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Homo sum

Georg Ebers: Homo sum - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleHomo sum
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleHomo sum
pagesIII-XV
created20021218
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Dreizehntes Kapitel.

Der Lichtschein in dem Oasenorte, welcher die Blicke des Alexandriners auf sich gezogen hatte, kam aus der Wohnung des Petrus, und zwar aus dem Zimmer Polykarp's, das den ganzen Raum eines kleinen Bauwerks einnahm, welches der Senator als ein von dem größern Hause getragenes Häuschen für seinen Sohn an der Nordseite des geräumigen, flachen Daches errichtet hatte.

Der Jüngling war mit den neu geworbenen Sklaven um die Mittagszeit heimgekehrt, hatte Alles, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war, erfahren und sich nach der Abendmahlzeit still in sein Gemach zurückgezogen.

Dort weilte er jetzt bei der Arbeit.

Ein Bett, ein Tisch, auf und unter dem mehrere Wachstafeln, Papyrusrollen, Metallstifte und Schreibrohre lagen, sowie eine kleine Bank mit einem Wasserbecken und Krüge bildeten die Ausstattung dieses Raumes, an dessen weiß getünchten Wänden mehrere thierische und menschliche Figuren und viele Platten mit Darstellungen in erhabener Arbeit in langen Reihen neben einander standen und hingen.

In einer Ecke lag neben einem steinernen Wasserbehälter ein großer, feucht glänzender Thonklumpen.

Drei an Ständern befestigte Lampen beleuchteten reichlich diese Werkstätte und vor Allem ein auf einem hohen Postament stehendes Bildwerk, an dem Polykarp's Finger mit Eifer formten.

Phöbicius hatte den jungen Bildhauer einen Modeherrn genannt, und nicht ganz mit Unrecht, denn er liebte es, sich gut zu kleiden und war wählerisch in der Form und Farbe seiner einfachen Gewänder; auch versäumte er es selten, sein volles Haar sorgsam zu ordnen und schön zu salben. Und doch war es ihm beinahe gleichgültig, wie den Anderen sein Aeußeres gefalle, aber er kannte nichts Edleres als die menschliche Gestalt, und eine Willensregung, der er nicht widerstrebte, legte ihm geradezu den Zwang auf, seinen eigenen Leib so zu halten, wie er den eines Zweiten zu sehen liebte.

In dieser nächtlichen Stunde trug er nichts als sein Unterkleid von weißem Wollenstoff mit tief rothen Rändern. Seine sonst so wohlgepflegten Locken schienen auseinander und in die Höhe zu streben, und statt sie zu bändigen und niederzulegen, leistete er ihrer Widerspenstigkeit Vorschub, indem er sich bei der Arbeit oft heftig mit der Hand durch das Haar fuhr.

Eine Fledermaus, angezogen durch den hellen Lichtschein, flog durch die nur an ihrem untern Theile mit einem dunklen Tuch verhängte Fensteröffnung und umkreiste die Decke des Zimmers; er aber bemerkte sie nicht, denn sein Werk nahm ihm Geist und Sinne völlig in Anspruch.

Bei diesem leidenschaftlich heftigen Schaffen, bei dem sich jeder Nerv und jede Ader in ihm zu betheiligen schien, würde sein Ohr keinen Hülferuf, seine Augen keine neben ihm auflodernde Flamme wahrgenommen haben.

Seine Wangen glühten, über seine Stirn breitete sich ein zartes Netz von schimmernden Schweißtropfen, und seine Blicke schienen mit dem Bildwerk vor ihm verwachsen zu sein, welches mehr und mehr an Abrundung gewann.

Oft trat er von ihm zurück, bog den Oberleib nach hinten über und hob beide Hände bis zur Höhe der Schläfen, als woll' er den Weg begrenzen, dem seine Blicke zu folgen hatten, oft näherte er sich dem Modell und griff in die knetbare Masse des Thones, als wär' es das Fleisch seines Feindes.

Jetzt arbeitete er an dem vollen Haare des Dinges vor ihm, das längst schon die Formen eines weiblichen Kopfes zeigte, und warf die Thonstücke, die er von dem Hinterhaupt entfernte, so heftig zu Boden, als schleudere er sie einem Gegner vor die Füße. Nun war er mit den Fingerspitzen und dem Spartel am Munde, an der Nase, den Wangen und Augen thätig, und dabei gewann sein Blick einen mildern Glanz, der sich bis zum Ausdruck des schwärmerischen Entzückens steigerte, als die Züge, die er formte, sich mehr und mehr mit dem Bild zu decken begannen, neben dem kein anderes zu dieser Stunde in seiner Vorstellung Raum fand.

Endlich hatte er mit hoch gerötheten Wangen auch die weichen Formen der runden Schultern gebildet, und als er nun wieder zurücktrat, um sein vollendetes Werk auf sich wirken zu lassen, überlief ihn ein kalter Schauer, und er fühlte sich versucht es aufzuheben und mit all' seiner Kraft zu Boden zu schleudern.

Aber bald ward er Herr dieser stürmischen Regung, strich sich mehrmals mit der Hand durch die Haare und stellte sich dann wehmüthig lächelnd mit gefalteten Händen vor seine Schöpfung und versenkte sich tief und immer tiefer in den Anblick derselben und bemerkte es nicht, daß sich die Thür hinter ihm öffnete, obgleich die Flammen der Lampen, vom Luftzug bewegt, hin und her flackerten, und seine in die Werkstätte tretende Mutter keineswegs beabsichtigte, sich ihm ungehört zu nahen und ihn zu überraschen.

In der Sorge um ihren Liebling, dem der gestrige Tag manche bittere Enttäuschung gebracht hatte, war sie schlaflos geblieben.

Polykarp's Werkstätte lag über ihrem ehelichen Gemache, und als die Schritte zu ihren Häupten ihr verriethen, daß er, obgleich der Morgen nicht fern war, immer noch nicht zur Ruhe gegangen sei, hatte sie sich leise und ohne Petrus, der ihr zu schlafen schien, wach zu rufen, vom Lager erhoben.

Sie war ihrem mütterlichen Verlangen, Polykarp mit freundlichen Worten zu ermuthigen, gefolgt, als sie dann die schmale, auf das Dach führende Stiege erklommen und sein Zimmer betreten hatte.

Ueberrascht, unschlüssig, sprachlos blieb sie nun eine Zeitlang hinter dem Jüngling stehen und schaute in die hell beleuchteten, schönen Züge des neu entstandenen, seinem ihr wohlbekannten Vorbilde nur viel zu ähnlichen Bildwerks.

Endlich legte sie die Hand auf ihres Sohnes Schulter und rief seinen Namen.

Polykarp trat zurück und schaute verwirrt wie ein aus dem Schlaf Geweckter auf seine Mutter; sie aber durchschnitt die stammelnden Worte, mit denen er sie zu begrüßen begann, und fragte, indem sie auf das Bildniß zeigte, ernst und nicht ohne Strenge: »Was soll das?«

»Ja, Mutter, was soll das?« gab Polykarp leise zurück und schüttelte bekümmert das Haupt. »Frage mich jetzt nicht weiter; und gäbest Du mir doch keine Ruhe, und ich wollt' es versuchen, Dir zu erklären, wie es heut, gerade heut mich drängte und zwang, dieses Weibes Abbild zu formen, so würdest Du, so würdet ihr Alle mich doch nicht verstehen!«

»Da sei Gott vor, daß ich das jemals verstünde,« rief Dorothea. »Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib! hat der Herr auf diesem Berge befohlen. Und Du? Ich könnte Dich nicht verstehen, meinst Du? Wer soll Dich denn sonst verstehen, wenn nicht Deine Mutter? Das freilich begreife ich nicht, wie des Petrus Sohn und der meine das Beispiel und die Lehren seiner Eltern so ganz in den Wind schlagen mag! Aber das, was Du mit diesem Bild bezweckst, ist doch, sollt' ich meinen, nicht gar so schwer zu errathen! Weil Dir die verbotene Frucht zu hoch hängt, so mißbrauchst Du Deine Kunst und formst Dir eine, die ihr gleich sieht, nach Deinem Geschmack! Einfach und gerade heraus! Weil Dein Auge die Person der Gattin des Galliers nicht mehr zu erreichen vermag und den lieblichen Anblick der Schönen doch nicht entbehren möchte, so machst Du Dir ein Bildniß aus Thon, um mit ihm zu kosen und Abgötterei mit ihm zu treiben, wie einst die Juden mit dem goldenen Kalb und der ehernen Schlange.«

Polykarp ließ schweigend und in schmerzlicher Erregung den heftigen Tadel seiner Mutter über sich ergehen. So hatte Frau Dorothea noch niemals mit ihm gesprochen, und solche Worte gerade aus demjenigen Munde zu hören, welcher sonst mit so inniger Zärtlichkeit zu ihm zu reden pflegte, that ihm unaussprechlich weh.

Sie war bisher stets geneigt gewesen, eine Beschönigung für seine Schwächen und kleinen Vergehen zu finden; ja oftmals war ihm der Eifer peinlich erschienen, mit dem sie seine Vorzüge und Leistungen vor Fremden wie vor den Seinen anerkannte und hervorhob. Und jetzt? Sie hatte wohl Recht, ihm zu zürnen, denn Sirona war eines Andern Weib, hatte seine Neigung niemals auch nur bemerkt und war, so sagten ja Alle, um eines Fremden willen zur Verbrecherin geworden.

Thöricht und sündlich mußte es den Menschen gerade von ihm erscheinen, daß er sein Bestes, seine Kunst für sie aufbot; aber wie wenig begriff Dorothea, die ihn doch sonst zu verstehen bestrebt war, den übermächtigen Trieb, der ihn zu dieser Arbeit gezwungen!

Er liebte und verehrte seine Mutter aus vollem Herzen, und weil er fühlte, daß sie durch ihre falsche und niedrige Ausfassung seiner Handlung sich selbst ein Unrecht zufüge, unterbrach er ihre eifrige Rede, indem er bittend die Hände zu ihr erhob:

»Nein, Mutter, nein!« rief er. »So wahr mir Gott helfe, so ist es nicht! Wohl hab' ich dieses Haupt geformt, aber nicht um es zu behalten und ein sündiges Spiel damit zu treiben, sondern um mich von dem Bild zu befreien, das vor dem Auge meiner Seele steht bei Tag und bei Nacht, in der Stadt und in der Wüste, dessen Glanz mein Sinnen unterbricht, wenn ich denke, meine Andacht, wenn ich zu beten versuche. Wem ward es gegeben, dem Menschen in die Seele zu blicken? Aber ist nicht Sirona's Gestalt und Antlitz das wundervollste Gebilde des Höchsten? Dieß nun so umzugestalten, daß der ganze Zauber, den der Gallierin Anblick auf mich ausübte, von jedem Beschauer meines Werkes nachempfunden werden müßte, hab' ich mir, seit ich sie bei ihrem Einzug in unser Haus zum ersten Mal sah, zur Aufgabe gestellt. Ich mußte in die Hauptstadt zurück, und dort gewann das Werk, das ich schaffen wollte, bestimmtere Formen, und in jeder Stunde fand ich etwas zu ändern und zu bessern an der Haltung des Kopfes, dem Blick des Auges, dem Ausdruck des Mundes. Aber mir fehlte der Muth, die Hand an die Arbeit zu legen, denn übermenschlich kühn erschien mir das Unterfangen, mein leuchtendes Seelenbild mit Hülfe des grauen Thons und des blassen Marmors in die Wirklichkeit so zu übertragen, daß das fertige Werk dem sinnlichen Schauen nicht weniger gewähren würde, als das Bildwerk im Schrein meiner Brust dem innern Auge. Dazwischen war ich nicht träge, gewann ich mit den Löwenmodellen den Preis, und wenn mir der gute Hirte, der die Heerde segnet, für den Sarg des Comes gelungen ist, und die Meister den Ausdruck der hingebenden Zärtlichkeit in dem Blick des Erlösers loben konnten, so weiß ich – nein, unterbrich mich nicht, Mutter, denn was ich empfunden habe, ist rein und ich lästere nicht – so weiß ich, daß ich den Stein mit Liebe zu beseelen vermochte, weil ich selbst so voll war von Liebe. Zuletzt ließ es mir keine Ruhe, und auch ohne den Ruf des Vaters würd' ich zu euch heimgekehrt sein. Nun sah ich sie wieder und fand sie selbst noch wunderschöner als das meine Seele beherrschende Bildniß. Dazu hört' ich sie reden und glockenhell lachen und dann – dann –; Du weißt es ja, was ich gestern erfuhr! Des unwürdigen Mannes unwürdige Gattin, das Weib Sirona ging für mich verloren, und ich versuchte es, auch ihr Bild aus meiner Seele zu heben, es zu vernichten und aufzulösen; – aber vergebens! Und nach und nach überkam mich ein wunderbarer Schöpfungsdrang. Rasch stellte ich die Lampen auf, nahm den Thon zur Hand, und auf ihn übertrug ich mit bitterer Lust Zug für Zug des tief in mein Herz gegrabenen Bildes und glaubte, daß ich so und nur so von ihm erlöst werden könne. Da steht nun die Frucht, die hier drinnen gereift ist, aber da, wo sie so lange geruht hat, fühl' ich jetzt eine grausame Leere, und wenn nun die Schalen, die dieses Bildniß so lange zärtlich umschlossen hielten, verdorren und auseinanderfallen werden, so soll mich's nicht wundern. – An dem Ding dort hängt der beste Theil meines Lebens!«

»Genug!« unterbrach Dorothea ihren Sohn, der in tiefer Erregung und mit bebenden Lippen vor ihr stand. »Das wolle Gott verhüten, daß Dir die Larve dort Leib und Seele verdirbt. Wie ich nichts Unreines leide in meinem Hause, so sollst Du es nicht dulden in Deinem Herzen! Was schlecht ist, kann nimmermehr schön sein, und so lieblich das Antlitz dort drein schaut, so widrig erscheint es mir, wenn ich denke, daß es jeden hergelaufenen Bettler vielleicht noch holdseliger angelacht hat. Bringt der Gallier sie wieder zurück, so weise ich sie aus dem Hause, und ihr Bildniß zerstör' ich mit diesen Händen, wenn Du es nicht auf der Stelle selbst in Stücke zerschlägst!«

Dorothea's Augen schwammen in Thränen, während sie diese Worte rief.

Sie hatte bei der Rede ihres Sohnes mit Stolz und Rührung empfunden, wie besonders und edel geartet er sei, und nun brachte sie der Gedanke, diesen seltenen und großen Schatz um eines verlorenen Weibes willen verdorben oder vielleicht vernichtet zu sehen, außer sich und erfüllte ihr mütterlich gütiges Herz mit heftigem Zorn.

Fest entschlossen, ihre Drohung sogleich zur Wahrheit zu machen, schritt sie auf das Bildwerk zu; doch Polykarp stellte sich ihr in den Weg, hob bittend und abwehrend zugleich die Arme und sagte: »Noch nicht, heute nicht, Mutter! Ich will es verdecken und gewiß nicht wieder ansehen bis morgen; aber einmal, nur ein einziges Mal möcht' ich es im Licht der Sonne betrachten.«.

»Damit morgen die alte Thorheit von Neuem in Dir erwacht!« rief Dorothea. »Geh' mir aus dem Weg oder nimm selbst den Hammer.«

»Du befiehlst es, und Du bist meine Mutter,« entgegnete Polykarp.

Langsam näherte er sich dem Kasten, in dem seine Werkzeuge lagen, und schwere Thränen rannen über seine Wangen, während er den Griff seines wuchtigsten Hammers und eines Meißels erfaßte.

Wenn der Himmel viele Tage in sommerlicher Bläue geglänzt hat, und heute ballen sich Wolken zum Gewitter zusammen, und der erste stumme, furchtbare Blitz mit seinem lauten, harmlosen Gefährten, dem Donner, hat die Menschen erschreckt, so folgt ihm bald ein zweiter Wetterstrahl und ein dritter.

Seit der gestrigen stürmischen Nacht, die das stille, arbeitsame, einförmige Leben am Herd des Petrus unterbrochen hatte, war Manches geschehen, was den Senator und sein Weib mit neuer Unruhe erfüllte.

In anderen Häusern war es nichts Seltenes, daß ein Sklave entfloh; in dem des Petrus hatte sich solches seit zwanzig Jahren nicht ereignet; gestern aber stellte es sich heraus, daß die Hirtin Mirjam entwichen sei.

Das war verdrießlich; schwere Sorge dagegen verursachte dem Senator die stumme Trauer seines Sohnes Polykarp.

Es wollte ihm nicht gefallen, daß der sonst so lebhafte Jüngling das Verbot des Agapitus, seine Löwen zur Ausführung zu bringen, widerstandslos und fast gleichgültig hingenommen hatte.

Der trübe Blick und die schlaffe, gebrochene Haltung seines Sohnes kamen Petrus nicht aus dem Sinn, als er sich endlich zur Ruhe begab. Schon war es spät, aber der Schlaf mochte ebensowenig bei ihm wie bei Dorothea Einkehr halten. Während die Mutter an die sündige Liebe des Sohnes und die Wunde dachte, aus der sein junges, bitter getäuschtes Herz bluten mochte, beklagte der Vater Polykarp wegen seiner vereitelten Hoffnung, seine Kunst an einem großen Werke bethätigen zu dürfen, und erinnerte sich dabei an die schweren, schmerzensreichsten Tage seiner eigenen Jugend, denn auch er hatte bei einem Bildhauer in Alexandria in der Lehre gestanden, die Werke der Heiden als hohe Vorbilder bewundert und sie nachzubilden versucht. Schon war ihm von dem Meister gestattet worden, Selbsterfundenes zu formen. Aus der Zahl der gegebenen Stoffe hatte er als symbolische Darstellung der auf ihre Erlösung hoffenden Seele eine Ariadne gewählt, die sehnsuchtsvoll auf die Heimkehr des Theseus wartet. Wie hatte dieß Werk seine Seele erfüllt, wie wonnevoll waren die Stunden des Schaffens gewesen!

Da erschien sein strenger Vater in der Hauptstadt und sah die Arbeit, bevor sie völlig vollendet war, und statt sie zu loben, verhöhnte er sie, schalt sie ein heidnisches Götzenbild und befahl Petrus, sogleich mit ihm heimzukehren und bei ihm zu bleiben, denn sein Sohn und Erbe solle ein frommer Christ sein und daneben ein tüchtiger Steinmetz, kein halber Heide und Götzenverfertiger.

Petrus hatte seine Kunst sehr geliebt, aber es gab keinen Widerspruch gegen den Befehl seines Vaters, dem er in die Oase folgte, um dort die Arbeiten der die Steine brechenden Sklaven zu überwachen, die für Sarkophage und Säulen bestimmten Granitblöcke zu vermessen und ihre Behauung zu leiten.

Sein Vater war ein Mann von Stahl, er ein Jüngling von Eisen, und als er sich dem Erstern nachzugeben und die Werkstätte seines Meisters und sein unvollendetes Lieblingswerk im Stich zu lassen gezwungen sah, um ein Handwerker und Geschäftsmann zu werden, da verschwor er es, je wieder ein Stück Thon in die Hand zu nehmen und den Meißel zu führen.

Und er hielt dieß Wort auch nach dem Tode des Vaters; aber sein Trieb zum Schaffen und seine Liebe zur Kunst wirkte und lebte in ihm fort und übertrug sich auf seine beiden Söhne.

Antonius war ein Künstler von hoher Begabung, und wenn der Meister Polykarp's nicht irrte, und ihn selbst seine väterliche Liebe nicht täuschte, so stand sein zweiter Sohn auf dem Wege zu der höchsten, nur den Auserwählten erreichbaren Stufe der Kunst.

Petrus kannte die Modelle zu seinem guten Hirten und den Löwen und sagte sich, daß die letzteren unübertrefflich seien an Wahrheit, Kraft und Majestät.

Wie mußte der junge Künstler so heiß begehren, sie in hartem Stein auszuführen und an der würdigen, wenn auch unheiligen Stelle, die ihnen bewilligt worden war, ausgestellt zu sehen. Und nun untersagte ihm der Bischof die Arbeit, und dem armen Burschen mochte wohl nicht anders zu Muthe sein, als ihm selbst vor dreißig Jahren, da ihm befohlen worden war, seine Erstlingsarbeit unvollendet stehen zu lassen.

War der Bischof wirklich im Recht?

Diese und viele ähnliche Fragen bedrängten die Seele des schlaflosen Vaters, und sobald er hörte, daß seine Gattin das Lager verließ, um ihren Sohn aufzusuchen, dessen Schritte auch er sich zu Häupten vernahm, folgte er Dorothea.

Er fand die Thür der Werkstätte geöffnet und wurde ungesehen und ungehört zum Zeugen der heftigen Worte seiner Frau und der Rechtfertigung des Jünglings, dessen Werk, vom Lichte der Lampen umflossen, gerade vor ihm stand.

Sein Auge hing wie gebannt an dem Thon.

Er sah und sah und ward nicht müde zu schauen, und die Seele erfüllte sich ihm mit dem gleichen Schauer der andächtigen Bewunderung, die sie empfunden, da er als Jüngling im Cäsareum zum ersten Male die Werke der großen Meister des alten Athen mit eigenen Augen geschaut.

Und dieses Haupt war seines Sohnes Arbeit!

Mächtig ergriffen stand er da und preßte die Hände zusammen und hielt den Athem zurück, und schluckte wieder und immer wieder mit trockenem Munde, um die Thränen niederzukämpfen.

Dabei lauschte er voller Spannung, um ja kein Wort aus dem Munde Polykarp's zu verlieren.

»So, ja so nur entstehen die großen Werke der Kunst,« sagte er sich, »und hätte der Herr mich so mit Gaben begnadigt wie diesen, wahrlich kein Vater, kein Gott hätte mich zwingen können, meine Ariadne unvollendet zu lassen. Die Lage des Leibes war doch nicht ganz schlecht, sollt' ich meinen; aber der Kopf, das Haupt . . . Ja, wer solches Bildniß wie das da zu formen vermag, dem führen die heiligen Geister der Kunst die Blicke und Hände. Der, der dieß Haupt gemacht hat, der wird noch in späten Tagen gepriesen werden neben den großen Meistern Athens, und der, ja der, barmherziger Himmel, dieser da ist ja mein leiblicher Sohn!«

Eine glückselige Heiterkeit, wie er sie seit seiner Jugend nicht empfunden, erfüllte sein Herz, und Dorothea's Eifer erschien ihm halb beklagenswerth, halb ergötzlich.

Erst als sein gehorsamer Sohn nach den Werkzeugen griff, trat er zwischen das Bildniß und sein Weib und sagte freundlich:

»Es hat mit der Zerstörung des Kunstwerkes dort wohl Zeit bis morgen. Vergiß das Modell, mein Junge, nachdem Du es so glücklich benützt hast. Ich weiß eine bessere Geliebte für Dich, die Kunst, der Alles gehört, was der Höchste Schönes geschaffen, die von keinem Agapitus geschmälerte Kunst, die volle und ganze!«

Polykarp flog in die Arme des Vaters; der ernste Mann aber küßte, seiner selbst kaum mächtig, die Stirn, die Augen und die beiden Wangen des Jünglings.

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