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Homo sum

Georg Ebers: Homo sum - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleHomo sum
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleHomo sum
pagesIII-XV
created20021218
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Sechstes Kapitel.

Die Gallierin Sirona saß am offenen Fenster ihres Schlafgemachs und ließ sich das blonde Haar von einer alten schwarzen Sklavin ordnen, die ihr Gatte in Rom für sie gekauft hatte.

Sie seufzte, während die Dienerin mit duftigem Oel auf der flachen Hand bald hier bald dort den glänzenden Hauptschmuck ihrer Herrin berührte.

Jetzt faßte die Schwarze kräftig in den vollen, lang herabwallenden Strom der goldig schimmernden Fäden und theilte ihn mit beiden Händen, um mit dem Flechten der Zöpfe zu beginnen; aber Sirona wehrte ihr und sagte: »Reich' mir den Spiegel!«

Eine Zeitlang schaute sie wehmüthig in das glattpolirte Metall, dann seufzte sie zum andern Mal, hob das Windspiel, das zu ihren Füßen gelegen hatte, auf den Schooß und sagte, indem sie dem Thiere den Spiegel vorhielt:

»Da, arme Jambe; wenn wir Beide in diesen vier Wänden etwas sehen wollen, das uns gefällt, so müssen wir hier hineinschauen!«

Dann fuhr sie, indem sie sich an die Sklavin wandte, fort:

»Wie das Thierchen zittert! Ich glaube, es sehnt sich zurück nach Arelas und hat Angst, daß wir noch lang unter dieser brennenden Sonne bleiben. Gib mir die Sandalen.«

Die Schwarze reichte ihrer Herrin zwei kleine Sohlen mit goldenen Verzierungen auf dem zierlichen Riemenwerke; Sirona aber warf das Haar mit dem Rücken der Hand zurück und rief: »Die alten, nicht diese. Ein Holzschuh thät' es hier auch!«

Bei diesen Worten zeigte sie in den Hof unter dem Fenster, und dieser war in der That so beschaffen, als hätten ihn vergoldete Sandalen noch niemals betreten.

Er war rings von Gebäuden umgeben. Auf der einen Seite erhob sich eine Mauer mit einem Eingangsthor, auf den anderen Seiten je ein Gebäude, welche zusammen ein scharfkantiges Hufeisen bildeten.

Gegenüber dem Flügel, wo Sirona mit ihrem Gatten ein Unterkommen gefunden, stand das sehr viel höhere Haus des Petrus, und beide wurden im Hintergrund des Hofes von einem mit Palmenzweigen bedeckten Schuppen aus rothbraunen Feldsteinen verbunden, in dem das Ackergeräth bewahrt wurde, und die Sklaven des Senators wohnten. Vor ihm lag ein Haufen schwarzer Kohlen, wie man sie hier aus dem Holz der dornigen Seyalakazie brannte, und eine stattliche Reihe von gut geglätteten Mühlsteinen, die Petrus in seinen Brüchen herstellen ließ und nach Aegypten verkaufte.

In dieser frühen Stunde lag der ganze unschöne, von vielen Hühnern und Tauben bevölkerte Raum in tiefem Schatten.

Nur Sirona's Fenster wurde von der Morgensonne berührt.

Hätte sie gewußt, mit welchem Zauber das goldene Licht ihre Gestalt, ihr weiß und rothes Antlitz und ihr schimmerndes Haar umfloß, sie wäre dem Tagesgestirn hold gewesen, dem sie grollte, weil es sie früh aus dem Schlafe, dem besten Trost in ihrer Einsamkeit, weckte.

Außer einigen Nebenräumen verfügte sie noch über ein größeres Zimmer, das Wohngemach, welches nach der Straße hinaussah.

Jetzt beschattete sie die Augen mit der Hand und sagte: »Die lästige Sonne! Uns sieht sie zuerst in die Fenster. Als wenn die Tage nicht lang genug wären! Die Betten sollen in das vordere Zimmer gestellt werden; ich bestehe darauf.«

Die Sklavin schüttelte den Kopf und entgegnen stotternd: »Phöbicius will nicht.«

Sirona's Augen blitzten unwillig auf, und leise zitterte ihre höchst wohllautende Stimme, als sie fragte: »Was hat er wieder?«

»Er sagt,« entgegnete die Schwarze, »des Senators Sohn Polykarp gehe öfter an Deinem Fenster vorüber, als ihm lieb sei, und es scheine ihm, als machest Du Dir mehr als nöthig mit seinen kleinen Geschwistern und den anderen Kindern von drüben zu schaffen.«

»Ist er noch da?« fragte Sirona mit glühendem Roth auf den Wangen und zeigte drohend mit dem Finger auf das Wohngemach.

»Fort ist der Herr,« stammelte die Alte. »Schon vor Sonnenaufgang. Du sollst nicht warten mit dem Essen; er kommt spät zurück.«

Die Gallierin antwortete nicht, aber sie senkte das Haupt, und tiefe Trostlosigkeit malte sich in ihren blühenden Zügen.

Das Windspiel schien den Kummer seiner Herrin mit zu empfinden, denn es richtete sich an ihr empor, als woll' es sie küssen.

Die einsame Frau preßte das Thierchen, das ihr schon in der Heimat gehört hatte, leidenschaftlich an sich, denn eine Bangigkeit ohnegleichen bedrängte ihr Herz, und sie fühlte sich so einsam, so freundlos, so ganz verlassen, als triebe sie auf steuerlosem Nachen allein, allein auf dem weiten, küstenlosen Meere dahin.

Fröstelnd schauerte sie zusammen.

Sie hatte ihres Gatten gedacht, des Mannes, der ihr hier Alles sein sollte, und dessen Gegenwart sie doch mit Widerwillen erfüllte, dessen Gleichgültigkeit sie nicht mehr verletzte, und dessen Zärtlichkeit sie weit mehr fürchtete, als seine wilde Reizbarkeit. Sie hatte ihn niemals geliebt.

Unter vielen Geschwistern war sie sorglos aufgewachsen. Ihr Vater war der Rechnungsführer des Decurionenkollegiums seiner Vaterstadt, der gegenüber dem Cirkus wohnte und doch, streng gesinnt wie er war, seinen Töchtern niemals gestattete, den Schauspielen beizuwohnen.

Aber er konnte ihnen nicht verbieten, die Menge in das Amphitheater einströmen und sie es verlassen zu sehen, oder ihren jubelnden Zuruf, ihr leidenschaftliches Wuth- und Beifallsgeschrei zu hören.

Sirona erwuchs im Angesicht des Vergnügens in stets lebendiger und nie gestillter Sehnsucht nach ihm.

Sie fand auch keine Zeit für unnütze Dinge, denn ihre Mutter starb, bevor sie erwachsen war, und ihr lag es ob, für ihre acht jüngeren Geschwister zu sorgen.

Das that sie auch mit aller Treue; aber in ihren freien Stunden hörte sie gern den Erzählungen der Beamtenfrauen zu, welche die Herrlichkeiten des goldenen Rom gesehen hatten und priesen.

Sie wußte, daß sie schön sei, denn sie brauchte nur das Haus zu verlassen, um es zu hören; aber wenn sie sich nach der Hauptstadt sehnte, so war es nicht, um bewundert zu werden, sondern weil es dort so viel Herrliches zu sehen und zu bewundern gab.

Als dann der Tribun Phöbicius, der Befehlshaber der Besatzung ihrer Vaterstadt, nach Rom versetzt ward, und sie, die um mehr als vierzig Sommer jüngere Siebenzehnjährige als sein Weib mit in die Kaiserstadt zu nehmen begehrte, da folgte sie ihm voll Hoffnung und Uebermuth.

Bald nach der Hochzeit ging sie von Massilia aus zur See in Begleitung einer alten Verwandten, er zu Land an der Spitze seiner Cohorte nach Rom.

Sie gelangte weit früher an ihr Ziel als ihr Gatte und gab sich ohne ihn, aber stets in Begleitung der Alten, mit frischem Blut und völlig unbefangen der Freude des Schauens und Bewunderns bin.

Dabei entging es ihr nicht, daß sie überall die Augen auf sich zog, und so sehr ihr das auch anfänglich schmeichelte und behagte, so verdarb es ihr doch manches Vergnügen, als junge und alte Römer ihr zu folgen und sie zu umwerben begannen.

Phöbicius traf endlich ein, und als er sein Haus von Bewunderern seiner Gattin umschwärmt fand, betrug er sich gegen Sirona, als habe sie ihm längst die Treue gebrochen.

Dennoch schleppte er sie von Vergnügen zu Vergnügen, von Schauspiel zu Schauspiel, denn es reizte ihn, mit seiner schönen jungen Frau zu prahlen.

Diese war gewiß nicht frei von Gefallsucht, aber sie hatte durch ihren strengen Vater als Leiterin ihrer jüngeren Geschwister früh gelernt, Recht und Unrecht, Reines und Unsauberes sicher zu unterscheiden, und bemerkte bald, daß die Freuden der Hauptstadt, die ihr anfänglich wie bunte Blumen mit glänzenden Farben und berauschendem Duft entgegengeleuchtet hatten, auf widrigen Sümpfen erblühten.

Was schön, was lieblich, was eigentümlich war, hatte sie anfänglich mit Lust betrachtet; ihr Gatte aber freute sich nur an dem, was ihr als gemein und verabscheuungswürdig widerstand.

Er belauerte jeden ihrer Blicke, und doch wies er sie auf nichts, als was das Auge eines reinen Weibes verletzt.

Das Vergnügen ward ihr zur Qual, denn widerlich erscheint auch der süßeste Wein, den unreine Lippen kredenzen.

Nach jedem Fest und Schauspiel überhäufte er sie mit schmählichen Vorwürfen, und als sie sich, solcher Behandlung müde, endlich weigerte, das Haus zu verlassen, zwang er sie dennoch, ihn zu begleiten, so oft der Legat Quintilius, sein Vorgesetzter, der ihr täglich Blumen und Geschenke übersandte, es wünschte.

Bis dahin hatte sie ihn ertragen, ihn zu entschuldigen und sich selbst für Manches, das sie litt, verantwortlich zu machen gesucht. Da aber – zehn Monate nach seiner Ankunft in Rom – ward ihr etwas von Phöbicius zugefügt, – etwas, das sich wie eine Mauer von Erz zwischen ihn und sie stellte. Und weil dieß Etwas ihm statt der erhofften Beförderung Verbannung in die entlegene Oase und die Degradirung zum Centurio einer elenden Manipel eingetragen hatte, so begann er sie mit Vorsatz zu quälen, während sie sich durch eisige Kälte zu wehren versuchte. Endlich war es dahin gekommen, daß der Mann, für den sie nichts empfand als Verachtung, ihr das Leben nicht mehr und nicht weniger verdarb als ein körperlicher Schmerz, den ein Kranker mit sich durch das Dasein zu schleppen verdammt ist.

In seiner Gegenwart war sie stumm, trotzig und abweisend, aber sobald er sie verließ, erwachte die ihr innewohnende warmherzige Güte und kindliche Heiterkeit zu neuem Leben und trieb die schönsten Blüten im Hause des Senators und unter der kleinen Schaar, die ihr Liebe mit Liebe vergalt.

Phöbicius gehörte zu den Anbetern des Mithras, in dessen Dienst er oft bis zur Erschöpfung fastete, oft sich bis zur Bewußtlosigkeit mit den Festgenossen berauschte.

Auch hier am Sinaiberge hatte er eine Grotte für die Feier der Mithrasfeste eingerichtet, einige wenige Glaubensgenossen um sich versammelt, und wenn er Tage und Nächte lang ausblieb, um bleicher noch als gewöhnlich heimzukehren, so wußte sie, wo er gewesen.

Jetzt stellte sich ihr das Bild dieses Mannes mit den bald schläfrigen, bald in brennendem Zorn glühenden Augen schärfer vor die Seele, und sie fragte sich, wie es denn möglich gewesen, daß sie eingewilligt habe, sein Weib zu werden.

Ihre Brust hob sich in schnelleren Athemzügen, da sie nun auch des Schimpfes gedachte, den er in Rom ihr zugefügt hatte, und ihre kleinen Hände ballten sich zu Fäusten.

Da erhob sich das Hündchen von ihrem Schooß und sprang bellend auf die Brüstung des Fensters.

Sie erschrak leicht, faßte das Morgengewand, welches ihr von der weißen Schulter geglitten war, zusammen, befestigte den letzten Riemen an der Sandale und schaute dabei in den Hof.

Ein Lächeln umspielte sogleich ihren Mund, denn sie bemerkte den jungen Hermas, der schon lange, regungslos an die Wand des Hauses des Petrus gelehnt, dagestanden und das Bild der schönen Frau mit den Blicken verschlungen hatte.

Ihr leichter Sinn war wie das Auge, in dem das lähmende Dunkel keine Spur zurückläßt, sobald es von dem Eindruck des Lichtes berührt wird. Kein Leid konnte sie so tief treffen, daß nicht der Hauch einer neuen Lust es in alle Winde zu verwehen vermocht hätte.

Wie viele Flüsse an ihrer Quelle anders gefärbt sind als an ihrer Mündung, so ging es nicht selten mit ihren Thränen; vor Schmerz begann sie zu weinen, und vor übermüthiger Lust ward es ihr schwer, die Augen zu trocknen.

Es würde Phöbicius so leicht gewesen sein, ihr Loos zu verschönen, denn sie war höchst empfänglichen Herzens und dankbar auch für den kleinsten Liebesbeweis. Aber zwischen ihm und ihr war jedes Band zerrissen.

Hermas' Gestalt und Antlitz gefielen ihr.

Sie fand, daß er vornehm aussehe, trotz seiner ärmlichen Kleidung, und als sie bemerkte, daß seine Wangen glühten, und seine Hand, mit der er ein Arzneifläschchen hielt, zitterte, da wußte sie, daß er sie belauscht, und daß ihr Anblick sein jugendliches Blut erregt habe.

Eine Frau, und noch dazu eine, die gern gefällt, verzeiht Alles, was um ihrer Schönheit willen gesündigt wird, und ihre Stimme klang freundlich genug, als sie Hermas einen guten Morgen bot und ihn fragte, wie sein Vater sich befinde, und ob des Senators Mittel geholfen hätten.

Des Jünglings Antworten waren kurz und verlegen; aber seine Augen verriethen, daß er ihr gern ganz andere Dinge gesagt haben würde, als seine ungelenke Zunge ihr schüchtern zu erwidern vermochte.

»Frau Dorothea erzählte mir gestern Abend,« sagte sie freundlich, »Petrus hoffe, Deinen Vater herzustellen, aber er sei noch sehr schwach. Vielleicht würde guter Wein ihm nützen; heute noch nicht, aber morgen oder übermorgen. Komm' nur zu mir, wenn Du ihn brauchst; wir haben alten Falerner im Speicher und weißen mareotischen, der besonders gut und gesund ist.«

Hermas dankte, und als sie ihn nochmals ermuthigte, sich nur getrost an sie zu wenden, da gewann er es über sich, ihr mehr stammelnd als sprechend zuzurufen: »Du bist so gut wie Du schön bist.«

Noch waren diese Worte nicht verklungen, als von den neben dem Sklavenhause künstlich aufgeschichteten Steinen der oberste mit lautem Gepolter niederstürzte.

Sirona erschrak und zog sich vom Fenster zurück, das Windspiel erhob ein lautes Gebell, und Hermas faßte sich an die Stirn, als ob er aus einem Traume erwacht sei.

Bald darauf klopfte er an die Thür des Senators.

Kaum hatte er das Haus betreten, als Mirjam's leichte Gestalt wie ein Schatten hinter dem Steinhaufen hervortrat, um rasch und lautlos in der Sklavenwohnung zu verschwinden.

Die bestand aus einigen spärlich beleuchteten Räumen mit nackten, unebenen Wänden; jetzt waren ihre Bewohner auf dem Felde, im Hause und in den Steinbrüchen thätig.

Die Hirtin trat in das kleinste Gemach, wo auf einem Bett von Palmenstäben der Sklave ruhte, welchen sie verwundet hatte, und der sich regte, als sie mit fliegenden Händen einen neuen, schlecht geglätteten Umschlag flüchtig und schief auf seine tiefe Stirnwunde legte.

Sobald diese Pflicht erfüllt war, verließ sie wiederum die Kammer, stellte sich hinter die halb geöffnete, in den Hof führende Thür, preßte die Stirn an den steinernen Pfosten und blickte mit schnellen Athemzügen bald auf das Haus des Senators, bald auf Sirona's Fenster.

Eine neue, ungestüme Erregung war in ihr junges Herz gedrungen.

Vor wenigen Minuten noch hatte sie ruhig neben dem wunden Mann am Boden gehockt und, den Kopf mit der Hand stützend, an den Berg und ihre Ziegen gedacht.

Da hatte sie vom Hofe her ein leises Geräusch vernommen, das von einem Andern wohl überhört worden wäre; sie aber hatte es nicht nur bemerkt, sondern auch mit voller Sicherheit unterschieden, von wem es ausgegangen war.

Den Klang der Schritte des Hermas konnte sie niemals verkennen, und er wirkte auf sie mit unwiderstehlicher Macht.

Schnell hatte sie das Haupt von der Hand und den Ellenbogen vom Knie gehoben, war auf die Füße gesprungen und in den Hof getreten.

Die Mühlsteine hatten sie verborgen; ihr aber war es gestattet gewesen, den in Bewunderung versunkenen Hermas zu sehen.

Sie war seinen Blicken gefolgt, und vor ihre Augen hatte sich dasselbe Bild gestellt, das die seinen entzückte: die schöne, vom Sonnenlicht umflossene Gestalt Sirona's. Wie Schnee mit Rosen und Gold sah sie aus, wie der Engel am Grabe auf dem neuen Bild in der Kirche. Ja, wie der Engel! Und es war ihr durch den Sinn geflogen, wie braun und schwarz sie selber sei, und daß er sie eine Teufelin genannt.

Ein tief schmerzliches Gefühl war über sie gekommen, und sie hatte sich wie gelähmt an Leib und Seele gefühlt; bald aber hatte sich der Bann gelöst, und ihr Herz ungestüm zu schlagen begonnen. Außer sich hatte sie sich mit den weißen Zähnen in die Lippen gebissen, um nicht laut aufzuschreien vor Pein und Zorn.

Wie gern hätte sie sich zu dem Fenster aufgeschwungen an dem Hermas' Blicke hingen, und sich in Sirona's Goldhaar gehängt, sie zu Boden gerissen und wie ein Vampyr das Blut aus ihren rothen Lippen gesaugt, bis sie vor ihr dagelegen, bleich wie die Leiche einer Verdursteten.

Jetzt hatte sie gesehen, wie ihr das leichte Gewand von der Schulter fiel, und wie er erschrak und die Hand zum Herzen führte.

Da war eine andere Regung über sie gekommen.

Es hatte sie angetrieben, ihr zuzurufen und sie zu warnen.

Auch Feindinnen reichen einander im Geist die Hände, wenn es gilt, das bedrohte Heiligthum der züchtigen Weiblichkeit zu schützen.

Sie war für Sirona erröthet, und schon hatten sich ihre Lippen geöffnet, als das Windspiel, laut anschlagend, aufgesprungen war und das Gespräch zwischen den Beiden begonnen hatte.

Ihrem scharfen Gehör war kein Wort entgangen, das sie sprachen, und als er ihr gesagt hatte, daß sie so schön wie gut sei, hatte sie sich zornig und unfähig mehr zu hören, zum Gehen gewandt.

Da war der oberste, schlecht gestützte Stein, an dem sie sich halten wollte, aus dem Gleichgewicht gekommen, und sein Fall hatte die Unterredung der Beiden gestört und Mirjam zu dem Kranken zurückgeführt.

Jetzt stand sie an der Thür und harrte des Hermas.

Lange, lange dauerte das Warten; endlich erschien er mit Frau Dorothea, und sie sah nur noch, daß er wiederum zu Sirona aufschaute.

Ein schadenfrohes Lächeln zog ihr um die Lippen, denn das Fenster war leer und das schöne Bild verschwunden, das er wiederzusehen gehofft.

Sirona saß jetzt an ihrem Webstuhl in dem vorderen Gemach, wohin sie nahender Hufschlag gelockt.

Der zweite Sohn des Senators, Polykarp, war auf seines Vaters stattlichem Hengst vorübergeritten, hatte sie gegrüßt und dabei eine Rose auf den Weg geworfen.

Eine halbe Stunde später trat die alte Sklavin zu Sirona, die mit geschickter Hand das Schifflein durch die Webkette warf.

»Herrin!« rief die Schwarze mit einem häßlichen Lächeln; und als die einsame Frau die Arbeit einstellte, und sie fragend anschaute, reichte ihr die Alte eine Rose.

Sirona nahm die Blume, blies den Staub des Weges von ihr, ordnete mit den Fingerspitzen die zierlichen Blätter und sagte: »Laß die Rosen künftig liegen. Du kennst Phöbicius, und wenn Jemand es sieht, so gibt es Gerede.«

Das schwarze Weib wandte ihr, die Achseln zuckend, den Rücken; sie aber dachte: »Polykarp ist doch ein schöner und lieber Mensch, und so große und innige Augen wie er hat gar kein Anderer; wenn er nur nicht immer seinen Entwürfen und Zeichnungen und Figuren und lauter ernsten Dingen sprechen wollte, die mich nichts angehen!«

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