lieben Gotte schier Vorwürfe daß man dem guten Könige nicht durch Eilboten zusenden konnte, was er so dringend ersehnte. Allerdings meinte die Kronprinzessin lachend: »Gott tat wohl daran, das besagte fest anzubringen. denn sonst würden unsere Männer es mit auf die Reise fortnehmen und wir hätten traurig das Nachsehen.«

Endlich brach die Konigin Margarete auf und beeilte sich, aus Maultieren das Gebirge trotz der Schneemassen zu durchqueren. Inzwischen war aber beim Könige die Glut seiner Lenden auf einem schier unglaublichen Höhepunkt angelangt also daß er dem Kaiser Karl seine Qualen eindringlichst zu Gemüte führte und ihm erklär es sei doch eine Schande, wenn jener seinesgleichen an solchem Liebesweh zu Grunde gehen lassen würde. Der Castilianer bedachte darob, daß er ja solche Liebesdienste leichtlich beim Lösegeld mit verrechnen könnte; und so spielte er den Gutmütigen und hieß den Wachehabenden Schloßmannschaften, ihrem Gefangenen in diesem Punkte Entgegenkommen zu zeigen. Nun war da ein armer Hauptmann Don Hijos de Lara y Lopez Barra di Ponto, dessen langer Name sein einziges Gut war und der deshalb schon oft bedacht hatte, ob er nicht am französischen Hofe sein Glück versuchen solle. Der überlegte nun flugs, wie er dem Könige ein sanftes Pflaster aus zartem Menschenfleisch beschaffen könne, um sich solchermaßen in allen Ehren den Zugang zu den erhofften Fleischtöpfen Agyptenlands zu eröffnen. Als besagter Hauptmann also Dienst im Zimmer des Königs hatte, bat er um die Erlaubnis eine Frage stellen zu dürfen, die ihm schwer auf der Seele laste. Und als der König zustimmend mit dem Kopfe nickte, bat der Hauptmann zuvörderst ob seiner Offenheit um Entschuldigung und meinte dann: der König erfreue sich doch des Rufes, einer der größten Frauenjäger Frankreichs zu sein, und deshalb wolle er ihn fragen, ob wirklich die Hofdamen dorten so überaus liebesgewandt seien. Darob tat der König in weher Erinnerung einen gewaltigen Seufzer aus tiefster Seele und rief: weder auf der Erde noch auf dem Monde gäbe es Frauen, die jenen an Kenntnissen in diesen wunderbaren alchymistischen Geheimnissen gleichkämen. Und dabei funkelten die Augen des Königs, dessen Brunft doch alles dagewesene übertraf, so glühend auf, daß der ansonsten gar mutige Hauptmann bis in sein tiefstes Innere hinein erbebte. Dann aber faßte er Mut und suchte die Hispanierinnen in Schutz zu nehmen indem er sagte, nur in Castilien wisse man recht, was Liebe sei, denn hier sei man am frömmsten auf der ganzen Welt, und jemehr die Frauen ob ihrer Liebessünden die Verdammung fürchteten, um so leidenschaftlicher genössen sie ein Glück, das ihnen ihre Ewigkeit koste. Und weiter meinte er: dafern der König eine gar einträgliche prächtige Herrschaft seines Königreiches Frankreich dawidersetzen würde, so wolle er ihm eine hispanische Liebesnacht einrichten, in welcher der Konig sich wohl in acht nehmen müsse, daß nicht am Ende nur sein leerer Balg übrig bliebe.

»Schnell, schnell!« rief der Konig und sprang vom Stuhle auf. »Und, bei Gott, du sollst die Herrschaft Frauenstätt in der Touraine mit allen Jagdrechten und der gesamten Gerechtsame bekommen!« Flugs eilte der Hauptmann zu der Liebsten des Kardinal-Erzbischofes von Toledo, die er genügsam kannte, und bat sie, den König mit Zärtlichkeiten zu zermürben und ihm die Überlegenheit castilianischen Erfindungsgeistes über französische Schlichtheit eindringlichst zu beweisen. Die von Amaesguy hatte bisher nur Kirchenfürsten unter den Fingern gehabt; darum lockte es sie, zu erproben, aus was für einem Teige Könige gebacken sind. So eilte sie also hin gleich einer tobenden Löwin, die eben ausgebrochen ist; unter ihrer Leidenschaft erkrachten des Königs Knochen, sein Mark bebte und einen andern hätte diese Glut wohl sicherlich umgebracht. Aber der Fürst war also wohlgerüstet und ausgehungert, daß er ihre Bisse gar nicht spürte und also die Maraqueza aus diesem schauerlichen Zweikampfe als die Unterlegene davonging und sich vorkam, als sei sie beim Teufel selbst zur Beichte gewesen.

Der Hauptmann war seiner Sache so sicher gewesen, daß er am Morgen ankam, um womöglich gleich seinem neuen Herrn zu huldigen. Aber der König empfing ihn spöttisch und meinte: die Hispanierinnen seien zwar nicht ohne Schwung und gingen scharf vor, aber ihre Raserei ließe leider auch dort nicht nach, wo Zartheit am Platze sei. Ein Freudenfest sei doch kein Gewaltakt! Die Französinnen hingegen wüßten den Gegner immer noch liebesdurstiger zu machen und seien darin unermüdlich; darum sei auch ihre Zärtlichkeit eine Wonne ohne gleichen und nicht die Arbeit eines Bäckers beim Teigkneten. Das war dem Hauptmann ein harter Schlag; schier meinte er, der Konig halte ihm diesen Vortrag nur, um sich von seinem Versprechen zu drücken. Immerhin war er nicht sicher, ob die Marqueza dem Könige nicht vielleicht doch gar zu hispanisch gekommen sei, bat den König um Revanche und verpfändete Wort und Lehen, ihm diesmal eine wahre Zauberfee zu beschaffen. Der König war viel zu höflich und ritterlich, um dies Anerbieten abzulehnen und erklärte gar königlich, er hoffe die Wette zu verlieren. Und so geleitete nach der Vesper die Wache in des Königs Gemach eine Dame, die in Huldreiz erstrahlte, die mit ihrem langen Haar, ihren samtenen Händen, ihrer schlanken und doch vollen Gestalt, ihrem zauberhaft lächelnden Mund und den feuchtschimmernden, vielversprechenden Augen eine Hölle beseligen konnte, deren erstes Wort genügte, damit vor freudigem Herzklopfen dem Könige die Hosen zu enge wurden. Und als der neue Tag hereinbrach, die Schöne entschwunden war und der Hauptmann siegesbewußt beim Könige eintrat, da rief der Gefangene begeistert: »Freiherr von Frauenstätt, mag Gott Euch gleiche Freuden bescheren! Jetzt ist mir mein Kerker lieb geworden! Bei Unserer Lieben Fraue, nicht mag ich über die Liebe in unsern Ländern entscheiden, aber die Wette zahl' ich!«

»Das wußte ich wohl,« lächelte der Hauptmann. »Wie denn konntet Ihr das wissen?!«

»Sire, es ist doch meine Frau.« Solches ward der Ursprung der Larray von Frauenstatt, wobei man den allzu langen Namen Lara y Lopez in Larray verkürzte. Was die Königin von Navarra betrifft, so kam sie bald danach – just zur rechten Zeit, maßen der Konig der hispanischen Kunst doch satt wurde und sich nach heimatlichen Freuden zurücksehnte. Das aber hat mit dieser Geschichte nichts mehr zu tun, und ich gedenke ein andermal auch zu berichten, wie der päpstliche Legat die Sünden wieder abwusch und wie schlagfertig die Königin damals das rechte Wort fand. Wahrlich, die königliche Erzählerin so wundervoller Geschichten verdiente wohl einen besonderen Platz in unserem Reigen.

Der vielliebe König
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