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Homo sum

Georg Ebers: Homo sum - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleHomo sum
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleHomo sum
pagesIII-XV
created20021218
sendergerd.bouillon
firstpub1878
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Neuntes Kapitel.

Mirjam hatte recht gehört.

Während sie beim Abendessen festgehalten wurde, hatte Hermas die Hofthür geöffnet. Er war gekommen, um dem Senator zum Dank für die Arzneien, denen sein Vater ein besseres Befinden verdankte, einen stattlichen jungen Steinbock, den er vor wenigen Stunden erlegt hatte, zu überbringen.

Das würde freilich bis zum nächsten Morgen Zeit gehabt haben, aber es hatte ihm oben auf dem Berge keine Ruhe gelassen, und er war sich wohl bewußt gewesen, daß ihn weit weniger das Verlangen, seinem Dank Ausdruck zu geben, als seine Hoffnung, Sirona zu sehen und ein Wort von ihren Lippen zu hören, in die Oase trieb.

Er hatte sie seit seiner ersten Begegnung mehrere Male gesprochen und war sogar in ihrem Hause gewesen, wenn sie ihm Wein für den Vater gegeben, und er ihr die geleerten Flaschen zurückgebracht hatte.

Einmal, als sie das Gefäß, das er hielt, aus dem größern Kruge gefüllt, hatten ihre weißen Finger die seinen berührt, und ihre Frage, ob er sich denn vor ihr fürchte oder warum sonst seine Hand, die doch stark zu sein scheine, so ängstlich zittere, war ihm nicht aus dem Sinn gewichen.

Je näher er dem Hause des Petrus gekommen war, desto heftiger hatte sein Herz geschlagen. Vor der Hofthür war er stehen geblieben, um Athem zu schöpfen und sich zu sammeln, denn er hatte gefühlt, daß es ihm, erregt wie er war, schwer werden würde, in zusammenhängender Rede zu sprechen.

Endlich hatte er die Hand auf den Drücker des Thores gelegt und war in den Hof getreten.

Die Wachthunde kannten ihn schon und bellten nur einmal auf, als er die Schwelle übertrat.

Er hatte etwas zu bringen und wollte nichts nehmen, und dennoch kam er sich vor wie ein Dieb, als er sich erst nach dem vom Mondenlicht hellbeleuchteten großen Haus und dann nach dem des Galliers umschaute, das, von der Nacht verhüllt, in unbestimmten Umrissen dalag und einen breiten, dunklen Schatten auf die glattgetretenen, schimmernden Granitstücke des Pflasters warf.

Kein Mensch war zu sehen gewesen, und der Geruch des Festbratens hatte ihn gelehrt, daß Petrus und die Seinen beim Mahl versammelt waren.

»Ich käme den Schmausenden ungelegen,« sagte er sich, indem er den Bock auf die Steinbank neben der Thür legte und dabei nach dem ihm nur zu wohl bekannten Fenster Sirona's schaute.

Es war nicht erleuchtet, aber er nahm ein helles Etwas in dem steinernen Rahmen wahr, und dieses zog seinen Blick mit unwiderstehlicher Zaubermacht an sich.

Jetzt bewegte es sich, jetzt erhob neben ihm Sirona's Windspiel die scharfe Stimme.

Sie war es, sie mußte es sein!

Ihr Bild trat ihm mit all' seinem Glanze vor die Augen, und schnell flog es ihm durch den Sinn, daß sie allein sei, denn ihrem Gatten Phöbicius und der alten Sklavin war er unter den Mithrasanbetern auf dem Weg in die Oase begegnet.

Aus dem frommen Jüngling, der die Geißel auf sein Fleisch fallen ließ, um verführerische Traumgestalten zu bannen, war in wenigen Tagen ein Anderer geworden.

Um des Vaters willen wollte er den Berg noch nicht verlassen, aber fest entschlossen war er, der Welt nicht mehr aus dem Wege zu gehen, nein, vielmehr sie zu suchen.

Dem frommen Paulus hatte er die Pflege des Vaters überlassen und war unter den Felsen umhergeschweift. Bald hatte er sich dort im Diskuswerfen geübt, bald Steinböcke und Raubthiere gejagt, bald war er – aber immer nur mit Zagen – in die Oase gestiegen, um daselbst des Senators Haus zu umkreisen und Sirona zu sehen.

Unwiderstehlich hatte es ihn jetzt, da er sie allein wußte, zu ihr hingezogen.

Was er von ihr wollte, wußte er sich selbst nicht zu sagen, und völlig klar war ihm nichts, als der Wunsch, ihre Finger noch einmal mit den seinen zu berühren.

Ob das eine Sünde sei oder nicht, galt ihm gleich. Sünde war auch sein harmloses Spiel, Sünde jeder Gedanke an die Welt, nach der er sich sehnte, genannt worden, und er war völlig entschlossen, die Sünde auf sich zu nehmen, um sein Ziel zu erreichen. Am Ende war sie nichts als ein Schreckgespenst, mit dem man Kinder ängstigt, und der würdige Petrus hatte es ihm bestätigt, daß er ein Mann sei, von dem man Thaten erwarte. Mit dem Gefühl, etwas Unerhörtes zu wagen, näherte er sich dem Fenster der Gallierin, und diese erkannte ihn sogleich, denn das Licht des Vollmonds umfing ihn.

»Hermas!« hörte er leise rufen.

Da überfiel ihn ein so heftiger Schreck, daß er wie gebannt stehen blieb und sein Herz stillstehen fühlte.

Und zum andern Male rief eine weiche Frauenstimme: »Hermas, bist Du es? Was führt Dich in so später Nachtstunde zu uns?«

Er stammelte unzusammenhängende Worte; sie aber sagte: »Ich verstehe Dich nicht, komm' doch näher.«

Willenlos hob er den Fuß, trat in den Schatten des Hauses und bis an ihr Fenster heran.

Sie trug ein weißes Gewand mit offenen Aermeln, und ihre Arme leuchteten aus dem Dunkel nicht weniger hell als das Kleid.

Das Windspiel bellte von Neuem auf. Sie beruhigte es und fragte dann Hermas nach seines Vaters Ergehen, und ob er Wein bedürfe.

Er erwiderte, daß sie gut sei, engelhaft gut, aber daß der Kranke sich schnell erhole, und sie ihm ja schon viel zu viel von dem Ihren gegeben.

Beide sagten nur, was Jedermann hören durfte, und doch flüsterten sie, als ob sie Verbotenes redeten.

»Warte einen Augenblick,« bat nun Sirona und verschwand in dem Zimmer.

Bald darauf zeigte sie sich wieder und sagte leise und traurig:

»Ich würde Dich in das Haus laden, aber Phöbicius hat die Thür verschlossen. Ich bin ganz allein. Halte die Flasche, damit ich sie durch das Fenster aus dem Kruge fülle.«

Bei diesen Worten bückte sie sich nach dem größern Gesäße. Sie war kräftig, aber der Krug schien ihr heut weniger leicht als an anderen Tagen, und seufzend sagte sie: »Die Amphora ist mir zu schwer.«

Er streckte die Hand zu dem Fenster hinaus; wiederum berührten ihre Finger die seinen und wieder fühlte er den seligen Schauer, an den er sich Tag und Nacht erinnert hatte, seitdem er ihn zum ersten Mal empfunden.

In diesem Augenblicke wurde es laut in dem gegenüberliegenden Hause. Die Sklaven hatten sich von der Mahlzeit erhoben.

Sirona wußte, was da vorging.

Sie erschrak und rief, indem sie angstvoll auf die Thür des Senators wies: »Um aller Götter willen, sie kommen, und wenn sie Dich hier sehen, bin ich verloren!«

Hermas überschaute, nach dem andern Hause hinüberlauschend, mit einem schnellen Blick den Hof, und als er sah, daß vor den Leuten des Petrus, die immer näher kamen, kein Entrinnen möglich sein werde, rief er Sirona gebieterisch zu: »Tritt zurück!« und schwang sich dann durch das Fenster in des Galliers Gemach.

Im selben Augenblick öffnete sich die Thür des Senators, und die Sklaven strömten in den Hof.

Allen voran Mirjam, die den weiten Raum erwartungsvoll, suchend, enttäuscht überschaute.

Er war nicht da, und dennoch hatte sie ihn eintreten hören, und zum zweiten Mal war die Thür nicht gegangen; sie wußte es mit voller Gewißheit.

Einige Sklaven begaben sich in die Ställe, andere traten vor das Thor auf die Straße, um die Kühlung des Abends zu genießen.

Der Schaffner Jethro bemerkte den Steinbock, hob ihn auf und ließ ihn von einem seiner Untergebenen in das Vorrathshaus tragen. Er fragte nicht nach seiner Herkunft, denn ein amalekitischer Jäger, dem Petrus ein Stück Acker zur Benutzung überlassen, pflegte seine besten Beutestücke stets ohne ein erklärendes Wort vor die Thür seines Wohlthäters zu legen.

Gruppenweise setzten sich die Sklaven auf den Boden, schauten in die Sterne, plauderten und sangen.

Nur die Hirtin blieb auf dem Hof und durchforschte ihn nach allen Seiten hin, als suche sie ein verlorenes Kleinod. Selbst hinter die Mühlsteine und den dunklen Schuppen, in dem das Werkzeug der Steinmetzen verwahrt ward, schaute sie. Dann blieb sie stehen und ballte die kleinen Hände zu Fäusten.

Mit wenigen leichten Sätzen sprang sie in den Schatten des Hauses der Gallier.

Gegenüber dem Fenster Sirona's blieb sie stehen und lauschte. Der Mann, welcher da drin auf und nieder ging, war er und kein anderer.

Jetzt wußte sie, wo er weile, und sie versuchte zu lachen, weil ihr das Weh, das sie empfand, zu brennend heiß schien, um es durch Thränen zu löschen.

Dabei verlor sie doch nicht völlig die Ueberlegung.

»Sie sind im Dunkeln,« dachte sie, »und werden mich sehen, wenn ich mich unter das Fenster stelle, um zu lauschen, und doch muß ich wissen, was sie zusammen treiben.«

Mit einer schnellen Wendung kehrte sie der Wohnung des Galliers den Rücken, trat in den hellen Mondschein, blieb dort stehen und begab sich dann in das Sklavenhaus. Nach wenigen Minuten schlüpfte sie hinter die Mühlsteine und kroch, gewandt und geräuschlos wie eine Schlange, dem tief beschatteten Fundamente der Wohnung des Centurio entlang am Boden hin und blieb unter dem Fenster Sirona's liegen.

Ihr laut pochendes Herz erschwerte ihrem scharfen Ohre das Lauschen, aber wenn sie auch nicht verstehen konnte, was er sagte, so unterschied sie doch den Klang seiner Stimme. Er war nicht mehr in Sirona's Gemach, sondern mit ihr in dem nach der Straße gelegenen Raume.

Nun konnte sie wagen, sich aufzurichten, um in das geöffnete Fenster zu schauen.

Die Thür, welche die beiden Zimmer der Gallier verband, war geschlossen, und ein Lichtstreifen zeigte ihr, daß in dem Wohnzimmer des Phöbicius, in dem die Beiden weilten. eine Lampe brenne.

Schon erhob sie die Hand, um sich in das dunkle Schlafgemach zu schwingen, als ein helles Lachen aus Sirona's Mund ihr Ohr traf.

Das Bild der Feindin trat vor ihre Seele, strahlend und von Licht umflossen wie an jenem Morgen, da Hermas ihr, von Entzücken gelähmt, gegenüber gestanden hatte. Und jetzt, jetzt lag er wohl zu ihren Füßen und sagte ihr süße Schmeichelworte und sprach ihr von Liebe und streckte den Arm nach ihr aus; sie aber hatte gelacht.

Nun lachte sie wieder!

Warum ward es jetzt still?

Bot sie ihm wohl die rothen Lippen zum Kusse?

Gewiß, gewiß!

Und Hermas entwand sich nicht ihren weißen Armen, wie er aus den ihren an jenem Mittag am Quell sich mit Abscheu gerissen hatte, um nicht wiederzukehren.

Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn, sie faßte sich wie eine Unsinnige in das dichte schwarze Haar, und aus ihrem bleichen Munde drang ein lauter Ruf, der dem Schrei eines geängstigten Thieres gleich klang.

Wenige Augenblicke später schlüpfte sie durch die Ställe und das Thor, durch welches man das Vieh hinaustrieb, in's Freie und eilte, ihrer selbst nicht mächtig, auf den Berg, zu der Mithrasgrotte, zu Phöbicius, dem Gatten Sirona's.

Der Anachoret Gelasius sah von ferne die Gestalt der im Mondschein den Berg hinanrasenden Hirtin und den Schatten, der sich ihr von Stein zu Stein nachschwang, und warf sich an die Erde und schlug ein Kreuz über die Stirn, denn er glaubte eine Spukgestalt aus der Götterschaar der Heiden, eine von einem Satyr verfolgte Oreade, erblickt zu haben.

Sirona hatte den Schrei der Hirtin gehört.

»Was war das?« fragte sie erschreckt den Jüngling, der im vollen Festschmuck eines römischen Offiziers, schön wie ein junger Kriegsgott, aber linkisch und unsoldatisch genug in seinen Bewegungen, vor ihr stand.

»Eine Eule hat geschrieen,« entgegnete Hermas. »Der Vater muß mir endlich sagen, welchem Hause wir entstammen, und ich gehe nach Byzanz, dem neuen Rom, und sage dem Kaiser: Hier bin ich und will unter Deinen Kriegern für Dich kämpfen.«

»So gefällst Du mir!« rief Sirona.

»Wenn das wahr ist,« gab Hermas zurück, »so beweise es und laß mich nur einmal meine Lippen auf Dein schimmerndes Goldhaar drücken. Du bist so schön und freundlich wie eine Blume, so froh und glänzend wie ein Vogel, und doch so hart wie der Stein unseres Berges. Wenn Du mir nicht einen Kuß gewährst, so sehne ich mich krank und schwach, bevor ich hier fort kann, um im Kriege meine Kraft zu bewähren.«

»Und gäb' ich Dir nach,« lachte die Gallierin, »so würdest Du immer mehr Küsse haben wollen und am Ende gar nicht mehr fort mögen. Nein, nein, mein Freund: ich bin die Weisere von uns Beiden. Geh' jetzt in das dunkle Zimmer. Ich will nachsehen, ob die Leute wieder herein sind und ob Du durch das Straßenfenster ungesehen fort kannst, denn Du bist schon viel zu lange bei mir gewesen. Hörst Du, ich verlang' es!«

Hermas gehorchte seufzend; Sirona aber öffnete die Laden und schaute in's Freie.

Die Sklaven zogen sich eben in den Hof zurück, und sie rief ihnen freundliche Worte zu, die nicht minder freundlich erwidert wurden, denn die Gallierin, die auch den Geringsten nicht übersah, war Allen lieb und angenehm. Mit vollen Zügen zog sie die kühle Nachtluft ein und schaute vergnügt zum Mond empor, denn sie war sehr zufrieden mit sich selbst.

Als Hermas sich zu ihr in's Zimmer geschwungen hatte, war sie erschreckt zurückgetreten, er aber hatte ihre Hand ergriffen und seine glühenden Lippen auf ihren Arm gedrückt. Sie hatte es geschehen lassen, denn eine seltsame Verwirrung war über sie gekommen.

Da hatte sie Frau Dorothea's Stimme vernommen, und wie sie rief: »Gleich, gleich! Ich will nur den Kindern erst gute Nacht sagen.«

Diese schlichten Worte aus diesem Munde hatten zauberhaft auf das gemißhandelte, beargwohnte und doch so recht für Glück, Liebe und Freude geschaffene, schöne und warmherzige Weib gewirkt.

Als ihr Gatte sie eingeschlossen und selbst ihre Sklavin mit sich genommen, hatte sie zuerst gerast, geweint, auf Rache und Flucht gesonnen und sich dann, innerlich gebrochen und still an ihre schöne Heimat, ihre Geschwister und die dunklen Olivenhaine von Arelas denkend, an das Fenster zurückgezogen.

Da hatte sich Hermas gezeigt.

Es war ihr nicht entgangen, daß der junge Anachoret sie leidenschaftlich bewundere, und das freute sie, denn er gefiel ihr, und die Verwirrung, die sich seiner bei ihrem Anblick bemächtigt hatte, schmeichelte ihr und erschien ihr doppelt werthvoll, da sie wußte, daß der Einsiedler im Schaffell, den sie mit Wein beschenkte, doch eigentlich ein vornehmer Jüngling sei.

Und wie bemitleidenswerth war der Arme, dem ein harter Vater die Jugend stahl!

Eine Frau schenkt dem Manne, den sie bemitleidet, gern zärtliche Neigung, vielleicht weil sie es ihm verdankt, daß sie sich als die Stärkere fühlen darf, und weil durch ihn und sein Leid die edelste Lust des Frauenherzens, mit pfleglicher Sorgfalt hülfreich zu sein, Befriedigung erwartet. Frauenherzen sind weicher als die unseren. Im Männerherzen pflegt die Liebe zu erlöschen, wenn das Mitleid beginnt. Auf die keimende Pflanze der Neigung eines Weibes wirkt Bewunderung wie Sonnenschein, und das Mitleid ist der Glanz, den das Frauenherz selber ausstrahlt.

Weder der einen noch des andern hätte es an jenem Abend bedurft, um Sirona zu veranlassen, Hermas an ihr Fenster zu rufen.

Sie fühlte sich so bang und vereinsamt, daß Jeder ihr willkommen erscheinen mußte, aus dessen Munde sie ein freundliches, ihr schwer verletztes Selbstgefühl aufrichtendes Wort erwarten durfte.

Und nun erschien der junge Anachoret, der in ihrer Nähe sich selbst und alles Andere vergaß, dessen Blicke, dessen Bewegungen, dessen Schweigen selbst ihr zu huldigen schienen. Und sein kecker Sprung zu ihr in's Fenster, und sein glühendes Werben! Das ist Liebe, sagte sie sich. Ihre Wangen erglühten, und als Hermas ihre Hand ergriff und die Lippen auf ihren Arm preßte, wehrte sie ihm nicht, bis Dorotheas Ruf sie an die würdige Frau erinnerte und an die Kinder, und durch diese an ihre eigenen fernen Geschwister.

Wie ein reinigender Strom goß sich der Gedanke an diese Reinen durch ihr getrübtes Gemüth, und es flog ihr die Frage durch den Sinn: Was wär' ich ohne die da drüben, und ist es dieser große, verliebte Bursch, der neulich vor Polykarp wie ein Schulknabe dastand, denn werth, daß ich um seinetwillen das Recht, ihnen frei in die Augen zu schauen, aufgebe? Und sie stieß Hermas, der sich zum ersten Mal ihrem duftenden Goldhaar mit den Lippen zu nahen wagte, streng und ernst von sich und gebot ihm, bescheiden zu sein und ihr die Hand frei zu geben.

Sie sprach leise, aber mit solcher Bestimmtheit, daß der an Gehorsam gewöhnte Jüngling sich widerstandslos von ihr in das Wohnzimmer schieben ließ.

Dort stand eine brennende Lampe auf dem Tische, und auf der Ruhebank, an der mit buntem Stukk bekleideten Seitenwand des Gemaches lagen die Kleider, der Helm, der Centurionenstab und die anderen Theile der Rüstung, welche Phöbicius vor seinem Aufbruche zu dem Mithrasfeste abgelegt hatte, um sich mit dem Gewand eines Geweihten vom Grade des Löwen zu schmücken.

Das Lampenlicht entzog nunmehr Sirona's Gestalt dem Dunkel, und als sie so in all' ihrer Schönheit mit gerötheten Wangen vor ihm stand, da begann des Jünglings Herz höher zu schlagen, und mit neu erwachter Kühnheit breitete er die Arme aus, um sie an sich zu ziehen; die Gallierin aber wich ihm aus, trat hinter den Tisch, stützte die Hände auf seine geglättete Platte und verwies Hermas, von der Tafel wie durch einen Schild geschützt, mit verständigen, fast mütterlich klingenden Worten sein überfreies, anmaßendes und unziemliches Benehmen.

Ein Kenner des weiblichen Herzens würde über diese Worte aus diesem Mund und in dieser Stunde gelächelt haben, Hermas aber schlug erröthend die Augen nieder und vermochte ihr nichts zu entgegnen.

In der Gallierin war eine große Veränderung vorgegangen.

Sie fühlte sich sehr stolz auf ihre Tugend, auf den Sieg, den sie über sich selbst errungen hatte, und wünschte, indem sie sich in dem Glanz der eigenen Vortrefflichkeit sonnte, daß auch Hermas dieselbe empfinden und anerkennen möge.

Sie begann ihm vorzutragen, wie Vieles sie in der Oase zu entbehren und zu leiden habe, und sprach auch von der Tugend und den Pflichten des Weibes und der Schlechtigkeit und Vermessenheit der Männer.

Hermas, sagte sie, sei nicht besser als die Anderen, und weil sie sich gütig gegen ihn erwiesen, so glaube er schon ein Recht auf ihre Neigung zu haben. Aber er irre sich sehr, und wenn der Hof nur frei wäre, hätte sie ihm längst die Thür gewiesen.

Der junge Einsiedler hörte ihr bald nur noch mit halben Ohren zu, denn seine Aufmerksamkeit wurde von den vor ihm liegenden Rüstungsstücken des Phöbicius gefesselt, die seinen leidenschaftlich erregten Empfindungen eine neue Richtung gaben.

Unwillkürlich streckte er seine Hand nach dem glänzenden Helm aus und unterbrach die schöne Rednerin mit der Frage: »Darf ich ihn aufsetzen?«

Da lachte Sirona und rief erheitert und gänzlich verwandelt: »Nimm ihn nur! Du möchtest wohl ein Soldat sein? Wie gut er Dir steht! Thu' einmal das garstige Fell ab und laß sehen, wie sich der Anachoret als Centurio ausnimmt!«

Hermas ließ sich das nicht zweimal sagen.

Er schmückte sich mit der Rüstung des Galliers, und Sirona half ihm dabei.

Es muß wohl kläglich mit uns Menschen bestellt sein! Wie käme es sonst, daß wir von früh an die größte Lust an Verkleidungen, das heißt doch an der Preisgabe unserer eigenen Persönlichkeit zu Gunsten einer andern, deren Gestalt wir borgen, zu finden pflegen! Dieses schwer erklärliche Vergnügen theilt das Kind mit dem Weisen, und der ernste Mann, der es verdammte, wäre eben kein Weiser, denn wer der Narrheit gänzlich entsagt, der ist um so gewisser ein Narr, je weniger er es zu sein glaubt. Selbst das Verkleiden von Anderen ist namentlich für Frauen von seltenem Reize. Es fragt sich oft, wer die größere Lust empfindet, die Zofe, welche ihre Herrin anputzt, oder die mit dem kostbaren Staat bekleidete Gebieterin.

Sirona war jeder Art von Mummerei zugethan.

Des Senators Kinder und Enkel liebten sie nicht am wenigsten auch darum, weil sie sich von ihnen willig und heiter mit bunten Tüchern, Bändern und Blumen herausputzen ließ, und ihrerseits es verstand, die abenteuerlichsten Verkleidungen für sie zu erdenken.

Sobald sie Hermas mit dem Helme vor sich stehen sah, wandelte die Lust sie an, die von ihm selbst begonnene Mummerei weiter durchzuführen.

Eifrig und völlig harmlos rückte sie ihm den Waffenrock zurecht, half sie ihm den Panzer zuschnallen und das Schwert befestigen.

Während dieser Arbeit, bei der sich der Anachoret ungeschickt genug erwies, erscholl gar häufig ihr überaus munteres und angenehmes Lachen.

Wenn er dann, was gleichfalls nicht selten geschah, ihre Hand zu erfassen suchte, schlug sie ihm kräftig auf die Finger und schalt ihn.

Hermas' Befangenheit schwand bei diesem vergnüglichen Spiel, und bald begann er ihr mitzutheilen, wie verhaßt ihm das einsame Leben auf dem Berge sei. Er erzählte ihr, daß Petrus selbst ihm gerathen, seine Kraft in der Welt zu versuchen, und vertraute ihr an, daß er, wenn sein Vater genesen, ein Soldat werden und rühmliche Thaten verrichten wolle.

Sie stimmte ihm bei, lobte und ermunterte ihn. Dann tadelte sie seine lässige Haltung, zeigte ihm mit komischem Ernste, wie ein Krieger zu stehen und zu gehen habe, nannte sich seinen Exerziermeister und ergötzte sich an dem Eifer, mit dem er ihr nachzuahmen bemüht war.

Bei solchem Spiele vergingen die Stunden.

Hermas fühlte sich stolz in dem soldatischen Schmuck und glücklich durch ihre Gegenwart und in der Hoffnung auf künftige Thaten; Sirona aber war so heiter wie sonst nur im Spiel mit den Kindern, und selbst Mirjam's wilder Schrei, den der Jüngling für den Ruf einer Eule erklärt hatte, konnte sie nur auf kurze Zeit an die Gefahr erinnern, der sie sich aussetzte.

Die Sklaven des Petrus waren längst zur Ruhe gegangen, als das Spiel mit Hermas sie zu ermüden begann, und sie ihm befahl, die Rüstung ihres Gatten abzulegen und sie zu verlassen.

Hermas gehorchte, während sie die auf die Straße führenden Laden behutsam öffnete und sich zu ihm umwendend sagte:

»Durch den Hof darfst Du nicht; Du mußt durch dieß Fenster in's Freie. Aber da kommt Jemand die Straße herauf. Laß ihn erst vorbei. Es wird ja nicht lange dauern, denn er hat es eilig.«

Behutsam zog sie die Laden an sich und lachte wieder, als sie sah, wie ungeschickt sich Hermas beim Abschnallen der Beinschienen benahm.

Aber schon erstarb auf dem heitern Munde das Lachen, denn das Hofthor flog auf, ihr Windspiel und die Doggen des Senators schlugen an, und sie erkannte ihres Gatten Stimme, die den Hunden Ruhe gebot.

»Fort, fort, um der Götter willen!« rief sie mit bebender Stimme, löschte mit jener schnellen Geistesgegenwart, welche die Schickung schwachen Frauen in jäh hereinbrechender Gefahr als Waffe verleiht, die Lampe aus, drängte Hermas zum Fenster, stieß die Laden auf, und der Jüngling schwang sich, ohne ihr Lebewohl zu sagen, mit einem kräftigen Satze auf den Weg und jagte, begleitet von dem Gebell der Hunde, das in allen Häusern erwachte, die Straße hinauf, nach dem Kirchlein zu.

Noch hatte er den halben Weg dorthin nicht zurückgelegt, als ihm eine männliche Gestalt entgegentrat.

Angstvoll sprang er in den Schatten eines Hauses, aber der nächtliche Wanderer beschleunigte jetzt den Schritt und kam gerade auf ihn zu.

Da begann er von Neuem zu laufen; der Andere verfolgte ihn aber und blieb ihm auf den Fersen, bis er das Bereich der Häuser verlassen und den Bergpfad betreten hatte.

Hermas fühlte, daß er schneller sei als sein Verfolger, und setzte schon an zum Sprung über einen den Weg versperrenden Felsblock, als er hörte, daß hinter ihm sein Name gerufen wurde.

Er blieb stehen, denn er hatte in der Stimme des Mannes, vor dem er floh, die des guten Paulus erkannt.

»Du also,« sagte der Alexandriner und rang keuchend nach Athem. »Ja, Du bist schneller als ich. Die Jahre hängen Blei an die Füße, aber weißt Du, was ihnen die hurtigsten Flügel verleiht? Ein böses Gewissen! Und von dem Deinen ließen sich schöne Dinge erzählen; die Hunde bellen sie schon laut genug in die stille Nacht hinein!«

»Mögen sie doch,« entgegnete Hermas trotzig und suchte sich vergeblich von des Anachoreten starker Hand, die ihn festhielt, zu befreien. »Ich habe nichts Böses gethan!«

»Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib,« unterbrach ihn Paulus mit schwerem Ernst in der tiefen Stimme. »Du bist bei der schönen Gattin des Centurio gewesen, und eure Zusammenkunft ward überrascht. Wo hast Du Dein Schaffell?«

Hermas schrak zusammen, griff nach der Schulter und rief dann, indem er sich mit der Faust an die Stirn schlug: »Barmherziger Himmel, ich ließ es bei ihr! Nun wird es der Wütherich finden!«

»Er hat Dich nicht selbst gesehen?« fragte Paulus mit dringlichem Eifer.

»Nein, gewiß nicht,« stöhnte Hermas, »aber das Fell . . .«

»So, so,« murmelte Paulus, »Deine Sünde wird darum nicht kleiner, aber es wird sich nun doch etwas thun lassen. Denke nur, wenn das Deinem Vater zu Ohren käme; an's Leben könnt' es ihm gehen.«

»Und die arme Sirona!« seufzte Hermas.

»Laß mich nur machen,« unterbrach ihn Paulus. »Mit der bringe ich schon Manches in's Gleiche. Da nimm mein Schaffell. Du willst nicht? Freilich, wer sich nicht scheut, die Ehe zu brechen, der macht sich auch nichts daraus, der Mörder seines Vaters zu werden. – So ist es recht! Hier an der Schulter wird es zusammengebunden, und Du wirst es brauchen, denn Du mußt fort von hier, nicht nur für heut und morgen. Du möchtest ja gern in die Welt, und nun wird es sich zeigen, ob Du wirklich auf eigenen Füßen zu wandern verstehst. Erst gehst Du nach Raïthu und begrüßest dort in meinem Namen den frommen Nikon, und theilst ihm mit, ich würde auf dem Berge verbleiben, denn in langem Gebet in. der Kirche hätt' ich gefunden, daß ich nicht werth sei des Amtes eines Aeltesten, das sie mir angetragen. Dann läßt Du Dich von einem Schiffer über das Schilfmeer setzen und streifst auf dem ägyptischen Ufer umher. Es haben sich Blemmyerschaaren dort drüben gezeigt. Die sollst Du im Auge behalten, und wenn die wilden Gesellen zu einem neuen Ueberfall herüberzukommen versuchen, so wirst Du die Wache auf der Bergesspitze warnen. Wie Du über das Meer und ihnen zuvorkommst, das ist Deine Sache. Fühlst Du Dich kühn und umsichtig genug, um diese Aufgabe zu lösen? Ja? Das hab' ich erwartet! Nun möge der Herr Dich geleiten. Für Deinen Vater werde ich sorgen, und sein Segen und der Deiner Mutter sind bei Dir, wenn Du aufrichtig bereust, und wenn Du jetzt Deine Schuldigkeit thust.«

»Ihr werdet erfahren, daß ich ein Mann bin,« rief Hermas, und seine Augen leuchteten. »Mein Bogen und meine Pfeile liegen in Deiner Höhle, die hol' ich, und dann . . . Nun, ihr werdet ja sehen, ob ihr den rechten Boten entsandtet. Grüße den Vater und gib mir noch einmal die Hand.«

Paulus faßte des Jünglings Rechte, zog ihn zu sich heran und küßte seine Stirn mit väterlicher Innigkeit. Dann sagte er:

»In meiner Höhle unter dem grünen Stein neben dem Herde findest Du sechs Goldstücke; davon nimmst Du Dir drei mit auf die Reise. Vielleicht wirst Du sie brauchen, wenn auch nur für die Schiffer. Nun mach', daß Du bei Zeiten nach Raïthu kommst!«

Hermas eilte, ganz erfüllt von der ihm gestellten schwierigen Aufgabe, den Berg hinan. Prächtige Bilder der großen von ihm zu verrichtenden Thaten verdunkelten die Erinnerung an die schöne Gallierin, und er war so gewohnt, an die überlegene Einsicht und Güte des Paulus zu glauben, daß er nur noch wenig für Sirona fürchtete, seitdem sein Freund ihre Sache zu der seinen gemacht hatte.

Der Alexandriner schaute ihm nach und sprach ein kurzes Gebet für ihn. Dann stieg er zu Thale.

Mitternacht war längst vorüber, kühler und kühler ward es beim Sinken des Mondes, und seit er Hermas sein Fell gegeben, trug er nichts als einen fadenscheinigen Rock.

Dennoch ging er nur langsam und blieb häufig stehen und bewegte dabei die Arme und sprach unzusammenhängende Worte leise vor sich hin.

Er dachte an Hermas und Sirona, an seine eigene Jugend, und wie er in Alexandrien der schwarzen Aso und der blonden Simaitha an die Laden geklopft.

»Das Kind, der Junge,« murmelte er, »wer hätte das wohl gedacht? Die Gallierin soll ja sehr schön sein, und er, wahrhaftig, als er den Diskus schwang, war ich selbst überrascht von seinem herrlichen Wuchse. Und seine Augen! Ja, seine Augen sind die Magdalena's! Hätt' ihn der Gallier bei seinem Weibe gefunden und ihm sein Schwert durch das Herz gestoßen, er wäre straflos gewesen vor den irdischen Richtern; doch dieser Kummer blieb seinem Vater erspart. In der Einöde, meinte der Alte, könne den Liebling die Welt und ihre Lust nicht erreichen. Aber jetzt? Diese Brombeere, dacht' ich einmal, vertrocknet am Boden und kommt niemals hinauf in die Palmenkrone, wo die Dattel reift. Da flog ein Vogel herbei und pflückte die Beere und trug sie in sein Nest auf der höchsten Spitze des Baumes.

»Wer kann des Andern Wege lenken und heute sagen: So und nicht anders werd' ich ihn morgen sehen?

»In die Einöde fliehen wir Thoren, um die Welt zu vergessen, und die Welt folgt uns nach und hängt sich an unsere Fersen. Wo ist die Scheere, die den Schatten von unseren Füßen schnitte? Wie heißt das Gebet, das uns Fleischgeborene vom Fleische völlig erlöst? Mein Heiland, du Einziger, der es gekannt, lehr' es auch mich, den Aermsten der Armen!«

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