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Honoré de Balzac: Honor - Die Predigt des fröhlichen Pfarrers von Meudon
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
translatorOtto Julius Bierbaum, Carl Theodor Ritter von Riba
titleDie Predigt des fröhlichen Pfarrers von Meudon
booktitleDie drolligen Geschichten des Herrn von Balzac
publisherWilhelm Borngräber
addressLeipzig
year1914
pages226-242
printrun50. Tausend
senderhille@abc.de
created20020609
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Honoré de Balzac

Die Predigt des fröhlichen Pfarrers von Meudon

In jenem Winter, da Meister Franz Rabelais den Gesetzen der Natur folgen und sein irdisches Wams, seinen Leib, abstreifen mußte, um für alle Ewigkeit in seinen so tiefsinnigen, glorreichen Schriften wieder aufzuerstehen, auf die man doch immer wieder zurückkommen muß – im selbigen Winter kam er auch zum letzten Male an den Hof König Heinrichs, des Zweiten seines Namens. Damals zählte der wackere Mann also seine geschlagenen siebenzig Lenze. Sein homerisch Haupt war wohl des Haarschmuckes entkleidet, aber dafür prangte sein Bart noch in voller Schöne, atmete sein stummes Lächeln noch immer den Duft des Frühlings, thronte noch immer die lichte Weisheit auf seiner breiten Stirn. Er war ein prächtiger Greis, das sagten alle, die das Glück gehabt hatten, sein Antlitz zu erschauen, darin die einstigen Feinde Sokrates und Aristophanes in inniger Eintracht sich zu gleicher Zeit abkonterfeit hatten. Als er also sein letztes Stündlein schlagen hörte, da beschloß er, den König von Frankreich nochmals zu begrüßen; denn selbiger war just in sein Schloß des-Tournelles eingezogen und da der wackere Alte bei den Gärten von Sankt-Paul wohnte, so hatte er nur einen Katzensprung bis dorthin. Im Gemache der Königin Katharina weilten damals gerade: Frau Diana, die sie voll kluger Berechnung bei sich empfing, der König, der Herr Konnetabel, die Kardinäle von Lothringen und von Bellay, die Herren von Guyse, der Herr von Birague und andere Italiener, die sich bereits unter dem Schutze der Königin bei Hofe vordrängten; der Admiral Montgomery, die Dienstmannen der verschiedenen Grade und einige Dichter, wie Melin von Saint-Gelays, Philibert von Orme und der Herre von Brantôme.

Als der König den Wackeren erblickte, den er ob seiner Späßlein so hochschätzte, da sprach er nach einigem Geplauder gar huldvoll lächelnd:

»Hast du eigentlich deinen Pfarrkindern zu Meudon jemals eine Predigt gehalten?«

Meister Rabelais vermeinte, der König wolle scherzen, maßen die einzigen Sorgen seiner Pfründe waren, daß die Einnahmen auch pünktlich zur Stelle kamen. Darum antwortete er:

»Sire, meine Pfarrkinder sind über die ganze Welt verstreut, und meinen Predigten lauscht die gesamte Christenheit.«

Und dann blickte er alle die Hofleute an, die ihn immer nur für einen gelehrten Possenreißer hielten, wo er doch der König der Geister war und mehr König als jener, dessen Höflinge nur die Macht seines Amtes verehrten. Und da überkam ihn der boshafte Wunsch, bevor er der Welt Ade sagte, erst noch einmal allen gar philosophisch auf den Kopf zu pinkeln, wie der gute Gargantua den Parisern vom Turme der Liebfrauenkirche herab die Köpfe wusch. Und so setzte er hinzu:

»Ihr seid heut guter Laune, Sire, und so kann ich Euch mit einer kleinen Predigt für den alltäglichen Gebrauch ausdienen, die ich mir unter dem Trommelfelle meines linken Ohres aufbewahrt habe, um sie bei passender Gelegenheit als Hof- und Antrittspredigt zum besten zu geben.«

»Meine Herren,« rief der König, »Meister Rabelais hat das Wort. Es geht um unser Seelenheil, also seid still und spitzt die Ohren: es wird gleich eine gute Ernte evangelischer Späßlein absetzen.«

»Ich werde also beginnen,« sprach der Edle. Und sogleich schwiegen die Hofleute und lauschten, im Kreise um ihn geschaart, den Worten, die der Vater Pantagruels mit seiner erhabenen Beredsamkeit dahinfluten ließ. Maßen aber diese Erzählung nicht wörtlich überliefert worden ist, so mag dem Autor verziehen sein, wenn er seine eigenen Worte wählt:

»Auf seine alten Tage trug Gargantua ein gar merkwürdiges Gebahren zur Schau. Darob waren die Leute im Hause zwar sehr verwundert aber sie verziehen es ihm, denn er war ja nun schon siebenhundertundvier Jahre alt, obgleich allerdings der heilige Clemens von Alexandrien in seinen ›Stromates‹ behauptet, es habe damals noch mindestens ein Viertel Tag daran gefehlt. Das braucht uns aber nicht zu scheren. Also dieser väterliche Mann ward inne, daß alles in seinem Hause drunter und drüber ging und jeder nur für sich sorgte. Darob befiel ihn die schwere Angst, er könne in seinen letzten Stunden von allem entblößt sein, und er beschloß, eine bessere Verwaltung seiner Güter auszudenken. Daran tat er gut. Denn in einem Gelasse des Hauses lagerte ein prächtiger Haufen roter Käse, zwanzig Töpfe Mostrich und allerlei Leckerbissen wie Schlehen und Halleberger aus dem Tourer Land, Weißbrote, Schweineschnitten, Käse von Olivet, Ziegenkäse und andere, wie man sie in Langeais und Loches so schätzt, Buttertröge, Hasenpasteten, gefüllte Enten, Schweinsfüße und Flußwild, gesalzen oder gedörrt, gepökelte Zunge und tausenderlei andere kaiserliche Schöpfungen der damaligen Kochkunst. Setzte da also der Wackere seine Brille auf die Nase oder klemmte die Nase in die Brille und suchte nach einem Drachen oder Einhorn, das ihm diese köstlichen Schätze hüten könne. So wandelte er in tiefen Gedanken durch den Garten; bald fiel ihm dies, bald jenes ein, aber er verwarf alles und war bereits ganz überzeugt, daß er all sein Gut verlieren müsse, als er auf seinem Wege ein zierliches, kleines Spitzmäuslein aus der edlen Rasse jener Spitzmäuse traf, die ein arzurblaues Feld voller roter Mäulchen im Schilde führen. Ei, der Schlag! Das war ein wunderfeines Männchen mit dem schönsten Schwänzlein, das seinesgleichen nur aufweisen konnte, erging sich in der Sonne, wie's einem braven Spitzmäuslein geziemt, das stolz ist, in dieser Welt seit der Sintflut zu gedeihen auf Grund der Gesetze, die im Weltenparlament ausgearbeitet und ihm als unantastbares Adelspatent ausgefertigt waren, wie ja auch in dem oecumenischen Schriftsatze ein Spitzmäuslein unter dem Bestande der Arche Noahs ausdrücklich aufgeführt ist.«

Hier lüftete Meister Alcofribas ein weniges sein Mützlein und sagte andachtsvoll:

»Noah, meine Herren, war's, der die Weinreben pflanzte und sich als erster am Wein berauschte. Sicherlich,« fuhr er fort, »war ein Spitzmäuslein in dem Schiffe, daraus wir alle entstammen, aber die Menschen sind vom Wege reiner Rassenzucht abgewichen. hingegen die Spitzmäuslein nicht, sintemalen die Spitzmäuslein über ihre Wappenehre eifersüchtiger wachen, denn alle anderen Tiere, und niemals eine große Feldmaus bei sich einließen, selbst wenn diese Maus die besondere Gabe besäße, Sandkörner in schöne, frische Haselnüsse zu verwandeln. Diese Edelmannestugend gefiel dem guten Gargantua gar wohl, und ihm fiel bei, diesem Feldmäuslein die Überwachung seines Speichers mit den weitesten Vollmachten zu übertragen. Das Feldmäuslein versprach auch seine Pflicht getreulich und seiner Abstammung würdig zu erfüllen unter der einzigen Bedingung, in dem Kornhaufen leben zu dürfen, und diese Bedingung schien dem guten Gargantua durchaus gerechtfertigt. Da hättet ihr mal mein Spitzmäuslein sehen sollen, wie es in seinem schönen Wamse Purzelbäume schlug und glücklich war wie ein Prinz, der glücklich ist; denn nun durfte es sich ja in dem weiten Lande des Senfes ergehen, im Zuckergebirge, in den Provinzen des Schinkens, den Herzogtümern derRosinen und allerlei Grafschaften, durfte auf die Kornhaufen klettern und überall mit seinem Schwänzlein herumschwänzeln. Kurz, das Spitzmäuslein wurde allenthalben mit großen Ehren aufgenommen: die Töpfe verharrten in ehrfurchtsvollem Schweigen, bis auf zwei güldene Humpen, die wie Kirchenglocken widereinanderwankten, und also gar fromme Töne hervorbrachten. Darüber war das Mäuschen sehr zufrieden und bedankte sich bei ihnen rechts und links durch Kopfnicken, derweile es in einem Sonnenstrahle einherwandelte, der sein Wams schimmern machte. Und die bräunliche Farbe seines Pelzes blinkte so licht, daß ihr hättet meinen können, ein König aus hohem Norden spaziere dort in seinem Zobelpelze. Nachdem es solchermaßen hin und wider geschritten war und zierliche Sprünge und Purzelbäume zum Besten gegeben hatte, knabberte es zwei Getreidekörner, setzte sich auf den Kornhaufen wie ein König inmitten feines Hofes und dünkte sich das tüchtigste Feldmäuslein der Welt zu sein. In diesem Augenblick kamen die Herren des nächtlichen Hofgetriebes aus ihren heimischen Löchern hervor und trippelten über die Dielen mit kleinen Pfötchen; das sind nämlich die Ratten und Mäuse und all dies verfressene, diebische, nichtsnutzige Gesindel, über das Bürgersleute wie Hausfrauen klagen. Kaum erblickten sie das Feldmäuslein, da ergriff sie bange Furcht, und sie blieben still auf der Schwelle ihrer Hütte. Unter den kleinen Köpfen drängte sich trotz der Gefahr ein alter Taugenichts vor, aus der Rasse der trippelnden grauen Hausmäuse. Der steckte seine Schnauze zum Fenster hinaus und hatte den Mut, Freund Feldmaus zu betrachten, der gar stolz mit erhobenem Schwanz auf seinem Hinterquartier saß. Und der Alte ward alsbald inne, daß er da mit einem verteufelten Kerl zu tun haben würde, bei dem man sich nur Krallenhiebe holen konnte.

Das aber kam so. Der gute Gargantua wollte doch, daß seines Stellvertreters Autorität in ihrem vollen Umfange, von allen Spitzmäusen, Katzen, Wieseln, Mäusen, Ratten und sonstigen Übeltätern aus gleichem Teige anerkannt würde. Und deshalb hatte er ihm sein spitzes Schnäuzlein in ein Moschusöl getaucht, davon die Spitzmäuslein später einiges geerbt haben, sintemalen jener trotz Gargantuas weisen Ratschlägen sich an anderen Genossen gerieben hat. Daher entstanden dann jene Unruhen unter den Spitzmäusen, davon ich euch gar erbauliches erzählen könnte, wenn es mir nicht an Zeit gebräche. Also eine alte Maus oder Ratte, die alten Talmudisten sind sich noch nicht ganz einig, was es eigentlich für eine Sorte war, erschnupperte gleich an diesem Duft, daß jenes Spitzmäuslein über das Korn Gargantuas wachen sollte, und mit genügender Macht und reichlichem Gewaffen ausgestattet war. Aber die Maus war schlau wie ein alter Höfling, der schon zwei Regentschaften und drei Könige miterlebt hat, und beschloß die Gedanken des Spitzmäusleins zu sondieren und zum Wohle aller dieser Kinnladen Ergebenheit zu heucheln. Das wäre für einen Mann schon eine schöne Leistung gewesen, aber sie war hier noch viel größer in Anbetracht der Selbstsucht all dieser Mäuse, die keine Scham kennen, wenn sie unter sich sind. So näherte sich die Maus mit anmutigen Verbeugungen und das Spitzmäuslein ließ ihn auch näher kommen, denn die Spitzmäuse sind von Natur, das sei hier gesagt, etwas kurzsichtig. Und der Curtius der Hausmäuse hub alsbald an und sprach – nicht in seinem Mäuseplatt, sondern in schönstem Spitzmaus-Toskanisch:

Viel schon vernahm ich, hoher Herr, von Eurer erlauchten Familie, und so seid versichert, daß ich Euer ergebenster Diener bin, und Eure ganze Ahnengeschichte am Schnürchen weiß. Aber Euer so wundervoll pelzverbrämtes Gewand ist so wahrhaft königlich umduftet, daß ich im Zweifel war, ob Ihr wirklich zu dieser Rasse gehört denn nie sah ich noch ein so prächtiges Gewand. Auf Eurer Schnauze tront lichte Weisheit Ihr habt dreingehauen wie eine echte, rechte Spitzmaus. Aber, wenn Ihr eine richtige Spitzmaus seid, dann müßtet Ihr, ich weiß nicht, wo an Euerem Ohr, ich weiß nicht, was für ein überhellhöriges Gänglein mit einem, ich weiß nicht, was für einem Türlein haben, das sich, ich weiß nicht, wie wundersam in, ich weiß nicht, welchen Augenblicken, auf Euern Befehl schließt, um Euch, ich weiß nicht, wie zu ermöglichen, daß Ihr nicht, ich weiß nicht, was für Dinge, hört, die Euch nicht behagen könnten, maßen die Vollkommenheit Eures allerheiligsten, stets gespitzten Ohres Euch erlaubt, alles zu hören, und Euch das oftmals schmerzen könnte.‹

›Ganz recht,‹ meinte das Spitzmäuslein. ›Jetzt ist die Tür zu und ich höre nichts.‹

›Wir wollen sehen,‹ meinte der pfiffe Alte.

Er kroch mitten in den Kornhaufen hinein und begann für seinen Wintervorrat einzuladen.

›Hört Ihr was?‹ fragte er.

›Ich höre nur das Pochen meines Herzens. . .‹

›Quiek!‹ machten alle Mäuslein. ›Wir werden ihn schon hineinlegen.‹

Spitzmaus glaubte, einen guten Diener erhascht zu haben, öffnete die Falltür zu seinen Gehörgängen und hörte das Korn in das Loch hinabprasseln. So wartete er nicht lange auf Büttel und Gerichtsdiener, sprang mit einem Satz auf die alte Maus und brach ihr glatt das Genick. Welch glorreicher Tod! Denn der Held starb auf dem Kornboden und ward als Märtyrer kanonisiert. Spitzmaus aber nahm ihn beim Ohr und warf ihn durch die Speichertür, wie so etwa in der ottomanischen Pforte Brauch ist. Bei dem Todesschrei stürzten alle Mäuse und ihre Kumpane voll bleichen Schreckens in die Löcher. Als dann die Nacht kam, versammelten sie sich alle im Keller, um Beratung abzuhalten wobei auch die Gemahlinnen teilnahmen. Alle setzten sich mit erhobenem Schwanz, vorgestrecktem Schnäuzchen, wippendem Schnurrbart und blitzenden Äuglein auf ihr Hinterviertel, und nun begann eine große Beratung, die mit viel Geschimpf und Krach endete, just wie auf einem Konzil der Kirchenväter. Die einen sagten nein, die ändern ja; eine Katze, die vorbeischlich, bekam Angst und schoß davon, denn sie hörte gar seltene Geräusche wie: Buh, buh! fruh, fruh! uh, uh! uik, uik! briff, briffnak, nak, nak! fuix, fuix! trr, trr, trr, trr! razza za za zaaa! brr, brrr! raaa! ra ra ra ra! fuix! In diesen Sturm hinein geriet ein kleines Mäuschen, das noch nicht in dem Alter stand, wo Mäuse im Parlament Zulaß finden. Es hatte ein feines, zartes Fell und wollte sein neugieriges Schnäuzlein nur so ein ganz klein bischen durch eine Ritze hindurchstecken. Aber je ärger der Krach wurde, um so mehr folgte der Körper dem Schnäuzlein, und plötzlich fiel das Kleinchen auf einen Eisenring, an dem es sich sehr gewandt festklammerte. Eben hob da eine alte Ratte die Augen zum Himmel empor, um dorther eine Rettung für des Staates Wohl zu erflehen, als ihr Blick auf das ziere Dingelchen fiel, das dort voller Anmut hing. Sofort erklärte er, dies Mägdelein wäre die Rettung, und schon hoben sich alle Schnauzen zu ihr hin und schnell war man einig, daß man sie auf das Spitzmäuslein loslassen müsse. Zwar waren einige Dämchen eifersüchtig. Aber sie wurde doch im Triumph herbeigeholt, und wie sie nun so zierlich dahertrippelte, mit ihrem Hinterviertel schwänzelte, ihr Köpflein wiegte und mit der kleinen, rosigen Zunge die Lippen und das sprossende Bärtlein leckte, da wurden die alten Ratten ganz verliebt in sie und stimmten ein wahres Freudengeheul an. Also dies Jüngferlein wurde in den Speicher geschickt mit dem Auftrage, das Herz des Spitzmäusleins anzugeilen und so alle zu retten. Das versprach sie auch, denn zufällig war sie die Königin der Mäuse. ein wahres Zuckerpüppchen, so zier und lustig, gar wollüstig anzuschaun mit seinen rosa Pfötchen und dem seidigen Schwänzlein, ein gar wohlgeborenes Mäuslein mit weißem Bauch und kleinen Brüstelein, die wie ein Hauch so zart angedeutet waren – ein königlicher Bissen!

Dies Mäuslein also machte keine langen Umstände, sondern lief gleich bei der ersten Vesperstunde geradeswegs auf Spitzmäuslein zu und bezauberte ihn für immer durch sein hurtiges, verlockendes, entzückendes, lüsternes, gewandtes, reizvolles und schmeichlerisches Gebahren. Bald hatte denn auch durch Hüpfen und Springen, Schwänzeln und Schnauzenreiben, Zärtlichkeiten Seufzen und Gastereien im Kornhaufen und sonstwo der Herr Oberintendant seiner Angebeteten Gewissensbisse überwunden und so gefielen sie sich schnell in dieser blutschänderischen und ungesetzlichen Liebe. Das Mäuslein hatte Spitzmaus unter dem Pantoffel, und so ward sie die Königin über alles – wollte Käse mit Senf, Zuckerzeug und alle Leckerbissen kosten. Zwar entrüstete sich Spitzmaus ein weniges über diesen Verrat an seinen Pflichten und Gelöbnissen. Aber sein Herz lag in Banden, und so gab er doch die Erlaubnis. Kurz, das kleine Ding verfolgte seine Ziele mit der ganzen Hartnäckigkeit einer Frau; und als sie eines Nachts sich verlustierte, da gedachte sie ihres alten wackeren Vaters und wollte, daß der auch am Korne mitfuttern durfte. So suchte sie zu erreichen, daß Spitzmaus ihm erlaubte, zu jeder beliebigen Zeit ohne besondere Aufsicht seinen Wanst zu füllen und er bekam ein Patent mit Brief und Siegel, das ihm ermächtigte, seine tugendsame Tochter zu jeder beliebigen Zeit im Palaste zu besuchen, sie auf die Stirn zu küssen und in einer stillen Ecke seinen Hunger zu stillen. Dann trat ein Greis mit weißem Schwanze an, eine gar ehrwürdige Ratte mit wackelndem Kopfe und fünfzehn bis zwanzig Neffen hinter sich, die alle Spitzmaus erklärten, sie seien ihm als Verwandte getreulich ergeben und wollten das Nachzählen, Ordnen, Etikettieren und so weiter übernehmen, damit er gute Abrechnung ablegen könne, wenn Gargantua zur Besichtigung käme. Das sah ganz wahrscheinlich aus. Aber er wurde doch von seinem Gewissen arg gezwickt und litt moralische Qualen. Als nun das Mäuslein sah, wie er sorgenbeschwert herumlief, da fiel ihr, die bereits dank seiner Fürsorge trächtig war, mitten im schönsten Schäkern bei, ihn durch eine weisheitstriefende Darlegung zu beruhigen und seine Sorgen zu zerstreuen. So ließ sie die Weisen ihrer Rasse rufen. Kaum war es Tag, so führte sie ihm einen feisten Knaben vor, der aus einem Käse kroch, darinnen er gar enthaltsam lebte, ein wohlbeleibter Herr von gesundem Aussehen, in einem schönen, schwarzen Gewand, und am Scheitel mit einer kleinen Tonsur geschmückt, daran einer Katze Kralle schuld war. Der war gar gewichtig, hatte alle Schriften und Pergamente der verschiedenen Wissenschaften verschlungen, ward von allen hoch in Ehren gehalten ob seiner Weisheit und Tugend, und hatte deshalb eine ganze Schar schwarzer Ratten als Gefolge, die eine gleiche Anzahl weiblicher Gefährten mitbrachten, sintemalen die Bestimmungen des Konzils noch nicht durchgeführt waren. Als alle Platz genommen hatten, hielt der alte Rattenkardinal eine Rede mit viel Mäuselatein dazwischen und wies darin Spitzmaus nach, daß niemand über ihn stünde denn Gott allein; nur dem schulde er Gehorsam. Und drum herum pries er Spitzmaus mit rühmenden und schmeichelhaften Worten. davon der Speicherwächter ganz geblendet wurde.

Wirklich war ihm der Kopf schon derart verdreht, daß er sich die Schönschwätzer auf den Hals lud, und fortan sangen sie Tag und Nacht Loblieder auf ihn, aber auch auf seine Huldin, der ein jeglicher die Pfote schleckte und das schmucke Hinterteil beschnupperte. Aber die Gute erfuhr, daß es noch junge Ratten gab, die fasten mußten, und so beschloß sie, ihr Werk zu Ende zu führen. Darum ließ sie ihr Mäulchen spazieren gehen, stieß liebevolle Klagelaute aus und schmollte so gar zierlich daß jede Tierseele darob zu Grunde gegangen wäre; und sie sagte zur Spitzmaus, er vertrödele ihre kostbaren Liebesstunden, um über seine Sachen zu wachen; immerzu sei er unterwegs, und sie hätte gar nichts von ihm. Und vor Gram riß sie sich ein graues Härlein aus, rief: sie sei das unglücklichste Mäuslein auf der ganzen Welt, und schluchzte herzzerbrechend. Und ihr Tränenstrom brachte alle seine Vorstellungen zum Schweigen, und sie setzte ihren Willen durch. Gleich waren alle Tränen getrocknet; er durfte ihr Pfötlein küssen, und sie riet ihm, sich mit einem Haufen Soldaten zu wappnen: sie wisse da tüchtige, wohlerprobte Ratten, die für ihn die Wache übernehmen würden. Und alles wurde nach ihren weisen Ratschlägen geordnet. Spitzmaus konnte nun den ganzen Tag tanzen, spielen, scherzen, die Lieder seiner Hausdichter mitanhören, sich verlustieren, prassen und schlemmen. Wenn er sich morgens vom Lager erhob, dann hatte er gar manchen schönen Sieg errungen (ich weiß nicht, wie man die Liebeswissenschaft bei dieser Rasse näher bezeichnet), konnte Feste geben, die ihresgleichen nicht hatten, und die Ratten ließen es sich in allen Ecken wohl sein. Sie hatten die Töpfe aufgebrochen die Vorräte angegriffen immer neues entdeckt: alles lief, floß, pinkelte, rollte, und die kleinen Ratten patschten in Bächen von grüner Brühe herum. Die Mäuse schwammen im Zucker, die Alten delekierten sich an den Pasteten, auf Pökelzungen ritten Wiesel herum, und die ganz Gerissenen schafften das Korn in besondere Speicher-Löcher und benutzten die lärmenden Feste, um sich mit Vorrat reichlich zu versehen. Kurz, wer ein feines Ohr besaß, der konnte das Rascheln, Trippeln, Rumoren, Knuspern, Wispern und Piepsen dieses geschästigen Gelages vernehmen, und alle lebten in einem wahren Freudenrausche. Aber da ertönten plötzlich die dräuenden Schritte Gargantuas, der die Stiege emporstampfte, um seinen Speicher zu besichtigen, und die Dielen und alles erzitterte unter seinen Füßen. Einige alte Ratten wurden zwar unruhig aber da keiner mehr wußte, was eines Hausherrn Schritt eigentlich ist, so waren nur wenige entsetzt und machten sich davon. Daran taten sie gut, denn der Herr trat plötzlich ein; und als er das Getümmel der Herrn Ratten, die angebrochenen Töpfe, den verspritzten Mostrich und die Vorräte besudelt herumliegen sah, da setzte er seinen Fuß darauf und die ganze ausgelassene Brut war zertreten, ehe sie noch Piep sagen konnte. Und so verdarb er ihren Putz und Schmuck und bereitete dem Fest ein jähes Ende.«

»Und was wurde mit Spitzmaus?« fragte der König und riß sich aus tiefem Sinnen.

»Ach, Sire,« sprach Rabelais, »bei ihm konnte man den Undank derer vom Stamme Gargantua erleben. Er ward zu Tode gebracht; aber da er edler Abkunft war, so wurde ihm der Kopf abgehauen. Das war nicht recht, denn er war nur der Betrogene.«

»Du gehst sehr weit, mein Lieber,« drohte der König.

»Nein Sire – sehr hoch! Habt Ihr nicht über die Krone den Kirchenstuhl gesetzt? Ihr habt mich aufgefordert, eine Predigt zu halten: ich habe meine Aufgabe gar evangelisch gelöst.«

»Schöner Hofprediger,« flüsterte ihm Frau Diana ins Ohr, »he, wie wäre Euch, wenn ich bösartig wäre?«

»Edle Frau,« entgegnete Rabelais, »ist es etwa nicht von Nöten, den König, Euern Herrn und Meister, vor den Italienern der Königin zu warnen, die wie Pilze aus der Erde schießen?«

»Armer Prediger,« flüsterte ihm der Kardinal Odet ins Ohr, »entwischt in ein fremdes Land!«

»Ach, Hochwürden,« entgegnete Rabelais, »in kurzer Zeit werde ich weit, weit von hier sein.«

»Wackerer Mann,« flüsterte ihm der Kardinal Karl von Lothringen ins Ohr, »wenn du einige Gülden brauchst, um dein fünffach Buch von Pantagruel zu Tage zu fördern, so sollen sie dir aus meiner Kasse bezahlt werden, denn du hast dieser alten Vettel gut die Meinung gesagt, die den König behext hat. Und ihrer Meute auch!«

»Nun also, meine Herren, «fragte der König, »was dünkt Euch von dieser Predigt?«

»Sire!« rief Mellin von Saint-Gelais, der merkte, daß alle befriedigt waren, »nie hörte ich eine trefflichere Pantagruels-Prophezeihung!«

Alle Höflinge klatschten Beifall, und alle priesen Rabelais, der sich zurückzog und von den Pagen unter vielen Ehren auf besondere Anweisung des Königs mit flammenden Fackeln hinausgeleitet wurde.

Es gibt Leute, die Franz Rabelais, diesen königlichen Ehrenschild unseres Landes, der Bosheit und arger Verläumdung verdächtigt haben. Ab er sie sind dieses Homers unter den Philosophen, dieses Fürsten der Weisheit, dieses väterlichen Mittelpunktes, daraus so viele wundersame Werke seit dem Aufleuchten seines Sonnenlichtes entsprungen sind, unwürdig. Pfui über die, so sein göttlich Haupt zu besudeln suchten. Alle, die seine weise und maßvolle Nahrung verschmäht haben, werden ihr Leben lang nur Sand zu beißen bekommen!

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