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Homchen

Kurd Laßwitz: Homchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorKurd Laßwitz
titleHomchen
publisherHeyne
year1986
isbn3-453-31307-0
firstpub1902
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060505
secondcorrected20120823
projectidccb57bad
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Die Jugend des Urwaldes

Im dichten Urwald, wo die Sonne nicht eindringen konnte, auf dem Ast vor der Höhlung des alten Eichbaums, saß Homchens Mutter und spähte ängstlich nach allen Seiten.

»Wo bleibst du denn, Frau?« rief Knappo, der Vater, aus dem behaglichen Neste im Baum. »Es ist Zeit, schlafen zu gehen. Denn es dämmert grün im Laube, und die Sonne muß schon hoch stehen.«

»Homchen ist noch nicht da«, antwortete Mea.

»Ei, ei! Wo treibt sich der Schlingel wieder herum? Ich habe ja immer gesagt, du hast ihn zu früh aus dem Beutel entlassen.«

»Du weißt doch, was es mit ihm auf sich hat.«

»Nun ja, daß er ein Fellchen mit auf die Welt gebracht hat –«

»Und jetzt ist er doch wirklich alt genug. Und er ist so klug!«

»Wenn ihm nur nicht etwas zugestoßen ist.«

»Er sieht so gern die Sonne aufgehen, und dann sucht er die Ameisen oben am Berge.«

»Das soll er bleiben lassen. Oben am Berge jagt der Hohlschwanz. Der Junge ist noch zu unvorsichtig. Er soll am Morgen zu Hause sein.«

Papa Knappo zog sich brummend tiefer ins Nest zurück, um zu schlafen. Aber es wollte nicht gelingen. Immer lauschte er nach außen, ob Homchen nicht käme.

Und draußen auf dem Aste kauerte Mea, Homchens Mutter, und ließ die runden Äuglein umhergehen und spitzte die zierlichen Ohrbüschel. Aber sie hörte nichts als das Summen der Insekten.

Und höher stieg die Sonne und wärmer wurde es Mea in ihrem dicken Pelzchen.

Sss – Sss – Sss klang es von den Käfern und Fliegen. Die fühlten sich immer wohler, je näher der Mittag rückte, und wurden immer lebendiger. Aber es war Mea, als läge etwas Besonderes in diesem Summen, anders, als es sonst zu tönen pflegte – als wär' es ein Geflüster, mit dem das Gerücht durch die Täler schreitet.

Und lauter und lauter klang es, und hier und da wachten die Nachttiere auf, die im Walde wohnen, die Fledermäuse und die Kletterbeutler und die Kala von Homchens Sippe, und streckten verschlafen die schwarzen Nasen aus den Baumlöchern.

Mea aber klopfte das Herz in Angst um Homchen.

Papa Knappo kam auch wieder aus dem Neste und brummte:

»Ich kann nicht schlafen! Wo bleibt der Junge?«

»Mir ist so bang«, klagte Mea. »Hörst du nicht, was die Tiere summen? Bald klingt es wie Hohlschwanz, bald klingt es wie Homchen – Oh, wenn nur nicht –«

»Kannst du sie nicht fragen, was sie meinen?«

»Ja, sobald ich, einen Bekannten sehe. Aber diese leichtsinnigen Schwirrflügler halten ja nicht still – sss – und vorbei sind sie. Sollten wir nicht die Nachbarn rufen und Homchen suchen gehen?«

»Jetzt, am hellerlichten Tage? Wie dürfen wir uns aus dem Walde wagen? Aber ich will doch einmal zum Graukopf hinüber, vielleicht weiß er etwas davon, wo Homchen hingeklettert ist.«

Knappo machte sich zum Ausgang zurecht.

Da raschelte es in den Zweigen, und der Nachbar Graukopf kam selbst, und mit ihm die vornehmsten Säuger des Waldes, soweit sie auf die Bäume steigen konnten. Der Kufu kam gekrochen und hing sich an seinem langen Schwänze recht bequem an einem Aste auf; die niedliche Flugmaus schwirrte herbei, und auch der kleine, kluge Kletterigel, der die Haare zu scharfen, steifen Stacheln zusammengedreht trug, stieg vorsichtig an der Eiche herauf. Nur der große Taguan kam nicht, weil er bei Tag prinzipiell nicht ausgeht, und Tafa, das Beutelbilchen, durfte nicht kommen, denn es hatte den guten Talp, den Maulwurf, in seiner Höhle erbissen und war verbannt wegen seines Blutdurstes.

Graukopf setzte sich auf die Hinterbeine, richtete sich gerade auf, streckte die Vorderpfoten ein wenig vor und bewegte die Daumen an seinen Händen hin und her, wie es der Iguanodon zu machen pflegte. Als er sich nun vornehm genug vorkam, begann er mit ernster Miene zu reden:

»Meine werten Mitbeutler und insbesondere mein lieber Vetter Knappo! Als Ältester der Kala –«

»Mach keine so lange Vorrede«, brummte der Igel. »Siehst du nicht, daß Mea sich ängstigt?«

»Ich wollte gerade«, sagte Knappo.

»So rede doch! Weißt du etwas von Homchen?« rief Mea dazwischen.

»Das ist es eben«, sprach Graukopf bedächtig, indem er die Daumen dreimal nach links drehte, »könntest du mir nicht darüber Bericht erstatten, wo dein Sohn Homchen hingegangen ist?«

»Ja, wenn wir es wüßten!« antwortete Mea. »Er ist am Morgen nicht nach Hause gekommen. Mir zittert das Herz! Was schwirren die Lufttiere durch den Wald?«

»Gerüchte, Gerüchte aus dem Sumpf! Gerüchte, schlimme Gerüchte von der Berghalde! Aufruhr! Aufruhr!«

»Aufruhr? Gegen wen? Von wem?«

»Aufruhr gegen die großen Echsen, die Herren der Schöpfung. Aufruhr durch euren Sohn Homchen!«

»Mein Homchen? Mein gutes Homchen? Was soll er getan haben?«

»Den Iguanodon« – und Graukopf bewegte ehrfüchtig die Daumen auf und nieder – »den großen Iguanodon hat er verspottet durch seinen Spruch. Den Hohlschwanz – die rote Schlange bewahre uns – hat er verhöhnt und beschimpft. Brimm, der Käfer, hat es gehört, entsetzt ist er davon geflogen, und nun summt es der Wald.«

»O der Schlingel!« seufzte der Vater. »Siehst du, ich habe es immer gesagt –«

»Jawohl, er gehört in den Beutel!« schalt Graukopf.

»Ach was!« rief Mea. »Wenn wir nur wüßten, wo er ist!«

»Jetzt können wir ihn nicht suchen«, pfiff der Kusu schläfrig durch die Zähne.

»Hast du ihn nicht gelehrt«, fragte Graukopf Homchens Vater, »was die rote Schlange den Säugern gebietet?«

»Freilich hab' ich's gelehrt, das Gesetz des Meeres und Moores, das Gesetz des Waldes und der Berge, das Gesetz der Echsen und der Säuger.«

»Und daß die großen Echsen die Herren sind der Welt? Und daß sie nehmen können, was sie erreichen? Und daß wir Säuger nicht bei Tage den Wald verlassen dürfen?«

»Alles hab' ich gelehrt.«

»Aber Homchen glaubt's nicht, er hat es nicht geglaubt«, rief die Flugmaus. »Ich hab' es selbst gehört, wie er sich rühmte, er wisse mehr als alle Echsen. Und er hat davon gesprochen, die Herrschaft der Echsen sei ein falsches Gesetz, und die rote Schlange wolle, daß die Säuger mächtiger werden als alle Echsen.«

»Oh, oh! Quih, quih!« klang es im Kreise der Beutler.

Nur der Igel brummte: »Recht hat er, der Junge.«

Graukopf sah ihn entsetzt an.

»Was redest du da, du Borstiger! Willst du, daß wir's mit den Echsen verderben? Soll der Iguanodon unsere Bäume abweiden? Soll der Hohlschwanz uns fressen? Soll der Großdrache uns alle töten?«

»Und dennoch ist's wahr.«

»Und wenn's wahr wäre. So was kann man denken, aber man darf es nicht aussprechen.«

»Ich fürcht' mich nicht.«

»Ja, du sitzest in deiner Höhle in der Stachelhaut.«

»Und eure Jungen brauchen sich auch nicht zu fürchten. Und die rote Schlange wird mit ihnen sein. Statt sich in den Beutel zu verkriechen, sollten sie hübsch beizeiten draußen herumspielen. Statt sich in der Nacht zu verstecken, sollten sie im Lichte sich umschauen. Haben wir nicht Augen? Haben wir nicht warmes Blut? Sind wir nicht klug?«

»Warum tust du's nicht, wenn du so klug bist?«

»Ja, ich kann leider nur klug sein. Aber wenn ich eine Kala wäre, wie ihr, mit so schönem Fell, mit so starken Armen und Beinen, so groß und geschwind –«

»Ja, ja, wir wollen hinaus!« so klang es im Hintergrunde. Von allen Seiten guckte es aus den Baumlöchern und von den Ästen. Die jungen Kala hatten sich neugierig herbeigeschlichen, und während der Rede des Igels hatten sie sich mehr und mehr genähert. Und nun brachen sie in lauten Beifall aus.

Da fuhr Graukopf zornig in die Höhe, und die alten Kala und all die kleineren Beutler schrien und schalten:

»Ihr grünen Jungen, was wollt ihr? Wo sind eure Mütter? Macht, daß ihr in die Nester kommt! In die Beutel mit euch! Und du, Igel, schäme dich, daß du hier Aufruhr anstiftest.«

»O Schlange, rote Schlange«, seufzte Mea, »wo mag mein Homchen sein?«

Schon zogen sich die jungen Beutler eingeschüchtert zurück, da hörte man die Insekten lauter und lauter summen, und in der Ferne klang es wie ein seltsames Pfeifen und Rauschen in den Ästen, als wenn viele Tiere durch die Baumkronen jagten.

Entsetzt blickten sich die Alten an. Kam schon der Hohlschwanz, um seine Rache zu nehmen?

Da schoß eine Libelle in raschem Fluge zwischen den Stämmen durch und schwirrte:

»Wald soll es wissen:
Hohlschwanz erbissen!
Liegt auf der Halde blutig zerrissen.«

Und noch hatten sieh die Alten von ihrem Schreck nicht erholt, da sahen sie, wie die jungen Kala fortstürzten – aber gleich kamen sie zurück mit vielen andern, Hunderte und Hunderte sprangen zwischen den Ästen und schwangen sich von Baum zu Baum, die Blätter rauschten, die Früchte prasselten herab, grau und braun und rot und weiß leuchtete es zwischen den Zweigen, und selbst unten auf dem Boden kamen die Springhasen gehüpft, und die Ratten huschten unter dem Laube, und überall klang und rief und jubelte es:

»Hohlschwanz ist tot! Hohlschwanz ist tot! Wer hat den bösen Hohlschwanz getötet? Homchen, Homchen hat ihn erbissen! Homchen besiegte den Hohlschwanz! Hoch lebe Homchen, der tapfere Kalasohn! Nieder mit den Echsen!«

Mitten in dem dichten Schwarm hüpfte Homchen, ob er nun wollte oder nicht. Im Triumph wurde er nach Hause geführt. Mea stürzte ihm entgegen und umarmte ihn. Aber Knappo, der Vater, rief:

»O du ungeratener Sohn, was hast du getan? Du stürzest uns alle ins Unglück! Geh hinein, hinein in das Nest, und laß dich nicht wieder draußen sehn!«

Da murrten rings die jungen Beutler, aber die Alten waren nun auch alle herbeigekommen und trieben sie auseinander.

Homchen jedoch schwang sich auf einen höheren Ast und rief:

»Nun seid mir nicht böse, Vater und Mutter, aber ich habe den Hohlschwanz besiegt, die grimmige Flugechse, die mich angriff, die die rote Schlange lästerte, ich habe sie getötet! Nun hab' ich das Recht der Kala erworben, nun kann ich wohnen im eigenen Nest.«

»Ein Aufrührer bist du!« rief Graukopf. »Wohl hast du das Recht der Kala erkämpft; aber dafür mußt du auch Rechenschaft geben nach dem Rechte der Säuger. Du hast verletzt die Gebote der roten Schlange, du hast den Wald bei Tage verlassen und gegen die Herrn der Schöpfung dich aufgelehnt. Du hast dich gerühmt der Weisheit der roten Schlange.«

»Ja, das tat ich«, rief Homchen. »Aber nun darf ich singen:

Homchen heiß' ich,
Echsen beiß' ich,
Mehr als alle –«

»Quih! Quih!« tönte es von allen Seiten. »Echsen darf man nicht beißen! Was wagst du zu singen! Die rote Schlange wird dich strafen. Wir aber wollen deinen Frevel nicht dulden! Fi! Fi! Fi!«

Und Graukopf erhob sich majestätisch, streckte die Arme aus und sprach:

»Weil du verletzt das Gesetz der Säuger und dich hochmütig rühmst verbotener Tat und Weisheit, Homchen, des wackeren Knappo leichtsinniger Sohn, so bann' ich dich vom Walde, so trenn' ich dich von der Sippe, so heiß' ich dich zu wandern vom Stamme der Kala!«

»Wir bannen dich!« riefen die Kala alle. »Fi, Fi, Fi! Wir bannen dich, bis du die rote Schlange versöhnt hast. Fliehe! Quih! Quih! Fi!«

Homchen saß stumm und erschrocken. Es konnte nicht reden. Denn das »Fi« der alten Kala stak ihm in der Kehle wie eine harte, bittere Zapfennuß.

Da kam Mea herbei und Homchen schlug seine Arme um ihren Hals.

»Komm wieder zu mir, in unser Nest, dann darfst du hier bleiben, mein süßes, tapferes Homchen!« So schmeichelte die Mutter.

Homchen schmiegte sich an sie. Dann riß er sich los und sagte mit stockender Stimme:

»Das geht nicht mehr, o Mutter! Der Hohlschwanztöter kann nicht bei dir bleiben. Lebe wohl! Du wirst mich wiedersehen. Denn ich weiß, was keiner weiß, weder von den Echsen noch von den Säugern. Die rote Schlange zürnt mir nicht. Sie wird mir helfen, und euch! Das werdet ihr sehen! Leb wohl!«

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