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Honoré de Balzac: Honor - Der schönen Imperia Ehezeit
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
translatorOtto Julius Bierbaum, Carl Theodor Ritter von Riba
titleDer schönen Imperia Ehezeit
booktitleDie drolligen Geschichten des Herrn von Balzac
publisherWilhelm Borngräber
addressLeipzig
year1914
pages462-489
printrun50. Tausend
senderhille@abc.de
created20020617
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Honoré de Balzac

Der schönen Imperia Ehezeit

1. Wie Frau Imperia sich selbst in der Schlinge fing, die sie ansonsten für die andern auszulegen wußte.

Die schöne Frau Imperia, die den Reigen dieser Geschichten eröffnet hatte, maßen sie ja die Ruhmesblüte ihrer Zeit war, mußte nach Beendigung des Konziles nach Rom kommen, weil der Kardinal von Ragusa sie wie närrisch liebte und lieber seinen Kardinalshut darangegeben hätte, ehe er auf sie Verzicht leistete. So nahm er sie mit, und da er ebenso freigiebig wie geil war, so beschenkte er sie mit einem prächtigen Palaste, darinnen sie zu Rom ihre Wohnung aufschlug. Zu jener Zeit widerfuhr ihr auch das Unglück, durch den Kardinal mit einem Kindlein beladen zu werden: Allewelt weiß, daß selbige Schwangerschaft mit der Geburt eines bildschönen Mägdeleins ihr Ende fand. Der Papst machte sogar den niedlichen Scherz: Dies Mägdelein müsse Theodora, das ist ›Gottesgabe‹, Geschenk Gottes, genannt werden. So geschah es denn auch, und das Kind erwuchs zu einer Jungfrau, deren Schönheit keinesgleichen hatte. Ihr verschrieb der Kardinal seine ganze Erbschaft, und sie wohnte fortan mit ihrer Mutter in deren Hause, sintemalen selbige die Stadt Rom wie eine Stätte des Verderbens floh, allwo man einen mit Kindern beschenkte.

Es dürfte allgemein bekannt sein, daß Theodora in ihrem achtzehnten Lebensjahre beschloß in ein Kloster zu gehen und auch ihre ganze Habe dem Kloster zufallen zu lassen, um das Seelenheil ihrer Mutter zu retten, das durch deren lockeres Leben gar gefährdet schien. In dieser Absicht wandte sie sich an einen Kardinal, der sie veranlaßte, ihm zu beichten. Aber der schlimme Hirt fand sein Schäflein so wunderschön, daß er den Versuch machte, Theodora zu vergewaltigen. Da selbige solchen Schimpf nicht dulden wollte, so tötete sie sich mit ihrem Stilet. Auch dieser Fall ist in den Chroniken jener Zeit sorglich verzeichnet, denn ganz Rom war darüber aufs tiefste erschüttert und alle versanken ob der großen Liebe und Achtung, die Frau Imperias Tochter genoß, in wehe Trauer.

So kehrte die edle Buhle tief gebeugt nach Rom zurück, um dorten ihrer Tochter kläglichen Tod zu beweinen. Sie stand damals in ihrem neununddreißigsten Lebensjahre und das war nach allen Berichten der unzweifelhafte Gipfelpunkt ihrer Schönheit,vergleichbar dem satten Sommergrün, und ihre Vollkommenheit glich der Vollkommenheit einer eben völlig gereiften Frucht. Ihr Schmerz gab ihr eine wundersame, hoheitsvolle Strenge; darüber waren alle einig, die ihr liebeheiße Worte zuflüsterten, um solchermaßen ihre Tränen zu trocknen: selbst der Papst kam in ihren Palast, um sie durch tröstende Worte aufzurichten. Aber sie wollte lange Zeit ihre Trauer nicht ablegen. In dieser äußersten Notlage ließ denn der Papst einen spanischen Arzt herbeirufen und ging mit diesem zu Imperia. Und der Arzt setzte der Holden auseinander (und belegte auch seine Behauptungen durch viele logische Deduktionen und griechische und lateinische Zitate): daß ihre Schönheit ob solcher vielen Tränen und Klagen zugrunde gehen würde, maßen Kummer und Gram den Runzeln Tor und Tür öffneten. Diese Erklärung die auch durch die gelahrten Vertreter des Vatikanischen Ärztekollegiums bestätigt wurde, hatte den glücklichen Erfolg, daß noch am gleichen Abend die Pforten ihres Palastes wieder offen standen. Die jungen Kardinäle, die Gesandten fremder Länder, die großherrlichen Gutsbesitzer und die angesehensten Bewohner der Stadt Rom kamen alsbald herbeigeeilt, drängten sich in den Sälen und veranstalteten ein wahrhaft königliches Fest.

Frau Imperia erschien nur noch bei diesem Feste im Trauergewande; dann legte sie es ab. Alle Fürsten, Kardinäle und viele andere versicherten, sie sei der Verehrung des ganzen Erdenrundes würdig, das ja auch durch die Vertreter der verschiedensten Länder, soweit solche wenigstens bekannt waren, hier gegenwärtig sei; und solchermaßen sei unzweideutig zum Ausdruck gebracht, daß auf der ganzen Welt die Schönheit Königin sei. Der Gesandte des Königs von Frankreich, ein jüngerer Sohn des Hauses von l'Isle-Adam, kam etwas später. Und da er noch nie Frau Imperia erschaut hatte, so war er über die Maßen neugierig. Er war ein junger, schmucker Rittersmann, der beim König von Frankreich in hoher Gunst stand. Dorten am Hofe liebte er auch ein Mägdelein gar zärtlich, eine Tochter des Herrn von Montmorency, dessen Güter denen des Hauses von l'Isle-Adam benachbart waren. Diesem Jünglinge, der keinen roten Heller besaß, hatte vordem der König einen Auftrag im Herzogtum Mailand übertragen. Und da er seine Aufgabe mit seltenem Geschick gelöst hatte, so war er nunmehr nach Rom beordert worden, um jene Verhandlungen zu fördern, davon in den Geschichtswerken langes und breites zu lesen steht. Hatte also der zierliche gute l'Isle-Adam auch kein Vermögen, so konnte er doch nach solchem Anfang große Hoffnungen für die Zukunft hegen. Er war schlank, aufrecht wie eine Säule, von dunklem Teint, darin zwei schwarze Augen flammten und sah mit seinem spitzen Bart so verschmitzt aus wie ein richtiger Gesandter, der sich nichts anschmieren läßt. Aber gegenüber dieser Pfiffigkeit besaß er doch wieder die schlichte Art eines unschuldigen Kindleins, und das gab ihm die bezaubernde Anmut eines zuckersüßen kleinen kichernden Backfischs. Kaum war aber dieser Jüngling an Frau Imperia vorbeigeschritten, kaum hatte sie ihn erblickt, da fühlte sie sich von einer Erregung gepackt, die sie bis ins tiefste Innerste hinein zwickte und in ihrer Seele Töne auslöste, wie sie dergleichen seit langem nicht mehr vernommen hatte. Seine jugendfrische Schönheit übermannte sie, die wahre Liebe hielt ihren Einzug, und hätte nicht ihre königliche Majestät dem im Wege gestanden, so würde sie die verlockenden Bäckchen, die wie zwei frische Äpfel schimmerten, sofort abgeküßt haben. Nun merkt euch einmal: die Damen, die man prüde nennt, haben von der Art der Männer keine Ahnung, denn sie liegen nur einem einzigen allein zu Füßen, und bilden sich ein, die anderen seien Dreckkerle, so etwa wie die Königin von Frankreich dachte, weil der König so einer war; hingegen eine so erfahrene Buhlerin wie Frau Imperia kannte die Männer bis in die geheimsten Winkel hinein, denn sie hatte bei einer hinreichenden Anzahl ihre Erfahrungen gesammelt. In ihrer Kemenate zeigte sich jeder Mann so schamlos wie ein Hund, der über seine Mutter herfällt; jeder gab sich eben so wie er war, denn er sagte sich daß er nicht ewig mit ihr zu tun habe. Oft hatte sie diese Erniedrigung beklagt, aber manchmal gab sie doch zu, daß die Sache eben ihre zwei Seiten hatte und dies war eben die Kehrseite der Medaille. Denn oft brachte ein Bewerber eine ganze Eselslast von Goldstücken, um eine Nacht bei ihr zu erkaufen, und mancher Wollüstling hatte sich die Kehle abgeschnitten, weil er abgeblitzt war. Die Festtage für sie kamen bloß, wenn sie sich mit so einem jungen Spitzbuben verlustieren konnte, wie das Pfäfflein einer war, von dem in der ersten Geschichte die Rede gewesen ist. Maßen sie aber nun in etwas gesetzterem Alter stand als in jener holden Zeit, so setzte ihr der Liebe Glut bei weitem ärger zu und erwies durch böses Zwicken und Brennen ihre feurige Natur. Sie litt, als ob man ihre Haut sengte und verbrühte, und sie wäre am liebsten dem jungen Edelmann um den Hals gefallen, hätte ihn als holde Beute in ihr Bett davongetragen. Aber sie mußte ruhig bleiben und das schuf ihr arge Pein. Als er zu ihr trat und sie begrüßte, da tat sie gar hoheitsvoll und wappnete sich mit ihrer ganzen Würde, wie alle Frauen, die von der Liebe Pfeil getroffen sind. Ihre steife Begrüßung gegenüber dem jungen Gesandten erregte allgemeines Erstaunen und einige Spaßvögel meinten, sie hätte wohl für ihn einen Auftrag. Und darüber machten sie ihre Scherzlein, wie das dermalen so Sitte war. L'Isle-Adam dachte nur an seine Liebe daheim und zerbrach sich wenig den Kopf darüber, ob Frau Imperia würdig oder würdelos war; ja er machte gar auch einige Witze darüber. Das stach der Huldin in die Nase; sie änderte die Tonart und zog andere Saiten auf. War sie zuvor grämlich gewesen, so wurde sie nun zuckersüß; trat zu ihm hin, belebte ihre Stimme, ihren Blick, wiegte den Kopf, streifte ihn mit dem Arme, sagte ›edler Herr‹, erstickte ihn schier mit umgarnenden Worten, spielte mit ihren Fingern in seiner Hand und lächelte ihm am Ende gar huldvoll zu. Er dachte gar nicht daran, daß sie an solchem Gesellen Gefallen finden könnte, maßen er doch arm wie eine Kirchenmaus war und keine Ahnung hatte, daß seine Schönheit alle Schätze der Welt aufwog. Deshalb steckte er seinen Kopf nicht in diese Schlinge und verhielt sich abwartend, die Hand in die Hüfte gestützt. Diese Verständnislosigkeit verwirrte der Schönen das Herz, und jeder Funke ward zur neuen Flamme. Wenn ihr das nicht glauben wollt, dann kennt ihr den Beruf der schönen Imperia nicht, die so oft den anderen hatte einheizen müssen, daß sie selbst zum Ofen geworden war, darin zahllose kleine Freudenfeuer glimmten. Die waren jetzt zu einer Riesenflamme entfacht und lohten durch ihr Innerstes und waberten, und brannten sie und setzten ihr gar unerträglich zu. Nur das Wasser der Liebe konnte sie zum Erlöschen bringen; aber der junge l'Isle-Adam ging hinweg, ohne etwas von diesem Feuerbrande zu merken. Die Huldin war über seinen Fortgang ganz verzweifelt. Sie verlor derartig jede Fassung, daß sie ihm Diener nachsandte, die ihn bitten sollten, er möge die Nacht bei ihr verbringen. Niemals in ihrem Leben hätte sie so etwas getan, weder für einen König, noch selbst für den Papst oder den Kaiser, denn gerade weil sie die Männer knechtete, war ihre Schönheit so hoch im Preise gestiegen. Ihre Kammerzofe, die mit allen Hunden gehetzt war, holte also den Edelmann ein und sagte ihm, er würde sicherlich einen köstlichen Empfang erleben, denn offenbar sei die Gnädige geneigt, ihn mit allen nur erdenklichen Zärtlichkeiten zu überhäufen. Solch ein Glücksfall beseligte ihn tief und er kehrte in den Saal zurück. Da nun jeder bemerkt hatte, wie die Gnädige bleich geworden war, als er von hinnen ging, so entfachte sein Zurückkommen eine allgemeine Jubelfreude. Denn jeder sah darin einen Beweis dafür, daß sie ihr schönes, liebevolles Leben wieder aufnehmen würde. Ein englischer Kardinal, der schon aus manchem Humpen getrunken hatte, und auch hier gern mal einen Schluck gekostet hätte. trat zu l'Isle-Adam hin und flüsterte ihm ins Ohr: »Haltet sie aber auch fest, damit sie Euch nicht entwischt!«

Jener Vorfall wurde auch dem Papste erzählt, als er sich am anderen Morgen erhob, und er erwiderte:

»Laetamini, gentes, quoniam surrexit Dominus.«

Das wurde allerdings von den alten Kardinalen als eine Entweihung des heiligen Testes aufs tiefste verurteilt. Aber der Papst las ihnen darob gehörig die Leviten und sagte ihnen mit strengem Ton: ›vielleicht seien sie gute Christen – gute Politiker seien sie jedenfalls nicht.‹ Denn man muß wissen, daß er sehr auf die schöne Imperia zählte, um den Kaiser einzuwickeln und von diesem Gesichtspunkt aus überhäufte er sie mit Schmeicheleien.

Als die Lichter in ihrem Palaste erloschen, die güldenen Gefäße am Boden lagen und zwischen ihnen die Trunkenen auf dem Teppich schlummerten, da faßte die Gnädige ihren erkorenen Freund bei der Hand und wandelte mit ihm in ihr Schlafgemach. Sie strahlte vor Seligkeit und gestand ihm: sie sei von so wildem Verlangen ergriffen, daß sie drauf und dran gewesen wäre, sich wie ein Tier auf den Boden niederzuwerfen und ihn dort zu umfangen; und daß sie ihn wohl zerquetschen würde, wenn das ginge. L'Isle-Adam legte seine Kleider ab und schlüpfte ins Bett, als sei er daheim. Als die Gnädige das sah, da riß und trampelte sie ihre Röcke zu Boden und warf sich mit einem Ungestüm auf ihn, das all ihre Zofen in Verwunderung setzte. Denn sie wußten, daß Imperia im Bette von einer seltenen, schamhaften Zurückhaltung war. Und dies Staunen ergriff bald das ganze Land; denn das Pärlein blieb neun volle Tage im Bett liegen, aß, trank dort und ließ es sich gar meisterlich und unübertrefflich wohl sein. Die Gnädige versicherte ihren Zofen, daß sie einen Liebesphönix erwischt habe, der immer wieder neu aus seiner Asche erstünde. Dieser Sieg, den ein Mann über Imperia davongetragen hatte, war bald zu Rom und ganz Italien in aller Munde. Denn sie konnte sich bisher rühmen, keinem Manne untertan gewesen zu sein, alle, selbst die Fürsten, angespieen zu haben – was die Burggrafen und Markgrafen betraf, so erlaubte sie ihnen kaum, ihre Schleppe zu tragen, und sagte, wenn sie nicht auf ihnen herumtrampele, dann würden jene bald auf ihr herumtrampeln. Die Gnädige gestand ihren Zofen auch, daß sie in dem gleichen Maße, wie sie die anderen Männer schlecht behandelt habe, deren Liebe sie hätte ertragen müssen, nun dies holde Kind bezärtele, so gut sie es nur verstünde; daß sie ohne ihn nicht leben könne, noch ohne seine schönen Äuglein, die sie blendeten, noch ohne seinen korallenroten Mund, danach sie immer dürste. Weiter sagte sie: wenn es ihm beifiele, ihr Blut zu trinken, ihre Brust zu essen (es waren die schönsten Brüste der Welt!), oder ihr Haar abzuschneiden (davon sie nur ein winziges Härlein dem edlen römischen Kaiser gegönnt habe, der es jetzt als unschätzbare Reliquie am Halse trage), so würde sie ihm von Herzen gern all diese Wünsche erfüllen. Als diese Worte bekannt wurden, da sank eine Wolke der Unzufriedenheit auf alle Männerherzen nieder. Aber Frau Imperia erzählte gleich am ersten Tage, da sie wieder ausging, allen Damen in Rom, sie würde eines gar kläglichen Todes sterben, wenn dieser Edelmann sie verließe; sie würde sich dann gleich der Frau Cleopatra von einer giftigen Schlange stechen lassen oder einem Skorpion; kurz und gut: sie erklärte frank und frei, daß sie ihrem lockeren Leben für ewig Lebewohl sagen wolle und der Welt bald zeigen würde, was wahre Tugend sei. Sie wolle ihren herrlichen Königsthron mit Villiers de l'Isle-Adam vertauschen, bei dem sie lieber Magd sei, als Herrin über die ganze Christenheit. Der englische Kardinal machte alsbald dem Papste die lebhaftesten Vorstellungen: solche wahre Liebe zu einem einzigen Manne sei doch bei einer Frau, die für alle eine Quelle des Glückes bilde, geradezu eine nichtswürdige Verderbtheit, und er müsse eine solche Ehe, die der Welt Schönheit verschandelt, durch ein ›in partitus‹ kurzerhand und in jeder Beziehung für nichtig und ungültig erklären. Aber die Liebe dieses armen Wesens, das nunmehr den ganzen Jammer seines Lebens eingestand und dabei so schön war, daß selbst dem boshaftesten Kerl der Spott im Halse steckenblieb, brachte alles Gerede zum Schweigen, und alle verziehen der guten Imperia ihr Glück. An einem Fastentage befahl sie ihrem Gesinde, am Fasten teilzunehmen, zu beichten und fortan streng nach den Geboten Gottes zu leben. Sie selbst warf sich dem Papst zu Füßen und zeigte soviel Reue, daß sie Vergebung für all ihre Sünden erhielt. Ihr war, als gäbe diese Absolution ihrer Seele die ganze Jungfräulichkeit wieder, die sie ihrem Liebsten leider nicht in voller Pracht hatte darbringen können. Immerhin dürfte aber der Fischteich des Papstes doch nicht so überaus wundertätig sein, denn der arme Jüngling saß gar fest im Netz, glaubte sich im siebenten Himmel, ließ alle Aufträge des Königs von Frankreich fahren, gleichermaßen auch seine Liebe zu dem Fräulein von Montmorency, kurz alles, um nur Frau Imperia zu heiraten, mit ihr zu leben und mit ihr zu sterben. Das war die Wirkung der weisen Erfahrungen, die selbige Meisterin der Liebe im Lande der Wonnen gesammelt hatte. Nunmehro konnte sie ihr Wissen für eine lautere Liebe gar profitlich verwenden. Sie nahm von ihren Freunden und Freudengefährten bei dem prächtigen Festmahle Abschied, das sie anläßlich der Hochzeit veranstaltete und bei welchem es über die Maßen hoch herging. Alle italienischen Fürstlichkeiten waren zugegen, und man sagte, das ganze Fest habe sie eine volle Million Gülden gekostet. Angesichts solcher Summe wird wahrscheinlich jeder den Herrn d'Isle-Adam beglückwünschen und ihn keineswegs schelten, denn sie beweist, daß weder er noch Frau Imperia auf Geld Wert legten, und sie ihr riesiges Vermögen über zartere Dinge völlig vergaßen. Der Papst segnete ihre Ehe und sagte, es sei gar schön und erbaulich, solchen Entschluß einer Buhlerin zu erleben, die durch diesen Schritt über die Ehe zu Gott zurückgekehrt sei. In jener Nacht aber, da alle zum letzten Male die Königin der Schönheit anschauen durften, die fortan als schlichte Schloßherrin in Frankreich leben wollte, hub gar mancher an, die vergangenen Nächte zu beklagen, wo fröhliches Lachen erklang, wo Ausgelassenheit herrschte, Maskeraden, tolle Streiche und holde Süßigkeiten, die einem das Herz leicht machten, an der Tagesordnung waren; zu klagen über all den Zauber, den dies holde Wesen ausströmte, das schier verlockender ausschaute, als im Lenze seines Lebens, maßen die Glut der Liebe seine Schönheit mit einem Strahlenkranze umfunkelte und sie der Sonne gleichmachte. Gar viele jammerten über ihren betrüblichen Einfall, so ehrsam zu enden. Aber Frau l'Isle-Adam rief ihnen scherzend zu: nach vierundzwanzigjährigem öffentlichen Dienst habe sie wohl einen friedlichen Ruheposten verdient. Zwar warfen etliche ein, solange die Sonne noch Strahlen aussende, sei jeder berechtigt, sich daran zu wärmen, und sie wolle sich nun nicht mehr sehen lassen. Aber darauf gab sie zur Antwort: sie wüßte alle gar freundlich anzulächeln, die sie besuchen würden, um sie in ihrer Rolle als Hausfrau zu bewundern. Und hier fand der engelländische Gesandte das rechte Wort, als er sagte: sie sei wahrhaft zu allem fähig und würde es wohl gar fertig bekommen, auch die Tugend bis zur höchsten Vollendung zu bringen. – Allen ihren Freunden machte sie ein Abschiedsgeschenk und den Armen und Kranken in Rom stiftete sie riesige Summen. Endlich verteilte sie alles, was sie aus dem Nachlaß des Kardinals von Ragusa durch ihre Tochter Theodora geerbt hatte, an das Kloster, darin ihre Tochter sich hatte aufnehmen lassen wollen, und an die Kirche, die sie für sie erbauen ließ.

Als das Pärlein abreiste, ward es einen großen Teil des Weges von Edelleuten in Trauergewändern und einer Masse Volkes begleitet, das die zwei mit tausend Glückwünschen überschüttete, sintemalen sich Frau Imperia ja nur den Großen gegenüber hart gezeigt an den Armen aber tausend Wohltaten geübt hatte. Die Königin der Schönheit wurde in allen Städten Italiens gefeiert, die sie auf der Reise berühren mußte, denn das Gerücht ihrer Bekehrung war überall hingedrungen und alle waren neugierig, das Ehepaar zu sehen, das sich in so seltsamer Liebe zugetan war. Gar mancher Fürst lud die zwei an seinen Hof, sintemalen es ja für sie ein Herzensbedürfnis war, diese Frau mit Ehren zu überhäufen, die den Mut gehabt hatte, auf ihren Liebesthron zu verzichten, um schlichte Hausfrau zu werden. Aber ein Lästermaul, der Herr Herzog von Ferrary wagte es doch, dem Herrn von l'Isle-Adam ins Gesicht zu sagen, dies Riesenvermögen habe er nicht sehr teuer erkauft. Gegenüber dieser Beleidigung, der ersten, die ihr widerfuhr, zeigte Frau Imperia ihr hochgemutes edles Herz; denn sie stiftete das ganze Geld, das ihre Liebeständeleien ihr zugetragen hatten, für die Ausschmückung des Domes Santa-Maria-del-Fiore zu Florenz. So blieb ihr am Ende nur ihr Gutsbesitz und alles, was der Kaiser ihr aus reiner Herzensgüte nach seinem Scheiden zum Geschenk gemacht hatte. Aber das war immer noch eine gehörige Menge. Der Herr von l'Isle-Adam aber focht mit dem Herzog einen Zweikampf aus und verwundete ihn dabei. Und solchermaßen blieb weder an ihm noch an seiner Gemahlin der geringste Vorwurf haften. Vielleicht wurden die zwei fortan nur um so feierlicher begrüßt, wenn sie in eine Stadt kamen, zumal in Piemont, wo man großartige Feste feierte. Die Lieder, Sonette, Oden und Trinksprüche, die für diese Gelegenheit verfaßt wurden, sind auch sorglich gesammelt worden. Aber jedes Lied mußte neben ihr verblassen, die nach einem Ausspruche Boccaccios die Poesie selber war. Den Vogel schoß allerdings der römische Kaiser ab, der kaum die dumme Bemerkung des Herzogs von Ferrara vernahm, als er schon seiner liebe Freundin durch Eilboten einen Brief sandte, der in wohlgesetzten lateinischen Worten zum Ausdruck brachte, wie sehr er ihr von Herzen zugetan und erfreut sei, sie glücklich zu wissen, und doch wieder betrübt, daß er es nicht sei, der ihr dies Glück habe bieten können; leider verlöre er nunmehr das Recht, sie zu beschenken; sollte aber der König von Frankreich ihnen nicht hold sein, so würde er es sich zur Ehre anrechnen, einen Villiers an seinen Thron zu fesseln, und er würde ihm dann jedes Fürstentum zur Verfügung stellen, das ihm von all seinen Domänen am meisten zusage. Die Frau Imperia gab ihm zur Antwort: sie wisse, wie großherzig der Kaiser sei; aber müsse sie auch tausend Kränkungen in Frankreich erleiden, so wolle sie doch dorten ihre Tage beschließen.

2. Welches Ende diese Ehe nahm.

Da Frau von l'Isle-Adam im Zweifel war, ob man sie bei Hofe empfangen würde oder nicht, so machte sie erst gar nicht den Versuch, sondern lebte auf dem Lande, wo ihr Gemahl sich gar prächtig einrichtete. Denn er kaufte die Herrschaft Beaumont-le-Vicomte, was zu jenem Wortspiel Anlaß gab, das unser vielgeliebter Rabelais in seinem trefflichen Buche mitteilte. Des ferneren erwarb er die Herrschaften von Nointel, Carenelle, Saint-Martin und andere Nachbargüter von l'Isle-Adam, wo sein Bruder ansäßig war. Zu Beaumont erbaute er ein prachtvolles Schloß, das später von den Engländern zerstört wurde, und schmückte es mit herrlichem Hausrat, fremdländischen Teppichen, Bildern, Statuen und Raritäten, die zum Teil schon seine Frau gesammelt, maßen sie dafür großes Verständnis hatte. So wurde er nicht nur einer der größten Gutsbesitzer sondern er besaß damit auch eines der schönsten Schlösser in jener Gegend. Das Pärlein führte ein Leben, darum es von allen beneidet wurde. Ganz Paris und der Hof sprach nur von dieser Ehe, von dem Glück des Herrn von Beaumont und vor allem von dem ehrsamen und tugendhaften Leben seiner anmutigen Gemahlin, die viele noch aus alter Gewohnheit immer weiter Frau Imperia nannten; sie war stolz und ohne Makel wie ein blinker Stahl, besaß alle Tugenden einer ehrsamen Frau und konnte gar mancher Königin zum Vorbild dienen. Ob ihrer Frömmigkeit war sie auch bei der Kirche gut angeschrieben. Denn wenn sie zwar mit den Dienern der Kirche, den Äbten, Bischöfen und Kardinälen etwas arg umgesprungen war, so hatte sie doch ihre Beziehungen zu Gott deshalb keineswegs abgebrochen, sintemalen selbige ihr doch immer ihr Weihwasser verabfolgt hatten. Solche Lobgesänge hatten zur Folge, daß der König einmal nach Beauvoisis kam und von dort aus dies Wundertier besichtigte, sogar dem Edelmann die Ehre antat, in Beaumont zu schlafen, drei Tage bei ihm blieb und mit der Königin und dem ganzen Hof dort eine Jagd veranstaltete. Er war geradezu geblendet, und die Königin und der Hof gleichermaßen, denn die Schöne war von bezaubernder Liebenswürdigkeit und wurde in bezug auf Höflichkeit und Schönheit für vorbildlich erklärt. Alle, und der König voran, wünschten dem Herrn l'Isle-Adam zu solcher Gemahlin Glück. Deren Bescheidenheit erreichte mehr, als Stolz hätte erzielen können: denn die Schloßherrin wurde eingeladen, zu Hofe zukommen und an allen Festlichkeiten teilzunehmen und daran war nur ihr hochgemutes Herz, ihre sieghafte Liebe zu ihrem Gatten schuld. Im übrigen waren ihre Reize auch unter der Tugend schlichter Verkleidung nicht verblaßt. – Der König verlieh seinem ehemaligen Gesandten die Ämter eines Statthalters von Isle-de-France und eines Präfekten von Paris, die eben frei geworden waren, verlieh ihm auch den Rang eines Vicomte von Beaumont, wodurch er zugleich Gouverneur der ganzen Provinz wurde und bei Hofe eine einflußreiche Stellung bekam. Aber diese Freuden wurden der Frau von Beaumont vergällt, und es gab ihr einen tiefen Stich ins Herz, da ein Kerl, der auf dies Glück eifersüchtig war, sie voller Bosheit, aber wie im Scherz fragte, ob Beaumont ihr eigentlich von seiner ersten Liebe, dem Fräulein von Montmorency, erzählt habe. Die war jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, maßen sie zur Zeit jener Hochzeit zu Rom sechzehn Jahre zählte. Sie liebte ihn so, daß sie unvermählt blieb und überhaupt nicht von Ehe reden hören mochte. Sie starb schier vor Gram, konnte ihren Herzliebsten nicht vergessen und war drauf und dran, in das Kloster zu Chelles einzutreten. Frau Imperia hatte während der sechs Jahre ihres Glückes diesen Namen überhaupt noch nicht gehört und schloß daraus, daß sie von Herzen geliebt sei: War doch auch diese ganze Zeit wie ein einziger Tag dahingeflossen; beiden schien es, als seien sie erst gestern getraut worden, jede Nacht wurde ihnen zur Hochzeitsnacht, und mußte der Vicomte einmal sein Weib für kurze Zeit verlassen, um eine Arbeit weiterab zu beaufsichtigen, so war er immer tiefbetrübt, sie nicht bei sich zu haben; und ihr ging es ebenso. Der König war ihm über die Maßen zugetan, aber er preßte ihm auch einen Dorn ins Herz, indem er ihn einmal fragte: »Hast du keine Kinder?« Worauf Beaumont mit einem Ton, als habe man eine wunde Stelle berührt, zur Antwort gab: »Mein Bruder hat Kinder und so ist unsere Erbfolge gesichert.« Aber da trug es sich zu, daß die zwei Kinder seines Bruders jählings starben, der eine durch einen Sturz vom Pferde, der andere an einer Krankheit. Herr von l'Isle-Adam war davon so erschüttert, daß er bald darauf verschied. Und so kamen die Besitzungen der beiden Brüder in eine Hand und der jüngere Sohn wurde Haupt der Familie. Damals war sein Weib fünfundvierzig Jahre alt und sicherlich wohl und kräftig genug, um Kinder zur Welt zu bringen. Aber sie empfing nicht. Wie die Linie derer von l'Isle-Adam erlosch, da stellte sie alles an, um Erben zu haben; und als nach siebenjähriger Ehe auch nicht das geringste Anzeichen daraufhin wies, daß ein Kindlein kommen würde, da ließ sie sich einen weisen Arzt aus Paris kommen. Der setzte ihr auseinander, daß in diesem Falle beide Ehegatten mehr Liebesleute als Eheleute seien und durch die großen Freuden, die sie allemal empfänden, eine Empfängnis unmöglich machten. So zwang sich denn die wackere Frau während einer langen Weile, so ruhig zu bleiben wie eine Henne beim Decken. Denn der Physikus hatte sie auf das Vorbild der Tiere verwiesen, die immer Junge zur Welt brächten, weil sie den Gesetzen der Natur folgten und durch keinerlei Künsteleien und lüsterne Spielereien diese Gesetze störten, wie die Damen das zu tun liebten. So gelobte sie all diesen Unfug zu lassen und der Vergessenheit anheim zu geben. Ach, mochte sie auch so tugendsam bleiben wie jene biedere Deutsche, (die hierob daran schuld war, daß ihr Mann sie mit Zärtlichkeiten umbrachte; und als der Ärmste zum Papste ging und um Absolution bat, da erließ selbiger das berühmte Breve, darin er die Damen des Frankenlandes ersuchte, sich etwas mehr zu bewegen, damit solche Sünde nie mehr vorkommen könne) – trotz alledem also empfing Frau von l'Isle-Adam nicht und sank darob in tiefe Trübsal. Mählig aber merkte sie, wie ihr Mann bisweilen ins Grübeln verfiel und als sie ihn beobachtete, wenn er sich allein glaubte, dann sah sie, wie er ob seiner Kinderlosigkeit Tränen vergoß. Bald weinten beide Gatten zusammen, denn da ihre Ehe die Eintracht selber war, so war es ja unvermeidlich, daß sie ein Herz und eine Seele waren. So oft die Schloßherrin das Kind eines armen Mannes sah, dann verging sie schier vor Leid und brauchte einen ganzen Tag, um wieder zu Kräften zu kommen. Ob des Grams, den sie empfand, befahl l'Isle-Adam, daß Kinder seiner Gemahlin nicht mehr über den Weg laufen dürften; und er suchte sie mit sanften Worten zu überzeugen, wie oft einen Kinder in Kummer und Sorgen stürzten. Worob sie aber entgegnete: Kinder, die solche Eltern hätten, müßten die schönsten Kinder der Welt werden. Sagte er, seine Kinder könnten doch genau so gut plötzlich sterben, wie die Kinder seines Bruders, dann erwiderte sie, sie würde sie so wenig aus den Augen lassen wie eine Henne ihre Küken; kurz sie wußte auf alles eine Antwort. Sie ließ endlich eine Frau zu sich rufen, die als Hexe verschrieen war und in dem Rufe stand, mit diesen geheimnisvollen Dingen Bescheid zu wissen. Aber die sagte, gar manche Frau könne nicht empfangen, obgleich sie in allen Künsten der Liebe wohl bewandert sei. Am sichersten sei immer noch die Art, wie Tiere sich begatteten. So suchte die Schloßherrin dem Beispiele des lieben Viehs zu folgen. Aber ihr Leib mochte nicht schwellen, er blieb schlank und blink wie zuvor. So wandte sie sich wieder an die Ärzte und ließ einen berühmten Mann aus Afrika rufen, einen Araber, der nach Frankreich gekommen war, um eine neue Wissenschaft zu begründen. Der war in der Schule des Herrn Averroës ausgebildet worden und gab das grausame Urteil ab: da sie zu viel Männer in ihren Armen gehabt, zu vielerlei Künste in ihrem Berufe als Priesterin der Liebe geübt habe, so seien dadurch jene Teile für immer vernichtet worden, wo Mutter Natur die Eier anspeichere, die durch den Mann befruchtet werden müßten und daraus dann die Kindlein entstünden.

Diese Gründe schienen so über die Maßen dumm, blödsinnig, im Widerspruch zur Heiligen Schrift und allen üblichen Anschauungen, der gesunden Vernunft und der herrschenden Wissenschaft, daß die Ärzte zu Paris aus dem Witzeln gar nicht herauskamen. Der arabische Arzt mußte seine Schule wieder aufgeben und von seinem Meister Averroës war fortan nie mehr die Rede. Als die Schloßfrau wieder einmal heimlich nach Paris kam, da sagten ihr die Ärzte dort, sie möge nur weiter so tun, wie sie früher getan habe, denn noch in der Zeit, da sie nur der Liebe lebte, habe sie der schönen Theodora das Leben gegeben, dafür habe der Kardinal von Ragusa gesorgt. Solange eine Frau noch ihre regelmäßigen Blutflüsse habe, könne sie auch noch Kinder haben, und sie solle nur recht eifrig darum bemüht bleiben. Das schien ihr bei weitem das vernünftigste; bald erfocht sie wieder Sieg auf Sieg, oder eigentlich: eine Niederlage nach der anderen, denn die Blüten mochten doch keine Früchte entwickeln. Nunmehro schrieb sie grambeschwert an den Papst, der ihr so sehr zugetan war, und klagte ihm ihr Leid. Der gute Papst antwortete ihr in einem gar gnädigen Handschreiben: da, wo Menschenwissen versage, müsse man sich an den Himmel wenden und Gottes Gnade herabflehen. So beschloß sie mit ihrem Manne zusammen barfuß zu Unserer Lieben Fraue von Liesse zu pilgern, die in dieser Beziehung hochberühmt war, und daselbst eine wunderbare Kathedrale als Dank für ein Kindelein zu geloben. Aber sie verdarb sich nur ihre schönen Füße, die ganz wund wurden, und das Kindlein blieb aus – nicht aber so tiefer Gram, daß ihr einige ihrer schönen Haare ausfielen und andere weiß wurden. Schließlich kam die Zeit, wo ihr die Gabe der Mutterschaft überhaupt entschwand, wo jene quälenden Dünste des Trübsinnes auftreten, davon die Wangen vergilben. Damals war sie neunundvierzig und wohnte auf dem Schlosse l^Isle-Adam. Die Ärmste magerte ab wie ein Aussätziger im Spittel und sie war um so unglücklicher, als l'Isle-Adam immer weiter in sie verliebt war, obgleich sie ihre Pflichten nichthatte erfüllen können, weil sie einstmals von Männem zu viel mißhandelt worden war, und obgleich sie, wie sie voll Verachtung sagte, nur noch ein abgespielter Klimperkasten war.

»Ach!« rief sie eines Tages aus, als diese Gedanken ihr das Herz zerrissen; »trotz der Kirche, trotz des Königs, trotz allem ist Frau von l'Isle-Adam doch nur die alte schlimme Imperia.«

Und wenn sie so sah, wie ihr Gemahl, ein Edelmann in der Blüte seiner Jahre, große Güter, des Königs Gunst, eine Liebe ohne Gleichen , ein Weib wie kein zweites, Freuden ohne Ende hatte und gerade in dieser Hauptsache für ein Familienoberhaupt von Unglück verfolgt war, dann verfiel sie in eine wahre Wut. Wenn sie dachte, wie hoch er im Vergleich zu ihr im Range stand und wie sie ihre Pflicht, ihm Kinder zu schenken, nicht erfüllt hatte und fortan auch nicht erfüllen konnte, dann wünschte sie sich den Tod herbei. Sie barg ihren Schmerz in der Tiefe ihres Herzens, und erdachte endlich ein Opfer, das ihrer Liebe würdig war. Um ihren heldenhaften Entschluß durchzuführen, wandte sie noch mehr Zärtlichkeit auf denn je, pflegte unendlich sorgsam ihre Schönheit und benutzte jedes Mittel , um ihren Leib in seiner vollen Pracht zu erhalten.

Damals hatte just der Herr von Montmorency seiner Tochter Widerstand gegen eine Ehe überwunden und man sprach bereits viel von ihrer bevorstehenden Vermählung mit einem Herrn von Chattillon. Frau Imperia wohnte nur drei Meilen von dem Gute Montmorency ab. Eines Tages schickte sie ihren Gatten auf die Jagd und begab sich nach dem Schlosse, wo das Fräulein von Montmorency wohnte. Sie ging im Garten vor dem Hause auf und ab und ließ dem Fräulein durch einen Diener melden, eine Dame habe ihr eine eilige Mitteilung zu machen und bäte um Gehör. Ganz verwirrt durch die Schönheit und Vornehmheit der Unbekannten, davon die Dienerschaft erzählte, kam das Fräulein eiligst in den Garten und traf dort ihre Nebenbuhlerin, die sie aber nicht kannte.

»Meine Liebe,« sprach die arme Frau, die ob der Schönheit des Mägdeleins in Tränen ausbrach, »ich weiß, daß man Euch zwingen will, den Herrn von Chattillon zu heiraten, obgleich Ihr den Herrn von l'Isle-Adam liebt. Vertrauet nun meiner Prophezeiung, die ich Euch hier künde: derjenige, den Ihr geliebt habt und der Euch nur entrissen ward, weil er in eine Schlinge geriet, in der auch ein Engel sich gefangen hätte – er wird sein alterndes Weib verlieren noch ehe die Blätter fallen. So wird Eure Liebe von Erfolg gekrönt sein. Faßt also Mut, wagt es, die angebotene Ehe auszuschlagen und Ihr werdet Euren Herzliebsten erringen. Versprechet mir nur, l'Isle-Adam von Herzen zu lieben, denn er ist eine Perle; gelobt mir, ihm nie Kummer zu machen und entlocket ihm die Geheimnisse, die Frau Imperia in der Kunst der Liebe zu üben wußte: Wenn Ihr, so jung wie Ihr seid, sie gleichfalls zu üben lernt, dann wird es Euch leicht sein, die Erinnerung an jene aus seinen Gedanken zu verwischen.« Das Fräulein von Montmorency war so verdutzt, daß sie keine Antwort hervorbrachte und die Königin der Schönheit von hinnen gehen ließ; sie hielt sie für eine Fee, bis ihr ein Arbeiter sagte, diese Fee sei die Frau von l'Isle-Adam. War ihr diese Begegnung darum nicht minder unerklärlich, so ging sie doch zu ihrem Vater und sagte ihm, sie würde sich über den Ehevorschlag erst im Herbst entscheiden. – Während des Weinmonats wollte Frau Imperia ihren Mann nicht von ihrer Seite lassen und ließ all ihre Liebeskünste spielen, als ob sie ihren Mann zugrunde richten wollte. Und l'Isle-Adam vermeinte in jeder Nacht bei einer anderen noch unberührten Frau zu ruhen. Erwachte er dann morgens, so bat sie ihn, er möge sich diese Form der Liebe in ihrer ganzen unübertrefflichen Vollendung wohl einprägen. Und um sein Herz bis ins Innerste zu ergründen, sagte sie: »Ach, du Ärmster, wir taten nicht klug mit dieser Ehe; ein Jüngling von dreiundzwanzig Jahren wie du durfte nicht eine alte Frau von beinahe vierzig Jahren zum Weibe nehmen.«

Darob erwiderte er, sein Glück würde von allen beneidet; trotz ihres Alters fände sie unter den Mägdelein nicht ihresgleichen; sie schiene überhaupt nicht zu altern, aber er würde auch ihre Runzeln lieben; ja selbst im Grabe würde sie noch schön, würden ihre Gebeine der Liebe wert sein.

Bei solchen Worten quollen ihr die Tränen aus den Augen; aber eines Morgens erwiderte sie voll List, das Fräulein von Montmorency sei gar schön und treu. Darauf erwiderte er, sie täte ihm weh, denn sie werfe ihm das einzige Unrecht seines Lebens vor, seinen Treubruch gegenüber seiner Jugendliebe, die sie aus seinem Herzen verdrängt habe. Diese zarten Worte ergriffen sie so, daß sie ihn umfing und an sich preßte; denn mancher hätte weniger schlicht und offen darauf geantwortet als er.

»Teurer Freund,« rief sie. »Bereits seit einigen Tagen leide ich unter einem Herzkrampf, der mich schon in meiner Jugend dem Tode nahe brachte, und der arabische Arzt hat mir die Gefahr, die mich bedroht, bestätigt. Wenn ich sterben sollte so will ich, daß du mir hoch und heilig versprichst, das Fräulein von Montmorency zum Weibe zu nehmen. Ich bin so sicher, daß ich bald sterben werde, daß ich deinem Hause meine Güter nur unter dieser Bedingung vermache.«

Als l'Isle-Adam diese Worte hörte, ward er totenbleich und der bloße Gedanke, von seiner geliebten Frau auf ewig getrennt zu werden, raubte ihm alle Kräfte. »Ja, liebster Schatz,« fuhr sie fort, »dort, wo meine Sünden wohnten, dort hat mich Gott gestraft. Die seligen Wonnen, die ich empfinde, haben mein Herz gedehnt und, wie der arabische Arzt sagte, die Gefäße geschwächt, die eines Tages springen werden. Allezeit habe ich zu Gott gefleht, mich in diesem Alter von hinnen zu nehmen, denn ich will nicht sehen, wie die Zeit meine Schönheit vernichtet.«

Da konnte diese edle, hochherzige Frau alsbald wahrnehmen, wie heiß sie geliebt wurde. So hört denn, wie sie das größte Liebesopfer erlebte, das je auf dieser Erde dargebracht wurde: Sie allein kannte all die Bande, die des Ehebettes Seligkeiten um einen Mann schlingen können, und der arme l'Isle-Adam lag so fest in diesen Banden, daß er wohl lieber gestorben wäre, ehe er auf die wundersamen Zärtlichkeiten verzichtet hätte. die selbige Bande schlangen. Als nun aber der Edelmann ihren Worten entnahm , daß in einem solchen Wonnerausche ihr Herz brechen könne, da warf er sich vor ihr auf die Knie und sagte: um sie nicht zu verlieren, wolle er fortan auf jeden Liebesbeweis verzichten; er würde glücklich sein, wenn er sie nur neben sich sähe und fühlte; er wolle sich damit begnügen, ihre Bänder zu küssen und ihre Röcke zu streifen. Darob zerfloß sie in Tränen und sagte: lieber wolle sie sterben, als eine Knospe dieses Rosenstrauches missen, und sie wolle so sterben, wie sie gelebt habe; zu ihrem Glück wisse sie, wie sie zu handeln habe, um zu erreichen, daß ein Mann sie umfinge, wenn sie es wolle – ohne überhaupt nur ein Wort zu reden. Hier muß nun eingeschoben werden, daß sie von dem Kardinal von Ragusa einst ein kostbares Geschenk erhalten hatte, das dieser Lüstling kurz ›in articulo mortis‹ nannte. Ich bitte ob dieser drei lateinischen Worte um Verzeihung, die von dem Kardinal stammen. Das war ein kleines Glasfläschchen venetianer Arbeit, kaum so groß wie eine Bohne, und enthielt ein so schnellwirkendes Gift, daß der Tod in demselben Augenblick, wo man das Gläschen zerbiß, ohne jeden Schmerz eintrat. Dies Gefäß hatte er von der Signora Toffana bekommen, der berühmten Giftmischerin in Rom. Das hatte sie in ihrem Ringkästchen wohl verwahrt, und vor allen Gegenständen, die es zerbrechen oder angreifen konnten, durch Goldplättchen geschützt. Gar manches Mal nahm die Ärmste das Gläschen in den Mund, aber nie konnte sie sich entschließen, es zu zerbeißen, so sehr beglückte sie just die Stunde, die ihre letzte hatte sein sollen. Dann wieder gefiel sie sich darin, alle Arten von Liebkosungen sich wieder in Erinnerung zu rufen, und beschloß das Gläslein zu zerbeißen, wenn sie die vollkommenste Seligkeit empfände.

Das arme Ding starb in der Nacht zum ersten Oktober. Und durch die Wälder klang ein Tosen, wie wenn alle Liebesgötter schrieen: »Die große Königin ist gestorben!« so wie die heidnischen Götter beim Kommen des Heilandes flüchteten und riefen: »Der große Pan ist gestorben!« So haben es wenigstens damals einige Schiffer gehört und ein Kirchenvater hat's uns überliefert. Frau Imperia starb, ohne irgendwie entstellt zu werden, so war Gott darum besorgt, daß sie bis zum letzten Augenblick ein Musterbild für alle Frauen blieb. Man sagt, daß die Flammenfittiche der Freude, die neben ihr saß und weinte, ihrer Haut eine gar wundersame Färbung verliehen hätten. Ihr Mann versank in eine unbeschreibliche Trauer, aber er ahnte nicht, daß sie gestorben war, um ihn von einer unfruchtbaren Frau zu befreien, denn der Arzt, der sie einbalsamierte, sagte kein Wort über die Todesursache. Dies unvergleichliche Opfer kam erst ans Tageslicht, als der Edelmann bereits sechs Jahre mit dem Fräulein von Montmorency vermählt war. Die war nämlich so töricht, es ihm dann zu erzählen, und der Ärmste versank fortan in tiefe Trauer, bis der Tod ihn erlöste. Denn er konnte die Freuden von Imperias Liebe nie vergessen, und dem dummen Ding fehlten alle Anlagen dazu, selbige wieder aufleben zu lassen. So also lieferte Imperia den Beweis dafür, daß das geflügelte Wort jener Zeit wahr war: diese Frau wird nie in einem Mannesherzen sterben, über das sie einmal geherrscht hat! Das lehrt uns, daß nur der die Tugend ganz erfassen kann, der das Laster geübt hat; denn prüde Frauen mögen so fromm sein wie sie wollen – solcherart würden sie nie ihr Leben zum Opfer bringen.

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