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Gutenberg > Georg Ebers >

Homo sum

Georg Ebers: Homo sum - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleHomo sum
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleHomo sum
pagesIII-XV
created20021218
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Fünftes Kapitel.

Stephanus hatte, dank der Arznei des Senators, Schlaf gefunden.

Paulus saß neben ihm und rührte kein Glied.

Er hemmte den Athem und kämpfte selbst den Reiz zu husten gewaltsam nieder, um den leise Schlummernden nicht zu stören.

Eine Stunde nach Mitternacht war der Alte erwacht, und nachdem er lange mit offenen Augen sinnend dagelegen, sprach er nachdenklich:

»Selbstsüchtig nanntest Du Dich und uns, und ich bin es gewiß! Das sagt' ich mir oft und nicht erst heute; seit Wochen schon, seitdem Hermas aus Alexandria heimgekehrt ist und das Lachen verlernt hat. Er ist nicht zufrieden, und wenn ich mich frage, was aus ihm werden soll, wenn ich todt bin und er sich dem Herrn entzieht und die Weltlust aufsucht, so graut mir. Ich wollte sein Bestes, als ich ihn mit mir nahm auf den heiligen Berg, aber das war's doch nicht allein! Es schien mir zu schwer, mich ganz von dem Kinde zu trennen. Mein Gott, jedes junge Thier ist doch der treuen Liebe seiner Mutter sicher; aber die seine fragte nicht nach ihm, als sie mit ihrem Verführer aus meinem Hause entfloh. Ich dachte, den Vater sollt' er wenigstens behalten, und wenn er fern von der Welt aufwüchse, so würde ihm all' der Jammer erspart bleiben, mit dem sie mich so reichlich bedacht hat. Für den Himmel wollt' ich ihn auferziehen und zu leidlosem Leben. Und jetzt? Wenn er elend wird, so wird er's durch mich! Nun kommt zu den anderen Schmerzen noch diese Sorge.«

»Du hast für ihn den Weg gesucht,« unterbrach ihn Paulus, »und das Andere wird sich schon finden; er liebt Dich und verläßt Dich gewiß nicht, so lange Du leidest.«

»Gewiß nicht?« fragte der Kranke ängstlich. »Was hat er auch für Waffen, um sich im Leben zu wehren?«

»Du gabst ihm den Heiland zum Führer; das ist genug,« beruhigte Paulus den Andern. »Es leitet kein glatter Weg hinein in den Himmel, und Niemand kann die Seligkeit für seinen Nächsten erwerben.«

Stephanus schwieg lange; dann sagte er: »Nicht einmal die ärmlichen Erfahrungen für das Leben darf der Lehrer für den Schüler machen, der Vater für den Sohn. Das Ziel können wir zeigen, aber der Weg dahin gestaltet sich anders für Jeden.«

»So danken wir Gott,« rief Paulus, »denn Hermas steht auf der Straße, die wir erst suchen mußten, Du und ich.«

»Du und ich,« wiederholte der Kranke nachdenklich. »Jeder von uns hat seinen Weg gesucht, aber immer nur den seinen und nicht nach dem des Andern gefragt. Die Selbstsucht, die Selbstsucht! Wie viel Jahre wohnen wir hier dicht bei einander, und doch hat es mich noch niemals gedrängt, Dich zu fragen, was Du von Deiner Jugend weißt, und wie Dich die Gnade erfaßte. Daß Du aus Alexandria stammst und ein Heide gewesen bist und für den Glauben Schweres erdulden mußtest, erfuhr ich von ungefähr, und das war mir genug. Du schienst auch nicht gern von vergangenen Tagen zu reden. Der Nächste soll uns sein als wir selbst, und wer stand mir näher als Du? Ja, die Selbstsucht! Es gibt auch Abgründe auf dem Wege zu Gott.«

»Ich weiß nicht viel zu erzählen,« sagte Paulus, »aber man vergißt doch nicht, was man einmal gewesen. Man stößt es von sich, man glaubt es los zu sein, aber plötzlich ist es wieder da und grüßt uns wie ein alter Bekannter. Wenn der Frosch auch einmal auf den Baum kommt, er hüpft doch wieder in den Teich zurück.«

»Nicht wahr, die Erinnerung läßt sich nicht tödten.« rief der Kranke. »Ich kann nicht mehr schlafen. Erzähle mir von Deiner Jugend, und wie Du ein Christ geworden bist. Wenn zwei Männer lange desselben Weges gewandert sind, und es kommt zur Trennung, so fragt der Eine den Andern wohl nach Herkunft und Namen.«

Paulus schaute eine Zeitlang in's Leere, dann begann er:

»Menander, des Herophilus Sohn, nannten mich meine Altersgenossen. Sonst weiß ich gewiß nicht mehr viel aus meiner Jugend, denn ich sagte Dir's ja schon, ich habe mir's längst verboten, an die Welt zu denken. Wer ein Ding fortwirft und die Idee des Dinges festhält, dem bleibt . . .«

»Das klingt ja nach Plato,« lächelte Stephanus.

»Heute kehrt all' das Heidenzeug wieder,« rief Paulus. »Ja ich hab' ihn gekannt und dachte wohl manchmal, sein Antlitz könne dem unseres Heilands geglichen haben!«

»Doch nur wie ein schöner Gesang den Stimmen der Engel,« sagte Stephanus abweisend. »Wer sich in die Systeme der Philosophen versenkt . . .«

»Dazu ist es bei mir niemals recht gekommen,« versicherte Paulus. »Zwar mußt' ich den ganzen Bildungsgang durchlaufen: Grammatik, Rhetorik, Dialektik und Musik . . .«

»Und Arithmetik, Geometrie und Astronomie,« ergänzte Stephanus.

»Die überließ man den Gelehrten schon seit einigen Jahren,« fuhr Paulus fort, »und ich war nie ein besonderer Lerner. In der Schule des Rhetors blieb ich weit hinter den Genossen zurück, und wenn Plato mir lieb war, so dank' ich das dem Pädonomos aus Athen, einem würdigen Manne, den der Vater uns hielt.«

»Sie sagen, er sei ein großer Kaufherr gewesen,« unterbrach ihn der Kranke. »Du bist doch nicht etwa des reichen Herophilus Sohn, für den der brave Jude Urbib in Antiochia die Geschäfte besorgte?«

»Doch, doch,« entgegnete Paulus und schaute verlegen zu Boden. »Unser Hausstand war fast königlich, ich will es nicht leugnen, und sündhaft die Menge unserer Sklaven. Wenn ich an all' den Tand zurückdenke, für den der Vater zu sorgen hatte, so erfaßt mich ein Schwindel. Zwanzig Meerschiffe im Hafen des Eunostus und achtzig Nilboote im Mareotischen See gehörten ihm. Eine Stadt voll Armer hätte sich durch den Gewinn, den die Papyrusfabriken ergaben, versorgen lassen; aber wir brauchten unsere Einkünfte für andere Dinge! Unsere kyrenäischen Rosse standen in marmornen Ställen, und die große Halle, in der sich die Freunde des Vaters versammelten, glich einem Tempel. Aber siehst Du, wie die Welt uns faßt, wenn wir ihrer gedenken! Lassen wir lieber das Vergangene ruhen! – Ich soll dennoch weiter erzählen? Nun, meine Kindheit verrann wie die von tausend anderen reichen Bürgerssöhnen; nur meine Mutter war doch wohl besonders schön und lieb und von engelhafter Güte.«

»Für jedes Kind ist seine Mutter die beste Mutter,« murmelte der Kranke.

»Und für mich war es gewißlich die meine!« rief Paulus. »Und sie ist doch nur eine Heidin gewesen! Bei ihr fand ich immer ein gutes Wort, einen liebreichen Blick, wenn mich der Vater mit hartem Tadel verletzte. Es war wohl auch wenig an mir zu loben. Das Lernen ward mir recht sauer, und hätte ich auch Besseres in der Schule geleistet, es wäre doch kaum zur Geltung gekommen, denn mein Bruder Apollonius, der um ein Jahr jünger als ich war, erlernte das Schwerste als wär' es ein Spiel. Kein System war ihm fremd, und ob man auch niemals merkte, daß er sich sonderlich plage, ward er doch Meister auf vielen Gebieten des Wissens. Nur in zwei Stücken blieb ich ihm überlegen, in der Musik und in allen athletischen Künsten. Während er studirte und disputirte, errang ich Kränze in der Palästra. Aber der beste Rhetor und Wortfechter war damals der beste Mann, und der Vater, der selbst in der Rathsversammlung als feuriger und geschmackvoller Redner zu glänzen verstand, hielt mich für einen halb mißrathenen Dummkopf, bis ihm einmal ein gelehrter Klient unseres Hauses auf einem geschnittenen Stein ein Epigramm überreichte, in dem es hieß: Wer die edelsten Güter des Griechenstammes sehen wolle, der möge des Herophilus Haus besuchen, denn dort wären zu bewundern: die Kraft und Anmuth des Leibes in Menander und die gleichen Eigenschaften des Geistes in Apollonius. Diese Verse – sie bildeten die Gestalt einer Laute – gingen von Mund zu Munde und befriedigten den Ehrgeiz des Vaters, der von nun an auch lobende Worte fand, wenn mein Viergespann im Hippodrom gesiegt hatte, oder wenn ich mit Kränzen geschmückt von den Ringspielen und Wettgesängen heimkehrte. In den Bädern, in der Palästra und bei frohen Gelagen verging mein Leben.«

»Das kenn' ich Alles,« unterbrach ihn Stephanus, »und oftmals hat mich die Erinnerung daran beunruhigt. Ward es Dir leicht, diese Bilder zu bannen?«

»Anfänglich hatte ich schwer zu kämpfen,« seufzte Paulus, »aber seit einiger Zeit, seitdem ich das vierzigste Jahr überschritten, plagen mich die Lockungen der Welt immer seltener. Ich muß nur den Botengängern aus dem Wege gehen, welche die Fische aus dem Flecken an der See und aus Raïthu nach der Oase bringen.«

Stephanus schaute den Andern fragend an; Paulus aber sagte:

»Ja, das ist sehr wunderlich! Ob ich Männer sehe oder Weiber, das Meer oder den Berg hier; ich denke nie an Alexandria und immer an heilige Dinge; aber wenn mir der Fischgeruch in die Nase steigt, so tritt der Markt vor meine Augen, und ich sehe die Fischstände und Austern . . .«

»Die von Kanopus sind ausgezeichnet,« unterbrach ihn Stephanus, »man macht dort kleine Pastetchen . . .«

Paulus wischte sich die bärtigen Lippen mit dem Rücken der Hand und rief: »Bei dem dicken Garkoch Philemon in der herakleotischen Straße!«

Aber schon unterbrach er sich selbst und rief beschämt: »Es wäre doch besser, ich hörte auf zu erzählen. Noch dämmert es nicht, und Du solltest zu schlafen versuchen.«

»Ich kann nicht,« seufzte Stephanus. »Wenn Du mich liebst, so beende Deine Geschichte!«

»Aber unterbrich mich nicht wieder,« bat Paulus und fuhr fort: »Bei all' dem fröhlichen Leben war ich nicht glücklich, gewiß nicht. Wenn ich einmal allein war und nicht im Kreise der frohen Kumpane und gefälligen Dirnen mit Pappellaub bekränzt den Becher leerte, dann war es mir oft, als wanderte ich am Rande eines schwarzen Abgrunds, oder als sei Alles gänzlich hohl und öde in mir selbst und um mich her. Stundenlang konnte ich in's Meer schauen, und wenn dann die Wellen sich hoben, um sich wieder zu senken und ganz zu verschwinden, so dacht' ich oft, ich sei ihnen vergleichbar und meiner nichtigen Gegenwart Zukunft ein leeres Nichts. Unsere Götter galten uns wenig. Die Mutter opferte bald in diesem, bald in jenem Tempel, je nach den Bedürfnissen des Tages; der Vater nahm Theil an den Festen, aber spottete über den Glauben der Menge, und mein Bruder sprach von dem ›Ureinen‹ und hatte mit allerhand Dämonen und magischen Formeln zu thun. Er hielt sich zu der Lehre der neuplatonischen Weisen, die meinem armen Kopfe bald übermenschlich tiefsinnig, bald unmenschlich närrisch vorkamen. Manches Wort aus seinem Munde blieb mir doch im Gedächtniß, und ich hab' es erst hier in der Einsamkeit verstanden. Das Vernünftige außer uns zu suchen sei nichts; das Höchste aber, wenn die Vernunft in uns sich selbst schaue. So oft mir die Welt in's Nichts versinkt, und ich lebe in Gott und habe und halte ihn und empfinde nur ihn, so muß ich jener Lehre gedenken. Wie suchten und lauschten all' diese Thoren herum nach der Wahrheit, die neben ihnen laut verkündigt ward!

»Christen gab es überall, und in jener Zeit brauchten sie sich nicht zu verbergen; ich aber hatte nichts mit ihnen zu theilen. Nur zweimal kreuzten sie mir den Weg. Einmal war ich nicht wenig verdrossen, als im Hippodrom die Rosse eines Christen, die einen nazarenischen Segen empfangen hatten, die meinen besiegten, und ein anderes Mal ist es mir wunderlich zu Muthe gewesen, als ich selbst solchen Segen von einem alten christlichen Hafenarbeiter empfing, dem ich den Sohn aus dem Wasser gezogen.

»Jahre vergingen. Meine Eltern starben. Der Mutter letzter Blick hat mir gegolten, denn ich war ihr doch das liebste von all' ihren Kindern. Sie sagten auch, ich sei ihr ähnlich gewesen; ich und meine Schwester Arsinoë, die sich bald nach dem Tode des Vaters mit dem Präfekten Pompejus vermählte.

»Bei der Vertheilung des Erbes überließ ich dem Bruder die Fabriken und die Leitung des Geschäftes, ja auch, obgleich es mir als dem ältern zukam, das Haus in der Stadt. Dafür übernahm ich das Landgut vor dem kanopischen Thore und füllte dort die Ställe mit edlen Rossen und die Speicher mit ebenso edlem Wein. Den hatte ich nöthig, denn der Tag gehörte den Bädern und der Ringbahn, die Nächte aber wurden durchzecht, bald bei mir, bald bei Freunden, bald auch in einem der Herbergshäuser zu Kanopus, in denen Gesang und Tanz der schönsten Griechinnen die Gastmähler würzte.

»Was haben diese Stätten der eitelsten Weltlust mit Deiner Bekehrung zu schaffen? wirst Du fragen. Höre nur zu! Als Saul ausging, um seines Vaters Esel zu suchen, fand er eine Krone.

»Eines Tages waren wir auch in unseren vergoldeten Booten dorthin gefahren, und die Lesbierin Archidike hatte uns in ihrem Haus ein Gastmahl gerüstet, ein Gastmahl, wie man es selbst in Rom kaum herzustellen vermöchte.

»Seit der Einnahme unserer Stadt durch Diokletian nach dem Aufstande des Achilleus benahmen sich die kaiserlichen Truppen, die nach Alexandria gekommen waren, übermüthig genug. Zwischen meinen Freunden und einigen jungen Offizieren aus römischen Patrizierfamilien war es wegen Pferden, Frauen und was weiß ich schon seit Monden und dann immer wieder zu Reibereien gekommen, und es fügte sich, daß wir gerade diese Herrlein im Gasthause der Archidike trafen.

»Es kam zu spitzigen Reden, die Soldaten erwiderten sie in ihrer Weise, und endlich gab es beleidigende Worte, ja, als der Wein sie und uns erhitzt hatte, Drohungen und Zank.

»Die Römer verließen vor uns das Gasthaus.

»Bekränzt, singend und völlig sorglos folgten wir ihnen nach einiger Zeit und waren schon ganz nahe dem Hafen, als aus einer Seitengasse eine lärmende Schaar hervorbrach und uns mit blanken Waffen überfiel.

»Der Mond stand am Himmel, und einzelne unter unseren Gegnern konnte ich erkennen. Ich stürzte mich auf einen langen Tribunen, würgte ihn und sank, als er stürzte, mit ihm in den Staub. Was weiter geschah, ist mir nur dunkel bewußt, denn Schwerthiebe regneten auf mich nieder, und es wurde mir schwarz vor den Augen. Ich weiß nur noch, was ich da im Angesichte des Todes dachte.«

»Nun?« fragte Stephanus.

»Ich dachte,« antwortete Paulus erröthend, »an meine Kampfwachteln in Alexandria, und ob sie auch Wasser bekommen hätten. Dann bemächtigte sich meiner tiefe, dumpfe Bewußtlosigkeit. Wochenlang habe ich so gelegen, denn ich war zerhackt wie das Wurstfleisch beim Metzger. Zwölf Wunden hatte ich, die kleinen nicht mitgerechnet, von denen jede einem Andern an's Leben gegangen wäre. Du hast Dich ja manchmal über meine Narben gewundert.«

»Und wen ersah damals der Höchste zu Deiner Rettung?«

»Als ich erwachte,« fuhr Paulus fort, »lag ich in einem großen, saubern Zimmer, hinter einem Vorhange von hellem Zeug. Aufrichten konnt' ich mich nicht, und als hätt' ich nur so viele Minute geschlummert wie Tage, dacht' ich zuerst wieder an meine Wachteln. Beim letzten Kampfe hatte mein bester Hahn den des schönen Nikander übel zugerichtet, und doch versuchte er mir den Einsatz streitig zu machen. Aber ich wollte mir schon mein Recht verschaffen! Wenigstens mußten die Wachteln noch einmal auf einander los, und wenn Nikander sich weigern würde, dann wollte ich ihn in der Palästra zum Faustkampf zwingen und ihm ein blaues Erinnerungszeichen an seine Schuld auf's Auge malen. Meine Hände waren noch schwach, und doch ballten sie sich, als ich des ärgerlichen Handels gedachte. ›Ich werde ihn!‹ murmelte ich vor mich hin.

»Da hörte ich, wie die Thür des Gemaches, in dem ich ruhte, sich aufthat, und sah, wie sich drei Männer ehrerbietig einem vierten näherten. Dieser begrüßte sie würdevoll und doch freundlich und rollte eine Schrift, in der er gelesen hatte, zusammen. Ich hätte ihn gern angerufen, aber ich konnte die trockenen Lippen nicht öffnen, und doch sah und hörte ich Alles, was in dem Zimmer neben mir vorging.

»Es erschien mir damals fremdartig genug.

»Schon der Gruß dieser Männer war seltsam gewesen.

»Bald nahm ich wahr, daß der auf dem Stuhl ein Richter war, und die Anderen als Kläger kamen. Sie waren alle Drei alt und arm; aber gute Menschen hatten ihnen ein Stück Feld zur Benützung überlassen. Während der Zeit der Bestellung war der Eine, ein hübscher Greis mit langen weißen Haaren, krank gewesen und hatte auch bei der Ernte nicht mithelfen können. ›Nun werden sie ihm seinen Antheil an dem Korn vorenthalten wollen,‹ dachte ich mir; aber es sollte anders kommen! Die Gesunden hatten dem Kranken den dritten Theil des Ausdruschs in's Haus gebracht, und der Greis weigerte sich hartnäckig, den Waizen anzunehmen, da er weder bei der Saat, noch bei der Ernte mitgeholfen habe, und forderte den Richter auf, die Anderen zu bedeuten, daß er ein Gut, welches er doch nicht erworben, auch nicht anzunehmen berechtigt sei.

»Der Richter hatte bisher geschwiegen. Jetzt erhob er das kluge, freundliche Gesicht und fragte den Greis: ›Hast Du für Deine Genossen und für das Gedeihen ihrer Arbeit gebetet?‹

»›Das that ich,‹ antwortete der Alte.

»›So hast Du ihnen durch Deine Fürbitte geholfen,‹ entschied der Richter, ›und der dritte Theil der Ernte ist Dein, und Du wirst ihn behalten!‹

»Der Greis verneigte sich, die Männer gaben einander die Hände, und bald war der Richter wieder allein im Gemach.

»Ich wußte nicht, wie mir geschah. Widersinnig schien mir die Klage und der Spruch des Richters, und dennoch rührten mir beide das Herz. Ich schlief wieder ein, und als ich am folgenden Morgen gestärkt erwachte, trat der Richter zu mir heran und reichte mir Arznei, nicht nur für den Leib, sondern auch für die Seele, die gewiß so wund war wie die armen, zerschlagenen Glieder.«

»Wer war der Richter?« fragte Stephanus.

»Eusebius, der Presbyter von Kanopus. Christen hatten mich halbtodt auf der Straße gefunden und in sein Haus gebracht, denn die Wittwe Theodora, seine Schwester, war die Diakonissin der Stadt. Sie haben mich Beide gepflegt, als wär' ich ihr leiblicher Bruder. Erst als ich kräftiger geworden war, zeigten sie mir das Kreuz und die Dornenkrone Dessen, der auch um meinetwillen so viel weit schwereres Leid auf sich genommen, und lehrten mich seine Wunden lieben und die meinen in Ergebung tragen. An dem dürren Holz der Verzweiflung knospte bald junges Hoffnungsgrün, und an Stelle des öden Nichts am Ende des Lebens zeigten sie mir den Himmel mit all' seinen Freuden.

»Ich wurde ein neuer Mensch, und vor mir lag als Zukunft ein endloses seliges Dasein. Nach mir, das wußte ich nun, wird nichts sein als die Ewigkeit; weit geöffnet waren für mich die Thore des Himmels, und zu Kanopus hab' ich die Taufe empfangen.

»In Alexandria hatte man mich schon als einen Verstorbenen betrauert, und meine Schwester Arsinoë war als meine Erbin mit ihrem Gatten, dem Präfekten, in mein Landhaus gezogen. Ich ließ es ihr gern und wohnte von nun an wieder in der Stadt, um, als die Verfolgungen von Neuem begannen, den Brüdern beistehen zu können.

»Das war mir leicht, denn durch meinen Schwager stand mir zu allen Kerkern der Zutritt offen. Endlich mußte ich laut den Glauben bekennen und hab' Vieles erduldet auf der Marterbank und in den Porphyrbrüchen; doch jeder Schmerz war mir theuer, weil er mich meinem Sehnsuchtsziele näher zu bringen schien, und wenn ich hier auf dem heiligen Berg Eins beklage, so ist es nur das, daß der Herr mich nicht würdigt, Härteres zu erdulden, da doch sein lieber eigener Sohn für mich und jeden Armen so bittere Qualen auf sich genommen.«

»Du heiliger Mann!« murmelte Stephanus und küßte andächtig des Paulus Schaffell; dieser aber riß es ihm aus der Hand und rief unwillig:

»Ich bitte Dich, laß das. Wer mir hier im Leben mit Ehren naht, der wirft mir Steine in den Weg zum seligen Leben. Jetzt geh' ich zur Quelle, um Dir frisches Wasser zu schöpfen.«

Als Paulus mit dem Kruge zurückkehrte, fand er Hermas, der seinem Vater den Morgengruß bot, bevor er zu dem Senator in die Oasenstadt ging, um neue Arzneimittel zu holen.

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