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Honoré de Balzac: Honor - Der Buhlteufel
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
translatorOtto Julius Bierbaum, Carl Theodor Ritter von Riba
titleDer Buhlteufel
booktitleDie drolligen Geschichten des Herrn von Balzac
publisherWilhelm Borngräber
addressLeipzig
year1914
pages242-290
printrun50. Tausend
senderhille@abc.de
created20020604
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Honoré de Balzac

Der Buhlteufel

Waren da ein paar Leutchen aus dem löblichen Lande Touraine, die sich an des Autors glühendem Eifer, altertümlicheBegebenheiten und lustigeVorfälle auszugraben, weidlich erbaut hatten und darob vermeinten, er wüßte mit allem wohl Bescheid. Sodaß sie zu ihm kamen und ihn, bei fröhlichem Trunke natürlich, befragten, weshalb wohl jene Straße in Tours die ›heiße Straße‹ benannt sei. Er entgegnete: er sei baß erstaunt, daß die alten Einwohner völlig vergessen hätten, wie viel Kloster einstens an dieser Straße gelegen hätten; die arge Enthaltsamkeit der Kuttenträger habe doch jene Mauern so brenzlich gemacht, daß gar manche Frau schwanger geworden sei, einzig weil sie gen Abend zu langsam zwischen selbigen lustwandelte. Ein Krautjunker tat darob neunmalklug und erklärte: dermalen hätten alldort die Hurenhäuser der Stadt beisammengelegen. Ein anderer behauptete: an jener Stelle habe es eine heiße Quelle gegeben, daraus noch sein Urahn zu trinken pflegte. Und solchermaßen hatte sich bald ein Häuflein der verschiedensten Etymologien angesammelt, aus dem man die richtige Ableitung sicherlich schwerer herausfinden konnte, denn eine Laus in eines Kapuziners verfilztem Barte. Indessen saß ein gar wohlgelehrter Mann, der männiglich in Klöstern herumgeschnüffelt und staubige Akten, Urkunden und Folianten durchstöbert hatte, schweigsam in einem Winkel bei seinem Glase. Selbigen gichtgekrümmten Greises Lippen kräuselten sich mählig zu einem verständnisinnigen Lächeln, bis ihnen endlich ein vernehmliches: »Kohl!« entströmte, was der Autor vernahm. Und er begriff, daß jener einen wahrhaftigenBericht unterm Herzen trage, den er zu fröhlicher Erbauung in dieseSammlung aufnehmen könne.

Und richtig: tags darauf eröffnete ihm jener gichtige Greis: »Ihre Erzählung ›die läßliche Sünde‹ hat Ihnen für immerdar meine Hochschätzung erworben. Nun wissen Sie aber sicherlich nicht, was aus der Maurin geworden ist, die Bruyn ins Kloster gesteckt hatte. Ich aber weiß es, und wenn die Etymologie jener Straße und gleichermaßen die ägyptische Nonne Ihre Neubegier reizt, dann will ich Ihnen einen seltsamen altertümlichen Fund leihen, den ich unter den abgelegten Akten des Erzbistums aufgestöbert habe. Liegt Ihnen das?«

»Ei freilich!« meinte der Autor. Und so übergab ihm der würdige Sammler mehrere prächtige, verstaubtePergamente, die aus alten Kirchenprozessen stammten. Der Autor vermeinte, daß die Auferstehung selbiger alten Geschichte mit all der köstlichen Unwissenheit jener vergangenen Zeiten recht pläsierlich sei. Also hört zu. Die Reihenfolge der Schriftstücke hat der Autor beibehalten, den Inhalt aber nach Belieben umgemodelt, maßen die Sprache verteufelt verzwickt war.

1. Was ein Buhlteufel besagen will.

In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Amen.

Im Jahre des Herren tausendzweyhunderteinundsiebenzig erschienen vor mir, Hieronymus Hornkraut, Oberpoenitentiarius und Kirchenrichter, ob der Anbringung und Begehrung derOrtsgemeinde, deren Klagschrift anbey folgt: etliche Edelleute, Bürger und Bauersleut des Sprengels, so das folgende kund thaten über des Dämons arges Gebahren, der im Verdachte stehet als Weibsbild seyn Unwesen zu treiben, mannich fromme Seele verwirret und gegenwärtig im Kerker des Capitels eingesperret ist; um die Wahrhaftigkeit solcher Beschwerde zu ergründen, haben wir heute, Montag den eilften Dezember nach dem Hochamte selbiges Verfahren eröffnet, darmit eines jeglichen Bericht dem Dämon zu wissen gethan und selbiger über sein vorgeblichen Missethaten befraget sowie nach den Gesetzen contra Daemonios abgeurteilet werde. Der Untersuchung wohnte bey, um das Ganze aufzuzeichnen des Capitels gelahrter Aktuarius Wilhelm Wendemund. Zum ersten trat herfür Johann, zubenannt Schiefarm, zu Tours beheimatet und mit obrigkeitlicher Erlaubnis Wirth des Gasthauses ›zum Storchen‹ am Brückenplatze; hat auf die Heiligen Evangelia bei seiner Seele Heul beeydet nichts zu bekunden, es sey denn, was er selbst gesehen oder gehört. Darauf hat er bekannt, was folgt:

»Ich lege Zeugnis ab, daß etzwan zwei Jahre vor des Heiligen Johannes Freudenfeste ein Edelmann, den ich zuvor nicht gekannt, der aber offenbarlich in unseres Herren Königs Diensten stand und ohnlängst aus den Heiligen Landen heimgekehret war, mit dem Vorschlage an mich herantrat, ihm mein Landhaus ohnweit Saint-Etienne zu vermiethen, welches ich ihm auf neun Jahr für drey Unzen Feingold abließ. Alldorten brachte besagter Edelmann sein schön Weibsbild unter, so mit fremdartigen Gewänder nach Art der Sarrazener angethan war und sich niemandem nicht zeigen noch anschauen lassen wollt. Doch gewahrte ich mit eignen Augen, daß selbige ein bunt Gefieder am Kopfe trug; hatte ein übernatürlich Antlitz und Augen, die gar unbeschreiblich flammten gleich wie höllische Glut.

»Weilen der anjetzo verstorbene Ritter jeglichen mit dem Tode bedräute, der um besagtes Haus zu schnüffeln Willens war, so blieb ich aus Angst dem Gebäude fern und hielt all meine Zweifel und Bedenken über der Fremden arg Gebahren in meinem Herzen verschlossen. Selbige war lebhaft wie ich nie zuvor habe ein Weib gesehen. Wohl heißt es hier und dort, besagter Rittermann sey längst tot gewesen und nur durch allerley Tränke und Zauberey jenes Weibsbildes auf den Beinen geblieben. Wogegen ich kund thue, daß er allezeit bleich war als wie eine Osterkerze; und wurde neun Tage nach seiner Ankunft eingescharrt, wie die Gäste im ›Storchen‹ können bezeugen. Sein Knappe sagte, daß er sich in meinem Hause während sieben ganzer Tage mit der Mohrin in wilder Brunst gepaaret habe, ohn von der Stelle zu weichen, was ich ihn auf seinem Sterbebette unter Schaudern bekennen hörte. Etliche sagen, jenes Teuffelsweib habe ihn mit ihrem langen Haar an sich gekettet, darinnen heiße Zauber verborgen seyen, so einen Christenmenschen ins Höllenfeuer lockten, gleich als ob es Liebe sey, und ihn Buhlschaft treiben lässet, bis sein Seele von hinnen weichet und dem Herren Satan zufällt. Dergleichen sah ich nicht, wohl aber, daß der Herre Ritter erschöpft und kreuzlahm war, da er starb, und dennoch ohngeachtet aller Worte des Beichtvaters begehrete, wiederum zu seinem Weibsbilde zu gehn. Wurde als der Herre von Bueil erkannt, so zu Damaskus in des Dämons Zauberbande fiel, wie etliche bekundet haben.

»Nach den Klauseln der Miethsurkunde habe ich der unbekannten Dame mein Haus belassen, gieng aber nach des Herren von Bueil Tode dorthin, um die Fremde zu befragen, ob sie dorten verbleiben wolle; ward in Ängsten von einem halbnackten fremdartigen Manne vor sie geleitet, der war schwarz und hatte weiße Augen. Sah alldorten besagte Mohrin inmitten güldner Pracht, so im Kerzenlichte von Edelgestein blitzte; auf einem asiatischen Teppich saß sie in leichtem Gewände mit einem anderen Edelmanne, der seyn Seel' bereits hingab. Hatte nicht das Herz hinzuschauen, aufdaß ihre Augen mich nit verlockten, mich ihr allsogleich hinzugeben, maßen schon ihre Stimme mir am Bauch kitzelte und Hirn und Seele verwirrete. Um Gottes Willen und in Bangen vor der Höllen floh ich unversehens von dannen, so gefährlich war der Mohrin Anblick mit seynen teuflischen Gluten und fürnehmlich das Füßlein, kleiner denn ein Weib solches besitzen darf, und die Stimme, so zum Herzen girrte. Und in Höllenangst habe ich fortan nimmermehr gewagt, in dies Haus zu gehen. So wahr mir Gott helfe!«

Gemeldetem Schiefarm ward alsdann ein Mann aus Aethiopien oder Nubierland gegenübergestellt, schwarz von Kopf bis zu Füßen und seiner Mannheyt beraubt, welchfelbige Christenmenschen zumeist zu eigen haben. Der ward in peinlicher Frage und bey wiederholentlicher Folter unter argem Wimmern überführet, daß er unseres Landes Sprache nicht mächtig sei. Besagter Schiefarm hat selbigen abessynischen Ketzer als jenen erkannt, so in dem Hause des fraglichen Dämon wohnete und verdächtig ist, bei dessen Zauberey geholfen zu haben.

Trat zum anderen herfür Mathias, genannt Faulhuber, Taglöhner zu Saint-Etienne auf dem Landgute, der bei den Heiligen Evangeliis beeydet, die Wahrheit zu sagen und sodann bekannte: er habe allezeit helles Licht im Gemache des angedeuteten fremden Weibes gesehen und lautes, seltsam-teuflisch Lachen vernommen an Feyertagen und des Nachts um Fasten, sonderlich in der Charwoche und der Weyhenacht, als seynd dort viel Menschen zu Gaste gewest. Auch habe er hinter den Fenstern allerley Gewächs im Winter blühen gesehen, fürnehmlich Rosen, so durch Teuffelskunst trieben, was ihm aber nicht verwunderlich erschienen sey, maßen besagtes Weib so voller Gluten wäre, daß allenthalben das Kraut ergrünte, wenn sie Tags zuvor dorten gewandelt sey. Zum Ende bekannte der genannte Faulhuber nichts weiter zu wissen. – Sein Weib hingegen widerstand hartnäckig, anderes zu bekennen, denn Lobsprüche auf besagte Fremde, darum daß ihr Mann sie ob der Nachbarschaft selbiger guten Dame, so die Luft mit Lebesgluten erfülle, viel besser behandele. Und solcherley ungereimt Zeug mehr, das wir fortgelassen haben.

Zum dritten trat der Herre Harduin von Netzen herfür, der sein Ritterwort zum Pfände gab, dem Glauben der Kirche die Ehre zu geben und bekannte: er habe den fraglichen Dämon beim Kreutzzuge kennen gelernt, als zuDamaskus der entschlafene Herre von Bueil um ihren alleinigen Besitz die Waffen kreuzte. Damals habe sie dem Herren Gottfried von Roche-Pozay zugehört, der sie aus dem Tourer Lande hergebracht zu haben behauptete. Besagte Unholdin habe ob ihrer Schönheit unterschiedliche Mordtaten verschuldet, zuletzt aber habe Bueil den Herren Gottfried erschlagen und selbige dann in ein Kloster oder, wie man dorten sagt, Harem getan. Weiter hat uns der Herre Harduin bekennet, daß er mit ihr keinerley Buhlschaft getrieben habe, nicht aus Furcht oder Gleichmut, sondern weil ihn wohl ein Splitter vom Heiligen Kreuze mochte errettet haben und des weiteren ein griechische Edelfrau, so ihn mit ihrer Liebe Tag und Nacht ausplünderte und weder in seinem Herzen noch sonstwo etwas für ein ander Weib übrigließ. Ferners auch versicherte er, daß jenes Weib in Schiefarms Haus wahrhaftig die besagte Sarazenin sei. Befragt, was er als ehrengeachteter Mann über selbige denke, entgegnete er: Etliche Kreuzfahrer hätten erzählet, dies Teuffelsweib sey Jungfer für jeglichen, der sie gatte, indem gewißlich Mammon in ihr stecke und ihr für jeden Liebsten ein neue Jungfernschaft bescheere, und was es solcher trunkener Phantaseyen mehr gäbe. Er aber habe einmal bei ihr mit Kreutzlach (welchselbiger nach sieben Tagen an ihr zu Grunde gegangen sey) zu Abend gespeist, und habe sich darob wie ein Jüngling gefühlt: so sey des Dämons Stimme ihm stracks zu Herzen gedrungen und habe seynen Leib mit glühender Liebe erfüllet, dardurch alles Leben an den Ort geströmet sey, von wannen es entsteht. Und hätte ihn nicht am Ende der Cypernwein untern Tisch geworffen, sodaß er ihre teufflisch Flammenblicke nicht mehr gewahren konnte, so hätte er sicherlich den jungen Kreutzlach erschlagen, um an diesem Wunderweib einmal seine Lust zu büßen. Und ob er gleich gebeichtet und jene Heilige Reliquie an sich genommen habe, so umgirre ihm noch unterweylen diese Zauberstimme das Hirn, und oft gedächte er morgens dieses Teufelsweibes, das wie Zunder so glimmend-heißbrünstig war. Dieserthalben auch bäte er, ihm die Unholdin nit gegenüberzustellen, welcher, so nicht der Teufel, dann Gott selbst gar seltsam Macht über der Männer Liebeswaffen verliehen habe.

Zum vierten und nachdem wir unser Wort gegeben, keinerley peinlich Verhör anzustellen noch weitere Vorladungen ergehen zu lassen, vielmehr ihn unbehindert von dannen ziehen zu lassen, kam ein Jud mit Namen Salomon al Rastschild, der trotz seynes ehrlosen Standes und seyner Judenschaft von uns angehört wurde, einzig um des angedeuteten Dämons Gebühren ausführlich zu kennen. Doch wurde besagtem Salomon ein Eyd nicht abgefordert, weilen er der Kirche nicht angehöret und durch des Erlösers Blut von uns geschieden ist (trucidatus Salvator inter nos). Derselbe bekennet mit genannter Dame unterschiedlichen Handel mit ciseliereten Leuchtern, silbernem Schmuckgerät, Edelgesteyn und orientalischen Stoffen getrieben und dafür dreyhunderttaufend taurische Pfund erhalten zu haben. Da wir ihn befragten, ob er ihr Zuthaten für magische Beschwörungen, das Blut neugeborener Kindleyn, Gespenstbüchlin oder wessen die Hexen sonsten Bedarf hätten geliefert habe, und wurde ihm zugesichert, daß er bei offenem Geständnis keinerley Beschwerden noch Nachstellung brauche befürchten, hat genannter al Rastschild bey seinem hebräischen Glauben beeydet, daß er solcherley Handel niemals nicht getrieben habe. Wo er doch ein großer Handelsmann sey und mächtige Herrn bediene; ferners noch, daß er gemeldete Dame vor ehrbar und durchaus natürlich halte, wohlgestalt und anmutsvoll, wie er nie ein Weib gesehen. Daß er ob ihres teufflischen Rufes und weilen er gar vernarrt in sie sey, ihr eines Tages, als sie Wittib war, vorgeschlagen habe, ihr Liebster zu werden, und wäre sie des wohl gewillt gewesen. Ohngeachtet ihm von dieser Nacht sein Gebein ganz verkrümmet und verlahmet geschienen sey, so habe er doch nicht verspüret, wie etliche behaupten, daß wer einmal in dies Netze fiele, nimmer herauskäme oder wie Bley im Tiegel zerschmölze. Hernachens hat angedeuteter Salomon, den wir ob des gegebenen Geleytbriefes in Freiheyt ließen ohngeachtet seines Bekänntnisses: daß er mit dem Teuffel Beyschlaf gehalten und heyl davonkommen, wo jeder Christenmensch zu Grunde gieng, uns ein Vertrag unterbreitet, zu wissen: er böte dem Capitel für den Fall, daß dieser Dämon verdammt würde lebend verbrennet zu werden, ein solches Lösegeld, daß darvon der höchste Thurm der gegenwärtig in Bau befindlichen Mauritiuskirche könne fertig gestellet werden. Was wir sorglich aufgezeichnet haben, um in thunlicher Zeit vor versammeltem Capitel darüber zu beraten. Und hat genannter Jud sich davon gemacht ohne sein Wohnort zu vermelden und uns gesagt, der Beschluß des Capitels könne dem Mitglied der Judenschaft zu Tours mit Namen Tobias Nathaneus zu wissen gethan werden. Und ist ihm noch der Afrikaner vorgestellt worden, den er als den Knecht des Dämons erkannte. Und hat gesagt, die Sarrazener pflegten solchermaßen ihre Diener zu verstümmeln. darmit sie könnten über die Weiber Wache halten.

Tags darauf nach dem Hochamte ist vor uns getreten zum Fünften die wohledle ehrengeachtete Frau von Kreutzlach. Hat bei den Heiligen Evangeliis geeydet und unter Thränen gesagt: sie hätte ihren ältesten Sohn, so ob seiner seltsamlichen Liebe zu einem weiblichen Dämon verschieden sey, zu Grabe getragen. Gemeldeter Edelmann sey im Alter von dreyundzwanzig Jahr gestanden und sey gar kräfftig, mannesstark und bärtig gleich seinem seligen Vater gewest. Ohngeachtet seiner gewaltigen Complexion sey er nach neunzig Tagen jämmerlich bleich worden, verdorret durch die Buhlschaft mit der Unholdin in der ›heißen Straßen‹, wie solche gemeiniglich genannt sey. Habe endlich in seynen letzten Lebenstagen als wie ein arm verdorret Wümlein gewest, und immer, wo er nur Kraft gehabt zu gehn, sey er zu der verdammt Teuffelin gangen um dorten sein Leben auszuhauchen, wie seyn Erspartes für sie hingieng. Wie darnach sein letzt Stündlein kommen sey, habe er auf seynem Sterbebett geflucht und gedreuet und die Seynen grausamlich verwunschen, habe Gott verlästert, und als Verdammter sterben gewollt. Darob das Hausgesindt herzlich betrübet und zwo Messen alljährlich gestift hab, um sein Seel aus der Höllen zu retten. Und ist angedeutete wohledle Dame mit vielem Gram wieder hinweggegangen.

Zum Sechsten erschien vor uns Jakobine, genannt Schmeeröl, so sich als Scheuerfrau verdingt und am Fischmarkt wohnhaft ist, die bey Eyd und Gelöbnis bekennet: sie sey eines Tages in die Küchen des erstgemeldeten Dämon kommen, ohn Bangen, weilen die Unholdin nur an Mannsvolk Freude habe, und habe diese im Garten können sehen, wie sie gar prächtig angethan am Arme eines Rittermannes einherwandelte und mit ihm wie ein natürlich Weib lachte. Habe in diesem Dämon das wahrhafftige Ebenbild derMohrin erkennet, die von weyland dem Seneschall Bruyn in das Kloster von Eguignolles gethan sey, was wohl die achtzehen Jahr zurückläge. Zu jener Zeit sey sie Wäscherin in vermeldetem Kloster gewest und erinnere sich wohl der Flucht der angedeuteten Ägypterin, so zwanzig Monde nach deren Eintritt ins Kloster so wunderbarlich vor sich gegangen sey, daß niemand nicht gewußt hätt, wie solches möglich war, und man vermeynet habe, sie sey mit Hilfe eines Dämons durch die Luft entflogen, darumb daß sich doch keinerley Spur noch Anhalt habe finden lassen. Wurde diesem Weibe der Afrikaner vorgestellt, worob sie bekennet, ihn nit gesehn zu haben, ob sie gleich neugierig gewesen sey, weilen er Wache hielt, allwo die Mohrin sich mit denen verlustieret, die sie durch ihre Brunst aussauge.

Zum Siebenten ward vor uns geführt Hugo, Sohn des Herren von Güldenmoos, dem er auf Ritterwort anvertrauet ist darum, daß er, der zwanzig Jahr alt ist, gebürlich bezüchtigt und überführt worden, mit etlichen unbekannten Missethätern den Kerker des Capitels bestürmt zu haben, um den vielgemeldeten Dämon aus kirchlicher Macht entweichen zu lassen. Haben genannten Hugo trotz seines Übelwollens ermahnet die Wahrheit zu bekennen, und er hat bei seynem Eide zu wissen getan: »Ich schwöre bey meiner Seele Heyl und den Heiligen Evangeliis, daß ich das Weib, so in Ansehung stehet, ein Dämon zu seyn, für einen Engel halte, für ein vollkommenes Weib, mehr noch an Seele denn an Leib. Ist gar ehrenhafft, voll Zartheyt und wunderbarlicher Lieblichkeit, mit nichten boshaft; hochgemut und mildthätig. Ich bekenne, daß ich sie heiße, wahrhaffte Thränen beim Tode meines Freundes Kreutzlach weinen sah. Hat am selbigen Tage Unserer Lieben Fraue ein Gelübde gethan, nimmer fortan dergleichen junge Edelleut zum Liebesopfer zu empfahen, weilen sie für ihre Liebe zu schwach seynd; hat mir standhafft und muthvoll ihres Leibes Genuß verweigert und mir einzig ihres Herzens Besitz verstattet. Und ohnangesehen daß meine Liebesglut wuchs, bin ich seit diesem holden Geschenk den großen Teil meiner Tage bey ihr geweylt, glücklich, sie zu sehn und zu hören; war darob seliger denn im Paradiese und habe niemals nicht auf die Zukunft ein Abschlagszahlung erhalten, es fey denn tugendsame Rathschläge wie ich ein edler Rittersmann könne werden, niemand denn Gott allein solle fürchten, die Damen ehren, nur einer dienen. Und erst wenn ich in Schlachten erprobt und erstarkt noch immer an ihr Gefallen fände, dann erst wolle sie mir angehören, darumb daß sie mich über die Maßen liebe.«

Hier hat der Herr Hugo geweinet und unter Thränen gesagt: daß nur ob des schmählichen Verdachtes wider dies arme, zarte Weib sein Aufruhr entstanden sey und er ob seiner innigen Liebe würde sterben, wenn ihr ein Leids geschähe. Und hat tausend Lobesworte über den Dämon gesagt, was nur die Gewalt ihres Zaubers bezeugt und ein schändlich unflätig Leben und die Teuffelskünste, darvon er fälschlich betrogen und geblendt ist. Das mag der Herr Erzbischof justifizieren, um durch Beschwörungen und Kirchenbußen des Jünglings Seel aus der Hölle Schlingen zu reißen, wenn der Satan nit schon zuviel Vorsprung erlanget hat. Dann ward der Jung-Edelmann den Händen seines wohledlen Vaters zurückgegeben.

Zum Achten ward unter großen Ehren durch das Gesindt des Herrn Erzbischofs vor uns geleitet die garverehrliche und hochgestellte Frau Jakobine von Zickenfeld, Äbtissin des Klosters Unserer Lieben Fraue, welcher dermalen die obengemeldete Ägypterin unterstellet worden, nachdem sie auf den Namen Blanche Bruyn getauft war. Haben der Frau Äbtissin die Sache summarisch explizieret und sie über benannten Dämon und das Leben eines Geschöpfes, so möglicherweise ganz schuldlos sey, befragt: was ihr über das magische Verschwinden der Magd Gottes Blanche Bruyn bekannt sey, so Unserm Lieben Heylande als Schwester Clara vermählet worden. Worob die sehr edle, hochgestellte und machtvolle Frau Äbtissin das folgende bekennet:

Die Schwester Clara, unbekannter Herkunft und verdächtig, von ketzerischen, gottfeindlichen Heydeneltern zu entstammen, sey wahrhafftig in das Kloster gethan worden, das ihrer unwürdigen Persona unterstehe. Habe in Züchten ihr Noviziat bestanden und ihr Gelübde gethan, sey hernachens in tiefe Trübsal verfallen und stettig dahingewelkt. Habe auf ihre, der Äbtissin Frage unter Thränen entgegnet, daß ihr der Grund ihres Leidens nicht bekannt sey; außer daß sie nach freier Luft gehre und wie früher klettern, springen und hüpfen möchte; nachts von den Wäldern träume, darinnen sie auf Blättern genächtigt; daß die Luft des Klosters sie bedrücke und arge Grillen in ihr unterweilen aufstiegen und ihr Gedanken unziemlich und unwiderstehlich ablenkten. »Darob habe ich die Ärmste mit den Heiligen Lehren ermuntert und ihr das ewige Glück des Paradeyses vor Augen gehalten, dessen sündlose Frauen theilhaftig werden. Ohngeachtet diesem mütterlichen Zuspruches ist der arge Geist nicht von ihr gewichen. Allerwegens schaute sie während der Gebete und Offizien durch die Kirchenfenster auf die Bäume und Wiesen und ward aus Bosheit bleicher denn Linnen, um das Bett hüten zu müssen, hüpfete aber zu unterschiedlichen Malen wie ein Zicklein durch das Kloster. Endlich war sie schier verdorrt, ihr Schönheit entschwunden und aus Sorge, daß sie mochte sterben, ist sie in den Krankensaal gebracht worden. Und eines Wintermorgens war sie entschwunden, ohn ein Spur zu lassen, noch Thüren zu erbrechen, Fenster zu öffnen oder was sonst ihr Entweichen hätte bezeugt. Welch grauslicher Vorfall erzeugte, daß er mit jenes Dämons Hilfe ist zustande kommen, so sie heimgesucht; und ward von den Autoritäten der Kirche dahin erkannt, daß dies Höllenweib sey bestimmt gewest, die Nonnen von dem Heiligen Wege fortzulocken, und solche von deren reinen Leben geblendt durch die Luft zu der Hexen Sabbath zurückgekehret sey.« Nach diesem Bekenntnis ward die Frau Äbtissin unter vielen Ehren zum Kloster Mont-Carmel zurückgeleitet.

Zum Neunten ward vorgeladen und erschien vor uns Joseph, genannt Schmutzfink, der Geldwechsler, so an der Ostseiten der Brücke im Hause ›zum güldenen Batzen‹ wohnhaft ist, der bey seinem Eide also bekennet: »Ich bin ein armer Vater und durch Gottes Ratschluß schwergeschlagener Mann. Bevor der Buhlteuffel der Heißen Straße ins Land kam, hatte ich als einzig Gut ein Sohn, schön wie ein Edelmann und gelehrt wie ein Priester: war die Freude meines Daches und ein unermeßlicher Schatz, darumb daß ich allein in der Welt steh und bin zu alt um mein Geschäft allein zu besorgen. Und dieser Edelstein ward mir von dem Dämon entrissen und in die Höllen geschmissen. Ja, edler Herr Richter, als er diese Teuffelinne, so ein Werkstatt des Verderbens ist, diese Wollustspalte, dies unersättliche Brunstverlangen erschaute, da stürzte er sich in die Netze ihrer Liebeskünste und hat fortan nur mehr in der Venus Tempel gelebt, aber nicht gar lange, wie denn dorten ein solche Gluth herrschet, daß nichts dieses Schlundes Dürsten stillt, und gösse man selbst der ganzen Welt zeugendes Quellgeström hinein. Wehe, mein armer Sohn, sein Gut, sein mannlichen Kräfte und Hoffnungen, sein Seligkeit, er selbsten, alles ward in diesem Abgrund verloren, wie ein Hirsekorn in eines Stieres Maul. Und nur die eine Hoffnung bleibt mir verwaistem Greise, diesen Dämon, der von Blut und Golde lebt, diese Giftspinne, so mehr Familien im Keime vernichtete, mehr Herzen, mehr Christenmenschen aussaugte und fraß, denn in allen Spitteln der Welt der Aussatz frißt, des Feuertodes sterben zu sehen. Verbrennet, martert diese Menschenfresserin, diesen Vampyr, der die Seelen aussaugt, dies Tiegervieh, das Blut säuft, diese Liebeslampe, so von Viperngift gespeiset wird. Schließet diesen Abgrund, darinnen jeder Mann verkommen muß, und ich will dem Capitel mein Geld für den Scheyterhaufen opfern, meinen Arm leihen, um ihn zu entflammen!«

Folgen siebenundzwanzig andere Aussagen, deren Niederschrift in aller wahrhaftiger Ausführlichkeit zu lang und beschwerlich wäre und die deshalb hier knapp zusammengefaßt werden sollen: Eine große Zahl guter Chriften und Bürgersleute gab an, daß der Dämon Tag und Nacht königliche Feste gefeiert, nie eine Kirche besucht, Gott gelästert, die Priester verhöhnt, alle Sprachen der Welt gesprochen habe, was doch nur die Apostel gedürft hätten; daß man ihn oftmals auf seltsamem Getier durch die Wolken reiten sah; daß er nicht gealtert, sich am gleichen Tage dem Vater und seinem Sohn in Unzucht ergeben und derart böse Kräfte ausgeströmt habe, daß ein Bäcker, der eines Abends vor seiner Tür saß und sie erblicktem, von höllischer Liebesglut durchtobt ins Bett eilte und in furchtbarer Wildheit sein Weib begattet habe; und daß selbiger fleißige Arbeiter tags darauf tot gefunden wurde. Daß die Greise der Stadt den Rest ihres Lebens und ihr Geld bei ihr vergeudeten, wie die Fliegen dahinstarben und gar schwarz wie Mohren geworden seien. Daß der Dämon in aller Heimlichkeit äße, maßen er von Menschenhirn lebte; daß etliche ihn auch auf dem Totenacker gesehen hätten, wie er Jungverstorbene zerfleischte, weil er anders nicht den Teufel in seinen Eingeweiden füttern könne, der dort tobe und zwicke, weshalb auch manche Männer aus ihren Wollustumschlingungen ganz zerstoßen und blaugeschlagen wiederkehrten. Und solchermaßen erwiesen tausend Aussagen sonnenklar, daß selbiges Weib die Tochter, Schwester, Großmutter, Ehefrau, Hure oder der Bruder des leibhaftigen Satan sein müsse, und welch Unheil und Mißgeschick allen Familien durch sie zuteil geworden sei. Auch hat dieser Prozeß dem Herrn Wilhelm Wendemund viel Ehre angetan, da er alles das so wohl aufgezeichnet hat. In der zehnten Sitzung wurde die Vernehmung abgeschlossen, da die Beweise, Zeugnisse, Belege, Klagen und sonstigen Ausweisstücke in Fülle vorhanden waren, gegen welche der Dämon sich verantworten sollte. Und darum sagten alle, wenn sie wirklich eine Teufelin sei mit natürlichen Hörnern, mit denen sie die Männer einsauge und zerstieße, so müsse sie lange Zeit durch dies Meer von Schriftstücken schwimmen, um am Ende heil und gesund in der Hölle zu landen.

Höllische Liebe
Höllische Liebe

2. Das Verfahren wider den weiblichen Dämon

In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Amen.

Im Jahre des Herrn taufendzweyhunderteinundsiebenzig erschienen vor mir, Hieronymus Hornkraut, Oberpoenitentiarius und Kirchenrichter: der Herre Philippus von Drach, Stadt- und Landvogt zu Tours, Johannes Schmaus, Oberzunftmeister der Tuchmachergilde, Anton Hannes, Schöffe und Obmann der Wechslergilde, Meister Martin Hauptmann der städtischen Bogenschützen, Johannes Rabelais, Schiffsbaumeister und Schatzmeister der Schifferinnung, Markus Hieronymus, genannt Schlackeysen, Strumpfwirker und Schöffenobmann, und Jakob genannt von Omerstädt, Schankwirt im ›Tannenzapfen‹ und Winzer. Vermeldetem Herren von Drach, Fogt und denen Bürgersleuten von Tours haben wir die folgende Anschreibung vorgelesen, so wie sie handschriftlich von sich geben, unterzeichnet und ausgefertigt worden, um dem geistlichen Tribunal unterbreitet zu werden:

Anschreibung: ›Wir Endesunterzeichnete Bürgersleute zu Tours sind in unseres Fogtes des Herren von Drach Hause kommen, weilen unser Bürgermeyster abwesend, und haben ihn gebeten unser Anbringung und Begehrung über das folgende anzuhören. Dafor wir vor dem Tribunal des Erzbischofes als des Richters für kirchlich Verbrechen einstehen: Vor längerer Zeit ist in unsere Stadt ein arger Dämon in Gestalt eines Weibsbildes kommen, wohnet zu Saint-Etienne im Landhause des Gastwirtes Schiefarm, betreybet das Gewerb der Freudenmädchen ohn Recht noch Mäßigung und mit so schändlicher Lasterhaftigkeit, daß der katholische Glauben dieser Stadt bedrohet ist, darumb daß alle, so von ihr wiederkehren, ihrer Seel verlustig gangen seynd und mit schändlich Reden der Kirche Beistand von sich weisen.

In Ansehung, daß ihrer Liebsten ein groß Teil gesterbet und sie, die ohn anderes Gut denn ihr leiblich Eigen hieherkommen, nach gemeiner Schätzung jetzo ohngemessene königliche Reichtümer besitzet, worob sie aufs schärffste verdächtig ist, solche durch Teuffels-Kunst oder Raub mittelst magischer Verführung ihres übernatürlich-brünstigen Leibes erworben zu haben;

In Ansehung, daß es um unserer Familien Ehr und Sicherheyt gehet; niemalen hierzuland solche Lustdirne mit gleicher Schändlichkeit ihr geil Gewerbe hat betrieben oder gleich gräulich und abscheulich Keuschheit, Sitten und Glauben der Bürger bedreut;

In Ansehung, daß es not thut wider dies Weib und sein arg Gebahren ein Untersuchung zu führen und zu erweisen, ob solche Liebeswirkungen rechtmäßig seynd oder, wie ihr Gehabe erweiset, einMissethat des Herren Satan, so unter Weibsgestalt die Christenheit heymsuchet; ferners auch, daß bey erstbemeldetem Weibsbild tausend Merkzeichen der Teuffeley sichtbarlich seynd, wie etliche Bürgersleut offen bekennet, und es für des Weibes Ruhe von Nöten, daß ihr Leib gesäubert werde, auf daß nicht weiter die Leut zu ihr rennen und für ihr Bosheit sich zu Grund richten;

So bitten wir gnädigst, unserem geistlichen Hirten, dem hochedlen Herren Erzbischof Johannes von Monsoreau die Pein seyner gebeugten Schäflein zu unterbreiten, darmit er uns berate. Solchermaßen ausgefertigt im Jahre des Herrn tausendzweyhunderteinundsiebenzig am Tage Allerheyligen nach der Messe.‹

Als Meister Wendemund diese Anschreibung zu End gelesen, haben wir, Hieronymus Hornkraut, den Bittstellern gesagt: ›Bestehet Ihr ehrenwerthe Herren auch heut auf dieser Bekundung, habet Ihr neuerliche Beweisgründe als die unseren und verbürget Ihr vor Gott, den Menschen und der Beklagten das genannte zu vertreten?‹

Alle haben ihr Wohlmeynen beteuert, nur Meister Johannes Rabelais ist aus der Verhandlung ausgeschieden, welcher sagte, er halte dafor, daß bemeldete Mohrin ein natürlich Weib sey und ein gut Frauenzimmer, das kein ander Fehl habe denn eine recht hefftige Liebesgluth. Alsdann wir, der bestellte Richter, nach reiflich Bedenken befunden haben, daß der Bürgersleut Anschreibung gar wohl stattzugeben sey, und befohlen wider das Weib, so in den Kerker des Capitels worffen ist von Rechtens wegen nach den Erlassen contra daemonis vorzugehen. Solches soll in Gestalt einer Vorladung vom Ausrufer in allen Vierteln der Stadt bei Trommetenschall bekannt gegeben werden zu dem Ende, daß jeglicher könne nach Wissen und Gewissen Zeugnis ablegen und dem Dämon gegenübergestellet werden; soll ferner vermeldete Beklagte nach Brauch einen Verteidiger haben, und Verhör und Prozeß gehörig von statten gehen.

Gezeichnet: Hieronymus Hornkraut. Und weiter unten: Wendemund.

In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Amen.

Im Jahre des Herrn tausendzweyhunderteinundsiebenzig den zehnten Tag Februar nach dem Hochamte ward auf unser, des Hieronumus Hornkraut, Kirchenrichter, Geheiß aus dem Kerker vor uns gebracht das Weib, so im Hause des Gastwirtes Schiefarm ist gefänglich eingezogen worden und unserer weltlichen Gerechtsame unterstehet, in so weit ihrer Verbrechen Beschaffenheit nicht vor die Kirchenjustiz competieret, was ihr kund und zu wissen gethan ist. Nach ernsthafter, umfänglicher, von ihr wohl verstandener Verlesung: erstlich der Anschreibung der Stadt, zum andern der Aussagen, Beschwerungen und Prozeßakten, so Meister Wendemund in zweuundzwanzig fasciculis niedergeschrieben, bestrebten wir unter Anruf und Beystand Gottes die Wahrheyt zu erkunden, vorerst durch Fragen an die Beklagte.

Zum Ersten haben wir Vermeldete gefragt in welchem Lande oder Stadt sie gebürtig sey. Ist erwidert worden: »Zu Mauretanien.« Ward befragt, ob sie Vater, Mutter oder sonsten Verwandte habe. Ist entgegnet worden, daß sie solche nie gekennet. Haben sie aufgefordert ihr Nam' kundzutun. Vermeldete hat gesagt: »Zulma in arabischer Sprache.« Von uns befraget, wie sie denn unser Sprach könnet reden, hat Bedeutete gesagt: ›Darumb, daß sie in unser Land kommen.‹ Haben gefraget: ›Zu welcher Zeit‹ und Vermeldete hat gesagt: »Vor ohngefähr zwölf Jahren.« Von uns befragt, wie alt sie damals mocht gewesen seyn, hat sie gesagt: »fünfzehn Jahr oder doch beynahe.« Fragten: ›So bekennet Ihr siebenundzwanzig Jahr zu seyn?‹ und sie hat gesagt: »Jawohl.« Ward von uns gesagt, daß sie somit die Mohrin sey, solche im Winkel statt der Heiligen Jungfrau sey funden worden, hernachens getäuft und in das Kloster Marmel sey gethan worden, allwo sie unter Beistand der Heiligen Clara habe ihr Gelübde der Keuschheyt, Armut und Gottergebenheyt abgeleget. Darob hat Vermelde gesagt: »Das ist wahr.« Haben wir sie weiter gefragt, ob sie die Aussagen der hochedlen Frau Äbtissin und der Jakobine, genannt Schmeeröl, vor wahr erkenne, undVielgenannte hat gesagt: »in den meisten Stücken.«

Ferners sagten wir: ›So seyet Ihr Chriftin?‹ und sie entgegnete: »Ja, mein Vater.« In selbigem Augenblick ward sie von uns geheißen, des Kreutzes Zeichen zu machen und Weihwasser aus ein Kessel zu nehmen, so Wilhelm Wendemund ihr vorhielt. Solches gethan und von uns angesehn, ward als Thatsache von uns unterstellet, daß Zulma, die Maurin, bey uns Blanche Bruyn genennet und als Schwester Clara Nonne des Klosters Mont-Carmel, verdächtig sey ein Dämon in Weibsgestalt zu seyn, so vor uns ein Religionsakt geübt und als solcher von uns als richtig erkennet worden. Hernachens haben wir solches gesprochen: ›Meine Tochter, Ihr seyet aufs schärffste verdächtig, bey Euerm Entweichen aus dem Kloster teufflische Hilfe genutzt zu haben, darumb daß es in jedem Punkt übernatürlich war.‹ Vermeldete hat entgegnet: sie sey gar natürlich durch die Straßenthür entwichen im Kittel des Domherrn Johannen von Marsilis, Klostervisitator, so Bezüchtigte ohnweit des Stadtthurmes in einer Hütten beherberget habe. Bemeldeter Priester habe ihr ausführlich die Süßigkeiten der Liebe gelehrt, so ihr darmals noch unbekannt gewest, aber fortan über die Maßen Wohlgefallen und nützlich geschienen hätten. Hernachens habe der Herre von Amboise sie durchs Fenster erschaut, und sey gewaltiglich in sie verliebt worden. Und sie, die spricht, habe ihn härtzlich wiedergeliebet, mehr denn den Mönch, der sie eigensüchtig gefangen hielt, und sey entfleucht und zum Schlosse Amboise geirret, allwo sie mit Jagd, Tanz und königlichem Gepräng viel Kurtzweyl erlebt. Sey eines Tags der Herr von Roche-Posay zu Gaste kommen und habe ihm der Herre von Amboise sie, die spricht, ohn ihr Wissen gezeiget, da sie nackig dem Bade entstieg. Darob sey der Herre von Roche-Posay in arges Liebesleid verfallen, habe Tags darauf den Herrn von Amboise im Zweykampf erschlagen und sie gewaltsamlich, trotz ihrer Thränen zum Heiligen Lande entführet, allwo sie ob ihrer Schönheit in viel Lieben und Ehren sey gehalten worden. Hernachens sey sie, die spricht, nach vielerley Begegnissen trotz banger Ahnung in unser Land wiedergekehrt, weilen solches ihres Herrn und Meisters Bueil Wunsch war, so vor Heymweh ganz krank gewest. Solcher habe ihr, die spricht, zugesagt, sie wider alle Unbill zu schützen, sey aber nach seyner Ankunft in Krankheit verfallen und habe trotz ihrer flehenden Bitten kein Arzeney wollen nehmen, darumb daß ihm Physici und Pillendrehen verhaßt gewest, und sey jämmerlich verschieden. Solches sey die volle Wahrheyt. Darnach haben wir der Bezüchtigten gesagt, daß sie also des Herrn Harduin und des Gastwirtes Schiefarm BeKenntnisse vor wahr befinde, und hat Vermeldete entgegnet: ›In den meisten Stücken, doch auch als boshaft, verläumderisch und thörig an unterschiedlichen Orten.‹ Ferners haben wir Bezüchtigte angehalten zu bekennen, ob sie mit allen Edelleuten, Bürgersleuten und andern Liebe und fleischliche Kopulation gepflogen habe, wie erstbemeldete Klagschriften und Beschwerungen bezeugten; und hat gar kecklich entgegnet: »Liebe gewiß, aber fleischliche Kopulation weiß ich nicht.« Haben ihr weiter vorgehalten, daß allesamt durch ihr Thun Todes verstorben seynd, darauf hat Vermeldete gesagt: solches sey ihr Verschulden nimmermehr, darumb daß sie sich allerweilen ihnen verweigert; und mehr sie geflohen sey, mehr jene sie bedränget und sich in unendlicher Raserey auf sie geworffen. Und wenn sie, die spricht, sey gewaltsamlich genommen worden, so sey sie mit ganzer Seel darbey gewest, darumb daß sie darbey unsagbar-ohnvergleichliche Wonnen empfände. Sagte ferners noch, daß sie solch geheime Gefühle bekennet, einzig weil sie von uns sey gehalten worden die lauter Wahrheyt zu sprechen und der Folterknechte Marter fürchte. Da wir sie bey Folterstrafe befragten, was sie vermeynet, als ein Edelmann ob der Buhlschaft mit ihr versterbet sey, hat Vermeldete entgegnet: sie sey darob in arge Trübsal verfallen und habe sich ein Leids wollen anthun. Habe zu Gott und allen Heiligen gefleht und in schwerer Kümmernis vermeynet, daß sie ein schädlich Geschöpf sey oder argem Verhängnis verfallen, so gleich wie Pest ansteckend wirke. Gefraget, welcher Art sie bete, hat Bemeldete gesagt, daß sie in ihrem Betzimmer auf Knieen zu Gott bitte, der wie im Evangelium stehe, alles siehet und höret. Und ferners noch, daß sie zu Kirchen und Festen nicht käme, darumb daß ihre Liebsten hätten diese Tage zur Kurtzweil mit ihr erkiesen.

So ist ihr von uns gar christlich vorhalten worden, daß sie mithin sey den Menschen mehr fügsam gewesen denn Gottes Geboten, und hat Vermeldete entgegnet, daß sie sich wohl auf ein Scheyterhaufen konnte werfen für den, so ihrem Herzen lieb sey, daß sie aber vor alles Gold der Welt auch einem König nicht ihr Leib oder Liebe gewähret, dem sie nicht zugethan sey; und hat kurtz und obendrein versichert, keinerley Buhlerey getrieben oder ein Deut Liebe verhandelt zu haben, es sey denn daß sie selbst den Mann erkieset habe. Ferners haben wir Vermeldete über ihr gülden Geräth, Edelstein und königliche Pracht befraget, und wollte um Gottes Willen nichts bekennen, darumb daß es um ihrer Lieben zarteste Gedenken ginge. Zum andern Male ernstlich vermahnet hat Vielgenannte entgegnet: wenn wir, der Richter, wüßten welchermaßen glühend, willfährig und holdergeben sie ihren Herzliebsten sey, so würden wir, ein alter Richter, ihr gleich diesen Herzliebsten glauben, daß solche Gunst nicht zu bezahlen noch zu erkaufen sey. Daß trotz ihres, der Vermeldeten, hefftigenWiderstrebens ihre Liebhaber dabey beharret hätten, ihr mit Angebinden härtzlich und ziemlich zu Danke zu seyn; und darumb daß jene daran ihre Freude hätten gehabt, so sey auch sie darob fröhlich gewest, in Ansehung daß ihr einzig die Wünsche und Freuden ihrer Liebsten hätten von Hertzen wohlgethan. Hier fand das erste Verhör vielbemeldeter Schwester Clara ein End, darumb daß uns, dem Richter, und Wilhelm Wendemund die Stimme der Bezüchtigten zu vernehmen beschwerlich ward und in allen Stücken der Verstand verwirret befunden. Von uns, dem Richter, ward das zweite Verhör auf den dritten Tag festgestellet und Bezüchtigte auf unser, des Richters, Geheiß unter Meister Wilhelm Wendemunds Obhut in Kerker zurückgebracht.

In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Amen.

Am dreyzehnten Tag desselbigen Februar wurde vor uns, Hieronymus Hornkraut, et caetera geführet obenbemeldete Schwester Clara zu dem End über ihr bezüchtigt und erwiesen Handeln und Gebahren befraget zu werden. Von uns Richter wurde der Erschienenen vorgehalten, wie sich aus ihren vorliegenden Bekenntnissen erweise, daß ein simpel Weib nimmermehr Macht noch Tugend habe, zu aller Lust Buhlschaft zu treiben, so viel Leut zu gesterben noch solch vollkommene Zauberey zu betreiben, es sey denn mit eines absonderlichen Dämons Hilf und Beistand, so in ihr wohnhaft sey und ihr Seel durch Pakt zu eigen habe. Daß sie mithin müsse bekennen, in welchem Alter sie selbigen Dämon erhalten, welcherley Abkommen sie mit ihm getroffen und wie sie wahrhafftiglich solch gemeinsame Schandthaten ausgeführt; hat Bezüchtigte entgegnet, zu uns zu sprechen, als sey es vor Gott, der unser aller Richter sey: daß sie niemals keinen Dämon gesehen, gesprochen oder herbeigesehnt habe; daß sie einer Hur Gewerbe nit geübt, darumb daß sie die Liebe nur um der Wonnen halber gepfleget, so der allmächtige Schöpfer darein gelegt habe; darob sie allezeit gekitzelt worden, nicht etwan durch brünstig-unstillbar Verlangen, vielmehr von dem Begehr, ihrem teuren Herzliebsten in Hulden zu Willen zu seyn; daß sie uns anflehe zu bedenken, wie sie ein arm afrikanisch Mägdelein sey, dem Gott ein gar heiß Blut verliehen und so gar viel Anlage und Verständnis vor Liebeswonnen, daß ein Mann sie nur brauchte anzuschauen, darmit ihr Herz schon gewaltiglich aufwalle. Ferners auch, wenn ein Herr in Liebessehnen begehre ihr bey zu wohnen und nur irgend eine Stell ihrer Haut leichtlich berühre, daß sie wider ihr Willen in seyner Gewalt sey, darumb daß ihr Herz allsogleich unterliege. Dann entflamme in ihrem Innersten ein wilde Glut, und stiege auf, und lohe durch ihre Adern, und wandele sie von Kopf bis zu den Füßen in eitel Liebe und Lust. Und wie der Dom Marsilis ihr dieser Dinge Verständnis eröffnet, da sey ihr bewußt worden, daß sie ohn einen Mann und natürliche Benetzung im bemeldeten Kloster war elend verdorret und dahingeschieden.

Hierwider ward bezüchtigtem Dämon von uns, Hieronymus Hornkraut, vorgehalten, wie solche Antwort Gott schändlich lästere, darumb daß wir alle zu Seyner Ehr erschaffen und frumm lebten und keinesweges allezeit im Bette das trieben, dafür das gemeyn Vieh selber sein gewisse Zeit habe. So hat vermeldete Schwester entgegnet, daß sie allezeit Gott eifrig geehret und in aller Herren Länder die Armen und Beladenen beschenket und beweynet; nur aus großer Demuth und Angst vor des Capitels Mißfallen ihr Gut nicht für der Mauritiuskirche Vollendung hingegeben und nächtens an ihren Lieben zwiefach Gefallen gefunden in Ansehung, daß jede ein neuen Steyn zu angedeuteter Basilica hinzubrächte. Ferners noch, daß all ihre Herzliebsten vor ihr, die spricht, Seelenheyl in Freuden ihr ganz Gut hätten mögen hingeben. Haben weiters dem Dämon gesagt, wie er sich wolle rechtfertigen ob seyner Unfruchtbarkeyt, darumb daß er trotz sovieler Copulationes kein Kind geberet; des übrigen Astaroth allein oder ein Apostel alle Sprachen könne sprechen und solche Gabe die Gegenwart des Teuffels in ihr erweyse. So hat sie erwidert, vom griechischen verstünde sie kein ander Wort denn ›Kyrie eleison!‹ was sie gar oftmals rufe, und lateinisch ›Amen‹, welches sie zu Gott sage, der ihr Freiheyt bescheren möge. Ferners noch, daß sie ob ihrer Kinderlosigkeit vielerley Kummer und Gram empfunden; wenn aber die Hausfrauen solche gebereten, so käms vielleicht, weilen sie an der Sache nur wenig Freuden hätten, wogegen sie, die spricht, ein weniges zu viel. Solches und tausend ander Gründe erzeigen genugsam, daß Schwester Clara ein Teuffel im Leibe hat sitzen, darumb daß Lucifer gar wohl fähig ist, allezeit ketzerisch Entgegnungen von anscheinender Wahrhafftigkeit zu erfinden; und haben bestimmet, Bezüchtigte vor uns peinlich in Verhör zu nehmen und hefftig zu foltern, zu dem End vermeldeten Dämon durch Qualen zu bezwingen und unter der Kirche Autorität zu unterwerffen. Haben somit Franz von Hangest, Wundarzt und Medicus des Capitels, zu unserem Beistand ruffen und geheißen ein Certification wie beygeschrieben auszufertigen und des vielvermeldeten Weibes natürliche Anlagen (virtutes vulvae) zu erkunden, um unsere Religion aufzuklären, welcher Art Kunst und Mittel bezüchtigter Dämon könnt verwenden um auf diesem Weg die Seelen einzufangen und zu entdecken ob irgend ein künstlich Blendtwerk dorten zu finden sey. So hat erstgemeldete Mohrin im Voraus geweynet und vielmals gewimmert und ohngeachtet der Kette ins Knie gefallen und mit groß Klagen und Geschrey geflehet solche Verordnung zu widerrufen; und darwidergehalten wie ihre Glieder schwach und ihr Knochen zart seynd und würden wie Glas zerbrechen; hat am End angeboten mit ihrer ganzen Habe sich beym Capitel loszukaufen und unverweilet das Land zu verlassen. Demzufolge wir ihr eindringlichst haben vorgehalten von sich selbsten und freiwillig zu bekennen, zu seyn und allezeit gewesen zu seyn ein Dämon von der Art der Buhlteuffel alias succubi, was sind weiblich Teuffelinne und seynd bestellet, durch geblendt Werk und schmeichelholde Liebesverlockung die Chriftenmenschen zu verderben. So hat sie, die spricht, erwidert, derley Bekenntnis sey ein schändlich Lügen, darumb daß sie sich allezeit als ganz natürlich Weib gefühlt habe.

Darauf sind ihr vom Folterknecht die Ketten abgenommen und Bezüchtigte ihres Gewands entledigt worden und hat uns in Arglisten und mit boshaftem Vorbedacht die Vernunft verdüsterst, benebelt und verwirret durch ihres Leibes Anblick, so wahrhaftig auf ein Mann übernatürliche Wirkungen ausübet. Meister Wilhelmus Wendemund hat, von der Natur bezwungen, an dieser Stelle sein Feder von sich gelegt, ist von hinnen gangen und hat bekennet, ohn fast unglaublich Versuchungen, so sein Hirn peinigten, könne er selbiger Tortur nicht wohl beywohnen. darumb daß er verspüre wie der Teuffel gewaltsamlich sein Persona überwältige.

Hier nahm das zweyt Verhor seyn End und in Ansehung, daß der Wächter und Thürhüter des Capitels vermeldet hat, Meister Franz von Hangest sey über Landes, so sind Folter und Verhör auf den nächsten Tag zur Mittagszeit nach dem Hochamt festgesetzt. Solches ist in den Akten eingetragen von mir, Hieronymus, in Abwesenheyt von Meister Wilhelm Wendemund, zu Urkund dessen wir unterzeichnet haben:

Hieronymus Hornkraut, Oberpoenitentiarius.

Anschreiben: Heute, den vierzehnten Tag Februar sind vor mir, Hieronymus Hornkraut, erschienen die bemeldeten Meister Johannes Schmaus, Anton Hannes, Martin Schönloch, Hieronymus Schlackeysen, Jakob vonOmerstädt und der Herre von Drach, an Ort und Stelle for den gegenwärtig abwesenden Burgemeister von Tours, so allesamt im früheren Anschreiben näher bezeichnet sind ; solchen haben wir das Ersuchen von Blanche Bruyn, so sich gegenwärtig als Nonne des Klosters Mont-Carmel mit Namen Schwester Clara bekennet, um Anrufung des Gottesurteiles zu wissen gethan, wie sich Vermeldete ob ihrer Bezüchtigung dämonischer Besessenheit hat anheischig gemacht und sich erboten, durch die Wasser- und Feuersprobe ihr natürlich Weibtum und Unschuld vor Stadt und Capitel zu erweisen. So haben die beygeschriebenen Klagführer vor ihr Teil zugestimmet, welche in Ansehung, daß die Stadt daran lebhaft mitthut, sich haben anheischig gemacht Platz und Scheyterhaufen wie's geziemet und mit Genehmigung der Taufeltern der Bezüchtigten zu richten. Ferners noch ist von uns Richter als Termin zur Probe festgestellet der erste Tag des neuen Jahres, der wird seyn künftig Ostern, und angezeigt die Mittagsstunde, nach dem Hochamt; und ist solche Frist von allen Teilen vor hinreichend befunden worden.

Solchermaßen wird der gegenwärtig Beschluß auf aller Betreiben in allen Städten, Flecken und Märkten des Tourer Landes und Frankreichs ausgerufen auf ihr Betreiben Wünschen und eigen Bezahlung.

Hieronymus Hornkraut.

3. Wie der Buhlteufel des alten Richters Seele auszusaugen sich befing und was solch teuflifche Lust für Folgen gehabt.

Solches ist das letzt Geständnis, so am ersten Tag März des Jahres tausendzweyhunderteinundsiebenzig der Priester und Oberpoenitentiarius Hieronymus Hornkraut that, indem er sich aller Würden unwerth erkläret. Hat bey seinem letzten Stündlein Bedrängnis gefühlt, sein Sünden, Missethat und Bosheyt ans Licht zu bringen, zum Rühmen von Recht und Wahrheit und Gott zum Preise, auf daß sein Zerknirschung ihm im andern Leben seiner Sünden Last lindere; wurden zu seynem Sterbebette gerufen Johannes von Haag, Vicarius der Mauritiuskirche, Peter Gerhardt, Seckelmeisters des Capitels und von unserm Herrn Erzbischofe Johannes von Montsoreau bestelle, sein Worte aufzuzeichnen, Ludwig Topf, Mönch zu Marmoustier, bestellet als Beichtvater, alle drey unterstützet von dem hochwohledlen Doktor Wilhelm von Censoris, römischer Erzbischof und gegenwärtig bey uns als Legatus unseres Heiligen Vaters des Papstes. Ferners noch wohneten dem Hinscheyden vermeldeten Hieronymi Hornkraut bey ein groß Zahl Christenleut, darumb daß er begehrete Buße zu thun in Ansehung der Fastenzeyt und die Augen aufzuthun allen, so da bey Wege seynd zur Höllen einzugehn. Und hat dann vor ihn, Hieronymus, so ob seyner großen Schwachheit nit konnt reden, beygeschriebener Ludwig Topf zur härtzlichen Betrübnis der vermeldeten Beyständ das folgende Bekenntnis verlesen:

Meine Brüder, bis zu meinem neunundsiebenzigsten Jahr, das ist, in welchem ich anjetzo stehe, hab ich, ohngeachtet die kleinen Sünden, dergleichen sich auch der heiligste Christenmensch wider Gott zu schulden lasset kommen, vermeynet ein christlich Leben zu führen und mit Rechten den Ruhm zu tragen, so mir zu dem erhabenen Amte eines Oberpoenitentiarius verhalf, dessen ich unwert bin. Nunmehro aber hab ich in schauerlich Bangen vor der Höllen Strafen und der göttlichen Allmacht gedacht in diesem letzten Stündlein meiner Sünden Überlast durch härteste Buße zu lindem. Hätte gern länger mögen leben und vor aller Welt von meinen Brüdern mich lassen verlästern, darumb daß ich die Kirche geschändet und Recht und Gerechtigkeit verraten. So hoffe ich nur noch, daß unser Herr Christus möge Erbarmen mit mir armen verführten und behexten Manne haben, dessen Augen in Thränen zerfließen. So vernehmet denn mit Schaudern, was ich bekenne: Ich ward von versammeltem Capitel bestellet, den Prozeß wider den Dämon in Weibsgestalt anzustellen und zu führen, wider jene abtrünnige und gottverdammte Nonne, so for Satan und Astaroth, der Höllen Fürsten, sollte Seelen fangen und unser Welt in Todsünden stürtzen; so bin ich hochbetagter Richter in solche Schlingen fallen und hab meiner Sinnen baar und treulos meyn in Ehren vertraute Pflichten erledigt. Höret denn des Dämons arge List und bleibet standhaft wider sein geblendt Werk. Gleich bey der ersten Entgegnung des vermeldeten Buhlteuffels ward ich mit Schrecken inne, wie die Ketten an ihren Händ und Füßen keinerley Spur ließen, und bin von ihrer verborgenen Kraft und augensichtlichen Schwäche geblendt worden. So hat mich ohnversehens ihrer Vollkommenheyt teufflich Gewandt verwirret und ihrer Stimmen Wohlklang entflammete mir Kopf und Glieder und hab begehret jung zu seyn und vielbenanntem Dämon in Freuden beyzuwohnen, darumb daß mir selbst die ewige Seligkeyt vor der Liebe Wonnen in solch holden Armen nit gar teuer erschienen. Hab darnach alle Strenge von mir gethan, so dem Richter geziemet, habe beym zweyten Verhör die feste Gewißheit ob ihrer Entgegnisse gehabt, wie ich ein arg Missethat beginge, dardurch daß ich solch arm kleines Geschöpf peinigte und strafte, so als wie ein unschuldig Kindleyn vor mir weinete. Darob ward ich durch ein Stimme von oben verwarnet, meine Pflicht zu thun und daß solcher Stimme Wohlklang und gülden Worte eitel teufflich Blendwerk seynd; daß dieser zarte Leib sich in ein haarig Ungeheuer würde wandeln mit scharffen Klauen, die Augen in Höllenbrände, der Rücken in Schuppenschwanz, der Rosenmund in Krokodilesrachen; und ist mein Willen wiedergekehrt vermeldeten Buhlteuffel auf die Folter zu spannen, bis daß er sein arglistige Sendung gestände. Wie sich aber dieser Dämon nackend vor mir gezeiget, da war ich ohnversehens seyner Macht durch magische Beschwörung verfallen, mein Hirn flimmerte, meyn Herzen kochte in jung-heißem Blut, und durch der Zauberey Wundermacht, so mir in die Augen schleudert worden, zerschmolz der Schnee an meiner Schläfen; konnte fürder kein Kreutz nit schlagen, habe Gottes und des Heylands vergessen; wandelte gebannet durch die Straßen, und hab ihrer Stimme Holdseligkeyt, ihres verdammten Leibes süße Wonnen mir vor Augen gerufen. So hat mich ein arger Hieb von Satans Höllengabel stracks und ohngeachtet meynes Schutzengels, so mich zu unterschiedlichen Malen am Arm gezupfet und wider solche Versuchung verwarnet, zum Kerker gezerret; und da mir die Pfordte aufgethan ward, sah ich fürder keinerley Kerkermauern, darumb daß der Buhlteuffel hatte mit arger Gespenster oder Feyen Hilf und Beystand ein seiden und samtenes Prunkgemach erbauet, voll Blumen und Gedüft, darinnen sie sich verlustieret ohn alle Ketten an Hals noch Füßen, gar köstlich angethan. So ließ ich mich meines kirchlichen Gewandes entkleiden und ward in ein duftend Bad geleitet; ward in sarrazenische Kleider gehüllet und mit köstlichen Speisen und Wein, mit wundersamlichem Gesang und Tonwerk ergetzet, so mein Ohr und Seele umschmeichelten. Und ist vermeldeter Buhlteuffel mir allezeit zur Seiten gewest, und hat sein zauberholde Buhlerey tausend neue Gluten in meine Glieder gegossen. So ist mein Schutzengel von hinnen gangen und hab ich durch der Mohrin schändlich Augenlicht gelebt und ihres Wonneleibes glühes Umfangen eratmet; wollte allezeit ihr roten Lippen verspüren und hab kein Ängsten empfunden vor ihrer Zähne Beißen, so mich immer tiefer in die Höllen lockte. Kurz, ich war fröhlich gleich wie ein Heirater mit seiner Braut, wo doch solche Braut der ewige Tod war; dachte nur an Liebe und ihr holden Weibesbrüste und die Höllenpforte, darein mich zu stürtzen ich glühend begehrte. Wehe, meine Brüder, durch drey gantze Tage und Nächte mußte ich so Buhlerey treiben, ohn meiner Lenden Quellgeström zu erschöpfen, darumb daß des Buhlteuffels Hände gleich zwey Stacheln in mein armes Greisenthum sich eingruben und in mein verdorrete Knochen weiß nicht welcherley Liebessaft träuften; war erst wie linde Milch, dann aufpeitschende Seligkeiten, so mir Knochen, Mark, Hirn anstachelten gleichwie taufend Nadeln; dann entglomm ich in wahrhafft höllischer Glut, darvon meine Gelenke gezwicket wurden und ein ungläubliche, unerträgliche, betäubende Wollust ausgieng, so meines Lebens Bande lockerte. Des Dämons Haar, darein mein armer Leib gehüllet war, ergoß flammende Röte und habe jede Flechte gleich einem rotglühenden Bratspieß verspüret; und sah des vermeldeten Buhlteuffels Antlitz lodern und lachen und tausend lockende Worte sagen; und hat mich der Stachel dieser Zunge, so mein Seele aussog, noch tiefer in die Höllen getrieben, darinnen ich kein Grund fand. Hernachens, da ich kein Tröpflein Blut mehr in den Adern, kein Seel im Leibe hatte und gänzlich erschöpfet war, hat der Dämon frisch-leuchtend und fröhlich wie zuvor mit hellem Lachen zu mir gesprochen: »Armer Narr, daß du mich für ein Dämon hast halten können! Wie denn, wenn ich itzo heischte, daß du mir dein Seel vor ein Kuß hingäbest, gäbest du's nicht mit tausend Freuden?« – Ich sagte: ›Ja.‹

»Und wenn dir, um weiter solcherart zu buhlen, not thäte, das Blut neugeborener Kindleyn zu trinken, tränkest du es nicht gern?« – Ich sagte: ›Ja.‹

»Und um allezeit ein lustiger Mann in des Lebens Lenz zu seyn und in Freuden zu schwimmen, würdest du nicht Gott verläugnen und Jesus lästern?« – Ich sagte: ›Ja.‹ Da fühlte ich hundert spitze Krallen mein Zwergfell zerfleischen wie von Schnäbeln kreischender Raubvögel; und ward unversehens emporgehoben von vermeldetem Buhlteuffel, der hatte sein Schwingen entfaltet und rief: »Reite zu, mein Reitersmann! Sitz' nur fest auf deiner Stute, pack' sie in die Mähnen, beym Halse! Reite zu, mein Reitersmann! Immer reite!« Und sahe wie im Nebel die Städte der Welt und ward mir gegeben zu sehen, wie ein jeder Mann mit einem weiblich Dämon buhlete und in geyler Lust und Bocksprüngen und tausend Liebes-Worten und vielerley Kreischen zeugete und eins ward, eingekrampft und verklammert. Und hat mir mein Reitthier mit der Mohrin Kopfe gezeiget, wie die Erde sich mit der Sonne copulieret, daraus ein Samenstrom von Sternen entquoll. Und sah die Welten sich verlustieren und Blitz und Donnerwetter erzeugen, sah weibliche Welten in Liebesrasen mit dem Fürsten der bewegenden Kräfte. Und hat mich der Buhlteuffel in arger List inmitten von selbigem schauerlich en, allewigen Liebesstrom gebracht, und war ich armer Priester darin verloren wie ein Körnlein im Meeressand; und habe zwischen solchem Toben mein katholischen Glauben verläugnet. Und wie ich weiter durch den Glanz der Millionen Himmelssterne ritt und hätte mögen dieser tausend Millionen Geschöpfe natürliche Lust empfinden, da stürzte ich unter so vielem Liebesbegehr zerschmettert nieder und hörte ein Höllenlachen; und fand mich in meinem Bette, daherumb mein Haus-Gesindt stand, so muthvoll mit dem Dämon gestritten gehabt, darumb daß es wider ihn ein Kübel Weyhwasser in mein Bett gegossen, wo ich in lag, und heiße Gebete gesprochen. Ohngeachtet ihres Beystands habe aber doch ein furchtbaren Kampf wider besagten Buhlteuffel müssen kämpfen, des Krallen mein Herz umklammert hielten und mein Quälen endlos machten. Und da ich das heilig Zeichen des Kreutzes wollte machen, saß der Buhlteuffel mir zu Häupten, zu Füßen, allüberall, neckte, lachte, schnitt Fratzen, hielt mir tausend wollüstige Bilder vor Augen und füllte mich mit geylen Wünschen. So ließ in tiefem Mitleiden der Herr Erzbischof des Heiligen Satianus Reliquien beybringen, davor der vermeldete Buhlteuffel mußte endlich von hinnen weichen; und hat ein Gestank von Schwefel und Höllen hinter sich gelassen, darvon mein Hausgesindt und Freunde sind einen ganzen Tag heiser gewest. So ist Gottes himmlisches Licht in meine Seel fallen, und bin inne worden, wie ich ob meiner Sünden und dieses Kampfes mit dem argen Gespenst nahe daran war zu sterben. Und bekenne am Ende, daß mein Geheiß vor vermeldeten Dämon das Gericht Gottes in Wasser- und Feuerprobe anzurufen, ist ein arge List gewesen, so mir angedeuteter Dämon eingab, darumb daß er mir vertrauete, er könne dergestalt dem Gerichte entschlüpfen und durch ein anderen Dämon sich vertreten lassen. –

Solches haben alle Beyständ wohl vernommen und wurde durch Johannes von Haag dem Tribunal unterbreitet.

Wir, Johannes von Haag, zum Oberpoenitentiarius neuerlich erwählet und bestellet wider den vielvermeldeten Dämon und Buhlteuffel zu verfahren, haben ein neu Gericht verordnet, um alle Leut der Diözese zu hören, was ihnen über solches bekannt sey. Haben die anderen Verfahren, Verhöre und Widerrufe vor ungültig erkläret und bestimmen, daß dem Anruf eines Gottesurteiles nicht statt zu geben sey, in Ansehung der offenbarlichen teufflichen Verräterey und Bosheit. Solche Verfügung wird allerorten mit Drommetenschall ausgeschrieen werden, wo des verblichenen Hieronymus Hornkraut fälschliche Verfügungen sind kundgethan worden. Mögen alle gute Christen unserer Heiligen Kirche und ihrem Geheiß wohl gehorchen und zur Seiten stehn.

Johannes von Haag.

4. Wie die Mohrin so hurtig entschlüpfte, daß sie nur mit großer Müh der Hölle zum Trotz verbrannt und lebend gebraten wurde. Solches ward im Monat May eintausenddreyhundertundsechzig testamentariter niedergeschrieben:

Mein sehr theurer und vielgeliebter Sohn, wenn du dieses liesest, ruhe ich, dein Vater, im Grabe; so erflehe ich deine Gebete und bitte dich, dein Leben wohl nach den Worten dieser Schrift in weiser Fürsorge for dich und die Deinen zu führen; darumb daß ich in einer Zeit schreibe, da mein Vernunft und Sinn durch der Menschen allmächtige Ungerechtigkeit eben ist betroffen worden. Wollte in meines Lebens Blüte in eitlem Ehrgeiz in der Kirche Dienst treten und hohe Ämter erklimmen; habe zu dem Ende lesen und schreiben gelernet und mit viel Mühe Gelehrsamkeyt erworben; trat als Schreiber und Kanzlist in das Martins-Capitel und hoffte dorten hohen Herrn zu Diensten zu seyn und mit ihrer Vergunst in einen Orden zu treten und endlich Bischof, Erzbischof, was weiß ich, zu werden. Dies glühende Verlangen hat mir Gott als argen Ehrgeiz erwiesen, und ist Johann von Omerstädt, der nachero Kardinal wurde, an meiner Statt ernennet worden und ich selbst verworffen und zerschmettert. In solchem Unglück stand mir der gute alte Hieronymus Hornkraut bey, von dem ich euch so oft erzählt: dieser teure Mann hat mich mit sanftem Zuspruch bestimmet for das Mauritius-Capitel Schreiberdienst zu thun, darumb daß ich als Schreiber wohl gerühmet war. Im gleichen Jahre, da ich dorten eintraf nahm der berühmte Prozeß wider den Teuffel der ›heißen Straße‹ seyn Anfang; so vermeynete ich, das könne für mein Streben wohl von Vorteil seyn, indem das Capitel mir etliche Würden könnt verleihen, und ließ mich von meinem getreuen Meister bestimmen, alles niederzuschreiben, so in dieser argen Sache zu verzeichnen sey. Gleich zu Anbeginn beargwöhnte Herr Hieronymus Hornkraut, der an die achzig Jahre alt und voll Gerechtigkeyt, Billigkeyt und Scharfsinn war, daß hinter dieser Sache etliche Bosheyt könne stecken. Liebete Dirnen und Hurenweiber mit nichten noch hat in seinem Leben ein Weib erkennet; und war ihm gleich nach den Zeugenangaben und der armen Dirn Aussagen helllichterklar, daß zwar dies minniglich Weib ihr Klostergelübde gebrochen aber von jeder Teuffeley unschuldig sey, und nur ihren Feinden und etlichen Leuten, die ich klüglich nicht will nennen, nach ihrer reichen Habe gelüstete. Denn ein jeglicher hielt sie for reich genug, die ganze Grafschaft Tour zu kaufen, und tausend Lügendinge und Verläumdungen sind über das arm Ding gesagt und in die Welt gesetzet worden. So hat Meister Hieronymus Hornkraut erkennet, daß kein Dämon in der Dirn stecke, es sey denn der Geist der Liebe; und wie etliche wackere und reiche Kriegsleut ihn beredt haben, daß sie alles wollten thun jene zu retten, da hieß er sie ins geheim von ihren Anklägern das Gottesurtheil zu erheischen und obendrein ihr Habe dem Capitel zum Geschenke zu machen. Solcherart sollte die holdeste Blüte, so jemals der Himmel unserer Erde bescheeret, vor dem Scheyterhaufen bewahret seyn. Aber hat der wahrhafftige Teuffel in Mönchsgestalt seine Klauen in die Sache gesteckt: Ein gewaltiger Feind der Tugend, Biederkeyt und Heiligkeyt unseres Herren Hieronymus Hornkraut nämlich, Johannes von Haag mit Namen, hörte, das arme Ding sey im Kerker gleich einer Königin gehalten, und erhob voller Bosheit Klage wider den Oberpoenitentiarius, er sey mit ihr im Einverständnis und ihr Knecht, darumb daß sie ihn jung, liebeheiß und glücklich mache; so sagte der arge Priester, und ist der arme Greis darob vor Gram versterbet, in Ansehung, daß Johannes von Haag sein Untergang verschworen hatte und seiner Ehren gelüstig war. In Wahrheit hat unser Herr Erzbischof den Kerker besucht und ist vermeldete Mohrin an einem gefälligen Ort funden worden, auf bequemer Lagerstatt, ohn Eysen noch Ketten, darumb daß sie hat können ein Diamanten an einem Orte bergen, da niemand vor möglich gehalten hätt, und hat des Kerkermeisters Milde erkaufet. Lag damals der wackere Hornkraut im Verscheyden, und hat auf Betreiben des Johannes von Haag das Capitel vor nötig befunden, sein Untersuchung und Verfügungen zu vernichten, und hat Johannes von Haag, dermalen simpler Vikarius, erzeiget, daß hierzu ein Bekenntnis des Mannes auf seinem Sterbebette genügend sey. So ist von den Herren des Capitels und den andern der Sterbende gepeinigt und bedränget worden, zum Wohle der Kirche zu widerrufen, was der gute Mann nicht hat mögen zugeben. Wurde aber dem zum Trotz mit tausend Listen seyn öffentlich Geständnis zu Weg gebracht, darob sich ein kaum gläublich Schrecken und Verwirrung erhob. Wahrheyt aber ist, daß mein guter Meister Hieronymus damals Fieber hatte und Kühe hat in der Stuben gesehen und nach demselben Anfall der arme Heilige härtzlich geweynet, als er von mir solchen Handel gehört. Und ist in meinen Armen verschieden und mit des Medicus Beystand, voll Verzweiflung ob dieses Mummenschanzes und sagte, daß er sich wolle Gott zu Füßen auf daß solch Ungerechtigkeit nicht geschehen möge, darumb daß er von der Mohrin Thränen und Reue war härtzlich gerühret worden und ihr die Beichte hatte abgenommen und sich solchermaßen ihre göttliche Seel ihm enthüllet als ein Diamant, der wohl werth sey Gottes heilige Krone zu zieren. Wisse denn, mein Sohn, daß ich nach all diesen argen Reden über das arm Weib und des Dinges Gang auf Rat des Medicus Meister Hangest hab ein Krankheyt vorgeschützet und solchen Dienst gelassen, darumb daß ich nicht hab wollen mein Hand in unschuldig Blut tauchen, so noch immer schreyet und wird immerdar schreyn bis zum jüngsten Gericht. So ward der Kerkermeister verbannt und vor ihn kam ein Henkersknecht, so gar unmenschlich die Mohrin in ein Kellerloch geschmissen und Eysenketten von fünfzig Pfund ihr angelegt, ohngerechnet den Holzkragen. Ward peynlich verhöret, die Dirn, und gefoltert und ihr Knochen gebrochen und verdrähet. Hat dann vor argen Schmerzen bekennet, was der Johannes von Haag wollte wissen, und ward verdammet. daß sie sollte im Schwefelhemd vor der Kirchthür gestellet und hernachens zu Saint-Etienne auf dem Landgute verbrennt, ihr Habe eingezogen werden et caetera. Solches Urteil tat männiglich Aufruhr und Waffengetümmel in der Stadt aufheben, darumb daß sich drey junge Rittersleut des Tourerlandes hatten verschworen, vor das arm Mägdelein zu sterben oder es auf alle nur mögliche Weise zu befrein. Zogen mit ein Tausend Gesindel, alte Landsknecht, Kriegsleut und solcherley Menschen in die Stadt und schauten in die Hütten, wem das Weib alles könnte Guts gethan haben. So sind sie, von der vermeldeten Herren Kriegsleuten beschirmet, eines Morgens in hellen Haufen vor des Herrn Erzbischofs Kerkerhaus kommen und haben geschrien, daß man ihnen die Mohrin solle ausliefern, gleich als ob sie solche wollten zu Tode bringen, in Wahrheit aber, darmit sie sie könnten entweichen lassen. Es heißt auch, daß in diesem erschröcklichen Sturm seynd mehr denn zehntausend Leut um des Erzbischofs Gebäu bis zur Brücken gewimmelt, ohngerechnet alle, so auf Häuser und Dächer geklettert dem Auflauf haben zugesehn; und sind in dem Gedräng sieben Kinder, eilf Weiber und acht Männer bis zur Ohnkenntlichkeit zerstampfet worden. Und war ein Geschrey, gleich als ob Leviathan hätte sein Rachen ausgethan, und schrieen: »Zum Tode der Buhlteuffel! Heraus mit ihm! Sein Fell will ich! Sein Haar! Sein Kopf! Sein Lustzauber! Ist er rot? Wird er braten? Schlaget sie tot!« und so jeder sein Sprüchlein. Und ist der Schrey: »Schlagt sie tot!« so scharff worden, daß einem Ohr und Herz davon hätte bluthen mögen. So ist dem Herrn Erzbischof beygefallen, um den Sturm zu beschwichtigen, in großem Pompe mit der Hostie aus der Kirche zu schreiten und hat solchermaßen das Capitel vor sein Untergang errettet. Alle sind durch solche Kriegslist gezwungen worden, sich zu zerstreuen und aus Mangel an Lebensmitteln heymzukehren. Ist fortan von einer riesigen Zahl Krieger wider alle Angriffe Wache gehalten und obendrein den drey Rittersleuten durch Herrn Harduin von Netzen der Kopf zurecht gesetzet worden, daß sie nicht um ein bißchen Weib sollten das Tourerland in Feuer und Blut tauchen.

So hat das Capitel in aller Freiheit zu des Mägdelein Hinrichtung können schreiten, und sind zu dieser Kirchenfeier von zwölf Meilen in der Runde die Leut herbeygeströmt, und haben deren gar viele vor der Stadt in Zelten müssen nächtigen, und ist an Lebensmitteln Mangel gewest, darumb daß es so viele waren. Die arme Huldin war halbtot, ihr Haar waren bleich worden, und war in Wahrheit nur mehr ein Skelett ohne Fleisch, so der Henker an ein Pfahl band, um sie in ihrer Schwächen zu stützen. Ohnversehens aber ist ein Kraft über sie kommen: hat ihre Ketten von sich gestreift und ist in der Kirche entwichen, allwo sie in Gedächtnis ihrer vergangenen Künste hurtig die Geländer und Pfeiler emporklomm. Wäre auch über die Dächer entronnen, wenn nicht ein Kriegsknecht mit der Armbrust hätt nach ihr geschossen und in den Fußknöchel getroffen. Ohngeachtet ihres zerschmetterten Fußes lief das arme Ding blutend weiter, so groß Angst hat es vor des Scheyterhaufens Flammen gehabt. Endlich ist eingefangen, gebunden, auf den Karren geschmissen und zum Scheiterhaufen geschleppt worden, und hat allerweilen geschrieen; und ihre Flucht hat das gemeine Volk glauben helffen, daß sie der Teuffel sey und wäre durch die Luft geflogen. So hat sie der Henker in die Flammen geschmissen und ist sie zwey, dreymal erschröcklich gesprungen und dann in des Scheiterhaufens Grund gefallen, so Tag und Nacht brannte. Und bin ich tags darauf hingangen sehen, ob von dem lieblich Geschöpf etwas verblieben sey, und fand nur ein arm Stücklein Kinnlade, so trotz des Feuers war feucht geblieben, und habe wie etliche sagen gezittert wie ein Weib im Liebesgenuß.

Ich könnte Dir, mein theurer Sohn die ohnvergleichlich schwere Trübsal nicht sagen, so während zehn Jahren auf mir gelastet hat. Mußte diesen von Bosheit zertretenen Engel sehen, sein Augen und kindliche Lieblichkeit und Unschuld und vor ihn in der Kirche beten, allwo er ist gemartert worden. Konnte nicht ohne Zittern und Zagen den Oberpoenitentiarius Johann von Haag erblicken, so von Läusen zerfressen gesterbet ist; der Aussatz hat den Fogt gerichtet, und alle, so zu dem Scheyterhaufen hatten ihren Beystand geliehen, haben es mit Flammen gebüßt. So habe ich der Kirche Dienst verlassen und eure liebe Mutter geehelicht. Und mit ihr, so mich zärtlich betreute, Gut und Leben getheilet, wie auch die folgenden Lehren: daß man soll, um glücklich zu leben, den Dienern der Kirche ferne bleiben, in Bescheidenheit sein Leben führen, kein andre Sprache sprechen noch seinen Stand ändern, so wie alle Wendemunds sind Tuchmacher gewest und sollen es alle Zeit bleiben, dann werden die Wendemunds nicht verbrannt noch geschlagen für jemandes Vorteil, werden heimlich Geld haben und Freunde und wider alles gesichert seyn. Solches halte in Deiner Familie hoch und wenn Du verscheidest, soll es von Deinen Erben als ein Evangelium verwahret werden. (Dieser Brief ist im Nachlaß Franz Wendemunds, Herren von Veretz und Kanzlers des Kronprinzen gefunden worden, als selbiger ob seines Aufruhrs wider den König vom Parlamente ist verurteilt worden: ihm das Haupt abzuschlagen und seine Güter einzuziehen. Solches Schreiben ist als geschichtliche Merkwürdigkeit dem Statthalter der Touraine übergeben und den Akten des bezeichneten Prozesses beigelegt worden durch mich: Peter Walter, Schöffe und Obmann der Geschworenen.)

Des Buhlteufels Flucht
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