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Homo sum

Georg Ebers: Homo sum - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleHomo sum
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleHomo sum
pagesIII-XV
created20021218
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Zehntes Kapitel.

Wenige Minuten, nachdem Hermas sich aus des Centurio Fenster auf die Straße geschwungen hatte, trat Phöbicius in sein Schlafgemach.

Sirona hatte Zeit gefunden, sich auf das Lager zu werfen. Sie fürchtete sich sehr und hatte das Antlitz der Wand zugewendet.

Wußte er wohl, daß Jemand bei ihr gewesen? und wer konnte sie verrathen und ihn herbeigerufen haben?

Kam er vielleicht von ungefähr früher als sonst von der Feier zurück?

Es war dunkel in dem Gemach, und er konnte sie nicht erkennen, und doch schloß sie die Augen, als wenn sie schlafe, denn jeder kleinste Minutentheil, in dem sie ihn nicht in seiner Wuth zu sehen brauchte, erschien ihr wie ein Geschenk.

Dabei schlug ihr das Herz so ungestüm daß sie meinte, auch er müsse es hören, als er sich nun mit dem leisen Schritt, der ihm eigen, ihrem Lager nahte.

Sie hörte ihn hierhin und dorthin wandeln, und zuletzt in die neben dem Schlafraum liegende Küche gehen.

Bald darauf empfand ihr halb geschlossenes Auge den Eindruck des Lichtes.

Er hatte am Herde eine Lampe entzündet und suchte nun in beiden Zimmern umher.

Bis jetzt hatte er sie weder angerufen, noch seine Lippen zu einem Worte geöffnet.

Nun befand er sich in dem Wohngemach und jetzt, – unwillkürlich krümmte sie sich zusammen und zog die Decke über das Haupt, – jetzt lachte er auf, so laut und höhnisch, daß sie fühlte, wie ihre Hände und Füße erkalteten, und es ihr war, als würde ein purpurrother, flüssiger Vorhang vor ihren Augen auf und nieder gezogen.

Wiederum wurde es hell in dem Schlafgemach, und das Licht kam ihr näher und näher.

Sie fühlte einen Stoß seiner harten Hand an ihrem Haupte, und leise aufschreiend zog sie die Decke zurück und richtete sich auf.

Er sprach noch immer nichts; aber was sie sah, war wohl geeignet, den letzten Funken ihres Muthes und ihrer Hoffnung zu ersticken, denn von ihres Gatten Auge war nur das Weiße zu schauen, seine gelblichen Züge waren fahl, und von seiner Stirn hob sich deutlicher das eingeätzte Mithraszeichen ab.

In der rechten Hand hielt er die Lampe, in der linken das Schaffell des Hermas.

Als sein stierer Blick den ihren traf, hielt er ihr das zottige Anachoretenkleid so dicht vor das Antlitz, daß es sie berührte. Dann warf er es heftig zu Boden und fragte mit leiser, heiserer Stimme: »Was ist das?«

Sie schwieg; er aber näherte sich dem Tischchen neben ihrem Bett, auf dem ihr Nachttrunk in einem schönen bunten Glase stand, das Polykarp ihr als Reiseangebinde aus Alexandria mitgebracht hatte, und streifte es mit dem Rücken der Hand von der Tafel, so daß es auf den Estrich stürzte und klirrend in Scherben zersprang.

Sie schrie auf, und das Windspiel sprang auf ihr Lager und bellte den Gallier an.

Da griff er in das Halsband des Thierchens und schleuderte es so gewaltsam weit in das Zimmer hinein, daß es ein jämmerliches Klagegeheul ausstieß.

Das Hündchen hatte Sirona schon als Mädchen gehört.

Es war ihr nach Rom gefolgt und in die Oase.

Es hing mit Zärtlichkeit an ihr, und sie an ihm, denn Jambe ließ sich von Niemand so gern wie von ihr herzen und streicheln.

Sie war so viel allein, aber das Windspiel war immer bei ihr und unterhielt sie nicht nur durch die jedem andern Hunde anzulernenden Künste, nein, es war ihr wie ein lieber, stummer, doch keineswegs tauber Gefährte aus der Heimat, der die Ohren spitzte, wenn sie die Namen ihrer lieben kleinen Geschwister im fernen Arelas nannte, von denen sie seit einem Jahre nichts gehört hatte, oder sie traurig ansah und ihr die weißen Hände küßte, wenn die Sehnsucht ihr Thränen in die Augen drängte.

In ihrem einsamen, müßigen, kinderlosen Leben war Jambe viel, sehr viel, und als sie diesen treuen Gefährten und Freund nun gemißhandelt und jammernd ihrem Lager zukriechen sah, als das gelenkige Thierchen sich vergeblich bemühte, schutzsuchend in ihren Schooß zu springen und seiner Herrin das zitternde, kranke, vielleicht gebrochene Beinchen winselnd entgegenstreckte, da wich die Furcht aus dem Herzen der geängstigten jungen Frau, sie sprang von dem Lager, nahm das Hündchen in die Arme und sagte mit einem Blicke, aus dem Phöbicius nichts weniger als Furcht oder Reue entgegenleuchtete:

»Du rührst mir das Thierchen nicht wieder an, das sei Dir gerathen!«

»Ich werd' es morgen ersäufen,« entgegnete Phöbicius völlig gelassen, aber mit einem bösen Lachen um den eingefallenen Mund. »Es kommen so viel zweibeinige Liebhaber in mein Haus, daß ich nicht einsehe, warum ich Deine Neigung auch noch mit dem Vierfüßler theilen sollte. Wie kommt das Schaffell hieher?«

Sirona würdigte die letzte Frage keiner Erwiderung, sondern rief mit erregter Stimme: »Bei Deinem Gott auf dem Felsen und allen Göttern: fügst Du dem Thierchen ein Leid zu, so bin ich am längsten bei Dir gewesen!«

»Sieh' da,« entgegnete der Centurio. »Wohin geht denn die Reise? Die Wüste ist weit, und es gibt darin viel Raum zum Verschmachten und für bleichende Knochen. Wie würden sich Deine Liebhaber grämen! Um ihretwillen werd' ich, bevor ich den Hund ersäufe, die Herrin einsperren müssen.«

»Versuch' es, mich anzurühren!« schrie Sirona außer sich und sprang an das Fenster. »Streckst Du nur einen Finger nach mir aus, so rufe ich um Hülfe, und Frau Dorothea und ihr Gatte werden mich vor Dir beschützen.«

»Kaum!« unterbrach sie Phöbicius trocken. »Das würde Dir gefallen, wenn Du da drüben unter einem Dache mit dem Buben hausen könntest, der Dir bunte Gläser mitbringt, der Dir Rosen in's Fenster wirft und sich vielleicht mit ihnen den Weg bestreut hat, den er heute zu Dir gefunden. Noch gibt es Gesetze, die einen römischen Bürger vor Einbrechern und frechen Verführern sichern. Du warst mir schon viel zu viel in dem Hause da drüben, und das Gespiel mit den kleinen Schreihälsen hast Du doch nur betrieben, um dem ausgewachsenen Kinde, dem Rosenwerfer, dem Zieraffen zu begegnen, der um Deinetwillen und um nicht erkannt zu werden, über sein purpurnes Röckchen ein Schaffell gezogen. Lehr' Du mich die verliebten Nachtwandler und Weiber kennen! Ich durchschaue euch Alle! Keinen Schritt setzst Du hinfort über die Schwelle des Petrus! Da ist das geöffnete Fenster. Schrei' nur, so viel Du willst, und bringe schon jetzt Deine Schande unter die Leute. Ich war gewillt, erst morgen dieß Schaffell zum Richter zu tragen. Jetzt geh' ich und bringe die Kammer hinter der Küche für Dich in Ordnung. Die hat kein Fenster, durch das man mir Schaffelle in mein Haus tragen kann. Da sollst Du wohnen, bis Du mir zahm wirst und mir die Füße küssest und eingestehst, was heute Nacht hier vorgegangen. Von den Sklaven des Senators, das weiß ich, werde ich nichts erfahren, denn Du hast auch ihnen die Köpfe verdreht. Sie grinsen vor Vergnügen, wenn sie Dich sehen. Dir sind eben alle Freunde recht, und wenn sie auch nur ein Schaffell tragen. Laß sie thun, was sie wollen; ich habe den rechten Wächter für Dich an der Hand. Jetzt geh' ich. Schreie nur; aber lieber würde es mir sein, wenn Du Dich ruhig verhieltest. Ueber den Hund da haben wir noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ich behalte ihn hier. Bist Du still und kommst Du zur Vernunft, so mag er meinetwegen leben; bleibst Du widerspenstig, so findet sich ja schnell ein Strick und ein Stein, und der Bach fließt dort unten vorüber. Ich spaße niemals und am wenigsten heute.«

Sirona's ganzes Wesen war in der lebhaftesten Erregung. Ihr Athem flog, ihre Glieder bebten, aber sie fand kein Wort der Entgegnung.

Phöbicius sah, was in ihr vorging, und rief: »Schnaube Du nur jetzt; aber es kommt eine Stunde, in der Du wie Dein lahmer Hund zu mir herankriechen und um Gnade betteln wirst. Da kommt mir ein neuer Gedanke. Du brauchst ja ein Lager in der dunklen Kammer, und weich muß es sein, sonst schelten mich Deine Geliebten. Ich breite das Schaffell dort für Dich aus. Da siehst Du, wie ich die Geschenke Deiner Anbeter zu ehren verstehe!«

Der Gallier lachte auf, ergriff das Eremitengewand und begab sich mit ihm und der Lampe in das dunkle Gemach hinter der Küche, in dem Geschirr und Vorräthe von verschiedener Art aufbewahrt wurden, die er nun beseitigte, um es zu einer Schlafkammer für sein Weib umzuwandeln, von dessen Schuld er fest überzeugt war.

Um welchen Mannes willen sie ihn betrogen, wußte er nicht, denn Mirjam hatte ihm nichts gesagt als die Worte: »Geh' nach Hause; da lacht Dein Weib mit ihrem Geliebten.«

Schon während der letzten Drohungen ihres Gatten hatte Sirona sich gesagt, daß sie lieber sterben, als länger mit diesem Manne zusammenleben wolle.

Daß auch sie nicht frei sei von Schuld, kam ihr nicht mehr in den Sinn.

Wer strenger bestraft wird, als er verdient, vergißt leicht über dem Fehler des Richters sein eigenes Vergehen.

Phöbicius hatte Recht.

Weder Petrus noch Dorothea besaßen die Macht, sie gegen ihn, den römischen Bürger, zu schützen.

Wenn sie sich nicht selber half, so war sie eine Gefangene, und sie konnte nicht leben ohne Luft, Licht und Freiheit.

Ihr Entschluß war schon während der letzten Drohworte ihres Gatten schnell zur Reife gelangt, und kaum hatte er die Schwelle überschritten und ihr den Rücken gewandt, als sie auf ihr Lager zueilte, das zitternde Windspiel in die Decke hüllte, es wie ein Kind auf den Arm nahm und mit ihrer leichten Last in das Wohnzimmer lief.

Dort waren noch die Laden des Fensters, aus dem Hermas das Weite gesucht hatte, geöffnet.

Sie nahm mit Hülfe eines Sessels denselben Weg, ließ sich von der Brüstung auf die Straße niedergleiten und eilte ohne Zweck und Ziel, nur von dem Wunsche beseelt, der Gefangenschaft in dem finstern Raum zu entgehen und jedes Band zu zerreißen, das sie an den verhaßten Gefährten knüpfte, dem Kirchenhügel und der Straße zu, die über den Berg an die See führte.

Phöbicius ließ ihr einen großen Vorsprung, denn er blieb, nachdem er es zum Gefängniß für sie eingerichtet hatte, sehr lange in dem dunklen Gemach hinter der Küche, nicht um ihr Zeit zu gewähren, sich zu sammeln, oder um über sein künftiges Verhalten gegen sie nachzudenken, sondern weil er sich völlig ermattet fühlte.

Der Centurio stand dem sechzigsten Lebensjahre nah, und sein ursprünglich kräftiger, aber durch Ausschweifungen jeder Art zerrütteter Körper widerstand nicht länger den Anstrengungen und Erregungen dieser Nacht.

Der hagere, nervöse, sehr bewegliche Mann pflegte sonst solcher Erschlaffung nur bei Tag anheimzufallen, während nach Sonnenuntergang mit dem greisenhaften, nur bei der Ausübung seiner dienstlichen Pflichten jugendlich rüstigen Soldaten eine wunderbare Veränderung vor sich ging, denn dann hoben sich seine schweren, die Sehsterne fast ganz verdeckenden Augenlider, die schlaff herabhängende Unterlippe zog sich kräftig zusammen, der lange Hals mit dem schmalen, länglichen Kopf erhob sich, und wenn er in später Stunde zu Gelagen oder zum Dienste des Mithras ausging, so konnte man ihn oft noch einen stattlichen, jugendlich schreitenden Mann nennen.

Aber auch im Rausche war er nicht heiter, sondern wild, prahlerisch und lärmend.

Manchmal überkam ihn auch, bevor er das Gelage verließ, mitten unter den Zechgenossen jene Erschlaffung, durch welche auch Sirona oftmals erschreckt worden war, und vor der er sich nur völlig sicher wußte, wenn er im Dienst an der Spitze seiner Soldaten stand.

Der leidenschaftliche, hoch gewachsene Mann bot in solchen Stunden der Ohnmacht einen abschreckenden Anblick, denn dann breitete sich über seine gelblichen Züge die Blässe des Todes, sein Rücken schien gebrochen und jedes Glied aus dem Gelenke gelöst zu sein. Nur seine Augensterne blieben in steter Bewegung, und dann und wann schüttelte ein Frost seinen Körper.

Seine Leute sagten, wenn dieser Zustand ihn überfiel, des Centurio blasser Dämon sei in ihn gefahren, und er selbst glaubte an jenen bösen Geist und fürchtete ihn. Ja, er hatte es versucht, durch heidnische Geisterbanner und selbst durch christliche Exorzisten sich von ihm zu befreien.

Jetzt saß er in der finstern Kammer auf dem Schaffell, das er, um sein Weib zu verhöhnen, auf eine harte Holzbank gebreitet hatte.

Seine Hände und Füße froren, seine Augen glühten, und die Kraft, auch nur einen Finger zu rühren, hatte ihn verlassen. Bloß seine Lippen zuckten hin und her, und sein rückwärts schauendes inneres Auge blickte mit gesteigerter Schärfe in die Vergangenheit, weit über die letzte, schreckliche Stunde hinaus.

»Hätt' ich,« dachte er, »nach dem unsinnigen Lauf in die Oase, den mir so bald kein Jüngerer nachmacht, meiner Wuth die Zügel schießen lassen, statt sie gewaltsam zurückzuhalten, so würde der Dämon mich weniger leicht bewältigt haben. Wie dem Teufel, der Mirjam, die Augen blitzten, als sie mir sagte, daß ein Mann mich betrüge! Sie hat den Fellträger gewiß gesehen; aber vor der Oase verlor ich sie aus den Augen. Ich glaube, sie kehrte um und stieg wieder bergaufwärts. Was ihr Sirona wohl gethan haben mag? Die Frau fängt ja sonst mit ihren Augen die Herzen, wie der Finkler mit seiner Flöte die Vögel. Wie sind ihr die Herrlein in Rom nachgestiegen! Ob sie mich dort schon betrogen hat? Den Legaten Quintillus, der mir gern gefällig gewesen wäre, und dessen Feindschaft ich nun der Närrin verdanke, hat sie abgewiesen; aber er war noch älter als ich, und Jüngere sind ihr wohl lieber. Sie ist wie die Anderen alle! Ich hätt' es wissen sollen, ich! So geht es auf Erden; heute schlägt man, und morgen wird man geschlagen!«

Ein wehes Lächeln umzuckte die Lippen des Centurio, dann breitete sich starrer Ernst über seine Züge, denn mancherlei unwillkommene Bilder stellten sich nun deutlich und unabweisbar vor seine Seele.

Des Galliers Gewissen stand im umgekehrten Verhältniß zu der Rüstigkeit seines Leibes.

Ging es ihm gut, so focht ihn seine an dunklen Flecken überreiche Vergangenheit wenig an, aber wenn die Schwäche ihn übermannte, so wußte er dem blassen Dämon nicht zu wehren, welcher ihn zwang, sich gerade derjenigen Thatsachen mit peinlicher Deutlichkeit zu erinnern, die er am liebsten zu vergessen wünschte.

In dieser Stunde mußte er seines freundlichen Wohlthäters und Kriegsobersten, des Legaten Servianus, und seines schönen Weibes gedenken, das er mit tausend Künsten verlockt hatte, Mann und Kind zu verlassen und mit ihm in die weite Welt zu entfliehen.

Jetzt ergriff ihn der Wahn, er sei der Legat Servianus und doch zu gleicher Zeit er selbst.

Jeden Schmerz und die ganze Bitterniß, welche sein betrogener Wohlthäter durch ihn erfahren, nachdem er ihm Glycera, sein Weib, abwendig gemacht, hatte er jetzt durchzukosten, und der Feind, der ihn, Servianus, hinterging, war dabei, das empfand er, kein Anderer als er, der Gallier Phöbicius selbst. Er suchte sich zu wehren, und sann auf Rache gegen den Verführer und verlor dabei doch nicht völlig das Bewußtsein seiner Persönlichkeit.

Dieß Gewirr von Wahnvorstellungen, das er vergeblich klar zu legen bestrebt war, drohte ihn um den Verstand zu bringen, und er seufzte laut auf.

Der Klang der eigenen Stimme führte ihn in die Wirklichkeit zurück.

Er war Phöbicius und kein Anderer, das wußte er nun, und doch gelang es ihm noch nicht gänzlich, sich in der Gegenwart zurecht zu finden.

Das Bild der schönen Glycera, die ihm nach Alexandria gefolgt war, und die er dort im Stich gelassen, nachdem er sein letztes Geldstück und ihren kostbaren Schmuck in der Griechenstadt verpraßt hatte, wollte sich ihm nicht allein zeigen, sondern immer und immer neben dem seines Weibes Sirona.

Glycera war ein trauriges Liebchen gewesen, das viel geweint und wenig gelacht hatte, seit sie ihren Gatten verlassen. Leise Vorwürfe glaubte er auch jetzt von ihren Lippen zu hören, während Sirona ihm mit lauten Drohungen entgegenzutreten und dem Senatorsohn Polykarp viel verheißend zu winken wagte.

Der ermattete Träumer raffte sich wüthend zusammen, ballte die Fäuste und hob sie drohend empor.

Diese Bewegung war das erste Zeichen der wiedererwachenden Spannkraft seines Leibes, und nachdem er wie ein aus dem Schlaf Erwachender die Glieder gestreckt und sich die Augen gerieben, preßte er beide Schläfen mit den Händen, und nach und nach kehrte ihm das volle Bewußtsein und mit demselben die Erinnerung an Alles zurück, was er in den letzten Stunden erlebt hatte.

Schnell verließ er nun die dunkle Kammer, stärkte sich in der Küche mit einem Schluck Wein und trat an das geöffnete Fenster, um nach den Sternen zu sehen.

Mitternacht war längst vorbei.

Er erinnerte sich nunmehr seiner auf dem Berge opfernden Gefährten und richtete ein langes Gebet »an die Krone«, »den unüberwindlichen Sonnengott«, »das große Licht«, »den Gott aus dem Felsen« oder wie er sonst den Mithras benannte; denn seit er zu den Mysten dieses Gottes gehörte, war er ein eifriger Beter geworden, der auch mit ungewöhnlich zäher Ausdauer zu fasten verstand.

Von den achtzig Proben, denen man sich zu unterwerfen hatte, um in die höheren Grade der Geweihten aufgenommen zu werden, hatte er sich bereits vielen unterworfen, und jener Schwäche, die ihn auch heute überwältigt hatte, war er zum ersten Mal anheimgefallen, nachdem er, um den Grad eines Löwen zu erlangen, sich täglich während einer ganzen Woche stundenlang in den Schnee gelegt und darauf strenger Fasten befleißigt hatte.

Sirona's gesunder Sinn fühlte sich von all' diesen Uebungen abgestoßen, und die Entschiedenheit, mit der sie sich an ihnen teilzunehmen weigerte, hatte die Kluft erweitert, die sie ohnehin von ihrem Gemahle trennte.

Es war Phöbicius in seiner Weise sehr ernst mit all' diesen Dingen, denn durch sie allein fand er Rettung vor sich selbst, vor finsteren Erinnerungen und der Furcht vor einer Vergeltung seiner Thaten jenseits der letzten Stunde, während Sirona gerade aus der Erinnerung an frühere Tage ihren besten Trost und die Kraft schöpfte, die traurige Gegenwart heiter zu ertragen und die Hoffnung aus bessere Zeiten festzuhalten.

Phöbicius vollendete heut sein Gebet um Kraft, seines Weibes starren Sinn zu brechen, und um ein glückliches Gelingen seiner Rache an ihrem Verführer, ohne Uebereilung und mit sorgsamer Beobachtung aller vorgeschriebenen Formen.

Dann nahm er zwei feste Stricke von der Wand, richtete sich so stolz und gerade auf, als gält' es seinen Soldaten vor der Schlacht Muth zuzusprechen, räusperte sich wie ein Rhetor auf dem Forum, bevor er seinen Vortrag beginnt, und überschritt mit Würde die Schwelle des Schlafzimmers.

Nicht der leiseste Gedanke an die Möglichkeit ihres Entrinnens trübte seine Sicherheit, als er, da er Sirona nicht in dem Schlafgemache fand, in das Wohnzimmer ging, um die ihr zugedachte Strafe an ihr zu vollziehen.

Auch hier fand er Niemand.

Er stutzte; aber der Gedanke, daß sie entflohen sein könne, schien ihm so aberwitzig, daß er ihn zunächst mit Entschiedenheit zurückwies.

Gewiß, sie fürchtete nur seinen Zorn und hielt sich unter dem Bett oder hinter dem seine Kleider schützenden Vorhang verborgen.

»Das Windspiel,« dachte er, »schmiegt sich jetzt an sie,« und darum begann er nun in einer Weise halb zu pfeifen, halb zu zischen, die Jambe weh that und sie stets veranlaßte, ihn grimmig anzubellen; aber vergebens.

Alles blieb still in dem verlassenen Gemach, todtenstill.

Jetzt ergriff ihn ernste Besorgniß.

Erst bedächtig, dann mit immer schnelleren, hastigeren Bewegungen leuchtete er unter jedes Geräth, in jede Ecke, hinter jedes Tuch und suchte sie auch an solchen Stellen, die keinem Kinde, ja kaum einem verfolgten Vogel als Versteck genügt haben würden.

Endlich fielen die Stricke aus seiner Rechten, und die das Lämpchen haltende Linke begann zu zittern.

Er fand die Laden des Schlafzimmerfensters geöffnet und bei diesem den Stuhl, auf dem Sirona gesessen und in den Mond geschaut hatte, bevor Hermas gekommen war.

»Hier also,« murmelte er, stieß die Lampe auf das Nachttischchen, von dem er das Glas Polykarp's geworfen hatte, riß die Thür auf und eilte in den Hof. Daß sie sich auf die Straße geschwungen und den Weg in's Weite, in die Nacht hinein und die Wüste gesucht haben werde, kam ihm noch immer nicht in den Sinn.

Er rüttelte an dem das Gehöft abschließenden Thore und fand es fest verschlossen.

Die Wachthunde regten sich und schlugen an, wie Phöbicius sich dem Hause des Petrus zuwandte und mit dem ehernen Klopfer an die Pforte desselben erst leise und dann mit wachsendem Ingrimm immer heftiger zu schlagen begann.

Er hielt es für gewiß, daß sein Weib bei dem Senator Schutz gesucht und gefunden habe.

Er hätte aufschreien mögen vor Wuth und Schmerz, und doch dachte er kaum an seine Gattin und die Gefahr, sie zu verlieren, sondern an Polykarp und die ihm durch diesen angethane Schmach und die Wiedervergeltung, die er über ihn und seine Eltern verhängen wollte, welche es an sein, des kaiserlichen Centurio, Hausrecht zu tasten gewagt.

Was war ihm Sirona!

In der Wallung einer Stunde des Uebermuths hatte er ihr Geschick an das seine gekettet.

Zu Arelas war vor zwei Jahren in den Kreis seiner Zechgenossen einer seiner Kameraden getreten und hatte erzählt, daß er Zeuge eines merkwürdigen Schauspiels gewesen. Mehrere junge Burschen hatten einen Knaben umringt und ihn, er wußte selbst nicht weßwegen, grausam geschlagen. Der Kleine hatte sich wacker gewehrt, war aber doch der Ueberzahl erlegen. Da plötzlich, erzählte der Soldat, habe sich die Thür eines Hauses beim Cirkus geöffnet, und ein Mädchen mit langem, goldgelbem Haar sei herausgestürzt und habe die Buben alle in die Flucht gejagt und den Gemißhandelten, ihren Bruder, von seinen Peinigern befreit. »Wie eine Löwin sah die Dirne aus,« hatte der Erzähler gerufen. »Sirona heißt sie, und unter den schönen Mädchen von Arelas ist sie ohne Zweifel das schönste.«

Von vielen Seiten fanden diese Worte Bestätigung, Phöbicius aber, der damals gerade unter den Mithrasverehrern den Grad eines Löwen erstiegen hatte und sich gern den »Löwen« nennen hörte, sagte: »Ich suche schon lange nach einer Löwin, nun hab' ich sie, denk' ich, gefunden. Phöbicius und Sirona; das sind zwei Namen, die herrlich zusammenpassen!« Am folgenden Tag erbat er sie sich von ihrem Vater zum Weibe, und da er in wenigen Tagen nach Rom abziehen mußte, wurde schnell die Hochzeit gerüstet.

Sie hatte Arelas niemals verlassen und wußte darum nicht, was sie aufgab, als sie dem Vaterhause vielleicht auf immer Lebewohl sagte. In Rom fand Phöbicius seine junge Gattin wieder. Wie Viele auch dort die schöne Frau bewundern und sich um ihre Gunst bemühen mochten; für ihn war sie doch nur ein leicht erworbener und darum wenig kostbarer Besitz; ja bald kaum mehr als ein schwer zu bewachender, lästiger Schmuck.

Als die schöne Frau endlich von seinem Legaten bemerkt ward, versuchte er es, durch sie Vortheile und Beförderung zu erzielen; aber Sirona hatte Quintillus mit so beleidigender Rücksichtslosigkeit abgewiesen, daß der Vorgesetzte des Phöbicius zu seinem Feinde ward und seine Degradirung und Versetzung in die entlegene Oase, die einer Verbannung gleichkam, zu bewirken wußte.

Seit jener Zeit hielt er sie für seine Feindin und glaubte, daß sie geflissentlich sich am freundlichsten gegen Diejenigen zeige, die ihm besonders widerwärtig erschienen, und zu diesen Widerwärtigsten zählte er auch Polykarp.

Wieder fiel der Klopfer auf die Thür des Petrus, und nun öffnete sie sich, und der Senator stand mit einer Lampe in der Hand dem wüthenden Centurio gegenüber.

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