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Homo sum

Georg Ebers: Homo sum - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleHomo sum
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleHomo sum
pagesIII-XV
created20021218
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Sechzehntes Kapitel.

»Sie wird noch den Damianus oder Salatiël oder einen andern von denen da oben aufmerksam machen,« dachte Paulus, als Sirona's Ruf sich von Neuem vernehmen ließ, und stieg, ihrer Stimme folgend, schnell und erregt den Berg hinan.

»Vor dem frechen Burschen wenigstens,« murmelte er vor sich hin, »haben wir für heute Ruhe, vielleicht auch für morgen, denn seine blauen Flecke werden ihn von mir grüßen! Wie schwer sich doch vergißt, was man einmal gekonnt hat! Den Griff, mit dem ich ihn aufschwang, hab' ich – wie lang ist das her – von dem Gymnasiarchen Delphis gelernt. Noch ist mir das Mark nicht verdorrt; das werde ich dem Burschen, wenn er mit Dreien oder Vieren von seiner Art zurückkehrt, mit diesen Fäusten beweisen.«

Aber Paulus behielt nicht lange Zeit, solchen wilden Gedanken nachzuhängen, denn inmitten des Weges zu seiner Höhle fand er Sirona.

»Wo ist Polykarp?« rief sie ihm entgegen.

»Ich habe ihn heimgesandt,« gab er zurück.

»Und er ist Dir gefolgt?« fragte sie weiter.

»Ich ließ es an schlagenden Gründen nicht fehlen,« entgegnete er lebhaft.

»Aber er wird wiederkommen?«

»Für heute hat er hier oben genug erfahren. Wir werden jetzt an Deine Reise nach Alexandria denken.«

»Ich finde doch,« entgegnete Sirona erröthend, »daß ich in Deiner Höhle sicher geborgen bin, und vorhin hast Du ja selbst gesagt . . .«

»Ich warnte Dich vor den Gefahren der Hauptstadt,« unterbrach sie Paulus. »Es ist mir aber seitdem eingefallen, daß ich doch ein Unterkommen und einen sicheren Beschützer für Dich weiß. Da wären wir wieder zu Hause. Geh' jetzt in die Höhle, denn man hat Dein Rufen vielleicht gehört, und wenn Dich hier andere Anachoreten entdecken, so werden sie mich zwingen, Dich zu Deinem Gatten zu führen.«

»Ich gehe schon,« seufzte die Gallierin; »aber erkläre mir erst – denn ich habe Alles gehört, was ihr miteinander geredet« – und sie erröthete wieder, »wie es gekommen ist, daß Phöbicius des Hermas Schaffell für Deines hielt, und warum Du Dich, ohne Dich zu verantworten, von ihm mißhandeln ließest.«

»Weil mein Rücken noch breiter ist, als der des großen Burschen,« antwortete der Alexandriner schnell.

»Ich erzähle Dir das Alles in ruhigeren Stunden, vielleicht schon auf unserer Fahrt nach Klysma. Geh' setzt in die Höhle, sonst kannst Du noch Alles verderben. Ich weiß auch, was Du seit den schönen Worten des Senatorsohnes am meisten entbehrst.«

»Nun?« fragte Sirona.

»Einen Spiegel,« lachte Paulus.

»Wie Du Dich irrst!« entgegnete die Gallierin und dachte, während sie sich in die Höhle zurückzog: »Wen Polykarp so anschaut wie mich, der braucht nie mehr einen Spiegel!«

In dem Fischerflecken am westlichen Abhange des Berges wohnte ein alter jüdischer Kaufmann, der die Kohlen, welche man in den Thälern der Halbinsel aus der Seyalakazie brannte, nach Aegypten verschiffte, und die Papyrusfabriken des Vaters des Alexandriners schon bei Lebzeiten desselben mit Brennmaterial für die Trockenräume versorgt hatte.

Jetzt stand er mit dem Bruder des Paulus in geschäftlicher Verbindung, und der Anachoret selbst hatte mit ihm verkehrt.

Der Israelit war klug und wohlhabend, und so oft er Paulus begegnet war, hatte er ihn wegen seiner Flucht aus der Welt getadelt und ihn gebeten, seine Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen und über sein Gut wie über sein eigenes zu verfügen.

Dieser Mann sollte ihm nun ein Boot verschaffen und die Mittel zur Flucht mit Sirona vorstrecken.

Je länger er dachte, desto unerläßlicher schien es ihm, die Gallierin selbst zu begleiten, und ihr in Alexandria in eigener Person ein sicheres Unterkommen zu verschaffen.

Er wußte, daß er über seines Bruders ungeheures Vermögen, das ja zur Hälfte sein eigenes war, frei zu verfügen habe, und er begann sich nun seit vielen Jahren zum ersten Mal seines Reichthums zu freuen.

Bald beschäftigte ihn auch die Sorge für die Ausstattung des Hauses, das er dem schönen Weibe anweisen wollte.

Zunächst dachte er an eine einfache bürgerliche Wohnung, aber nach und nach begann er im Geist das für sie bestimmte Haus mit glänzendem Gold, weißem und buntem Marmor, vielfarbigen syrischen Teppichen, ja selbst mit dem schnödesten Heidenwerk. Bildsäulen und einem üppigen Bade, auszustatten.

Immer unruhiger stieg er von Fels zu Fels und blieb bei diesem Auf und Nieder nicht selten vor der Höhle, in der Sirona verweilte, stehen.

Einmal sah er ihr helles Gewand, und der Schimmer desselben leitete ihn auf die Erwägung, daß es unvorsichtig sein würde, sie in dieser Kleidung in den schlichten Fischerflecken zu führen.

Wenn er ihre Spur den Nachforschungen des Phöbicius und Polykarp verbergen wollte, so mußte er sie zuerst mit einer einfachen Tracht und Schleiern versehen, die ihr glänzendes Haar und das helle Antlitz verhüllten, das wohl auch in der Hauptstadt kaum seinesgleichen fand.

Der Amalekiter, von dem er schon zweimal Ziegenmilch für sie gekauft hatte, wohnte in einer Hütte, die Paulus bald zu erreichen vermochte. Er besaß noch mehrere Drachmen, und für diese konnte er sich leicht von dem Weib und den Töchtern des Hirten das, was er brauchte, verschaffen.

Obgleich der Himmel sich mit Dünsten bezogen und ein heißer, schwüler Südwind sich erhoben hatte, machte er sich sogleich auf den Weg.

Man sah die Sonne nicht mehr, aber man fühlte ihre sengende Glut; doch Paulus achtete nicht dieser Vorzeichen eines nahenden Sturmes.

Hastig und so zerstreut, daß er in dem kleinen Vorrathskeller einen Gegenstand mit dem andern verwechselte, legte er Brod, den Milchkrug und einige Datteln vor den Eingang der Höhle, rief seinem Gaste zu, daß er bald zurückkehren werde, und eilte raschen Schrittes den Berg hinan.

Sirona antwortete ihm mit einem leisen Gruß und schaute sich nicht einmal nach ihm um, denn sie freute sich ihrer Einsamkeit und überließ sich, sobald seine Schritte verhallt waren, wiederum dem mächtig wogenden Strome der neuen und großen Empfindung, die sich seit Polykarp's glühendem Liebeshymnus ihr in die Seele ergossen.

Paulus war in den letzten Stunden Menander geworden; die einsame Frau dort in der Höhle, die Ursache dieser Wandlung, das Weib des Phöbicius, hatte eine noch größere Veränderung erfahren.

Sie war noch Sirona und doch nicht Sirona.

Wie ihr der Anachoret befohlen hatte, sich in die Höhle zurückzuziehen, würde sie auch ohne sein Geheiß die Einsamkeit aufgesucht haben, denn sie empfand, daß etwas Großes, Ungemeines, ihr selbst Unverständliches in ihrer Seele vorgehe, und daß sich ein unnennbares, aber gewaltiges Etwas in ihrem Herzen gebildet, losgerungen und Leben und Regung gewonnen habe. Und dieß Etwas erschien ihr fremd und doch lieb, beängstigend und doch süß, schmerzlich und doch unsagbar entzückend.

Eine Erregung sonder Gleichen hatte sich ihrer bemächtigt, und es war ihr seit Polykarp's Rede, als woge neues, reineres Blut in schnellerem Laufe durch ihre Adern.

Jeder Nerv in ihr bebte wie das Blattwerk ihrer heimischen Pappeln, wenn der dem Strom der Rhone entgegenwehende Wind es berührt, und es ward ihr schwer, der Rede des Paulus zu folgen, und schwerer noch, die rechte Antwort auf seine Fragen zu finden.

Sobald sie allein war, setzte sie sich auf das Lager, stützte mit dem Knie den Ellenbogen, das Haupt mit der Hand, und nun brach sich die immer mächtiger anwachsende und schwellende Hochflut der Leidenschaft, die sie ergriffen, in einem reichen, warmen Thränenstrome Bahn.

So hatte sie noch niemals geweint!

Kein Schmerz, keine Bitterniß mischte sich in das reine, erquickende Naß dieser Zähren.

Wunderblumen von nie geahnter Pracht und Herrlichkeit erschlossen sich in der Seele der Weinenden, und als ihre Thränen endlich versiegten, da ward es stiller und stiller, aber auch lichter und lichter in ihr und um sie her.

Ihr war zu Sinne wie einem Menschen, der in einem unterirdischen Raume, in welchen kein Schimmer des Tages Einlaß fand, erwachsen ist und endlich an der Hand seines Befreiers den blauen Himmel schaut, das Glanzlicht der Sonne und die tausend Blätter und Blumen im grünen Walde und auf der Wiese.

Elend war sie, und doch ein glückseliges Weib.

»Das ist die Liebe,« sang und klang es in ihrem Herzen, und wie sie dann rückwärts schaute und an die Bewunderer gedachte, die ihr in Arelas, als sie noch ein halbes Kind war, und dann in Rom mit süßen Blicken und Worten genaht waren, da kamen sie alle ihr vor wie Schattengestalten mit dünnen Kerzen, deren Licht kläglich verblassen mußte, wie Polykarp erschien mit der Sonne selbst in den Händen.

»Jene und er,« murmelte sie vor sich hin, und sie sah vor sich eine Wage, auf deren einer Schale die Huldigungen lagen, nach denen sie eitlen Sinnes gegeizt hatte. Einem Strohhalme glich eine jede, und alle zusammen erschienen wie eine leichte Garbe, die hoch in die Höhe schnellte, als Polykarp seine Liebe, ein Centnergewicht von reinstem Golde, auf die andere Schale stellte.

»Und brächten alle Völker und Könige ihre Schätze zusammen,« dachte sie, »und legten sie mir zu Füßen, so reich könnten sie mich nicht machen, wie er mich gemacht hat; und fielen alle Sterne ineinander, so würde der ungeheure Lichtball, der dann entstünde, doch nicht heller glänzen, als die Freude, die jetzt meine Seele erfüllt. Mag nun kommen was da will, nach dieser Stunde will ich nicht klagen!«

Dann dachte sie an jede ihrer früheren Begegnungen mit Polykarp, und daß er ihr nie von Liebe gesprochen.

Was mußte es ihn gekostet haben, sich so zu bezähmen!

Mit Jubel erfüllte sie der Gedanke, daß auch sie rein sei und seiner nicht unwerth, und eine Dankbarkeit sonder Gleichen ging in ihrer Segele auf.

Der Liebe, die sie dem einen Mann zugewandt hatte, wuchsen die Schwingen, und sie dehnte sich aus auf das gemeinschaftliche Sein und Leben des Alls und wurde zur Andacht.

Hoch aufathmend erhob sie Augen und Hände, und es verlangte sie, jeder Kreatur und allem Erschaffenen Liebes zu erweisen, und sehnsüchtig suchte sie nach der gütigen, höhern Macht, der sie solches Glück verdankte.

Ihr Vater hatte sie als Mädchen streng gehalten, aber ihr doch gestattet, bei dem Aufzug der Jungfrauen beim Fest der Venus von Arelas, an die alle Frauen ihrer Heimat, wenn Liebe ihr Herz bewegte, sich mit Gebet und Opfern wandten, mit ihren Altersgenossinnen, bekränzt und in ihrem schönsten Schmuck, durch die Straßen der Stadt zu dem Heiligthum der Göttin zu ziehen.

Jetzt versuchte sie es, zu der Venus zu beten, aber es kamen ihr dabei fort und fort die ausgelassenen Scherze der Männer in den Sinn, welche die Jungfrauen begleiteten, und wie sie selbst begierig nach den nur zu häufigen Beifallsrufen gelauscht und die Schweigenden durch einen Blick herausgefordert, den Lautesten durch ein Lächeln gedankt hatte.

Nach solchem Spiel stand ihr heute wahrlich nicht der Sinn, und sie erinnerte sich der strengen Worte, die sie aus Dorotheas Mund über den Dienst der Venus vernommen, als sie ihr einst erzählt hatte, wie es die Arelaten verstünden, Feste zu feiern.

Und Polykarp, dessen Herz doch so voll war von Liebe, dachte gewiß wie seine Mutter, und sie sah ihn vor sich, wie er seinen Eltern folgend neben seiner Schwester Marthana, und oft Hand in Hand mit ihr, zur Kirche ging.

Immer hatte der Sohn des Senators einen freundlichen Blick für sie: nur nicht bei diesem Zug in den Tempel des Gottes, von dem sie sagten, er sei die Liebe selbst, und dessen Bekenner wahrlich nicht arm waren an Liebe, denn wenn irgendwo, so verband im Hause des Petrus zärtliche Neigung die Herzen.

Es fiel ihr dann ein, daß Paulus ihr vor Kurzem gerathen, sich an den gekreuzigten Christengott zu wenden, den die gleiche göttliche Liebe gegen Alle beseele.

Zu diesem betete auch Polykarp und vielleicht gerade jetzt, und wenn sie nun dasselbe that, so mußte sich ihr Flehen mit dem seinen zusammenfinden, und dann war sie doch mit dem geliebten Mann, von dem sie Alles trennte, an einer Stelle vereint.

Sie kniete nieder und faltete die Hände, wie sie es oft von den Christen gesehen hatte, und dachte an die Schmerzen, die der arme Mann, als er mit den durchbohrten Händen am Kreuz hing, so geduldig, obgleich er ja schuldlos gequält worden war, ertragen hatte, und sie fühlte tiefes Mitleid mit ihm und sagte leise, indem sie die Augen zu der niedrigen Decke ihres Höhlengemachs aufschlug:

»Du armer, guter Gottessohn, Du weißt, wie es thut, wenn Einen alle Menschen mit Unrecht verdammen, und Du kannst mich gewiß verstehen, wenn ich Dir sage, wie weh mir um's Herz ist!

»Aber sie sagen ja auch, Dein Herz sei von allen Herzen das liebreichste, und darum wirst Du wissen, wie es kommt, daß es mir bei meinem Leid doch scheinen will, als sei ich ein glückseliges Weib. Der Athem eines Gottes muß Wonne sein, und die hast Du gewiß empfunden, als sie Dich quälten und schalten, denn aus Liebe hast Du gelitten.

»Sie sagen, Du seiest ganz rein und völlig schuldlos gewesen. Ich nun, ich habe wohl manche Thorheit verübt, aber eine Sünde begangen, eine rechte Sünde, hab' ich gewiß nicht! Du mußt es ja wissen, denn Du bist ein Gott und kennst das Vergangene und schaust in die Herzen. Aber ich, ich möchte auch schuldlos bleiben, und wie kann das sein, wenn ich Polykarp mich ergeben muß, da ich doch eines andern Mannes Ehefrau bin?

»Aber wär' ich denn wirklich des widrigen Bösewichts, der mich an einen Andern verkauft hat, echtes und rechtes Weib? Er ist meinem Herzen so fremd, so fremd, als hätt' ich ihn nie mit Augen gesehen. Und doch, glaub' es mir, ich wünsch' ihm nichts Böses, und will ja zufrieden sein, wenn ich nur nicht wieder zu ihm zurück muß. Als Kind hatt' ich Furcht vor den Fröschen. Das wußten die anderen Geschwister, und einmal legte mir mein Bruder Licinius einen großen, den er gefangen, auf den bloßen Hals. Da schauerte ich zusammen und schrie laut auf, denn das war so abscheulich feucht und kalt, ich kann's nicht beschreiben. Und so, gerade so ist's mir seit jenen Tagen in Rom immer gewesen, wenn mich Phöbicius berührte, und doch durfte ich nicht schreien, wenn er es that.

»Aber Polykarp! Ja wär' er nur hier, und dürft' er doch nur meine Hände erfassen!

»Er sagte, ich sei sein Eigen, und dennoch hab' ich ihn niemals ermuthigt. Aber jetzt! Wenn eine Gefahr ihm drohte, oder ein Leid, und ich könnt' es dadurch von ihm abwenden, gewiß, ja gewiß, so ließ' ich mich doch, obgleich ich nicht gern Schmerzen ertrage und mich vor dem Tod fürchte, ohne zu klagen für ihn an das Kreuz nageln, wie Du für uns Alle.

»Aber wissen müßte er es, daß ich für ihn stürbe, und wenn er mir dann mit seinem tiefen, sonderbaren Blick in die brechenden Augen schaute, dann wollt' ich ihm sagen, daß ich ihm so für seine große Liebe danke, die ganz anders ist und höher als jede Liebe, die ich seither gesehen. Was sich so über alles Maß dessen erhebt, was sonst die Menschen empfinden, das ist doch wohl göttlich, sollte ich meinen. Kann solche Liebe ein Unrecht sein? Ich weiß es nicht, aber Du mußt es wissen, und Du, den sie den guten Hirten nennen, führe Du uns zusammen, führe Du uns auseinander, so wie es ihm zum Besten gereicht; aber geht es an, so vereine uns doch, und wär' es auch bloß auf eine einzige Stunde. Wenn er nur weiß, daß ich nicht schlecht bin, und daß die arme Sirona ihm und ihm allein gehören möchte und keinem Andern, dann wollt' ich gern sterben. Du guter, guter Hirte, nimm mich auf in Deine Heerde und führe Du mich.«

So betete Sirona, und vor ihrem innern Auge schwebte dabei das Bild einer freundlichen, schönen Jünglingsgestalt.

Sie hatte das Modell zu Polykarp's in erhabener Arbeit ausgeführtem »guten Hirten« gesehen und die liebreichen Züge seines Antlitzes nicht vergessen.

So wohl bekannt und vertraut erschien es ihr, als wüßte sie, was sie doch nicht ahnte, daß ihr selbst ein Antheil an dem Gelingen dieses Werkes zukomme.

Die Liebe, welche zwei Herzen verbindet, gleicht dem Ozean des Homer, der die Erdscheibe im Kreise umfließt. Er wogt und wogt. Wo seines Ursprungs Stätte zu suchen, ob bei diesem oder jenem Weltentheile, wer könnte es sagen?

Frau Dorothea hatte die Gallierin in mütterlichem Stolz in die Werkstätte ihres Sohnes geführt.

Jetzt dachte Sirona auch an diese und ihren Gatten und sein Haus, über dessen Pforte ein Spruch in den Stein gemeißelt war, den sie täglich von ihrem Schlafzimmer aus gesehen hatte.

Sie konnte nicht griechisch lesen; Polykarp's Schwester Marthana aber hatte ihr mehr als einmal gesagt, was er bedeute.

»Befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn,« lautete die Inschrift, und die sagte sie sich jetzt vor und wieder vor und malte sich dann Zukunftsbilder aus in schönen Traumgemälden, die immer schärfere Umrisse und leuchtendere Farben gewannen.

Sie sah sich mit Polykarp vereint als des Petrus und der Dorothea Tochter im Hause des Senators.

Nun hatte sie ein Anrecht auf die Kinder, die sie liebten, und die ihr so theuer waren.

Sie stand der Diakonissin bei all' ihren Arbeiten bei und erntete Lob und zufriedene Blicke.

Im Hause ihres Vaters hatte sie gelernt, die Hände zu rühren, und hier konnte sie wiederum zeigen, was sie vermochte. Polykarp schaute ihr mit Erstaunen und Bewunderung zu und sagte ihr, daß sie so tüchtig als schön sei und eine zweite Dorothea zu werden verspreche.

Dann ging sie mit ihm in seine Werkstätte und ordnete dort Alles, was so wüst umherlag, und stäubte es ab, während er jeder ihrer Bewegungen mit den Blicken folgte und dann vor ihr stehen blieb und seine Arme öffnete, weit – weit.

Und sie schrak zusammen und drückte die Hände auf die Augen und stürzte sich an seine liebevolle, geliebte Brust und wollte mit heißen Thränen die Arme um den Hals des theuren Mannes schlingen, aber schon zerstob das freundliche Traumbild, denn ein flüchtiger Lichtschein durchzuckte den finstern Raum der Höhle, und bald darauf hörte sie das von den Felswänden ihrer Wohnung gedämpfte, dumpfe Rollen eines Donnerschlages.

Völlig der Wirklichkeit wiedergegeben, lauschte sie hinaus und trat an den Eingang der Höhle. Schon dunkelte es, und aus dem finstern Gewölk, das die Spitzen des Berges wie gewaltige Schleier von schwarzem Flor zu umschweben schien, fielen schwere Regentropfen nieder.

Paulus war nirgends zu sehen, aber da stand die Mahlzeit, die er für sie gerüstet.

Sie hatte seit dem Frühmahl nichts genossen; jetzt versuchte sie die Milch zu trinken, aber sie war geronnen und ungenießbar geworden.

Ein Stückchen Brod und einige Datteln genügten ihr völlig.

Als dann Blitz und Donner einander immer rascher zu folgen begannen, und tiefes Dunkel schneller und immer schneller hereinbrach, da überfiel sie eine große Angst, und sie schob die Mahlzeit beiseite und sah zu dem Berg hinan, dessen Spitzen bald von der Nacht gänzlich umhüllt wurden, bald von einem Meer von Flammen umwogt, deutlicher als am Tage zu sehen waren.

Oft sägte ein Blitz mit schartiger Feuerschneide den schwarzen Wolkenvorhang sturmschnell auseinander, oft scholl der Donner wie Posaunenstöße durch die stille Einöde und pflanzte sich dröhnend, knatternd, brausend und verhallend von Fels zu Felsen fort.

Jetzt schienen Licht und Schlag auf einmal vom Himmel zu fallen, und der Felsen, in dem ihre Höhle vertieft war, erbebte.

Da zog sie sich gebeugt und zitternd in das tiefste Innere ihres Felsengemaches zurück, und jedesmal, wenn sich das Dunkel desselben erhellte, schrak sie zusammen.

Endlich folgten die Blitze einander in längeren Zwischenräumen, die Stimme des Donners verlor ihre furchtbare Kraft, und als der Sturm das Gewitter weiter und weiter gen Süden jagte, verhallte sie gänzlich.

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