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Honoré de Balzac: Honor - Kinderschnabelweisheit
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
translatorOtto Julius Bierbaum, Carl Theodor Ritter von Riba
titleKinderschnabelweisheit
booktitleDie drolligen Geschichten des Herrn von Balzac
publisherWilhelm Borngräber
addressLeipzig
year1914
pages454-462
printrun50. Tausend
senderhille@abc.de
created20020609
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Honoré de Balzac

Kinderschnabelweisheit

Bey meynes lieben Haushahns gedoppletem roten Kammb und bey dem gedoppleten hellrosfarbenen Futter des schwartz kraus peltzenen Pantöffelchens meyner lieben Kammergesellin ! Beym Saint Cocu (steht nit im deutschen Kalender – der Heilig!) und allen Hörnern derendter, so disen Stirnzierrat mit Anstand tragen! Nit minder aber auch bey der ansehnlichen Tugendt derer lieben Frauen so es sich fleißig angelegen sein lassen, bemeldte Hörndlein auf bemeldte Schedtel zu setzen! –: das Best und Schönst und kostbar Lieblichst, das eyn Mann zu werke bringen mag: nit etwan eyn Reimgedicht ists, oder eyn Leinwand mit viel edel Färb und Liniatur, oder eyn wohlgesetzt Stück Musika, oder eyn Schloßgebäu gar hoch und vielfalt, oder ein Bildgeschnitz auß Holtz oder Stain, oder eyn stoltz Schiff, fahrend dahin mit Segelwerk oder Ruderschlag, – nit das, nit das! –: Kindlein ists!

Die Kindlein seynd das Anmutigst, so zwischen denete Blumen und Bäumen des großen Erdgartens herumbvigilieret, ob auch offtmalen rotznaset. Aber merket wohl auff, wie ichs meyn! Bis zum zehenten Jahr, nit weiters, gilts mit der Kindschafft! Alsdann wird Bub und Bübin sachte Mann und Frau, und werden Gott seis geklagt, gar vernünftig und siebengescheidt, und keyns ist weiters mehr wert, was es gekostet hat. Nur an denen Ungeratenen erlebt der liebe Gott, wenns gut geht, manchmal eyn Freud.

Aber die rechten Kindlein, so noch Kindlein seynd, – schauet sie euch wohl an, wie sonderbar lieb und labsälig sies treiben! Haben noch keyn Arg und Harm und also auch keyn Respekt, vor was es auch immer seye und gilt ihnen alles eyn Spielwerk und seyend eben darumb weise ohne Vernunft. Des Vaters Hausschuh dünket ihnen ein paßlich Ding, Löchlein dareyn zu bohren mit vielem Fleiß: der Mutter Hausrat tragen sie ohn Ermüden die Kreuz und die Quer, dahin und dorthin, wo es ihnen wohl scheint, daß Scheer und Knaul und Nadelbüchs recht zuhause wären in Winkeln, da sie keyn Seel nit vermuten möcht; was ihnen just aber nicht behagt, seht, das lassen sie fein liegen, denn die kindisch Hand langt nur nach dem, das ihr behagt (also weise ist sie!). Wo Gutselen seynd und wohl eingekocht Mus und resch Knuspergebäck mit Rosindtlein, spüret das näschig Völklem wohl, findts und frißts auf (wenn nur die Zähndlein in den lieben Goschen erst durchs rosinfarbene Flaisch seynd!), und alleweil lachts und jubilierts dabei, – das süße Völklein, das ausbündig süße. Gelt, ihr heißt mich nit eyn' Narren, so ich wiederumb laut aufruf und sag: außer Maaßen lieb seynds und tausendmal mehr wert als wir Alten. Könnt wohl auch nit gut anderster seyn! Seynd ja Blust und Frucht in Eynem! Frucht vom Eynanderliebhaben und das blühend Leben selber.

Darumb, so sie den Schnabel aufthun, kommt nichts heraus als hell eitel kostbar Red und Gesprüch, maaßen ihr Zünglein noch nit beschwert ist vom arg schweren Steine der Bedachtsamkeit, aber auch noch nit umgetriben vom bösen Winde derer Spekulation. Seynd heilige Wort, vergnüglich heilige Wort, so die Kindlein plappern in ihrer Unschuld, lieben Leute! Schad, daß man sie ›naiv‹ heißt, als welches verbum adjectivum ärgerlich in Mißbrauch stehet in disen Tagen. Aber ich sag euch: verstopfet eure Ohren flugs mit Wacks (wie weiland Herr Ulysses bei denen Menschern mit denen Hühnerbeinen), so eyn Mannsbild den Schnabel süße zieht und thud in Worten als ein Kindlein, das naive ist. Ist immer ein übel Rüchlein Vernunft und Calculation bei. Riecht nach dem Fuchs, sothane Mannsmaulnaivetät. (Kenn bessere Gerüche, gelt Schatz?) Kindsschnabelnaivetät aber riecht frisch wie Erdraich im Mayen, lieblich und herbe, wie ein gesund, rein, munter Kind selber. Sela!

Und nun merket wohl auf, was ich zu deme Thema weiß!

Es war umb die Zeit, als Kathrin, die später' Königin in Frankreich, noch nit Königin war, sondern noch Frau Kronprinzessin geheißen ward, oder wie's die in Franzmannsland nennen: Madame Dauphine. War aber ihr Herr Schwiegervater der König, ein bresthaf Mann und hatte wenig Freud an Krone und Thron, maaßen er nit gar offte auf deme Throne faß, vielmehr in seyme königlichen Bette lag, alswo es auch nit kurtzweiliger zu liegen ist als in eyme andren Bette (wohlgemerkt, wann Eyns alleine drin liegen muß). Die gut Kathrin aber war eyn gar höflich Frauenzimmer und wußt wohl, was sich schickt für eyn rechtschaffen Schwiegertochter. Wohl wissende, daß der alt König eyn sonderbar Gelüsten hätt für die gar lieblichen und kunstraichen Schildereyen, so die Malersleut im Lande Italia aus der Maaßen schön zu werken verstehen, recht meisterliche Leut und gar hoch angesehen bei Kaysern und Königen dazumal (wie denn bemeldter König inFrankreich es nit für eyn Raub hielt an seyner hohen Kron, daß er mit etlichen von denen Meistern in Welschland guter Freundschaft pflog und nit gar klaine Beutlein voll eitel Dukaten zu ihne schickt über die Berg, als zum Exempel an den Herrn Raffaeln aus Urbin und an die Herren Primatiz und Leonhardn von Vintsch) – dies, sag ich (und's hat mir schier den Athem verschlagen), wohl wissende, hat die gut Kathrin manch groß und klaine Tafel von denen welschen Hexenmeistern für gut Geld gekaufft (Gott gesegn es ihr noch heut!) und deme königlichen Schwiegervater an seyn Bette gestellt. War ihr aber nit immer not, ihrn Seckelmeister zu rufen, denn manch kostbar Malerey ward ihr selber zum Geschenk, sintemalen sie Eyne aus dem hochedlen Hause derer Medici war, die recht eigentlich an der Quelle saßen, wo die Farben gleich auf die grundiert Lainwand laufen im gesegneten Lande Toskanien, da die Malersleut wild wachsen, Edle und Bürgerliche aber daran noch nit genug haben, vielmehr mit vielem Fleiße und nit weniger Geld auch noch von der Fremde her Meister und Gesellen der preislichen Kunst zu kommen heißen, und, wann die nit wollen, zum mindest ihre schönst Gemäld und Bildwerk. Also begab es sich, daß Frau Kathrin aus der über alle Städte schönen Stadt Florenz (das heißt die blümig Stadt) eyne gar köstlich Malerey zum Angebinde kriegte, die von keym geringern gemalen war, als Meister Tizianen selber, dem Könige derer Malersleut in der ruhmraichen Stadt Venedig und Käufers Karin, des fünften seynes Namens, Leib- und Lieblingsmaler. War aber das Gemäl ein dopplet Bildnus fürstellende Herrn Adam und Frau Evan in Lebensgroß und gantz nach der Mode ihrer Zeit gekostumieret, als über die sich alle Gelehrten eynig seynd, maaßen männiglich weiß, daß die Zwei wandleten im Garten Eden, angethan mit ihrer Unschuld und verzierartiert mit nichts als lauter Anmutigkeit, die ihnen der HErr selber um Schulter, Brust und Lenden gelegt hat mit seiner liebraichen Hand. Wollet aber nit etwan vermeynen, daß dieß himmlisch Kleid leichtlicher zu malen seye als Sambt und Seid und gülden Spangenwerk! Fragt, wenn ihr eynen habt in eurer Bekanntschaft, der mit Pinsel und Farb handtieret, ob's nit vielmehr das schwierigst sey der gantzen Kunst, umb der Farb willen nit minder als von wegen der bös tückischen Anatomia, als welche voll eitel Fährlichkeit steckt und tausend Hinterlist. Für unseren Herrn Tizian aber war just das das rechte Fressen und nit mehr als freundliche Erlustierung. Hats halt gekunnt, der Herr aus Venedig. Stellte also Frau Kathrin das maisterlich Bild dem Herren König ans Bette, dem dazumalen das Wehtumb, daran er später hat sterben müssen, sonderlich grimme that, und war der arm König recht froh darob. Und liebte es, gar wie man eyn lebendig Wesen lieb hat, daß er nit eyn Augenblick seyn wollt ohn Herrn Adam und Frau Evan. Mußten, so lang er Athem hatte, an seym Bett stehn, und die Herren Kämmerling und schönen Weibsleut bei Hof, die auch gar gerne gewußt hätten, wie die Zwei herschauten, mußten sichs Maul wischen.

War aber doch eyn groß Wesen und Geredt umb das Bild im gantzen Schloß, dermaaßen, daß auch Frau Kathrins Kindlein, der klein Franz und die klein Gret, davon hörten (maaßen Kinder eyn gut Gehör haben, auch wo die alten vermeynen, sie höreten besser nit), und wollten justament Herrn Adam und Frau Evan sehn. Tormentierten drumb ihr gut und zärtlich Frau, gar sehr mitt »Bitt gar schön« und »Sei doch lieb« und »Mammele« hin und »Mammele« her und »Warum denn nit?« und »Was ist denn dran?« und, kurz und gut, Frau Kathrin wußt' sich gar nimmer zu retten vor denen Plappergoschen, bis daß sie die Kindlein an die Hand nahm und zum Herrn König führte. (Hätt's freilich doch nit than, wenn sie nit gar wohl inne gewesen wär, daß der königlich Herr Großvater das klein Enkelgesind gar gerne zuweil umb sich hatte, ohngeachtet es nit so stille war, wie Herr Adam und Frau Eva.)

Und sprach Frau Kathrin zu ihren Kindlein, indeme sie die zwei Ausbünd vor Herrn Tizians bunte Lainwand stellte: »Da, ihr Neugier miteinand! Habt Herrn Adam und Frau Evan schlechterdings sehen gewöllt, – wohl, so sehet sie auch recht an!«

Das junge Blut stund still vor lauter Gestaun und that Herrn Tizian rechte Ehre an mit gar andächtigen, aber munteren Blicken, indeß Frau Kathrin sich zu dem Könige ans Bette setzte, den es recht lieblich dünkte, zu sehn, wie die Kindlein sich nit rühreten und regten und schier stumm wurden vor dem Geleucht der Farben des venedischen Meisters.

Da vernahmen sie ein Gewisper. Der klein Franz wars, der seinem Schwesterlein, recht als es der Knaben Art ist, einen Puff gab und sprach: »Du, Gret, sag: wer von den Zweyen ist denn der Herr Adam?«

Das Gretlein aber, nit faul, antwortete flugs: »Wie kann ich das denn sehn, du Dummrian, wo doch keins Kleider anhat von dene zwey?«

Diese Antwort freute den armen kranken König baß, daß er seine Krankheit eine Weile nimmer Acht hatte, und auch Frau Kathrin entzückte sich drob in ihrem mütterlichen Hertzen gar sehr, daß sie hinging und ihr Mäglein recht aus dem Grunde küßte. Aber der Bub ging auch nit leer aus.

Dann aber lief Frau Kathrin gar eilig in ihr Schreibgestühl und vermeldete gen Florenz die Schnabelweisheit der kleinen Margret dem andern Herrn Großvatern. Gott lohn der guten Frau Kathrin das glücklich Mutterbrieflein heut noch! Denn, wie hätt ich euch dies wahre Märlein berichten können, lägs nit zu Florenz bei anderen Documentpapieren (die aber beileib nit all so lustig und Aufsehens wert seynd!) im Archivio?

Nimmt mich wunders, daß noch keyn Historiographus sichs hat beifallen lassen, es ans Licht zu stellen. Seynd doch sonsten hurtig hinter jedem Quarck her, so er nur alt und schimmlig ist. Aber ich kenn die Knasterbärt' wohl: Deucht ihnen zu gering, was nit aus bärtigem Maul kommbt. Seynd Leimsieder, – mit Verlaub zu sagen. Darumb solls hier stehn unter denen guten alten Schwänk, als ein zwar unscheinbar Blümlein und nit gar so bunt wie die andern, ohngeachtet es auch nit gar eyn Schwänklein eigentlichen ist. Stimmt aber doch zur Grundlehr aller pantagruelischen Weisheit. Denn, und das frag ich euch itzt ernsthaffte: Wie wollt ihr so hold und sinnreich Geschwätz aus Kindsschnäbeln vernehmen, wenn ihr nit allzeit munter und fleißig seid, Kinder zu machen?

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