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Honoré de Balzac: Honor - Standhafte Liebe
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie drolligen Geschichten
authorBalzac
translatorOtto Julius Bierbaum/ Theodor von Riba
publisherBorngräber
printrun50. Tausend
year1912
pages73-89
senderhille@abc.de
created20020606
titleStandhafte Liebe
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Honoré de Balzac

Standhafte Liebe

Um den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts begab sich in Paris ein Liebesabenteuer, das die ganze Stadt und auch den königlichen Hof in Erregung versetzte. Der Held der Geschichte hieß gemeinhin nach seiner Heimatsstadt ›der Tourländer‹, sein richtiger Name aber war Anselm. Dem Chronisten zufolge ist er als Greis in seine Geburtsstadt zurückgekehrt und wurde dort Bürgermeister; aber in Paris betrieb er das edle Gewerbe eines Goldschmiedes, war ob seiner Kunst und Ehrlichkeit gleich berühmt, wurde Ehrenbürger von Paris und Gefolgsmann des Königs und besaß ein selbsterbautes zinsfreies Haus. Obgleich er von Gesundheit strotzte, führte er das Leben eines Heiligen, wohl weil er als bettelarmer Schlucker in die Stadt gekommen war und mit eiserner Geduld arbeitete; so hatte er gar wertvolle Geheimnisse seiner Kunst enträtselt, und wenn ihn einmal ein phantastisches Begehren überkam und der Teufel ihn peinigte und versuchte, dann warf er sich flugs wieder auf die Arbeit und bannte durch kunstvolle Schöpfungen seiner gewandten Hände die lüsternen Gedankenverirrungen. War im übrigen ein riesenstarker Kerl mit einem Gesicht wie ein Löwe und flammenden Augen, dabei aber so sanft im Reden wie eine Frau — vor der Hochzeit. Und da in Paris die Jungfräulein den Burschen ebensowenig ins Bett regnen wie einem gebratene Tauben in den Mund fliegen, selbst wenn der fragliche Junggesell königlicher Goldschmied ist, so wäre Anselmus womöglich trotz mancher zärtlicher Träume und Hoffnungen am Ende aus dieser Welt geschieden, ohne überhaupt zu wissen, was Liebe ist, wenn sich Gott nicht seiner erbarmt hätte.

Als nämlich unser Goldschmied in seinem einundvierzigsten Jahre stand, da begegnete es ihm, daß er eines Sonntags am linken Ufer der Seine lustwandelte und in Heiratsgedanken versunken unversehens auf die ›Pfaffenwiese‹ der Abtei von Saint-Germain geriet. Und wie er so einherschritt, gewahrte er ein armes Mägdelein, das dem stattlichen Mann ein achtungsvolles »Grüß Gott, edler Herr« zurief. Aber ihre Stimme klang so holdselig, daß sich des Goldschmieds Ohr daran entzückte und er sich vom Fleck weg in sie verliebte. Und da er sich ja mit Heiratsgedanken trug, so war das nur zu begreiflich. Immerhin war er an ihr vorbeigegangen und wagte nun in seiner Schüchternheit nicht zurückzugehen, just wie ein Jungfräulein, das lieber in seinen Röcken stirbt, als daß es diese aufhebt um sich Freuden zu schaffen. Schon war er gut einen Bogenschuß von ihr weg, da sagte er sich: ein Goldschmied, der schon seit zehn Jahren Meister und doppelt so alt ist wie ein Hund, könnte sich doch eigentlich ruhig eine Frau anschauen, wenn er Lust hat. Und so setzten ihm seine Gedanken zu, bis er richtig umdrehte, als wollte er heimkehren, und auf das Mädel zuging, das an einem alten Strick eine magere Kuh führte, derweile diese an dem Grase des Straßengrabens weidete.

»Nun, Kleinchen,« sagte er zu ihr, »du scheinst recht jämmerlich daran zu sein, wenn du selbst am Sonntage arbeitest. Fürchtest du keine Strafe?«

»Ach, edler Herr,« entgegnete sie mit niedergeschlagenen Augen, »das brauche ich nicht zu fürchten, denn ich gehöre zur Abtei und habe Erlaubnis, die Kuh nach der Vesperstunde auf die Weide zu führen; und das Tier bedeutet doch gleichsam die Hälfte unseres armen Lebens.«

»Ich begreife doch nicht, daß du so arm und verlumpt einherlaufen mußt, wo du an Schätzen so reich bist, wie man in den Domänen der Abtei nicht leicht ähnliche auftreiben dürfte. Die Bürger der Stadt sollten doch wie närrisch hinter dir her sein!«

»Keineswegs edler Herr; ich gehöre ja der Abtei,« sagte sie und wies auf ein Armband an ihrem linken Arme, ein Ding, so wie es das Vieh auf der Weide trägt, nur ohne Glocke. Und dann warf sie ihm einen so kläglichen Blick zu, daß er davon tief erschüttert wurde.

»Was bedeutet das denn?« fragte er, denn er wollte nun genau Bescheid wissen; und dabei tippte er auf das Armband, darein das Wappen der Abtei geprägt war.

»Edler Herr, ich bin die Tochter eines Leibeignen, und wer mich heiratet, würde ebenfalls Höriger werden und der Abtei mit Leib und Eigen angehören, selbst wenn er Bürger von Paris wäre. Wäre ich ihm ohne Ehe in Liebe ergeben, dann würden die Kinder der Abtei gehören. Und darum bin ich verlassener denn das Vieh auf der Weide. Aber das schlimmste ist, daß der Herr Abt mich, wann er Lust hat, mit einem Leibeignen zusammentun kann.« Damit zog sie an dem Strick, damit die Kuh mit weiterginge.

»Wie alt bist du?« fragte der Goldschmied.

»Ich weiß nicht; der Herr Abt hat es aufgeschrieben.«

Solches Elend ging dem guten Manne arg zu Herzen. Gleichen Schrittes ging er neben dem Mädel her und bewunderte dabei ihre schöne Stirn, ihre schmucken Arme, die königliche Gestalt, die bestaubten aber wohlgebildeten Füße und auch die runde Brust, die von einem schlechten Tuch schamhaft verhüllt war; diese aber wie ein Schulbub, der nach des Nachbars saftigen Äpfeln schielt. Kurz, das Mädel war ein Prachtexemplar wie eben alles, was die Mönche besitzen. Und je strenger dem Goldschmiede diese köstliche Frucht verboten war, um so mehr lief ihm danach das Wasser im Munde zusammen, und das Herz schlug ihm bis zum Halse.

»Du hast eine schöne Kuh,« meinte er endlich.

»Wollt Ihr Milch? Es ist heute so heiß und die Stadt ist weit.« Ihr offenherziges Anerbieten und die anmutsvolle Bescheidenheit schnitten dem Goldschmied ins Herz, da er doch gern das Mägdelein mit königlicher Pracht überhäuft, ganz Paris ihr zu Füßen gelegt hätte. Und er rief:

»Nein, nein, Kleinchen, nicht nach Milch: nach dir dürstet mich und ich hätte dich gern losgekauft.«

»Das geht nicht. Ich muß in Leibeigenschaft sterben, so wie meine Vorfahren darin starben und meine Kinder es tun werden; denn der Abt läßt uns nicht ohne Kinder altern.«

»Und hast du nie bedacht, mit einem Liebsten auf flinkem Roß in ein ander Land zu fliehen?«

»Wohl, edler Herr! Aber wenn man uns finge, dann würde ich besten Falles aufgeknüpft, und mein Liebster, falls er ein hoher Herr ist, müßte seine ganze Habe daran geben, und das bin ich nicht wert. Die Abtei hat einen zu langen Arm, als daß ich je entlaufen könnte, und so bleibe ich fügsam, wo mich Gott hingesetzt hat.«

»Wie heißest du?«

»Einen Eigennamen hab ich nicht. Mein Vater, der im Weinberg arbeitet, heißt Stephan, meine Mutter, die in der Abtei wäscht, Steffi, und ich bin Steffchen, zu dienen.«

»Du holdes Kind,« sagte nun der Goldschmied, »nie hat ein Weib mir so gefallen wie du! Dein Herz scheint mir wie Gold so wert, und da du mir in einem Augenblicke vor Augen tratest, als ich den Entschluß faßte, mich zu vermählen, so sehe ich hierin einen Wink des Himmels und bitte dich, meine Freundschaft anzunehmen.«

Wieder senkte das Mägdelein die Augen; und da seine Worte so voll eindringlichen Ernstes gesprochen waren, hub sie an zu weinen. »Nein, ich werde nur Ärger und Unheil über Euch bringen! Und für eine Leibeigene ist schon unser Plaudern zu viel Ehre!«

»Oho!« rief Anselm, »du kennst mich noch nicht!« Und er schlug ein Kreuz, faltete die Hände und sprach: »Hiermit tue ich vor der Goldschmiede Schutzherrn Eligius das feierliche Gelübde, zwei silberne Nischen so herrlich zu schmieden als ich es vermag, und die eine der Heiligen Jungfrau, die andere meinem Schutzpatron zu weihen, wenn es mir gelingt, dies leibeigene Mägdelein Steffchen freizubekommen. Und weiter schwöre ich bei meinem Seelenheil, alles daran zu wenden und zu opfern, und bis zu meinem Lebens Ende von diesem Ziel nicht abzulassen.« Und dann wandte er sich zu dem Mädchen: »Gott hat mich gar wohl vernommen; aber d, mein Schatz?«

»Ach, edler Herr, seht, dort läuft mir die Kuh in die Felder!« rief sie weinend und sank ihm zu Füßen. »Mein Leben lang will ich Euch lieben, aber nehmt das Gelübde zurück!«

»Komm, wir wollen die Kuh holen!« sprach er und hob sie auf, aber ohne daß er sie zu küssen wagte, obgleich sie dazu wohl bereit war.

»Ja, sonst werde ich durchgeprügelt,« schluchzte sie, und da sprang der Goldschmied auch schon hinter der verdammten Kuh her und packte sie mit seinen Händen wie mit Schraubstöcken bei den Hörnern. Dann sagte er:

»Nun leb wohl, Kindelein; wenn du in die Stadt gehst, komm zu mir in mein Haus bei Sankt Leu: ich bin Meister Anselm, der Goldschmied des Königs. Und versprich mir am nächsten Sonntag wieder hier zu sein. Ich werde auch kommen und wenn es selbst Hellebarden regnen sollte.«

»Ja, mein guter, edler Herr; dafür würde ich selbst über Hecken springen und würde Euch aus Dankbarkeit gern ganz angehören, daferne es Euch keinen Schaden täte, wenn es mich auch die ewige Seligkeit kosten sollte. Und ich werde in Erwartung der glücklichen Stunde unausgesetzt für Euch beten.«

Und dann blieb sie wie ein steinern Heiligenbild stehen, bis sie ihn aus den Augen verloren hatte, derweile er ruhigen Schrittes heimkehrte, aber sich noch oftmals nach ihr umsah. Bis in die Nacht hinein stand sie so, und wußte immer noch nicht, ob sie vielleicht nur geträumt hatte. Da sie zu spät heim kam, wurde sie geschlagen, aber sie spürte die Hiebe nicht. Auch der wackere Mann war so verliebt, daß er Essen und Trinken vergaß und nur an das Mädel dachte, überall nur das Mädel sah. Schon am andern Tage machte er sich nach der Abtei auf, bedachte dann aber, sich erst klüglich königlichen Schutz zu erbitten, und eilte zum Hofe. Und da man ihn so hoch schätzte, versprach ihm der Kämmerer gleich seinen Beistand, ließ satteln und ritt mit ihm zur Abtei. Dort bat er um Zutritt bei dem Abte, dem Herrn Hugo von Sennecterre, einem Greise von dreiundneunzig Jahren, trat mit dem Goldschmied, der vor Aufregung schier erstickte, in den Saal und sprach sodann: »Hier, ehrwürdiger Vater, steht der Goldschmied des Hofes, der in heißer Liebe zu einer Leibeignen Eurer Abtei entbrannt ist, und ich bitte Euch hiermit, dies Mädchen frei zu lassen und will Euch dafür gern jeden Wunsch erfüllen.«

»Welche ist's denn?« fragte der Abt.

»Sie heißt Steffchen,« stammelte der Goldschmied.

»Ei, ei,« lächelte der gute alte Herr Hugo. »Der Köder scheint uns einen prächtigen Fisch angelockt zu haben. Ein schwerer Fall, den ich nicht allein entscheiden kann.«

»Ich weiß, was das besagen soll, mein Vater,« meinte der Kämmerer stirnrunzelnd.

»Schöner Herr,« entgegnete der Abt, »wißt Ihr denn, was uns das Mädchen wert ist?« Und er befahl sie herbeizuholen, aber zuvor gut anzukleiden und recht zu ermutigen.

»Eure Liebe ist in Gefahr,« flüsterte der Kämmerer dem Goldschmied zu. »Gebt die Sache auf. Selbst bei Hofe werdet Ihr genugsam schöne junge Frauen finden, die Euch gern heiraten werden, und der König wird Euch sogar, wenn's not tut, einen Herrensitz verleihen.«

»Es geht nicht, edler Herr: ich hab‘s gelobt!«

»So versucht, sie freizukaufen; ich kenne diese Mönche, sie tun für Geld alles.« Daraufhin trat der Goldschmied vor den Abt und sprach:

»Euer Ehrwürden, der Ihr des barmherzigen Gottes Vertreter seid: mein Lebelang werde ich Euch in mein Gebet einschließen, wenn Ihr mir dies Mägdelein zur rechtmäßigen Frau geben wolltet. Und obendrein will ich Euch eine güldene Büchse für die Hostie schmieden, mit Edelstein und Engelsköpfchen, wie die Christenheit nie eine schönere gesehen hat.«

»Bist du von Sinnen, mein Sohn?« fragte der Abt.

»Wenn du dies Mädchen zum Weibe nimmst, dann verfällst du mit deiner Habe dem Kloster.«

»Ach, ich bin in sie wie vernarrt und mehr noch von ihrem Elend und ihrer Seelenreinheit, denn von ihrer Schönheit. Aber,« und dabei traten Tränen in seine Augen, »ich verstehe Eure Härte nicht. Und werden auch mein Leib und Eigen Euer werden, meine Kunst könnt Ihr mir nicht rauben! Die ruht hier!« und erschlug sich an die Stirn, »und außer mir kann niemand an sie heran denn Gott allein. Euere ganze Abtei könnte die Kunstwerke nicht bezahlen, die dort schlummern und die sollt Ihr nicht erzwingen, auch mit der Folter nicht, denn ich bin stärker als Eisen hart ist.« Dabei schlug er voll Grimm über des Abtes Ruhe auf einen eichenen Stuhl, der unter seiner geballten Faust in tausend Stücke zersplitterte. »Da seht, was für einen Diener Ihr bekommt, wenn Ihr aus einem Künstler ein Arbeitspferd machen werdet!«

»Mein Sohn,« sprach der Abt, »du tatest Unrecht, meinen Stuhl zu zerbrechen und hast meine Seele leichtfertig verurteilt. Ich bin ein getreuer Wächter der Rechte und Bräuche unseres ruhmreichen Klosters, und seit undenklichen Zeiten ist nie ein Fall eingetreten daß ein Bürger durch eine Ehe mit einer Leibeignen dem Kloster hörig wurde. Unsere Rechte müssen Geltung behalten, damit sie nicht verloren gehen, denn wir haben wohl Reichtümer, die uns erlauben, schöne Kunstwerke zu kaufen, aber kein Schatz der Welt kann Herkommen und Gesetze schaffen. Ich rufe den Herrn Kämmerer als Zeugen dafür an, wie der König Tag nach Tag für Recht und Ordnung kämpfen muß.«

»Das heißt: mir den Mund stopfen,« dachte der Kämmerer.

Der Goldschmied, der kein großer Gelehrter war, schwieg nachdenklich. Bald kam Steffchen, blitzeblank wie eine frisch gescheuerte Zinnschüssel, mit hochgeflochtenem Haar, in einem weißen Wollkleide mit buntem Gürtel, weißen Strümpfen und zierlichen Schuhchen und schaute so königlich schön aus, so wahrhaft edel in ihrer Haltung, daß der Goldschmied in Verzückung erstarrte und der Kämmerer selbst zugeben mußte, niemals ein so vollkommenes Geschöpf erblickt zu haben. Aber da ihm der Anblick für den Goldschmied gar zu gefährlich erschien, so nahm er diesen schleunigst beim Arm, ritt mit ihm heim und suchte ihm die Sache auszureden. Wirklich ließ das Kapitel dem armen Freiersmann vermelden, daß er im Falle einer Ehe mit diesem Mädchen sein Haus und seine Habe dem Kloster geben müsse und selbst mit Kind und Kindeskindern Leibeigner würde. Nur aus besonderer Vergünstigung sollte ihm verstattet werden, in seinem Hause wohnen zu bleiben, dafern er eine Aufstellung des Hausrates und Jahreszins liefere und jährlich acht Tage in einer Zelle des Klosters verbrächte als Zeichen seiner Knechtschaft. Darob wäre der Goldschmied schier von Sinnen gekommen: erst wollte er das Kloster in Flammen stecken; dann entschloß er sich, das Mädel zu entführen. Aber als er wieder zur Wiese ging, fand er Steffchen nicht und erfuhr, daß sie im Kloster strengstens überwacht würde. So versank er in Weinen und Klagen. Aber die ganze Stadt sprach über die Sache und so hörte auch der König davon, der bei einer passenden Gelegenheit den Abt fragte, warum er denn vor der großen Liebe des Goldschmiedes keinerlei christliche Milde walten ließe. Der erwiderte:

»Darum nicht, weil alle Rechte ineinandergreifen, wie die Maschen eines Panzerhemdes. Lockert man eines, dann zerfällt das Ganze. Nähme man uns wider unsern Willen dies Mädchen, dann würden Euch bald Euere Untertanen die Krone rauben, würde ein allgemeiner Aufstand wider die Steuerlasten ausbrechen.« Damit war dem König der Mund gestopft. Aber alles war gespannt darauf, wie die Sache enden würde. Voll Neubegier wetteten gar einige Edelleute, daß der Tourländer den Kampf aufgeben würde, und die Damen wetteten dagegen. Unter Tränen klagte der Goldschmied endlich der Königin sein arges Leid, daß er sein Herzliebchen nicht einmal sehen dürfte. Und auf deren Betreiben erteilte der Abt dem Tourländer die Erlaubnis, mit Steffchen täglich im Sprechzimmer der Abtei plaudern zu dürfen. Sie kam dorthin stets wie eine Königin angetan, aber ein alter Mönch wachte darüber, daß ihr Zusammensein sich auf Sehen und Plaudern beschränkte. So ward ihre Liebe immer glühender, und eines Tages sagte das Mägdelein zu ihrem Freunde:

»Edler Herr, nun weiß ich, wie ich Euch allen Leides entheben kann. Bei sorglichsten Erkundigungen fand ich einen Punkt, der ermöglichen würde, daß Ihr die Rechte der Abtei umgehen und doch die Früchte Eurer Liebe ernten könnt. Der Kirchenrichter sagte mir nämlich, daß in Eurem Falle, da Ihr nicht in der Leibeigenschaft geboren seid, diese Hörigkeit mit deren Zweck erlischt. Liebt Ihr mich also über alles, so gebt Euer Gut für mich hin, heiratet mich und wenn Ihr Euch sattsam an mir ergetzt habt, werde ich, bevor ich ein Kindlein zur Welt bringe, freiwillig aus dem Leben scheiden. Sicherlich wird mir Gott diesen Selbstmord verzeihen, da ich ihn nur beginge, um Euch die Freiheit wiederzugeben.«

»Halt ein!« rief der Goldschmied »ich werde ein Höriger werden und du wirst am Leben bleiben, um mein ganzes Leben zu beglücken. Mit dir vereint werde ich die schwersten Ketten nicht spüren und ich werde nun sogleich zu einem Schreiber gehen und alle Schriftstücke und Akten aufsetzen lassen.« Unter Tränen und Lachen wehrte Steffchen dies Glück ab und erklärte, lieber sterben zu wollen, als eines freien Mannes Knechtschaft zu verschulden. Aber der gute Anselm redete ihr sänftiglich zu und drohte, ihr in den Tod zu folgen, so daß sie endlich zustimmte, ohne indessen innerlich auf den Plan eines Selbstmordes zu verzichten. Kaum wurde des Tourländers Selbstopfer bekannt, da wollten ihn alle sehen: die Hofdamen kramten ihren ganzen Schmuck vor, um nur Gelegenheiten zu schaffen, wo sie mit ihm reden konnten, und auch die andern Frauen fielen wie Heuschreckenschwärme in sein Haus: aber keine glich Steffchen an Schönheit oder Herzensgüte. Und als dann die Stunde der Knechtschaft und Liebe schlug, da goß Anselm aus all seinem Golde eine Krone, die er mit dem ganzen Vorrate seiner Perlen und Edelsteine zierte, brachte sie heimlich der Königin und sprach : »Hohe Frau ich weiß nicht, wessen Händen ich besser dies mein Vermögen anvertrauen könnte. Morgen wird all meine Habe Eigentum der verdammten unbarmherzigen Mönche und so geruhet, dies hier in Verwahrung zu nehmen. Es ist nur ein schwaches Dankeszeichen für die Freude, die Ihr mir schafftet, indem Ihr erwirkt habt, daß ich meine Herzliebste sehen durfte. Ich weiß nicht, was die Zukunft mir bringt. Sollten aber einst meine Kinder freigelassen werden, dann hoffe ich auf Eure Hochherzigkeit.«

»Wacker gesprochen,« sagte der König. »Einmal wird die Abtei doch meiner Hilfe bedürfen und dann werde ich deiner gedenken.«

Die Abtei war bei dieser Hochzeit zum Ersticken voll. Die Königin hatte der Braut ein Hochzeitskleid zum Geschenk gemacht und der König hatte ihr das Recht verliehen, Ohrgeschmeide zu tragen. Als das Paar zu Anselms Haus schritt, wogte in den Straßen ein Lichtmeer von Fackeln, und die Menschen bildeten zwei Hecken, wie wenn der König Einzug hielte. Der arme Ehemann hat sich selbst eine Armkette geschmiedet, die er nun als Zeichen seiner Hörigkeit trug. Und doch jubelte ihm das Volk wie einem Könige zu, und glückstrahlend grüßte und winkte er zurück. Sein Haus war mit Blumengewinden geschmückt, einige Honoratioren der Stadt brachten ihm ein Ständchen und alle riefen: »Trotz der Abtei werdet Ihr ein freier Mann sein!« Ihr mögt versichert sein, daß die zwei Gatten sich vor Liebe schier auffraßen und der Eheliebste in den Liebesschlachten gehörig seinen Mann stellen mußte, denn das Jüngferlein kam doch vom Lande und konnte also in seiner urwüchsigen Frische auch die schlimmsten Degenstiche parieren. Fröhlich wie Turteltäubchen verlebten sie so einen Monat, und Steffchen war voller Seligkeit in ihrem Hause und strahlte über jeden Kunden, der in den Laden kam und seinerseits von ihr entzückt wieder davonging. Aber als dieser Wonnemond vergangen war, da kam eines Tages der Abt mit viel Geprange in das Haus, das ja nun dem Kapitel gehörte, trat vor das Ehepaar und sprach: »Meine Kinder, ihr seid nunmehr frei und aller Pflichten ledig. Schon vom ersten Tage an hatte ich an der innigen Liebe, die euch verband, meine stille Freude und war in meinem Innersten entschlossen, euch frei zu lassen, wenn ich eure Standhaftigkeit erprobt hätte. Und für diese Freilassung sollt ihr keinerlei Gebühren zahlen.«

Damit gab er ihnen beiden einen sanften Backenstreich, und sie sanken vor Freude weinend vor ihm in die Knie. Der Tourländer berichtete den Gaffern, die sich vor dem Hause drängten, des guten Abtes Großmut, und dann führte er dessen Zelter am Zügel ehrfurchtsvoll bis zu den Toren von Bussy. Dabei warf er aus einem großen Geldsacke, den er mitgenommen hatte, den Armen an der Straße Silbermünzen zu und rief: »Gott, Gott zu Ehren! Gott segne und behüte den Abt! Hoch lebe der gute Herr Hugo!« Und dann beging er daheim mit seinen Freunden mit Festesschmaus eine zweite Hochzeitsfeier, die eine ganze Woche währte. — Dem Abte hingegen wurde seine Großmut von dem Kapitel sehr zum Vorwurf gemacht, und als er eines Tages erkrankte, da erklärte sein Prior, das sei die himmlische Strafe für die Schmälerung der heiligen Rechte. Aber der Abt entgegnete. »Wenn ich den Mann nicht falsch beurteile, so wird er sich genügend erkenntlich zeigen.«

Und richtig bat am Jahrestage dieser Hochzeit der Goldschmied, beim Abte vorgelassen zu werden und legte ihm zwei Schreine zu Füßen, deren herrliche Arbeit kein Künstler der Christenheit seither übertreffen konnte und die man ›Weihgeschenke der standhaften Liebe‹ nennt. Sie stehen auf dem Hauptaltar jener Kirche und gelten als unschätzbare Wertstücke. Hatte doch der Goldschmied sein ganzes Vermögen hingegeben, um sie herzustellen. Aber mochte er seinen Geldsack auch leeren, er wurde doch nur voller davon, denn sein Geschenk ließ seinen Ruhm und seine Einnahmen ins Riesengroße wachsen, so daß er sich später den Adel und reiche Liegenschaften kaufen und das Haus Anselm begründen konnte, das unserm Tourer Land viel Ehren geschafft hat.

Der verliebte Goldschmied
Der verliebte Goldschmied
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