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Homchen

Kurd Laßwitz: Homchen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorKurd Laßwitz
titleHomchen
publisherHeyne
year1986
isbn3-453-31307-0
firstpub1902
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060505
secondcorrected20120823
projectidccb57bad
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Das warme Meer

Der Hai hatte sich entfernt.

Ruhig und klar lag wieder die Flut und spiegelte die grünenden, blühenden Zweige der Bäume.

Homchen sprang auf den Boden und wagte sich an den Uferrand. Da lag etwas Schreckliches. Im Todeskampf war der vordere Teil der Schlange bis ans Ufer geschnellt, und das spitzige Gebiß hatte sich in den Wasserpflanzen dort festgezahnt. Soweit der Hai sich dem Ufer hatte nähern können, hatte er den Hals abgerissen und verschlungen. Aber der gewaltige Kopf, doppelt so groß als Homchen, war hängen geblieben. Den mußte Homchen natürlich näher betrachten. Ein geschickter Sprung brachte es auf den Kopf, der senkte sich unter seinem Gewicht ein wenig tiefer zwischen den Blättern und schwankte dort im Wasser auf und ab. Homchen schaukelte sich darauf hin und her, als säße es auf einem jungen Buchenast. Es freute sich, daß ein so grimmiges Geschöpf aus dem Geschlecht der bösen Säugerfeinde unter seinen Füßen lag.

Da vernahm es wieder das Murmeln der Rudisten, jetzt dicht unter sich. Die ungeschlachten Seemuscheln hatten ihre Riesendeckel aufs neue geöffnet. Homchen wußte, daß es von ihnen nichts zu befürchten hatte, und blieb ruhig sitzen. Zu seiner Verwunderung vernahm es den Wassersang der Muscheln.

»Gelobt sei Homchen, der Schlangentöter! Der die Echsen schlug, der tötete die große Schlange des Meeres! Gelobt sei Homchen!«

»Aber ich war es ja gar nicht«, rief Homchen, »der die Schlange tötete. Es war der Fisch –«

Die Rudisten ließen sich nicht stören. Sie murmelten weiter.

»Die Schlange kam, uns warnte Homchen, der kluge Held. Die Schlange kam, wir schlossen die Schalen. Es war Nacht. Wir sehen nicht den Fisch. Wir sahen im Wasser die Zähne der Schlange. Die Schlange ist fort, Homchen hat sie gefressen.«

»Ich die Schlange gefressen? Ihr törichten Muscheln! Wie soll die Schlange in mich hinein, in das kleine Homchen, die Schlange, die hundert Mal so groß ist?«

»Es sieht's die Sonne, es rauschen's die Wasser, Homchen sitzt auf dem Haupte der Schlange. Homchen, der Sieger, er sei gepriesen! Lasset uns singen den Sang von Homchen! Homchen ist groß, ist größer als die Schlange! Homchen ist weise. Es ist klein, es ist groß. Es ist klein bei den Freunden, es ist groß, wenn der Feind kommt. Homchen ist heilig wie der Fisch! Lasset uns singen den Sang des Dankes!«

Homchen schüttelte den Kopf. Aber die Muscheln sangen weiter, und das wollte es doch hören. So blieb es auf seinem Platze sitzen. Es rief nur noch einmal:

»Wenn ihr mir Dank sagen wollt für die Warnung, so sagt mir, wie ich zu der roten Schlange gelange.«

»Die rote Schlange ist tot–«

»Oh, ihr versteht mich nicht. Ich meine, wie komme ich drüben zu dem weißen Berg mit der Wolke?«

»Wir kennen nicht die Tiere des Landes und nicht die Berge. Aber wir kennen den Sang des Wassers.

Das Meer ist mächtiger als das Land. Aus dem Meere kommen die Tiere alle. Aus dem Meere kommen die Echsen. Aber die Fische wurden mächtiger als die Echsen. Da flohen die Echsen vor ihnen ins Moor, und vom Moor flohen sie auf das Land. Und es ward ein Wall um das warme Meer, da hinüber konnten die Fische nicht. Doch es rauscht das Meer und zerbricht das Land, und der heilige Fisch wird schwimmen mit dem warmen Wasser nach dem kalten Lande, und das kalte Meer wird fließen nach dem warmen Lande, und die Echsen werden erfrieren, oder sie werden gefressen vom heiligen Fisch. Und das Kalte wird warm, und das Warme wird kalt. Gepriesen sei Homchen, der Sieger.«

»Das versteh' ich nicht«, sagte Homchen. »Ihr scheint mir eine etwas verworrene Gesellschaft.«

Die Muscheln raunten weiter, es klang jetzt wie eine Klage:

»Das Kleine wird groß und das Große wird klein. Das Meer ist mächtiger als das Land. Aber es kommt die Zeit, da wird das Land mächtiger als das Meer. Wir singen den Sang des Strandes. Einst schwammen wir frei, nun sitzen wir fest. Homchen springt auf dem Lande. Es ist klein, es wird groß. Wir sind groß, wir werden klein. Homchen frißt die Schlange, Homchens Söhne fressen die Muscheln. Und das Land wird herrschen über der Meer, und Homchens Söhne schwimmen über das Meer und töten den heiligen Fisch. Gepriesen sei der Mächtige, der größer wird als der Fisch!«

Da rief Homchen laut: »So sagt mir doch schon, wie komm' ich zum weißen Berge?«

»Geh hinab am Strande des Meeres, bis an den großen Fluß. Jenseits des Flusses beginnt der Berg, der bis in den Himmel geht.«

»Aber wie soll ich über den Fluß gelangen?«

»Setze dich ans Ufer und singe den Sang des Wassers: »Das Kalte wird warm, und das Warme kalt.« Dann wird die große Schildkröte kommen und dich hinübertragen. Gepriesen sei Homchen, das die Schlange fraß!«

Und die Muscheln fingen wieder an zu singen. Da rief Homchen: »Habt Dank und lebt wohl!« und sprang fort am Ufer des Meeres entlang, nach Süden.

Einen so schönen Berg war Homchen noch nicht entlang gesprungen. Der Schatten der Bäume reichte bis ans Ufer, dort aber war ein schmaler Streifen moosiger Felsen, auf deren weichem Rücken Homchen schnell von Rundung zu Rundung setzen konnte. Zur Rechten lag das weite Meer tiefblau glänzend, nur von dem weißen Streifen der leichten Brandung draußen am Korallenriff durchzogen. Wild wehte die Luft herüber. Zur Linken dehnte sich der dunkle Urwald. Schlinggewächse zogen sich von Baum zu Baum, und bunte, duftende Blätterbüschel, die Homchen nicht kannte, glühten zwischen den Zweigen. Drinnen im Walde hörte wohl Homchen die Stimmen großer Tiere. Es sah auch in der Luft etwas hin und her huschen, das es für Käfer oder Libellen hielt. Aber auf diesem schmalen Streifen zeigte sich kein Tierleben. Es war, als wäre hier ein heiliger Weg, wie für Homchens Pilgerfahrt bereitet. Homchen hatte jetzt keine Zeit darüber nachzudenken, warum sich kein Tier hier zeigte. Der dumpfe Gesang der Rudisten summte ihm im Kopf; aber auch darüber sann es jetzt nicht nach, es blickte nur auf den Weg und schaute um, ob irgendeine Gefahr drohte. Und dazwischen sah es nach dem weißen Gipfel mit der weißen Wolke, der sich halb rechts von seiner Wegrichtung erhob. Kam er denn näher? Oder sank er fort? Andere Berge vor ihm schoben sich höher und höher empor, und nur noch die äußerste Spitze ragte herüber.

Schon näherte die Sonne sich dem Spiegel des Meeres, da wendete sich der Waldrand nach links und Homchen stand vor einem Meeresarm. Das war wohl die Mündung des Flusses. Hier gönnte es sich Ruhe. Zwischen den vordem Bäumen des Waldes suchte es sich vorsichtig seine Abendmahlzeit. Dann setzte es sich, an einer süßen Frucht knabbernd, auf einen Vorsprung des Ufers, um nach der Schildkröte Ausschau zu halten.

Aber es konnte nichts entdecken. Und als es mit seiner Mahlzeit fertig war, wendete es sich daher am Ufer entlang, das jetzt nach links ging. Es war nicht mehr so bequem zu wandern. Homchen mußte sich auf die Bäume schwingen, deren Wurzeln zum Teil im Wasser standen. Dazu ging die Sonne unter. Homchen sah aber an der Farbe des Wassers, daß hier nicht mehr das blaue Meer wogte. Es war also richtig an den Fluß gekommen, von dem die Muscheln gesprochen hatten. Gelblich wälzten sich seine Fluten und führten Baumstämme und Grasbüschel mit sich herab. Jetzt durfte es nicht weiter am Flusse hinauf, es mußte hinüber.

Der starke Ast eines Baumes streckte sich dicht über dem Wasserspiegel aus. Auf diesem kroch es vorsichtig hinaus. Die letzten dünneren Zweige bogen sich unter seinem Gewicht bis auf das Wasser. Homchen dürstete. Es neigte sich herab und kostete das Wasser. Es war süß, es löschte den Durst.

Erfrischt zog sich Homchen ein Stück auf dem Aste zurück und schaute sich um. Es war dunkel geworden. Weit drüben standen die Bäume des andern Ufers wie ein schwarzer Streifen, nach dem Meere vermochte man nicht mehr hinauszusehen.

Aber über dem schwarzen Streifen, am Nachthimmel, was war das? Rotglühend erhob es sich, ein Feuerstreifen, und breitete sich dann aus, in rosigem Glanze wogend, eine große leuchtende Wolke, in immer neuen Gestalten quoll es nach den Seiten, nach der Höhe, hier rund und voll wie der Rücken des Iguanodon, dort spitzig und scharf wie der Kopf der Echsen, und da lang und gewunden wie – wie eine Schlange – die rote Schlange – so mächtig, so groß, so geheimnisvoll –

Und der dunkle, leis rauschende Fluß, und der einsame schwarze Streifen, und drüber, drüber die rote Schlange –

Homchen bebte in heiligem Schauer. War sie es doch, die rote Schlange, die nun vor ihm auftauchte? Die große, geheimnisvolle, der die Welt gehorchte? Und ihres Anblicks ward Homchen gewürdigt? Sie selbst ward ihm sichtbar, ihm, das sich nach ihr gesehnt, zu ihr gebetet aus innerstem Herzen? Heilige, rote Schlange, erhöre mich! Weise mir den Weg, der erlöst von der Gewalt, der uns frei macht, die wir dich ehren!

Und kaum wissend, was es tat, summte es den Sang des Meeres: »Das Kalte wird warm und das Warme wird kalt! Und das Große wird klein, und das Kleine wird groß –«

Da rauschte unten das Wasser, ein breiter Kopf hob sich herauf, und dann eine große, schwarze Schale. Zwei gewaltige Ruderfüße, die fast wie Flügel aussahen, drängten das Wasser zurück. Und von der nassen, spiegelnden Schale glänzte die rote Wolke dunkel schimmernd wider.

Homchen schauderte zurück. Auf dieses wunderbare Panzertier sollte es sich wagen, und hinein in die dunkle Flut?

Da klang es dumpf von unten:

»Bist du Homchen?«

»Ich bin es.«

»So springe!«

Homchen zögerte. Da sprach die Schildkröte noch einmal:

»Springe auf meinen Kopf, so will ich dich tragen. Über meinen Rücken flutet leicht das Wasser, du könntest hinabgespült werden. Aber merke wohl: Wenn du auf meinem Kopfe sitzt, so sprich nicht und frage nicht. Denn nur am Strande dürfen die Tiere des Meeres reden. Fern dem Ufer ist der Laut der Stimmen verboten. Wenn ich aber wieder sage: Springe!, so spring eilend von meinem Kopfe, wohin es sei. Denn dann ziehe ich den Kppf ein und versinke.«

»Aber wohin denn soll ich springen, wenn es mitten im Wasser ist?«

»Ich werde es nicht sagen, bis du in Sicherheit springen kannst, es sei denn, daß du das Gebot verletzt und redest. Denn dann muß ich versinken.«

»Warum aber ist dir das geboten?«

»Frage nicht, was wir nicht wissen. Wir dienen dem Meere in Gehorsam. Die Gebote prüfen den Gehorsam. Wer klug sein will, statt gehorsam, der wird im Meere nicht geduldet. Denn das Meer ist Eins.«

»Sind die Rudisten so klug gewesen, so daß sie jetzt am Strand angewachsen sein müssen?«

»Was sind das für fortwährende Fragen? Die Rudisten sind Narren und Schwätzer. Sie werden klein werden am Lande. Ich aber werde sinken in die. Tiefe, und in der Tiefe werden meine Enkel leben für alle Zeiten.«

»Und nie klüger werden als du?«

»Das will ich hoffen. Doch jetzt komm und springe.«

Noch immer zögerte Homchen. Wie durfte es sich dem Meere anvertrauen? Es wollte ja doch klüger werden.

Da blickte es wieder auf die rotschimmernde Wolke. Vor ihm stand der Entschluß: Zur roten Schlange! Und wenn es sein Verderben sein sollte! Und es dachte daran: Die Tiere können irren, glaub an dich selbst, wage, was du für recht hältst. Und mit einem entschlossenen Sprunge setzte es auf den Kopf der Schildkröte. Da gab es allerlei Hervorragungen, an denen es sich festhalten konnte. Und kaum saß es dort, so begann die Schildkröte zu schwimmen.

Die Fahrt ging langsam. Nur der Kopf der Schildkröte ragte über das Wasser. Da saß Homchen dicht an den Wellen, die bis nahe an seine Füße spielten. Jetzt, ganz zwischen dem Wasser schaukelnd, sah es bald nichts mehr als den Himmel und ein Stück der im Sternenlicht und im Schein der roten Wolke schimmernden Wasserfläche. Noch nie war es auf dem Wasser gewesen. So ganz allein auf der Welt! So verlassen, so gefesselt von der tödlichen Flut, die es verschlang. Und nicht reden dürfen, nicht fragen.

Mitunter tauchte etwas Dunkles in seinem Gesichtskreise auf. Dann hielt die Schildkröte in ihrem Schwimmen inne, bis es vorüber war. Gar zu gern hätte Homchen gefragt, was das sei. Waren es Tiere? Waren es Baumstämme? Aber es zwang sich zur Ruhe. Wenn die Schildkröte versank, war es verloren. Sein einziger Trost war die rote Wolke, zu ihr blickte es andächtig empor.

Und nun stieg unter der roten Wolke – eine Stunde mochte vergangen sein oder zwei, Homchen wußte es nicht – ein dunkler Streifen wieder auf – das andere Ufer. Höher rückte er hinauf, immermehr von der roten Wolke verdeckend. Hoffnungsfroh blickte der kühne Seefahrer hinüber.

Da plötzlich, wie sich die Woge hob, sah Homchen ganz in der Nähe ein schwarzes Ungetüm auftauchen, ein breiter Rücken, zackige Arme oder Füße ragten hervor – auch die Schildkröte hatte es gesehen, sie hielt inne, aber der schwimmende Koloß war schon zu nahe, er rückte gerade auf die Schildkröte zu, die nicht schnell genug wenden konnte. – Es schien Homchen als ob sich einer der zackigen Arme nach ihm ausstreckte, und in seinem Schrecken rief es, alle Gebote vergessend:

»Halt, halt! Was ist das?«

»Springe!« dröhnte es dumpf aus der Schildkröte.

Homchen wußte, im nächsten Augenblick würde die Schildkröte ihren Kopf zwischen ihre Schalen ziehen. Dann war es verloren. Es mußte sogleich springen, sonst hatte es keinen Boden mehr unter sich, um sich den Schwung zu geben. Und was es begriff, das tat es sogleich. Es schwang sich todesmutig in die Höhe, auf das Ungeheuer zu, das jetzt unmittelbar vor ihm schwamm. Es kam auf seinen Rücken und klammerte sich an. Der Rücken war naß und weich. Es konnte seine Krallen tief einschlagen. So verharrte es eine Weile in angstvoller Betäubung.

Die Schildkröte zog ihren Kopf und ihre Füße ein und versank lautlos in die Tiefe.

Homchen mußte sich bald wieder besinnen. Denn das Ungetüm drehte sich langsam unter ihm hin und her, und es mußte auf seinem Rücken hinklettern, um nicht ins Wasser getaucht zu werden. Und nun wurde es wenigstens von einer großen Furcht befreit. Bei dem Hin- und Herkriechen bemerkte es, daß dieses Ungetüm nichts andres war als ein abgestorbener großer Baumstamm mit zackigen Ästen, den der Fluß mit sich führte. Von ihm hatte es nichts zu befürchten.

Aber um so schlimmer war nun die andre Sorge. Wie sollte es an das andere Ufer gelangen? Unaufhaltsam rückte der Stamm flußab. Noch sah es das Ufer nicht weit von seiner Linken, aber der Stamm näherte sich ihm nicht. Und jetzt trat auch das Ufer zurück. Homchen kletterte auf einen der in die Höhe ragende Äste, um Umschau zu halten. Aber nur wenige Augenblicke blieb es in der Höhe. Denn unter seiner Last drehte sich der Ast mit dem ganzen Stamme, und es mußte schnell wieder nach dem Stamme zurück. Doch der Stamm hatte dadurch eine ruhigere Lage angenommen, und nun konnte es wenigstens ein Weilchen in einer Höhlung still sitzen und überlegen.

Oben von der Höhe hatte es gesehen, daß sich vor ihm das Meer unermeßlich ausdehnte. Im Schimmer der roten Wolke und des jetzt aufgehenden Mondes funkelten die Wellen in rotem Golde. Homchen aber schwamm hinaus – verloren – unrettbar – –

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