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Homo sum

Georg Ebers: Homo sum - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleHomo sum
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleHomo sum
pagesIII-XV
created20021218
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Achtes Kapitel.

Es war ein köstlicher, erfrischender Abend.

Der Vollmond hob sich still an dem tiefblauen Bogen des nächtlichen Himmels und goß eine Fülle von Licht auf die kühle Erde nieder; aber die Leuchtkraft seiner Silberstrahlen war nicht stark genug, um den zarten bläulichen Schleier zu heben, der die Riesenmasse des heiligen Berges verhüllte. Dagegen entzog er die Oasenstadt völlig dem Dunkel.

Der breite Weg der Hauptstraße leuchtete zu dem von der Höhe herabsteigenden Wanderer auf wie eine Bahn von weißem Marmor, und die frisch getünchten Wände der neuen Kirche glänzten so schimmernd weiß wie am lichten Tage.

Die Schatten der Häuser und Palmen lagen wie dunkle Teppichstreifen auf dem Wege, der nur wenig bevölkert war, trotz der abendlichen Kühlung, die sonst die Bürgen in's Freie lockte.

Aus den offenen Fenstern der Kirche tönte Gesang von Männern und Frauen.

Jetzt öffneten sich ihre Thore, und die christlichen Pharaniten, die hier das Abendmahl, das Brod und den von Hand zu Hand wandernden Kelch empfangen hatten, traten in's Freie.

Den Aeltesten und Diakonen, den Vorlesern und Sängern, den Akoluthen und der gesammten Geistlichkeit des Ortes voran schritt der Bischof Agapitus, wie den Laien das Oberhaupt der Oase Obedianus und der Senator Petrus; der Letztere mit seiner Gattin, seinen erwachsenen Kindern und zahlreichen Sklaven.

Schon hatte sich die Kirche geleert, als der die Kerzen verlöschende Pförtner im Dunkel einer Ecke des für die Büßer bestimmten Vorraumes, in dem ein fließender Brunnen leise plätscherte, einen Mann bemerkte, der hier regungslos am Boden kauerte und tief im Gebet versunken sich erst aufrichtete, als er ihn anrief und ihm mit seinem Lämpchen in's Gesicht leuchtete.

Mit harten Worten begann der Pförtner seine Rede; als er aber in dem Verspäteten den Anachoreten Paulus aus Alexandria erkannte, änderte sich der Ton seiner Stimme, und er sagte mit freundlicher, fast unterwürfiger Bitte.

»Laß es genug sein mit dem Gebet, frommer Mann. Die Gemeinde hat die Kirche verlassen, und ich muß sie schließen wegen unseres neuen schönen Geräthes und der heidnischen Räuber. Ich weiß schon, daß die Brüder von Raïthu Dich zu ihrem Aeltesten erwählten, und daß Dir von ihren Abgesandten diese hohe Ehre angetragen worden ist. Sie haben auch unsere Kirche besichtigt und sehr bewundert. Siedelst Du gleich zu ihnen über oder feierst Du noch mit uns die hohen Feste?«

»Das sollst Du morgen erfahren,« antwortete Paulus, der sich aufgerichtet und an einen der Pfeiler des schmalen, ungeschmückten Büßerraumes gelehnt hatte. »In diesem Hause wohnt Einer, bei dem ich mir Rath holen möchte. Ich bitte Dich, laß mich allein. Wenn Du willst, so schließe das Thor und führe mich später, bevor Du zur Ruhe gehst, wieder hinaus.«

»Das kann nicht sein,« gab der Andere bedenklich zurück. »Mein Weib ist krank, und mein Haus liegt fern von hier am Ende des Ortes bei der kleinen Pforte, und ich soll auch heute noch den Schlüssel zu dem Senator Petrus bringen, dessen Sohn, der Baumeister Antonius, morgen in der Frühe mit der Aufrichtung des neuen Altars beginnen will. Bei Sonnenaufgang kommen die Arbeiter und wenn . . .«

»Zeige mir den Schlüssel,« unterbrach ihn Paulus. »Zu welchem Segen kann doch solch kleines Ding den Zutritt verschließen oder den Eingang öffnen! Weißt Du, Mann, es ließe sich, dächt' ich, uns Beiden helfen. Du gehst zu Deiner kranken Frau, ich aber bringe den Schlüssel, wenn ich mein Gebet vollendet, zu dem Senator.«

Der Pförtner besann sich kurze Zeit und willfahrte dann der Bitte des künftigen Presbyters von Raïthu, indem er ihn bat, nicht gar zu lang zu verweilen.

Als er an des Senators Hause vorbeiging, roch er den Duft von gebratenem Fleisch.

Er war ein armer Mann und dachte bei sich: »Der fastet nur, wenn er eben will, wir aber auch, wenn wir es am wenigsten möchten.«

Der Wohlgeruch, der diese Klage erweckt hatte, ging von einem gebratenen Hammel aus, der den versammelten Hausgenossen des Senators als Festspeise aufgetragen wurde.

Selbst die Sklaven nahmen an der späten Mahlzeit Theil.

Petrus und Frau Dorothea saßen nach Griechenart in halb liegender Stellung neben einander auf einer einfachen Ruhebank, und vor ihnen stand ein Tisch, den Niemand mit ihnen theilte, an den sich aber eng die Sessel der erwachsenen Kinder des Hauses schlossen.

Die Sklaven hockten näher der Thür am Erdboden und drängten sich in zwei Kreisen um je eine dampfende Schüssel, aus der sie mit der flachen Hand den bräunlichen Linsenbrei nahmen.

Ein rundliches graues Brod lag neben einem Jeden und ward erst gebrochen, nachdem der Hausmeister Jethro den Hammel zerschnitten und verteilt hatte.

Petrus und den Seinen wurden die saftigsten Stücke vom Rücken und den Schenkeln des Thieres zur Auswahl gereicht, den Sklaven aber legte der Schaffner je eine Scheibe auf ihr Brod, den Männern eine stärkere, den Weibern eine weniger große.

Mancher sah wohl mit Neid auf den saftigern Bissen seines mehr begünstigten Genossen; aber auch der am kargsten Bedachte durfte nicht klagen, denn es war den Sklaven nur zu reden gestattet, wenn der Herr ihn gefragt hatte, und über das Essen selbst, sei es in Lob, sei es tadelnd zu sprechen, untersagte Petrus sogar seinen Kindern.

Mitten unter den Dienstboten hockte auch Mirjam.

Sie aß immer wenig, und alles Fleisch war ihr zuwider; darum schob sie das Rippenstückchen, das ihr gereicht worden war, einer alten, ihr gegenübersitzenden Gartenarbeiterin zu, die ihr manchmal eine Frucht oder ein wenig Honig schenkte, denn Mirjam liebte das Süße.

Petrus sprach heute gar nicht mit den Sklaven und selbst mit den Seinen nur wenig.

Frau Dorothea bemerkte nicht ohne Besorgniß die tiefe Falte zwischen seinen ernsten Augen, und wie er die Lippen fest zusammenpreßte, wenn er, die Speise vergessend, gedankenvoll vor sich hinsah.

Das Mahl war beendet, aber er regte sich nicht und bemerkte keinen der fragenden Blicke, die sich aus vielen Augen auf ihn richteten.

Niemand durfte sich erheben, bevor der Herr das Zeichen gegeben.

Am ungeduldigsten von allen Anwesenden folgte Mirjam seinen Bewegungen. Sie rückte ruhelos hin und her, zerrieb das Brod, das sie übrig gelassen, mit den spitzen Fingern, und bald flog ihr Athem schnell und schneller, bald schien er völlig still zu stehen.

Sie hatte die Hofthür gehen hören und Hermas' Schritte erkannt.

»Er will zu dem Herrn; gleich wird er eintreten und mich mitten unter diesen da finden,« dachte sie, strich unwillkürlich mit der Hand über das rauhe Haar, um es zu glätten, und schaute mit einem Blick, in dem sich Haß und Verachtung paarten, auf die anderen Sklaven.

Aber Hermas kam nicht.

Daß ihr Ohr sie betrogen habe, das besorgte sie keinen Augenblick.

Wartete er jetzt an der Thür bis zur Beendigung des Mahles? Galt sein später Besuch der Gallierin, zu der sie ihn gestern wieder mit dem Weinkruge hatte gehen sehen?

Sirona's Gatte Phöbicius, das wußte sie, war auf dem Berge und opferte dort mit seinen Genossen in einer Höhle, die sie längst kannte, beim Lichte des Vollmonds, dem Mithras.

Sie hatte den Gallier gesehen, wie er während der Zeit des Abendgottesdienstes den Hof mit einigen Soldaten verließ, von denen ihm zwei eine große Kiste, aus der die Henkel eines gewaltigen Mischkessels hervorragten, einen Schlauch voll Wasser und mancherlei Geräth nachtrugen.

Sie wußte, daß diese Männer die ganze Nacht in der Mithrasgrotte zubringen und dort »den jungen Gott«, die aufgehende Sonne, mit seltsamen Gebräuchen begrüßen würden, denn mehr als einmal hatte die neugierige Hirtin sie belauscht, wenn sie vor dem Grauen des Tages mit ihren Ziegen auf den Berg gezogen und es ihr zu Ohren gekommen war, daß die Mithrasdiener ihre nächtliche Feier begingen.

Jetzt flog es ihr durch den Sinn, daß Sirona allein sei, und daß der späte Besuch des Hermas vielleicht ihr und nicht dem Senator gelte.

Sie erschrak, das Herz that ihr wehe, und wie immer, wenn eine heftige Erregung ihr Gemüth erschütterte, willenlos von der Macht der Leidenschaft hingerissen, sprang sie auf und war schon nahe der Thür, als des Senators Stimme sie zurückhielt und ihr das Unziemliche ihres Benehmens in's Bewußtsein rief.

Ihr Pflegling lag noch immer mit entzündeter Kopfhaut fiebernd darnieder, und sie wußte, daß sie jedem Tadel entgehen konnte, wenn sie auf die strenge Frage ihres Herrn antworten würde, daß der Kranke ihrer bedürfe; aber sie hatte noch niemals gelogen, und der Stolz verbot ihr auch jetzt, die Unwahrheit zu sagen.

Die anderen Sklaven erschraken, als sie dem Senator zurückgab: »Es trieb mich hinaus. Die Mahlzeit dauert so lange.«

Petrus blickte zum Fenster hin, und als er wahrnahm, wie hoch schon der Mond stand, schüttelte er das Haupt, als habe er sich über sich selbst zu wundern, sprach, ohne sie zu tadeln, das Dankgebet, gab den Sklaven das Zeichen, den Saal zu verlassen, und zog sich, nachdem er den Nachtkuß seiner Kinder, unter denen nur der Bildhauer Polykarp fehlte, empfangen, in sein Gemach zurück.

Dort blieb er nicht lange allein, denn nachdem Frau Dorothea das für den nächsten Tag Erforderliche mit ihrer Tochter Marthana und dem Schaffner besprochen und in dem Schlafgemache ihrer kleineren Kinder auf die friedlich Schlummernden einen liebevollen Blick geworfen und hier ein Deckchen, dort ein kleines Kissen zurechtgerückt hatte, trat sie über des Gatten Schwelle und rief seinen Namen.

Petrus blieb stehen, schaute sie an, und aus seinen ernsten Augen strömte jetzt seiner Gattin eine reiche Fülle von dankbarer Zärtlichkeit entgegen.

Dorothea kannte das gütige Herz des strengen Mannes und nickte ihm verständnißvoll zu; bevor sie aber Zeit fand zu reden, sagte er:

»Komm' nur näher heran! Es drückt hier schwer, und Dein Theil an der Last soll Dir nicht entgehen.«

»Gib ihn nur her,« unterbrach sie ihn eifrig. »Aus dem schlanken Mädchen ward ja die breitschultrige Alte, damit es ihr leichter werde, ihrem Herrn die mancherlei Bürden des Lebens tragen zu helfen. Aber ich bin ernstlich besorgt. Schon vor dem Kirchgange ist Dir Unerfreuliches begegnet, und nicht nur in der Rathsversammlung. Mit den Kindern muß etwas nicht recht sein!«

»Was sie für Augen hat!« rief Petrus.

»Garstige, graue,« gab Dorothea zurück. »Und sie sind nicht einmal sonderlich scharf. Aber was euch betrifft, die Kinder und Dich, das sehen sie im Dunkeln. Du bist mit Polykarp nicht zufrieden. Gestern, eh' er nach Raïthu fortritt, hast Du ihn angesehen, so – so – wie soll ich nur sagen? Ich kann mir's wohl denken, um was es sich handelt, aber ich glaube, Du machst Dir vergebliche Sorgen. Er ist jung, und eine so wunderschöne Frau wie Sirona . . .«

Petrus hatte bisher seiner Gattin schweigend zugehört. Jetzt schlug er die Hände zusammen und sagte, sie unterbrechend. »Das geht wahrlich nicht mit rechten Dingen zu; – aber ich sollt' es gewohnt sein. Was ich Dir in stiller Stunde vertrauen will, das erzählst Du mir, als wüßt' es schon jedes Kind auf der Gasse.«

»Warum auch nicht?« fragte Dorothea. »Wenn Du ein Reis in den Baum pfropfst und es ist gut eingewachsen, so fühlt es den Schnitt der Säge, der den Stamm trifft, und den Segen des Quells, der seine Wurzeln benetzt, als wär' ihm selbst Leid oder Heil widerfahren. Du bist der Baum, und ich bin das Reis, und die Wunderkraft der Ehe hat aus Dir und mir eben Eins gemacht. Dein Herzschlag ist meiner, Dein Denken ist meines geworden, und darum weiß ich auch immer, bevor Du mir es sagst, was Dir die Seele bewegt.«

Dorothea's gute Augen glänzten feucht bei diesen Worten; Petrus aber faßte mit Herzlichkeit ihre beiden Hände und sagte: »Und wenn der alte, knorrige Stamm auch manchmal eine süße Frucht trägt, so dankt er's dem Reise. Ich mag nicht glauben, daß die Anachoreten da oben dem Herrn besonders genehm sind, weil sie in Einsamkeit leben! Zum ganzen vollen Menschen wird der Mann doch erst durch Weib und Kind, und wer die nicht hat, der lernt nimmer die lichtesten Höhen und die dunkelsten Tiefen des Lebens kennen. Wenn der Mann sein gesammtes Sein und Können für irgend etwas einsetzen mag, so ist es für sein eigenes Haus.«

»Für unseres,« rief Dorothea, »hast Du es redlich gethan!«

»Für unseres,« wiederholte Petrus fest und mit dem gewichtigen Vollklang seiner tiefen Stimme. »Zwei sind stärker als Einer, und wie lange ist es doch her, seit wir es verlernt haben, in allen Fragen, die das Haus angehen und die Kinder, ›ich‹ zu sagen. An Beide hat man uns heute gerührt.«

»Der Senat will sich nicht am Bau des Weges betheiligen?«

»Nein! Der Bischof Agapitus hat den Ausschlag gegeben. Ich brauch' es Dir nicht zu sagen, wie wir miteinander stehen, und ich will ihn nicht schelten, denn er ist ein gerechter Mann; aber in vielen Dingen werden wir einander niemals begegnen. Du weißt ja, er war in seiner Jugend Soldat, und seine Frömmigkeit ist rauh, ja kriegerisch möcht' ich sagen. Wär' es nach ihm gegangen, und hätte mir unser Oberhaupt Obedianus nicht beigestanden, so würden wir kein einziges Bild in der Kirche haben, und sie sähe nun aus wie ein Speicher und nicht wie ein Bethaus. Wir haben einander niemals verstanden, und seit ich seinem Wunsche, Polykarp zum Priester zu machen, entgegengetreten bin und den Jungen, der ja schon als Kind besser zeichnete, als mancher Meister in dieser elenden Zeit, die keine großen Künstler gebiert, zu dem Bildhauer Thalassius in die Lehre brachte, spricht er von mir, als wär' ich ein Heide.«

»Und doch schätzt er Dich hoch, ich weiß es,« unterbrach ihn Frau Dorothea.

»Die gute Meinung zahl' ich ihm gern zurück,« erwiderte Petrus, »und das, was ihn mir entfremdet, ist nichts Gemeines. Er meint den reinen Glaube allein zu besitzen und für ihn zu kämpfen. Ein heidnisches Greuel nennt er der Künstler Werke und jedes Bildniß, glaubt er, der nie an sich selbst die läuternde Kraft des Schönen empfunden, führe zur Abgötterei. Die Engelsbilder und den guten Hirten des Polykarp ließ er sich noch gefallen, die Löwen aber versetzten den alten Krieger in Wuth. ›Verfluchte Götzen und Teufelswerk‹ nannte er sie.«

»Aber auch in dem Tempel Salomonis waren Löwenbilder zu schauen,« rief Dorothea.

»Das führte ich an und ferner auch, daß sie in der Katechetenschule und in der erbaulichen Thierkunde, die wir besitzen, den Heiland selbst mit einem Löwen vergleichen, und daß ja auch Markus der Evangelist, der die Lehre des Herrn nach Alexandria brachte, mit einem Löwen dargestellt wird; er aber widerstand nur immer heftiger, denn Polykarp's Werke sollen keine heilige Stätte, sondern das Cäsareum schmücken, und das ist ihm nichts als ein heidnischer Bau, und die edlen Werke der Griechen, die dort aufbewahrt werden, nennt er widrige Fratzen, mit denen der Satan die Herzen der Christen verführe. Seine derben Worte verstehen die anderen Senatoren, die meinigen nicht, und so stimmten sie ihm bei, und mein Antrag, die Straße zu bauen, ward verworfen, weil es einer christlichen Gemeinde nicht zieme, der Abgötterei Vorschub zu leisten und dem Teufel die Wege zu ebnen.«

»Ich sehe Dir's an, Du hast ihnen scharf erwidert.«

»Ich glaube wohl,« fuhr Petrus zu Boden schauend fort. »Es mag manch' verletzendes Wort gefallen sein, und man ließ mich's entgelten. Besonders unzufrieden zeigte sich Agapitus mit dem Bericht der Diakonen über die Rechnungslegung. Sie tadelten es hart, daß Du ebensoviel Brode in Heiden- als in Christenhäuser getragen. Das ist freilich wahr, aber –«

»Aber,« rief Dorothea lebhaft, »der Hunger thut auch den Ungetauften weh, und ihre christlichen Nachbarn unterstützen sie nicht, und auch sie sind doch unsere Nächsten. Ich würde schlecht meines Amtes warten, wenn ich sie darben ließe, weil sie des besten Trostes entbehren.«

»Und doch,« sagte Petrus, »beschloß der Rath, daß Du in Zukunft höchstens den vierten Theil des Dir zugewiesenen Kornes für sie verwenden sollst. Du brauchst nicht zu erschrecken. Es mag ihnen von unserem Eigenen künftig gehören, was früher verkauft ward. Du wirst keinem Deiner Pfleglinge auch nur ein Brod zu entziehen haben; aber freilich, mit der Anlage des Weges hat es nun gute Weile. Es eilt auch nicht mit seiner Vollendung, denn Polykarp wird nun bei uns seine Löwen kaum ausführen können. Der arme Bursche! Mit welcher Liebe hat er die Vorbilder aus Thon geformt, und wie wundervoll ist es ihm gelungen, die Haltung der majestätischen Thiere wiederzugeben! Es ist, als ob ihn der Geist der alten Meister Athens beseelte. Wir werden nun überlegen, ob sich in Alexandria nicht . . .«

»Versuchen wir es lieber gleich,« unterbrach ihn seine Gattin, »ihn zu bestimmen, die Modelle beiseite zu stellen und andere heiligere Werke zu formen. Agapitus sieht scharf, und das Heidenwerk liegt dem Jungen nur zu sehr am Herzen.«

Der Senator runzelte die Stirn bei den letzten Worten und sagte nicht ohne Erregung: »Es ist nicht Alles verwerflich, was die Heiden geschaffen. Polykarp muß beschäftigt bleiben, ernst und dauernd, denn er hat seine Augen, wo er sie nicht haben sollte. Sirona ist eines Andern Gattin, und man soll auch nicht im Scherz seines Nächsten Weib zu gewinnen suchen. Hältst Du die Gallierin für fähig, ihre Pflicht zu vergessen?«

Dorothea stutzte und gab nach einigem Besinnen zurück:

»Sie ist ein schönes und eitles Kind; ja, ein Kind! Dabei denk' ich an ihre Sinnesart und nicht an ihr Alter, obgleich sie freilich die Enkelin ihres wunderlichen Mannes sein könnte, für den sie weder Liebe, noch Achtung, nein, nichts als lauter Abneigung fühlt. Ich weiß nicht was, aber etwas Entsetzliches muß er ihr schon in Rom zugefügt haben, und ich versuch' es gar nicht mehr, ihr Herz zu ihm zurückzulenken. In allen anderen Dingen ist sie weich und fügsam, und ich kann oft nicht fassen, woher sie, wenn sie mit den Kindern spielt, den ausgelassenen Frohsinn nimmt. Du weißt ja, wie die Kleinen und selbst Marthana an ihr hängen. Ich wollte, sie wär' eine Christin, denn auch mir ist sie lieb, warum sollt' ich es leugnen. Man kann nicht traurig sein, wenn sie da ist, und sie ist mir zugethan und fürchtet meinen Tadel, und ist immer bestrebt, meinen Beifall zu gewinnen. Zu gefallen sucht sie freilich allen Menschen, selbst den Kindern; aber Polykarp, so viel ich sehe, nicht mehr als den Anderen, ein wie stattlicher Mann er auch ist. Gewiß nicht!«

»Doch der Junge,« sagte Petrus, »schaut nach ihr, und Phöbicius hat es bemerkt. Er begegnete mir gestern, als ich nach Hause kam, und ersuchte mich in seiner säuerlich höflichen Weise, meinem Sohn den Rath zu ertheilen, künftig, wenn er Rosen verschenken wolle, sie in andere als in sein Fenster zu werfen, denn er sei kein Freund von Blumen, und für sein Weib ziehe er vor, sie selbst zu pflücken.«

Die Gattin des Senators erblaßte und rief dann kurz und entschlossen: »Wir brauchen den Miethsmann nicht, und so schwer ich sein Weib vermissen werde, das Beste wird sein, wenn Du ihn ersuchst, sich eine andere Wohnung zu suchen.«

»Nicht weiter, Frau!« unterbrach sie Petrus ernst und mit einer abweisenden Handbewegung. »Wollen wir es Sirona büßen lassen, daß unser Sohn eine Unbesonnenheit um ihretwillen beging? Du sagtest ja selbst, ihr Verkehr mit den Kindern und ihre Achtung vor Dir bewahrten sie vor Verirrung, und nun sollten wir ihr die Thür weisen? Mit nichten. Die Gallier bleiben in meinem Hause, so lange sie nichts begehen, was mich zwingt, sie daraus zu verweisen. Mein Vater war zwar ein Grieche, durch die Mutter aber hab' ich amalekitisches Blut in den Adern, und wollte ich Die, mit denen ich einmal unter meinem Dache das Brod theilte, von meiner Schwelle weisen, so würde ich mich selbst entehren. Polykarp soll gewarnt werden und hören, was er uns, sich selbst und dem Gebot des Herrn schuldig ist. Ich weiß seine hohen Gaben zu schätzen und bin sein Freund, aber auch sein Herr und werde es zu verhindern wissen, daß mein Sohn die leichten Sitten der Hauptstadt in seines eigenen Vaters Haus einführt.«

Die letzten Worte klangen wie Hammerschläge, und harte Entschlossenheit leuchtete aus den Augen des Senators.

Dennoch näherte sich ihm seine Gattin ohne Furcht, legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Wie gut es doch ist, daß der Mann das Rechte im Auge behält, wenn wir Frauen dem schnellen Triebe des Herzens folgen. Auch im Ringkampf bedient ihr euch nur der erlaubten Griffe, während streitende Weiber Nägel und Zähne gebrauchen. Ihr versteht besser dem Unrecht zu wehren als wir, das hast Du mir wieder gezeigt; aber in der Vollbringung des Guten seid ihr uns nicht überlegen. Die Gallier mögen in Frieden bei uns wohnen bleiben, und nimm Du Polykarp nur streng in's Gebet; aber thu' es zuerst als sein Freund. Oder wär' es nicht besser, wenn Du das mir überließest? Er hat sich so sehr auf die Ausführung der Löwen und seine Mitwirkung bei dem großen Bau in der Hauptstadt gefreut, und damit soll es nun aus sein! Ich wollte, Du hättest ihm das schon eröffnet, aber Liebesgeschichten sind Frauensachen, und Du weißt ja, wie gut mir der Junge ist. Ein Wort der Mutter wirkt manchmal tiefer als ein Schlag des Vaters, und es ist im Leben wie im Kriege. Erst führt man die Bogenschützen in's Feld, und die Schwerbewaffneten bleiben zurück und dienen ihnen zur Stütze. Will der Feind nicht weichen, so treten sie vor und bringen den Kampf zur Entscheidung. Laß mich zuerst mit dem Jungen reden! Es kann ja sein, daß er nur zum Scherze der Gallierin, die mit seinen Geschwistern spielt, als wäre sie eine der Ihren, die Rosen ins Fenster warf. Ich werde ihn prüfen, und verhält es sich so, dann wär' es weder gerecht noch klug, ihn zu tadeln. Selbst bei der Warnung bedarf es der Vorsicht, denn schon Mancher, der niemals an's Stehlen dachte, ist durch falschen Verdacht zum Dieb geworden. So ein junges Herz, das zu lieben beginnt, ist wie ein wilder Knabe, der am liebsten die Wege wandelt, vor denen man ihn warnt. Als ich ein Mädchen war, hab' ich selbst zum ersten Mal gemerkt, wie gut ich Dir sei, als des Senators Aman Frau, die Dich für ihre eigene Tochter begehrte, mir rieth, mich vor Dir zu hüten. Wer seine Zeit unter all' den Lockungen des griechischen Sodom so ernst benutzt hat wie Polykarp, wer sich dort von seinen Lehrern und Meistern solches Lob erworben wie er, dem haben die leichten Sitten der Alexandriner nichts geschadet. In den ersten Jahren nimmt der Mensch seine Richtung für das spätere Leben, und die hatte er schon gewonnen, bevor er unser Haus verließ. Ja, wüßt' ich auch nicht, wie brav Polykarp ist, so braucht' ich doch nur auf Dich zu sehen, um mir zu sagen: Aus dem Kind, das dieser da groß zog, wird nie und nimmer ein schlechter Mann.«

Petrus zuckte bedauerlich, als halte er die Schmeichelworte seines Weibes für eitle Thorheit, und doch lächelnd die Achseln und fragte:

»Bei welchem Rhetor bist Du in die Schule gegangen? Mag es denn sein; sprich Du mit dem Jungen, wenn er aus Raïthu zurückkommt. Wie hoch schon der Mond steht! Komm' nun zur Ruhe. Antonius soll morgen in aller Frühe den Altar aufstellen, und da will ich dabei sein.«

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