Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Honoré de Balzac: Honor - Wie der Seneschall mit der Jungfernschaft seiner Frau zu kämpfen hatte
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie tolldreisten Geschichten
titleWie der Seneschall mit der Jungfernschaft seiner Frau zu kämpfen hatte
year1977
translatorOskar Weitzmann
pages47-55
publisherOpera Verlag Taunusstein
created19990428
senderhille@abc.de
Schließen

Navigation:

Honoré de Balzac

Wie der Seneschall mit der Jungfernschaft seiner Frau zu kämpfen hatte

In den ersten Tagen seiner Ehezeit erfand der Seneschall gehörige Lügenbeuteleien für seine Frau, wobei er ihre so einnehmende Unschuld arg mißbrauchte. Zum ersten fand er in seinen Obliegenheiten als Gerichtsherr triftige Gründe, um sie mitunter allein zu lassen. Weiter unterhielt er sie mit ländlichen Lustbarkeiten. Er begleitete sie zur Weinlese nach Voubray auf seine Güter und suchte sie durch tausend abgeschmackte Redensarten hinzuhalten.

Bald erklärte er ihr, daß es unter edlen Herrschaften nicht ebenso zuginge wie bei kleinen Leuten, und daß die Kinder der Grafen, wie gelehrte Astrologen abgeleitet hätten, nur bei gewissen Zusammenstellungen der Gestirne gezeugt würden. Bald gab er an, daß man das Kinderzeugen an den Festtagen unterlassen müßte, weil es eine schwere Arbeit sei, und hielt die Feiertage ein, wie ein Mann, der unstreitig ins Paradies kommen wollte. Im übrigen gab er vor, daß die Kinder von solchen Eltern, welche Gottes Gnade nicht gewärtig seien, und am Tage der heiligen Klara gezeugt wären, blind würden, die am heiligen Genovevatage bekämen die Wassersucht, die vom Agnetentag würden räudig, und die vom St. Rochustage stürben an der Pest. Bald meinte er, die Februarkinder würden zu kalt, und die im März zu lebhaft, die Aprilkinder taugten ganz und gar nichts, die besten Kinder stammten aus dem Maienmond. Kurzum, er wollte, daß sein Kind so vollkommen würde, daß es Haare von zweierlei Farbe hatte, und dazu sei es nötig, daß alle erforderlichen Bedingungen dazu erfüllt würden. Ein anderes Mal klärte er Blanche dahin auf, daß es das Vorrecht des Mannes sei, nach seinem eigenen, freien Willen, seiner Frau ein Kind zu schenken, und daß sie sich ganz dem Belieben ihres Mannes anvertrauen müßte, wenn sie als tugendhafte Frau gelten wollte. Und endlich müsse man die Rückkehr der guten Frau von Azay abwarten, damit sie ihr bei ihrer Niederkunft beistehen könnte. Blanche zog aus alledem die Folgerung, daß der Seneschall ihrem Verlangen entgegenstand und vielleicht allen Grund dazu hatte, weil er alt war und wohl erfahren. Darum unterwarf sie sich und dachte nicht weiter als in aller Stille an ihr so heiß ersehntes Kind. Das will sagen, sie dachte allezeit daran, wie eine Frau, die einmal einen Wunsch im Kopfe hat. Doch sie ahnte nicht, daß sie damit etwas Unzüchtiges und Gemeines tat und auf dem besten Wege zur Lüsternheit war. Da kam Bruyn eines Abends durch einen besonderen Zufall auf die Kinder zu sprechen, vor welcher Unterhaltung er sich sonst scheute, wie die Katze vor dem Wasser. Aber er hatte sich über einen jungen Burschen zu beklagen, den er am Morgen wegen schlimmen Vergehens bestraft hatte, und er sagte, daß dieser sicherlich von Eltern abstammte, die ihn mit etlichen Todsünden belastet hätten.

»Ach«, rief Blanche, »wenn Ihr mir nur einen geben wolltet, und wenn Ihr auch gar keine Absolution hättet, ich würde ihn schon so gut aufziehen, daß Ihr mit ihm zufrieden wäret.«

Da bemerkte der Graf, daß diese hitzige Vorstellung bei seinem Weibe fest saß, und daß es Zeit war, den Kampf gegen ihre Jungfernschaft aufzunehmen, um sich zum Herrn über sie zu machen, ihre Qual zu enden und ihren Starrsinn zu brechen, die Stute zu satteln und einzugewöhnen und zu beruhigen.

»Wie, meine Liebe, Ihr wollt Mutter werden?« fragte er sie. »Ihr kennt ja noch gar nicht alle Pflichten einer Edeldame und seid noch nicht daran gewöhnt, Schloßherrin zu sein.«

»Oho!« rief sie. »Um eine vollendete Gräfin zu sein und um einen kleinen Grafen in meinem Leibe zu tragen, soll ich als Edeldame auftreten? Das will ich tun, wie es sich gehört!«

Also schickte sich Blanche an, um ihrer Nachkommenschaft willen, auf Hirsche und Hindinnen zu jagen. Sie sprang über die Gräben und stürmte auf ihrem Zelter über Berg und Tal, durch Wald und Feld. Sie fand die größte Lust dabei, ihren Falken nachzublicken, wie sie emporstiegen, wenn sie ihnen das Käppchen abgenommen hatte, und sie trug sie zierlich auf ihrer zarten Faust allezeit mit auf die Jagd. So hatte es der Seneschall haben wollen. Aber bei solcher Jagd wurde Blanche von einem Hunger befallen, wie eine Nonne, oder wie ein Prälat, das heißt, sie wollte sich austoben, und ihre Kräfte messen und ihren Hunger stillen, wenn sie nach der Heimkehr ihre Zähne wetzte. Unterdessen wurde sie auch gezwungen, die Legenden zu lesen, die auf ihren Wegen aufgezeichnet waren, und aus dem Tode das Liebesgeheimnis zu enträtseln, wie es bei den Vögeln und Tieren im Schwange war, und sie kam hinter das Geheimnis jener natürlichen Wissenschaft, wobei sich ihre Wangen färbten und ihre Lebensgeister stärker erregt wurden, und ihre kriegerische Natur wenig befriedigt und ihr Verlangen nur stärker aufgestachelt ward, so daß es um so mehr kicherte, bettelte und nach dem Schönsten verlangte. Der Seneschall hatte geglaubt, daß er die aufbegehrende Jungfernschaft seines Weibes entwaffnen könnte, wenn er sie im Freien sich austoben ließ. Aber seine Trügerei nahm eine schlimme Wendung, denn die unbekannte Liebe, die Blanche durch die Adern strömte und bei aller Abwehr nur noch größer geworden war, verlangte nach Spiel und Turnieren wie ein zum Ritter geschlagener Junker. Da sah der edle Ritter ein, daß er sich gröblich geirrt hatte, und daß er auf einem heißen Rost nicht gut gebettet lag. Er wußte sich keinen Rat mehr, was für ein Futter er dieser heißblütigen Tugend vorsetzen sollte, denn je mehr er sie mied, desto stärker bäumte sie sich auf. Bei diesem Kampfe mußte es einen Besiegten und einen Verwundeten geben, mit einer teuflischen Narbe, die er mit Gottes Hilfe bis nach seinem Hinscheiden von seinem Haupte fernzuhalten hoffte. Der arme Seneschall hatte bereits große Mühe, seiner Edeldame auf ihren Jagden zu folgen, ohne aus dem Sattel zu fallen. Er schwitzte übermäßig unter seinem Harnisch und brachte sich fast um sein Leben, während seine muntere Seneschallin dabei ihres Lebens erst froh ward. Zuweilen nach der Vesper begehrte sie zu tanzen. Durch solche Anstrengungen, an denen er notgedrungen teilnehmen mußte, wurde der gute Mann in seinen dicken Gewändern fast zu Tode gehetzt, wenn er ihr die Hand reichte, daß sie den Tanz der Maurin nachahmte, oder wenn er ihr die brennende Fackel hielt, sobald sie Lust bekam, den Leuchterreigen zu tanzen. Und trotz seines Hüftwehes, seiner Gichtknoten und seines Reißens war er noch gezwungen, dabei zu lächeln und ihr etliche Schmeicheleien und Artigkeiten zu sagen nach all ihren Wendungen, ihrem Mummenschanz und ihren komischen Pantomimen, welche sie zu ihrem Ergötzen trieb. Aber er liebte sie so toll, daß sie ihn um ein Reichsbanner hätte bitten können, und er würde es ihr mit größtem Eifer herbeigeschleppt haben. Doch eines schönen Tages mußte er endlich erkennen, daß seine Lenden zu lahm waren, um noch den Kampf mit der frischen Natur seines Weibes aufzunehmen, und so demütigte er sich vor dieser herrlichen Jungfernschaft und beschloß, allem freien Lauf zu lassen, indes er ein wenig auf den guten Glauben und die verschämte Tugend seiner Blanche rechnete. Aber dabei schlief er allezeit nur mit einem Auge, denn er war sich darüber klar, daß Gott die Jungfernschaft dafür eingerichtet hat, daß man sie beseitigt, indem man sie wie die Rebhühner auf den Spieß steckt, um sie zu braten. An einem trüben Morgen, als ein Wetter war, an dem die Schnecken auf allen Wegen wanderten, mit einer schwermütigen Stimmung, die wie zum Träumen geschaffen war, saß Blanche allein in ihrem Gemach auf ihrem Sessel in tiefen Gedanken. Nichts erzeugt stärkere Gärungen von allen substantivischen Essenzen, und kein Rezept, kein Spezifikum oder Zaubertrank wirkt durchdringender, durchbohrender, kreißender und aufregender, als die feine Wärme, welche zwischen dem Polster eines Sessels entsteht und zwischen einer Jungfrau, die eine gewisse Zeit darauf sitzt. Und so wurde die Gräfin, ohne diese Ursache zu kennen, von ihrer Jungfernschaft belästigt, die ihr zu Kopfe stieg und sie im ganzen Leibe zwickte.

Da wollte ihr alter Mann, der sich schwer bedrückt fühlte, als er sie so schmachten sah, ihr die Gedanken verscheuchen, die sich zum erstenmal mit der Liebe außer der Ehe beschäftigten.

»Worum sorgt Ihr Euch, meine Liebe?« fragte er. »Um die Schmach.«

»Wer hat Euch etwas angetan?«

»Daß ich kein richtiges Weib bin, weil ich keine Kinder habe und Ihr keine Nachkommenschaft! Ist man ohne Kinder eine Edeldame? Nein doch! Seht Ihr? Alle meine Nachbarinnen haben welche, und ich habe mich doch vermählt, um welche zu bekommen und Ihr, um mir welche zu schenken. Die Ritter in der Touraine sind alle reichlich mit Kindern versehen. Ihre Frauen gebären sie ihnen herdenweise, Ihr allein habt kein einziges! Man wird schön über Euch lachen. Was soll denn aus Eurem Namen werden? Und aus Euren Lehnsgütern? Und aus Eurer Ritterschaft? Ein Kind gehört zu unserer natürlichen Gesellschaft. Man hat ja solche Freude daran, es anzuputzen und herzurichten, es einzuwickeln und an- und auszuziehen, mit ihm zu spaßen, es zu wiegen, herumzutragen, schlafen zu legen und zu füttern. Oh, ich wüßte wohl, und wenn ich nur ein halbes bekommen könnte, wie ich es küssen würde, hätscheln und streicheln, und sauber halten, mit ihm herumtollen und scherzen, den ganzen Tag, so wie es alle Mütter machen.«

»Habt Ihr nicht daran gedacht, daß Frauen dabei sterben, und daß Ihr noch viel zu zart und schmal dafür seid, als daß Ihr schon Mutter werden könntet?« erwiderte der Seneschall voller Bestürzung auf ihren Wortschwall. »Wollt Ihr Euch nicht ein Neugeborenes kaufen? Das wird Euch keinerlei Pein und keinerlei Schmerzen verursachen.«

»Ach«, rief sie, »ich will aber die Pein und die Schmerzen haben, sonst würde es doch nicht unser eigenes Kind sein. Ich weiß wohl, daß es aus mir herauskommen muß, denn man sagt doch in der Kirche, daß Jesus die Frucht aus dem Leibe der Jungfrau ist.«

»Also, dann wollen wir zu Gott beten, daß es so kommen möge!« rief der Seneschall. »Und wir wollen die heilige Jungfrau von Esgrignolles um ihre Fürsprache dazu anflehen. Viele Edeldamen haben nach der Neuntageandacht empfangen. Wir müssen an einer solchen teilnehmen!«

Noch am selben Tag brach Blanche zur Unserer Lieben Frau von Esgrignolles auf. Sie hatte sich wie eine Königin herausgeputzt und ritt auf ihrem schönen Zelter in einem Gewande von grünem Samt mit feinen Goldschnüren, und weit ausgeschnittenem Brustlatz und mit scharlachroten Ärmeln, und zierlichen Schuhen, und einer hohen Haube, die voll besetzt war mit Edelsteinen, und mit einem goldenen Gürtel, der ihre gertenschlanken Hüften zeigte. Diesen Aufputz wollte sie der heiligen Jungfrau darbringen, das gelobte sie ihr für den ersten Tag nach ihrem Kindbett. Der Junker von Montsoreau ritt vor ihr her, und seine Augen spähten umher, wie die eines Raubvogels. Er drängte die Volksrnenge zurück und wachte mit seinen Reitern über die Fahrlosigkeit des Weges. Vor Marmoustiers begann der Seneschall, welcher vor Hitze eingeschlafen war, denn es war ein heißer August, auf seinem Schlachtroß zu schwanken, wie ein Kronenreif auf dem Kopfe einer Kuh. Beim Anblick dieser kecken und hübschen Edeldame neben dem alten Klappergreis wandte sich ein Bauernmädchen, das auf einem Baumstumpf hockte und sich an einem Trunk Wasser labte, an eine zahnlose Bettlerin, die um ihren Hunger zu stillen, auf dem Felde Ähren las, ob diese Fürstin den Tod suchen ginge.

»Nein, nein!« tuschelte die Alte. »Das ist unsere Frau von La Roche-Corbon, die Seneschallin von Poictou und der Touraine, die sich ein Kind wünschen geht.«

»Haha«, rief die Dirne und kicherte wie eine Fliege, die man an den Füßen kitzelt, und zeigte auf den stattlichen Ritter, der an der Spitze des Zuges ritt.

»Wenn der da vorne sich mit ihr einläßt, dann kann sie sich ihr Wachs und ihre Gelübde ersparen.«

»Hoho, Kinder«, entgegnete die Bettlerin, »es nimmt mich wunder, warum sie zu Unserer Lieben Frau von Esgrignolles pilgert, weil die Priester dort nicht die schönsten sind. Sie hätte besser eine Spanne Zeit im Schatten des Kirchturms von Marmoustiers rasten sollen, da wäre sie bald fruchtbar, weil die ehrwürdigen Väter dort viel stattlicher sind.«

»Pfui, über die Mönche!« rief ein munteres Weib dazwischen. »Seht doch hin! der Junker von Montsoreau wäre feurig und artig genug, um seiner edlen Herrin das Herz zu öffnen, wenn es erst einmal gebrochen ist.«

Da fingen alle an zu lachen. Der Junker von Montsoreau wollte über sie herfallen und sie an einer Linde am Wege aufknüpfen, zur Strafe für ihr böses Geschwätz, aber Blanche rief lebhaft:

»Ach Herr, hängt sie noch nicht, wir wollen noch abwarten, was sie bei unserer Heimkehr schwatzen werden.«

Dabei wurde sie rot und der Junker von Montsoreau sah ihr tief in die Augen, als wollte er damit in ihrem Innern den zauberhaften Sinn für die Liebe erwecken. Aber durch das Geschwätz dieser Landleute war ihr Geist wach geworden und hatte sich ihr Verständnis erhellt. Ihre Jungfernschaft wurde davon wie Zunder, und es fehlte nur noch ein Wort, um sie zu entflammen.

Alsbald merkte Blanche die ansehnlichen und gründlichen Unterschiede zwischen den Eigenschaften ihres alten Mannes und der Vollkommenheit des edlen Gautier, der unter seinen dreiundzwanzig Jahren noch nicht zu leiden hatte, sich aufrecht wie ein Kegel im Sattel hielt, und noch so munter war, wie seit dem Läuten der Frühmesse, während dagegen der Seneschall schlief. Er zeigte frischen Mut und Gewandtheit, was seinem Herrn alles ermangelte. Er war einer von jenen sauberen Burschen, mit denen sich muntere Dirnen in der Nacht lieber zudecken als mit einer Haube, und vor denen sie weniger Angst haben als vor einem Floh. Es gibt Leute, die sie deswegen tadeln, aber man sollte niemanden schelten, denn jeder mag schlafen, wie er sich am liebsten betten mag.

Die Seneschallin dachte so viel und hartnäckig darüber nach, daß sie bei ihrer Ankunft an der Brücke von Tours ihren Gautier schon heimlich und inständig liebte, doch so wie eine Jungfer, die noch nicht ahnt, was eigentlich lieben heißt. Und überdies war sie eine gute Ehefrau und wünschte ihrem Nächsten nur Gutes, und daß es allen Menschen besser gehen möchte. Doch sie verfiel in die Krankheit der Liebe und geriet bei dem ersten Anfall in höchste Not, denn zwischen dem ersten Begehren und dem letzten Seufzer ist alles eine Liebesglut. Sie ahnte noch nicht, was ihr damals widerfuhr, wie durch die Augen eine feine Essenz eingeflößt werden kann, die in allen Adern des Leibes starke Abzehrung bewirkt, wie in allen Falten des Herzens, in den Nerven der Glieder, an den Wurzeln der Haare, an der Transpiration der Substanz, an der Masse des Gehirns, an den Poren der Haut, an den Krümmungen der Gedärme, in den Höhlungen des Bauches und an anderen Stellen, die bei ihr plötzlich sich blähten, fieberten, grimmten, sich bäumten und zuckten, als ob tausend Körbe voll Nadeln darinnen wären. Das war ein richtiges Verlangen einer Jungfrau, das ihr den Blick so verwirrte, daß sie ihren alten Mann gar nicht mehr sah, sondern immer nur den jungen Gautier, der von Leben strotzte, wie das glorreiche Kinn eines Abtes. Als der Junker in Tours einzog, ertönten laute Ah-Rufe aus der Menge. In aller Feierlichkeit trat er an der Spitze des Zuges in die Kirche Unserer Lieben Frau von Esgrignolles, die einstmals die Erhabene hieß, als ob man damit sagen wollte, daß sie die gnadenreichste war. Blanche ging in die Kapelle, wo man Gott und die Jungfrau um Kinder anflehen sollte, und zwar allein, wie es Brauch war, wogegen der Seneschall und seine Knappen, und die vielen Neugierigen vor dem Gitter zurückblieben. Als die Gräfin den Priester nahen sah, welchem die Sorge für die Kindermessen anvertraut war, und der die Gelübde dafür entgegennahm, fragte sie ihn, ob es viele kinderlose Frauen gäbe. Der Priester antwortete darauf, daß er nicht darüber zu klagen hätte, und daß die Kirche von diesen Kindern gute Einkünfte erzielte.

»Seht Ihr oftmals«, fragte Blanche, »so junge Frauen mit ebenso alten Gatten, wie mein Herr ist?«

»Selten«, meinte er.

»Haben diese auch Nachkommenschaft erhalten?«

»Immer!« entgegnete der Priester lächelnd.

»Und die anderen, die nicht so alte Gatten hatten?«

»Mitunter.«

»Oh!«, rief sie, »so gibt es also mehr Sicherheit bei einem wie dem Seneschall?«

»Gewiß«, erklärte der Priester.

»Weshalb denn?« fragte sie.

»Edle Herrin«, erwiderte der Priester würdevoll, »bis zu diesem Alter hängt es allein von Gottes Gnade ab und danach von den Menschen.«

Zu jener Zeit galten die Priester als die einzigen Verkünder der wahren Weisheit. Und so tat Blanche ihr Gelübde, welches überaus ansehnlich war; denn ihr ganzer Staat war gute zweitausend Goldgulden wert.

»Ihr seid recht munter aufgelegt!« meinte der Seneschall, als sie ihren Zelter auf dem Rückwege tänzeln, sich aufbäumen und in zierlicher Gangart laufen ließ.

»O ja«, sprach sie, »jetzt weiß ich, wie ich ein Kind bekommen werde, es müssen mir etliche dabei behilflich sein, hat der Priester gesagt, ich werde mir Gautier dazu nehmen.«

Der Seneschall wollte den Mönch auf der Stelle umbringen, aber er bedachte, daß dies ein Vergehen wäre, welches ihm zu teuer zu stehen käme, und so beschloß er, mit Hilfe des Bischofs seine Rache sorgfältig vorzubereiten. Und ehe man noch die Dächer von La Roche-Corbon erblicken konnte, hatte er dem Junker von Montsoreau geheißen, er solle ihm aus seiner Heimat eine Hand voll Schatten holen. Worauf sich der junge Gautier auf den Weg machte, weil er die Art seines Herrn kannte. Der Seneschall ließ, anstatt des besagten Gautier, dessen Dienst durch den Sohn des edlen Herrn von Jallanges versehen, der unter der Lehenshoheit von La Roche-Corbon stand. Das war ein Knabe mit Namen René, nahezu vierzehn Jahre alt. Er machte ihn zu seinem Knappen und wollte ihn später zu seinem Stallmeister ernennen. Den Befehl über seine Leute gab er einem struppigen alten Haudegen, mit dem er manchen Strauß in Palästina und an anderen Stätten zusammen ausgefochten hatte. Solchermaßen glaubte der kluge Mann, daß er den verzweigten Kopfschmuck einer Hahnreischaft von sich fern halten und sogar die aufbegehrende Jungfernschaft seines Weibes noch fesseln, zäumen und zügeln könnte, die sich so toll gebärdete wie ein Maultier, das sich in der Schlinge gefangen hat.

 << Die Gefahren übergroßer Tugend  Kinderschnabelweisheit >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.