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Gutenberg > Georg Ebers >

Homo sum

Georg Ebers: Homo sum - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleHomo sum
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleHomo sum
pagesIII-XV
created20021218
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Zweites Kapitel.

Hoch über der Schlucht mit der Quelle lag eine ebene Felsenfläche von bescheidenem Umfang, in deren Hintergrunde sich eine zerklüftete Wand von nacktem, rothbraunem Porphyr erhob.

Eine stahlharte Dioritader durchzog ihren Fuß wie ein grünes Band, und unter dieser öffnete sich eine kleine, rundliche, von der bildenden Hand der Natur gewölbte Höhle.

Früher hatten wilde Thiere, Panther oder Wölfe, in ihr gehaust; jetzt diente sie dem jungen Hermas und seinem Vater zur Wohnung.

Viele ähnliche Höhlen befanden sich in dem heiligen Berge, und von den größten unter ihnen hatten Anachoreten Besitz ergriffen.

Die des Stephanus war besonders hoch und tief, und dennoch war der Zwischenraum klein, der die beiden Lagerstätten von getrockneten Bergkräutern trennte, auf denen hier der Vater, dort der Sohn ruhte.

Mitternacht war längst vorüber, aber weder der junge, noch der alte Höhlenbewohner schienen zu schlafen.

Hermas stöhnte laut und warf sich heftig von einer Seite auf die andere, ohne des Alten zu achten, der, schwach und von Schmerzen gequält, des Schlummers nöthig bedurfte. Indessen versagte sich Stephanus die Erleichterung, sich umzuwenden oder zu seufzen, wenn er zu bemerken meinte, daß sein rüstiger Sohn Ruhe gefunden habe.

Was mochte dem Knaben, der sonst fest und schwer erweckbar zu schlafen pflegte, die Ruhe rauben?

»Wie kommt es,« dachte Stephanus, »daß die kräftige Jugend so fest und viel, und das der Ruhe bedürftige Alter, ja auch der kranke Mensch, so leicht und wenig schläft? Soll ihnen das Wachen die Lebensfrist, deren Ablauf sie fürchten, verlängern? Wie hängt man doch so thöricht an diesem jammervollen Dasein, und möchte sich fortstehlen und verbergen, wenn der Engel uns ruft, und sich uns die goldenen Thore öffnen! Wie Saul, der Hebräer, sind wir, der sich versteckte, da sie ihm mit der Krone nahten! Die Wunde brennt schmerzlich. Hätte ich nur einen Schluck Wasser! Wäre das arme Kind nicht so schwer entschlafen, ich bäte doch um den Krug.«

Stephanus lauschte zu dem Sohne hinüber und weckte ihn nicht, wie er seine schweren und regelmäßigen Athemzüge vernahm.

Fröstelnd zog er sich unter seinem Schurzfell zusammen, das nur den halben Körper bedeckte, denn durch die Oeffnung der bei Tage glühend heißen Höhle drang jetzt die eisige Nachtluft.

So vergingen lange Minuten. Endlich glaubte er zu bemerken, daß Hermas sich aufrichte.

Ja, der Schläfer mußte erwacht sein, denn er begann zu reden und den Namen Gottes anzurufen.

Nun wandte sich der Alte seinem Sohne zu und begann leise: »Hörst Du mich, Kind?«

»Ich kann nicht schlafen,« antwortete der Jüngling.

»So gib mir zu trinken,« bat Stephanus, »meine Wunde brennt unerträglich.«

Hermas erhob sich sogleich und reichte dem Leidenden den Wasserkrug.

»Danke, danke, mein Kind,« sagte der Alte und suchte tastend nach dem Halse des Gefäßes. Aber er fand ihn nicht und rief erstaunt:

»Wie feucht und kalt! Das ist ja Thon, und unser Krug war ein Kürbis.«

»Ich hab' ihn zerbrochen,« unterbrach ihn Hermas »und Paulus lieh mir den seinen.«

»So, so,« murmelte Stephanus, trank begierig, gab seinem Sohne den Krug zurück und wartete, bis er sich wieder auf dem Lager ausgestreckt hatte. Dann sagte er besorgt:

»Du bliebst lange aus am Abend, der Krug ist zerbrochen, und Du stöhntest im Schlaf. Was ist Dir begegnet?«

»Ein Dämon der Hölle,« entgegnete Hermas. »Und jetzt folgt mir der Unhold in unsere Höhle und ängstigt mich in allerlei Gestalten.«

»Banne ihn denn und bete,« sagte der Alte ernst. »Vor dem Namen Gottes fliehen die unreinen Geister.«

»Ich hab' ihn gerufen,« seufzte Hermas, »aber vergebens. Ich sehe Weiber mit rothen Lippen und wallenden Haaren, und weiße Marmorbilder mit runden Gliedern und glühenden Augen, die mir winken, immer und immer.«

»So nimm die Geißel,« befahl der Vater, »und schaffe Dir Ruhe.«

Gehorsam erhob sich Hermas auf's Neue und ging mit der Geißel in's Freie. Die Enge des Höhlenraumes verbot ihm, sie dort mit kräftig erhobenem Arme zu schwingen.

Bald vernahm Stephanus das Pfeifen der die nächtliche Stille durchsausenden ledernen Schnüre, ihren harten Schlag auf elastische menschliche Muskeln und seines Sohnes schmerzliches Stöhnen.

Bei jedem Hiebe zuckte der Alte zusammen, als habe er ihn selbst getroffen. Endlich rief er so laut wie er es vermochte: »Genug jetzt, genug!«

Hermas kehrte in die Höhle zurück.

Sein Vater rief ihn an sein Lager und forderte ihn auf, mit ihm gemeinsam zu beten.

Nach dem Amen streichelte er des Sohnes üppigen Haarschmuck und sagte: »Seit Du in Alexandria warst, bist Du ein Anderer geworden. Ich wollte, ich hätte dem Bischof Agapitus widerstanden und Dir die Reise verboten! Bald wird mein Heiland mich rufen, ich weiß es, und Niemand wird Dich hier halten. Dann wird der Versucher Dir nahen und all' die Herrlichkeiten der großen Stadt, die doch nur leuchten wie Holz, wenn es faul ist, wie schillernde Schlangen und giftige Purpurbeeren . . .«

»Ich mag sie nicht,« unterbrach ihn Hermas. »Verwirrt und geängstigt hat mich der lärmende Ort. Nie und nimmer betret' ich ihn wieder.«

»So sagst Du immer,« gab Stephanus zurück, »und doch hat Dich die Reise verändert. Wie so häufig dacht' ich früher, wenn ich Dich lachen hörte, der Klang müßte gewiß dem Vater im Himmel gefallen. Und nun? Wie ein singender Vogel bist Du gewesen, und jetzt gehst Du stumm einher, sauer und unwillig schaust Du drein, und böse Gedanken verkümmern Dir den Schlummer.«

»Das ist mein Schade,« antwortete Hermas. »Bitte, laß meine Hand los. Bald ist die Nacht vorbei, und den ganzen langen Tag hast Du Zeit, mir Lehren zu geben.«

Stephanus seufzte, und Hermas suchte sein Lager auf.

Beide floh der Schlaf, und Jeder wußte vom Andern, daß er wache, und hätte ihn gern angeredet, aber Mißbehagen und Trotz schlossen des Sohnes Lippen, und der Vater schwieg, weil er immer nicht die rechten, herzergreifenden Worte finden konnte, nach denen er suchte.

Endlich ward es Morgen. Ein dämmernder Schimmer streifte die Oeffnung der Höhle, und es ward heller und heller in ihrem dumpfen Raume. Der Jüngling erwachte und erhob sich gähnend.

Als er seinen Vater mit offenen Augen daliegen sah, fragte er gleichgültig: »Soll ich hier bleiben oder zur Morgenandacht gehen?«

»Laß uns zusammen beten,« bat Stephanus. »Wer weiß, wie lange uns das noch vergönnt ist. Der Tag ist mir nicht fern, dem kein Abend folgt. Knie' hier nieder und laß mich das Bild des Gekreuzigten küssen.«

Hermas that, wie ihm der Vater geheißen, und als Beide ihren Lobgesang endeten, mischte sich eine dritte Stimme in das Amen.

»Paulus!« rief der Alte; »gelobt sei der Heiland! Sieh' doch ein wenig nach meiner Wunde. Die Pfeilspitze sucht einen Ausgang und brennt mich furchtbar.«

Der neu Angekommene, ein Anachoret, der statt jeder andern Kleidung einen hemdartigen Rock von braunem, ungewalktem Tuch und ein Schaffell trug, untersuchte sorgfältig die Wunde, legte Kräuter darauf und murmelte dabei fromme Sprüche.

»Nun ist es viel besser,« seufzte der Alte. »Um Deiner Güte willen gewährt der Herr mir Erbarmen.«

»Ich gut? Ich Sündengesäß!« entgegnete Paulus mit tiefer, metallreicher Stimme, und seine überaus freundlichen blauen Augen richteten sich aufwärts, als wollten sie versichern, daß man sich gewaltig über ihn täusche. Dann strich er das ergrauende Haar, welches ihm ungeordnet und buschig über Hals und Gesicht hing, aus den Augen und sagte munter:

»Kein Mensch ist mehr als ein Mensch, und Viele sind weniger! In der Arche gab es viel Vieh, aber nur einen Noah!«

»In unserem Schifflein bist Du der Noah,« erwiederte Stephanus.

»Dann ist der große Lümmel hier der Elephant,« lachte Paulus.

»Du bist nicht kleiner als er,« gab Stephanus zurück.

»Schade, daß diese steinerne Arche so niedrig ist, sonst könnten wir uns gleich messen,« rief Paulus. »Ja, wären Hermas und ich so fromm und rein, wie wir groß und stark sind, wir hätten Beide den Schlüssel zum Paradies in der Tasche. Du hast Dich heute Nacht gegeißelt, Bursch, ich hörte es klatschen. Recht so! Wenn das sündige Fleisch sich regt, so versetzt man ihm eins.«

»Er hat schwer gestöhnt und konnte nicht schlafen,« sagte Stephanus.

»Ei, da soll ihn doch!« schrie Paulus dem Jüngling zu und streckte ihm seine gewaltigen Arme mit geballten Fäusten entgegen. Aber die drohenden Worte klangen mehr laut als grimmig, und so wild der ungewöhnlich große Mann in dem Schaffell auch aussah, so lag doch eine so unwiderstehliche Freundlichkeit in seinem Blick und seiner Stimme, daß Niemand glauben mochte, es sei ihm ernst mit dem Zorne.

»Höllische Geister sind ihm begegnet,« sagte Stephanus begütigend, »und ich hätte auch ohne sein Aechzen kein Auge geschlossen. Das ist nun die fünfte Nacht . . .«

»In der sechsten aber,« unterbrach ihn Paulus, »ist Dir der Schlaf vonnöthen. Thu' das Fell um, Hermas. Du sollst hinunter in die Oase zum Senator Petrus und von ihm oder Frau Dorothea, der Diakonissin, für unsern Kranken einen guten Schlaftrunk holen. Sieh' Einer! Der Junge denkt wahrhaftig an das Frühmahl des Vaters! Freilich, der eigene Bauch ist ein guter Mahner. Steck' nur das Brod ein und stell' das Wasser hieher an das Lager. Während Du fort bist, hol' ich frisches, und nun komm' mit mir.«

»Warte noch, warte!« rief Stephanus. »Bring' einen neuen Krug mit aus der Stadt, mein Kind. Du hast uns gestern den Deinen geliehen, Paulus, und ich möchte . . .«

»Bald hätt' ich's vergessen,« unterbrach ihn der Andere. »Ich hab' ja dem unbehutsamen Burschen zu danken, denn nun weiß ich erst, wie man trinken muß, so lang' man gesund ist. Nicht für eine Last Goldes nehm' ich den Krug zurück! Nur wenn man aus der hohlen Hand trinkt, mundet das Wasser! Der Scherben gehört euch. Gegen mein eigenes Wohl würde ich wüthen, wenn ich ihn zurückfordern wollte. Gottlob, jetzt kann mir auch der schlaueste Dieb nichts mehr stehlen, als meinen Pelz.«

Stephanus wollte ihm danken, er aber nahm Hermas bei der Hand und zog ihn mit sich in's Freie.

Eine Zeitlang schritten die beiden Männer schweigend über Klippen und Blöcke bergan.

Auf einer Felsenplatte, die der vom Meer über den Berg in die Oase führende Weg berührte, blieb Paulus stehen, wandte sich dem Jüngling zu und sagte:

»Wenn wir alle Folgen unserer Handlungen zu jeder Zeit bedenken würden, so gäb's keine Sünde.«

Hermas blickte ihn fragend an, Paulus aber fuhr fort.

»Wäre Dir's eingefallen, wie nöthig Dein armer Vater des Schlafes bedarf, Du hättest heute Nacht fein stille gelegen.«

»Ich konnte nicht,« gab der Getadelte mürrisch zurück. »Du weißt ja, ich habe mich unsanft gegeißelt.«

»Das war recht, denn Schläge hast Du verdient wie ein ungezogenes Bürschchen!«

Hermas sah den tadelnden Freund herausfordernd an. Flammende Röthe stieg in seine Wangen, denn er erinnerte sich des Wortes der Hirtin, er möge sie bei seiner Amme verklagen, und unwillig rief er:

»So laß ich nicht mit mir reden; ich bin kein Kind mehr!«

»Auch nicht das Deines Vaters?« unterbrach ihn Paulus und schaute ihn dabei so erstaunt und fragend an, daß Hermas verlegen die Augen abwandte.

»Es ist doch nicht schön, wenn Einer gerade Dem, der nur noch um seinetwillen zu leben verlangt, das bischen Leben verkümmert.«

»Gern hätte ich stille gelegen, denn ich liebe meinen Vater so gut wie ein Anderer.«

»Du schlägst ihn nicht,« entgegnen Paulus, »Du bringst ihm Brod und Wasser und trinkst den Wein nicht allein aus, den Dir der Bischof vom Abendmahle für ihn mit in's Haus gibt. Das ist wohl etwas, aber noch lange nicht genug!«

»Ich bin kein heiliger Mann!«

»Ich auch nicht!« rief Paulus. »Voll Schwächen bin ich und Sünden; aber was die Liebe ist, die der Heiland uns lehrte, das weiß ich, das kannst Du auch wissen. Am Kreuz ist er verschmachtet für Dich und für mich und die Armen und Schächer. Das Lieben ist das Allerleichteste und Schwerste zugleich. Es heischt Opfer! Und Du? Wie lange ist's her, seit Du dem Vater zum letzten Mal ein frohes Antlitz gezeigt hast?«

»Ich kann nicht heucheln.«

»Das brauchst Du auch nicht; aber lieben sollst Du. Wahrlich, nicht mit dem, was die Hand thut, sondern nur mit dem, was das Herz freudig darbringt und sich zu versagen zwingt, beweist man die Liebe.«

»Und ist es kein Opfer, daß ich hier meine Jugend verderbe?« fragte der Jüngling.

Paulus trat vor ihm zurück, schüttelte überrascht das zottige Haupt und sagte: »Steht es so? An Alexandria denkst Du? Ja freilich, schneller verrinnt das Leben dort, als auf unserem einsamen Berge. Das braune Hirtenmädchen magst Du ja nicht, aber vielleicht hat Dir dort eine schöne weiß und rothe Griechin in die Augen geschaut?«

»Laß mich mit den Weibern!« entgegnete Hermas mit aufrichtigem Unwillen. »Es gab dort andere Dinge zu schauen!«

Bei diesen Worten leuchteten des Jünglings Augen, und Paulus fragte nicht ohne Spannung: »Nun?«

»Du kennst Alexandria besser als ich,« antwortete Hermas ausweichend. »Du bist dort geboren, und sie sagen, Du wärest ein reicher Jüngling gewesen.«

»Sagen sie?« fragte Paulus. »Vielleicht haben sie Recht; aber wissen sollst Du: Ich bin froh, daß mir nichts mehr gehört von all' dem Tand, den ich da unten besessen habe, und ich danke dem Heiland, daß ich das Menschengewimmel nur noch mit dem Rücken anzusehen brauche. Was scheint Dir denn in all' dem Getreibe so sonderlich lockend?«

Hermas zauderte.

Er scheute sich zu reden, und doch zog und drängte es ihn, endlich einmal auszusprechen, was ihm die Seele bewegte.

Wenn Einer unter all' den ernsten, die Welt verachtenden Männern, unter denen er groß geworden, ihn verstehen konnte, das wußte er, so war es Paulus, dem er, als er klein war, den rauhen Bart gezaust, auf dessen Schultern er oft gesessen und der ihm tausendmal gezeigt hatte, wie lieb er ihn habe.

Zwar war der Alexandriner der strengsten Einer, aber er war nur hart gegen sich selbst.

Einmal mußte sich Hermas das Herz erleichtern, und mit einem schnellen Entschluß fragte er den Anachoreten: »Hast Du manchmal die Bäder besucht?«

»Manchmal? Mich wundert nur, daß ich in all' dem lauen Wasser nicht aufgeweicht und auseinandergegangen bin wie ein Weißbrod!«

»Warum spottest Du über das, was den Menschen schön macht?« rief Hermas eifrig. »Warum dürfen in Alexandria auch Christen die Bäder besuchen, während wir hier oben, während Du und der Vater und alle Anachoreten das Wasser nur brauchen, um den Durst zu löschen? Mich zwingt ihr, als einer der Euren zu leben, und ich mag kein garstiges Thier sein!«

»Uns sieht nur der Höchste,« gab Paulus zurück, »und wir schmücken für ihn unsere Seelen.«

»Aber auch den Leib hat der Herr uns gegeben,« unterbrach ihn Hermas. »Der Mensch ist Gottes Ebenbild, heißt es. Und wir? Widerwärtig wie ein häßlicher Affe kam ich mir vor, als ich die Jünglinge und Männer aus dem großen Bade beim Thor der Sonne heraustreten sah mit schön geordneten, duftigen Haaren und geschmeidigen Gliedern, die vor Frische und Reinheit glänzten. Und als sie so dahinzogen, und ich meines schäbigen Schaffelles und des Wustes der Mähne hier oben gedachte und meine Arme ansah und Füße, die nicht schlechter und schwächer gebildet sind als die ihren, da überlief es mich heiß und kalt, und es war mir, als schnüre mir ein bitterer Trank die Kehle zusammen. Am liebsten hätt' ich laut aufgeheult vor Scham und Neid und Verdruß. Ich will nicht sein wie ein Scheusal!«

Hermas hatte bei den letzten Worten mit den Zähnen geknirscht, und Paulus schaute ihn beunruhigt an, als er fortfuhr:

»Mein Leib ist Gottes so gut wie meine Seele, und was den Christen in der Stadt erlaubt ist . . .«

»Das dürfen wir hier oben doch wohl nicht,« unterbrach ihn Paulus ernst. »Wer sich einmal dem Himmel verschrieben, der muß sich ganz loslösen von den Reizen des Lebens und ein Band nach dem andern zerschneiden, das ihn mit dem Staube verknüpft. Ich habe ja auch einmal diesen Leib gesalbt und diese rauhen Haare gestrählt und mich über mein eigenes Spiegelbild herzlich gefreut; aber ich sage Dir, Hermas, und bei meinem lieben Heiland, ich sag's nur, weil ich's empfinde, hier tief im Herzen empfinde: Beten ist besser als baden, und ich armes Nichts bin mit Stunden begnadigt worden, mit Stunden, in denen meine Seele sich frei gerungen hat und als Ehrengast beseligt und entzückt theilnehmen durfte an den Festeswonnen des Himmels.«

Während Paulus diese letzten Worte sprach, hatten seine weit geöffneten Augen sich aufwärts gerichtet und einen wunderbaren Glanz gewonnen.

Eine Zeitlang standen Beide einander schweigend und regungslos gegenüber. Endlich strich der Anachoret das Haar aus der Stirn, die nun zum ersten Male sichtbar wurde. Sie war wohlgebildet, wenn auch schmal und in ihrem hellen Weiß grell abstechend von dem sonnverbrannten Gesichte.

»Du weißt nicht, Knabe,« sagte er aufathmend, »welche Freuden Du preisgeben möchtest für nichtige Dinge. Ehe noch der Himmel einen Frommen zu sich hinaufruft, zieht der Fromme den Himmel zu sich auf die Erde hernieder.«

Hermas verstand den Anachoreten gar wohl, denn sein Vater schaute oft nach stundenlangen Gebeten regungslos, ohne zu sehen oder zu hören, was um ihn her vorging, in die Höhe und pflegte, wenn er aus seinem ekstatischen Schauen erwachte, dem Sohne zu erzählen, daß er den Heiland gesehen oder die Chöre der Engel vernommen habe.

Ihm selbst war es niemals gelungen, sich in solche Zustände zu versetzen, obgleich ihn Stephanus häufig gezwungen hatte, viele Stunden von unendlicher Länge auf den Knieen zu liegen und mit ihm zu beten.

Oft war es geschehen, daß das schwache Lebenslicht des Alten nach diesen Uebungen, welche seine Seele auf's Tiefste erschütterten, zu verlöschen drohte, und weil Hermas ihn liebte, so hätte er ihm gern untersagt, sich solchen schädlichen Erregungen hinzugeben. Aber diese galten für vorzügliche Begnadigungen, und wie hätte der Sohn es wagen dürfen, seine Abneigung gegen so besonders heilige Dinge vor dem Vater zum Ausdruck zu bringen?

Paulus gegenüber fand er dazu in seiner heutigen Stimmung den Muth und sagte:

»Ich hoffe gewiß auf das Paradies, aber es wird uns doch erst nach dem Tode geöffnet. Geduldig sein soll der Christ; warum wartet ihr nicht auf den Himmel, bis der Heiland euch ruft, und wollt seine Freuden schon hier auf der Erde genießen? Erst das Eine und dann das Andere! Wozu hätte uns Gott die Gaben des Leibes gegeben, als um sie zu brauchen? Schönheit und Kraft sind nichts Geringes, und nur ein Narr schenkt dem andern edle Geschenke, damit er sie fortwirft.«

Paulus blickte erstaunt auf den Jüngling, der seinem Vater und ihm bis zu dieser Stunde in allen geistigen Dingen widerspruchslos gefolgt war, und antwortete kopfschüttelnd:

»So denken die Kinder der Welt, die dem Höchsten fern stehen. Ebenbilder Gottes sind wir gewißlich, aber welcher Sohn küßt das Bild des Vaters, wenn der Vater selbst ihm die Lippen reicht?

Paulus hatte »die Mutter« statt »des Vaters« sagen wollen; aber da er bei Zeiten bedachte, daß Hermas das Glück, sich an eine Mutter zu schmiegen, so früh verloren, sich schnell verbessert. Er gehörte zu Denen, denen es so weh thun würde, Andere zu verletzen, daß sie, als ahnten sie den Sitz auch der verborgenen Wunden ihres Nächsten, sie niemals berühren, außer um sie zu heilen.

Er pflegte sonst wenig zu sprechen, heut aber fuhr er eifrig fort:

»So viel höher Gott ist, als unser erbärmliches Ich, um so viel würdiger ist es für den Christen, an ihn zu denken, als an seine eigene Person. O, wem es doch glückte, ganz dieses Ich zu verlieren und vollkommen aufzugehen in Gott! Aber es läuft uns nach, und wenn die Seele sich schon verschmolzen zu sein wähnt mit dem Höchsten, so ruft es: ›Hier bin ich,‹ und zerrt unser edleres Theil zurück in den Staub. Schlimm genug, daß wir den Flug der Seele hemmen und unser vergängliches Theil zum Schaden des ewigen mit Brod und Wasser und faulem Schlaf mästen und stärken müssen, so gern wir auch fasten und wachen. Sollen wir dem Fleisch nun gar solche Forderungen zum Schaden der Seele zugestehen, die sich leichtlich abweisen lassen? Nur wer sein elendes Ich verachtet und preisgibt, wird durch des Erlösers Gnade, nachdem er sich selbst verloren, sich wiederfinden in Gott.«

Hermas hatte dem Anachoreten geduldig zugehört.

Jetzt schüttelte er den Kopf und sagte:

»Ich verstehe weder Dich, noch den Vater. So lang ich auf Erden wandle, bin ich ich und kein Anderer. Nach dem Tode freilich, aber erst dann, beginnt das neue, ewige Leben.«

»Mit nichten,« unterbrach Paulus ihn lebhaft. »Das andere, höhere Dasein, von dem Du sprichst, beginnt nicht erst im Jenseits für Den, der schon als Lebender zu sterben, der sein Fleisch abzutödten und seine Forderungen zu besiegen, die Welt und sein Ich fortzuwerfen und den Herrn zu suchen nicht abläßt. Vielen ward es vergönnt, schon mitten im Leben wiedergeboren zu werden zu einem höhern Dasein. Sieh' mich, den Aermsten der Armen! Einer nur bin ich, und doch bin ich vor dem Herrn so sicher ein Anderer als Der, der ich war, bevor die Gnade mich erfaßte, wie dieser Palmenschoß, welcher der Wurzel des umgestürzten Baumes entwächst, nicht Eins ist mit dem verfaulten Stamm. Ein Heide bin ich gewesen, und jede Luft des Staubes hab' ich mit vollen Zügen genossen. Dann ward ich ein Christ; die Gnade des Herrn kam über mich, und ich ward neu geboren und zum zweiten Male ein Kind; dießmal aber, Dank meinem Erlöser, ein Kind des Herrn. Mitten im Leben starb ich, stand ich auf, fand ich die Freuden des Himmels. Menander war ich, und wie Saulus, so ward ich Paulus, und Alles, was dem Menander lieb war: Bäder, Gastmähler, Schauspiele, Rosse und Wagen, Ringkämpfe, gesalbte Glieder, Rosen und Kränze, Purpurkleider, Gesang und Frauenliebe, liegen hinter mir wie schmutzige Sümpfe, aus denen ein Wanderer mühsam entkam. Keine Ader des alten ist in dem neuen Menschen zurückgeblieben, und so wie für mich, so hat für alle Frommen mitten auf dem Wege zum Grabe ein neues Leben begonnen. Auch Deine Stunde wird schlagen, auch Du wirst absterben . . .«

»Wär' ich nur, wie Du, ein Menander gewesen!« rief Hermas, den Andern jäh unterbrechend. »Wie vermag man wohl von sich zu werfen, was man niemals besessen? Um sterben zu können, muß man erst leben! Verächtlich scheint mir dieses Jammerdasein und müde bin ich's, euch nachzulaufen wie das Kälbchen der Kuh. Frei und aus edlem Geschlechte bin ich, der Vater selbst hat's gesagt, und wahrlich, ich bin nicht schwächer als die Bürgersöhne in der Stadt, denen ich vom Bad aus in die Ringschule folgte.«

»In der Palästra warst Du?« fragte Paulus erstaunt.

»In der Timagetischen Ringbahn,« rief Hermas erglühend. »Von der Pforte aus sah ich den Spielen der Jünglinge zu, wie sie rangen und mit schweren Scheiben nach einem Ziele warfen. Die Augen sprangen mir schier aus dem Kopfe beim Zuschauen, und laut aufschreien hätte ich mögen vor Groll, so dastehen zu müssen in dem lumpigen Fell und ausgeschlossen zu sein von dem Wettkampf. Wäre Pachomius nicht dazu gekommen, bei den Wunden des Heilands, ich wär' in die Bahn gesprungen und hätte den Stärksten von Allen herausgefordert und mit ihm gerungen, und die Scheibe weiter geschleudert als der duftende Laffe, der den Sieg errang, und den sie bekränzten.«

»Danke Pachomius,« lächelte Paulus, »daß er dich zurückhielt, denn nur Spott und Schande hättest Du in der Ringbahn geerntet. Stark bist Du gewiß, aber das Diskuswerfen will erlernt sein wie jede andere Kunst. Herakles selbst würde in diesem Spiel unterliegen ohne Uebung und die Kenntnisse der Handgriffe.«

»Ich hätte nicht zum ersten Mal geworfen,« rief der Jüngling. »Sieh' her, was ich kann!«

Bei diesen Worten bückte er sich, nahm eine der flachen Steinplatten auf, die hier zusammengehäuft lagen, um den Weg zu befestigen, holte kräftig aus und schleuderte den granitnen Diskus über den Abhang hinweg in die Tiefe.

»Da siehst Du!« rief Paulus, der dem Wurf aufmerksam und nicht ohne neugierige Erregung gefolgt war. »So stark Dein Arm auch sein mag, jeder Neuling wirft weiter als Du, wenn er die Kunstgriffe kennt. Nicht so, nicht so; mit der scharfen Kante muß die Scheibe wie ein Messer die Luft zerschneiden. Wie Du die Hand hältst; so werfen die Weiber! Das Handgelenk gerade und nun den linken Fuß zurück und das Knie gebogen! Sieh' Einer den Tölpel! Gib mir Deinen Stein! So faßt man die Scheibe, so zieht man den Leib zusammen und drückt die Kniee herunter wie das Holz eines Bogens, damit jede Sehne des ganzen Leibes das Geschoß, wenn es entsandt wird, fortschnellen hilft. So geht es schon eher; aber es ist auch noch nichts Rechtes. Erst heb' die Scheibe mit gestrecktem Arme! Nun fasse Dein Ziel in's Auge! Jetzt schwinge sie hoch nach hinten hinaus. Halt da! Noch einmal! Straffer gespannt muß der Arm sein, bevor Du schleuderst. Das ließ sich schon sehen; aber bis zu der Palme drüben könnte man kommen. Gib mir diese Platte und den Stein dort. So! Die ungleichen Ecken hindern die Flugkraft! Jetzt gib einmal Achtung.«

Mit steigender Lebendigkeit hatte Paulus diese Worte gesprochen, und nun faßte er die Steinplatte wie vor vielen Jahren, als kein Jüngling in Alexandria es ihm gleichthat beim Werfen des Diskus.

Er beugte die Kniee, streckte den Oberleib vor, ließ das Handgelenk spielen, holte mit dem bis auf's Aeußerste gestreckten Arme weit aus und schnellte, während die gekrümmten Zehen seines rechten Fußes sich in den Boden bohrten, den Stein in's Weite.

Vor der Palme, die er als Ziel bezeichnet hatte, fiel er nieder, ohne sie zu erreichen.

»Warte,« rief Hermas, »laß mich nun versuchen, den Baum zu treffen!«

Sein Stein durchsauste die Luft, aber erreichte nicht einmal den Hügel, auf dem die Palme Wurzel geschlagen.

Paulus schüttelte mißbilligend den Kopf, griff seinerseits nach einer Platte, und nun begann zwischen Beiden ein lebhafter Wettkampf. Mit jedem Wurfe flog der Stein des Hermas, der Haltung und Griffe seines Lehrers mit großer Gelehrigkeit nachahmte, weiter, während des ältern Mannes Arm zu ermüden begann.

Jetzt erreichte Hermas' Stein schon zum zweiten Mal die Palme, während Paulus bei seinem letzten Wurfe selbst den Hügel gefehlt hatte.

Die Lust des Wettspiels bemächtigte sich mehr und mehr des Anachoreten.

Er warf die Kleider von den Schultern, und einen neuen Stein ergreifend, rief er, als stünde er unter den von Salböl glänzenden Genossen in der Timagetischen Ringbahn, in der er so viele Kränze errungen:

»Beim Silberbogner Apollo und der pfeilfrohen Artemis, ich erreiche die Palme!«

Das Geschoß durchsauste die Luft, sein Oberkörper schnellte empor, sein linker Arm streckte sich und gab dem wankenden Körper das Gleichgewicht wieder, ein Krach, der getroffene Baumstamm zitterte, und Hermas jubelte auf:

»Wundervoll, wundervoll! Das war ein Wurf! Der alte Menander ist doch nicht gestorben! Leb' wohl, und morgen werfen wir weiter!«

Mit diesen Worten verließ Hermas den Anachoreten und eilte mit weiten Sätzen den Berg herab in die Oase.

Wie ein Schlafwandler, den ein roher Wecker beim Namen ruft, schrak Paulus bei diesen Worten zusammen.

Fassungslos blickte er um sich, als habe er sich in einer fremden Welt zurecht zu finden.

Helle Schweißtropfen perlten ihm an der Stirn, und beschämt raffte er die am Boden liegenden Kleider auf und bedeckte mit ihnen die entblößten Glieder.

Eine Zeitlang schaute er Hermas nach, dann faßte er sich mit tiefem Weh an die Stirn, und schwere Thränen rannen ihm in den Bart.

»Was hab' ich gesagt?« murmelte er vor sich hin. »Jede Ader des alten Menschen sei ausgerottet hier innen? Ich Narr, ich eitler Thor! Paulus nennen sie mich, und Saulus bin ich und schlechter als Saulus!«

Bei diesen Worten warf er sich auf die Kniee nieder, preßte die Stirn an den harten Felsen und begann zu beten.

Es war ihm, als sei er aus der Höhe niedergestürzt auf Schwerter und Lanzen, als blute ihm Herz und Seele, und in Gebet und Jammer zerfließend, sich anklagend und verdammend, fühlte er nicht den glühenden Brand der höher und höher steigenden Sonne, achtete er nicht die schwindende Zeit, hörte er nicht, daß viele die heiligen Stätten besuchende Pilger, von dem Bischofe Agapitus geführt, sich ihm nahten.

Die Wallfahrer sahen ihn beten, hörten ihn schluchzen, bewunderten seine Frömmigkeit und knieten auf den Wink ihres Führers hinter ihm nieder.

Als Paulus sich endlich erhob, bemerkte er, überrascht und erschreckt, die Zeugen seiner Andacht. Dann nahte er sich Agapitus, um ihm das Gewand zu küssen; dieser aber sagte:

»Nicht also! Der Frömmste ist der Größte unter uns. Ihr Freunde, neigen wir uns vor diesem heiligen Manne!«

Die Pilger folgten diesem Geheiß.

Paulus schlug die Hände vor das Angesicht und schluchzte:

»Ich Armer, ich Armer!«

Die Pilger aber priesen seine Demuth und zogen mit ihrem Führer von dannen.

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