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Homchen

Kurd Laßwitz: Homchen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorKurd Laßwitz
titleHomchen
publisherHeyne
year1986
isbn3-453-31307-0
firstpub1902
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060505
secondcorrected20120823
projectidccb57bad
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Der Drachen Not

Immer ungemütlicher war es im Drachenmoor geworden. Das Wasser wurde kälter und die Bäume wurden kahler. Es war ja stets einmal eine schlimme Zeit im Jahre gekommen, aber so früh und so stark hatten die Echsen doch noch nie Not zu leiden gehabt.

Die Zierschnäbel warteten noch immer angeblich auf ihre Führer. Aber es gefiel ihnen gar nicht recht im Drachenmoor. Hohlschwanz-Eier gab es nicht mehr, denn die Hohlschwänze hatten die Gegend verlassen. Zwar, wenn es die Zierschnäbel verlangten, brachten die Echsen noch oft dies oder das, was sie an guten Bissen fanden, denn sie meinten, die rote Schlange würde es ihnen bald durch Wärme vergelten, was sie an den Zierschnäbeln täten. So hatten diese verkündet. Und jeden Mittag traten alle Zierschnäbel auf einer Wiese zusammen und murmelten lange Reden. Den Echsen sagten sie, sie sprächen mit der roten Schlange, daß sie ihnen gnädig sei, und die Echsen glaubten es immer und vertrösteten sich von einem Tage zum anderen. Die Zierschnäbel jedoch kamen zu dem Ratschluß, daß es jetzt keinen Zweck mehr hätte, auf ihre Kameraden zu warten. Wenn die Echsen selbst nichts mehr hatten, konnten sie den Zierschnäbeln nichts bringen. Und keinesfalls wäre Grappignapp so lange ausgeblieben, wenn ihm nicht ein unüberwindliches Hindernis entgegengetreten wäre. Sie mußten also jetzt aus eignem Entschluß handeln.

Von der Botschaft an den Iguanodon und dem Feldzuge gegen die Säuger war schon gar nicht mehr die Rede. Denn die Zierschnäbel hatten Grund, nicht daran zu erinnern, und die Echsen dachten von selbst nicht lange an eine Sache.

Sie hatten auch genug mit sich selbst zu tun. Die kleineren Echsen wußten kaum noch, wie sie sich vor den Raubechsen verbergen sollten; denn je mehr die hungerten, um so weniger kümmerten sie sich Um die Anwesenheit der Zierschnäbel. So zerstreuten sich die pflanzenfressenden Echsen immer weiter vom Moore weg nach der Steppe hinein. Aber auch die Raubechsen untereinander wüteten gewaltig. Und neue, ungewohnte Gäste drangen vom Moore heran. Weit draußen hatte man sie sonst nur gesehen umherschwimmen und Fische fressen. Aber nun krochen sie mit ihren Ruderfüßen ins Moor und bis aufs Land. Und wo die Zierschnäbel nicht in der Nähe waren, gab es Kampf und Mord mehr als je. Die Groß-Echse aber trug den Kopf hoch und schlich herum mit aufgesperrtem Rachen, und selbst die großen Drachen des Meeres fielen ihr zur Beute.

Und eines Tages waren die Zierschnäbel verschwunden. Es wurde ein Tag wilder Gier, ein Tag der Flucht und Verfolgung, des Versteckens und Suchens, des Beißens und Zerreißens, bis die Dämmerung und die Kälte des Abends die Wut der Drachen bezwang.

Und wieder stieg die Nacht klar mit ihrem Sternenschimmer herauf. Da kommt über das Meer ein seltsames Rauschen. Es ist nicht der Wind, der weht sogar von der Steppe herüber. Es ist auch nicht die Flut, wie sie gewöhnlich kommt. Die bricht sich schon weit draußen an den Strandinseln und hier oben im Drachenmoor merkt man nichts mehr davon. Und doch ist's eine Flut. Nur eine Flut, wie sie seit Echsengedenken nicht da war. Von weit, weit her läuft sie über den Ozean, von Ländern und Meeren, wo die Erde gebebt und Berg und Wasser erschüttert waren im tiefsten Grunde –

Das Wasser steigt im Drachenmoor und überflutet die flachen Landzungen und Inseln, und die Echsen schütteln sich in ihren Lagerstätten. Kalt ist das Wasser, ungewöhnlich kalt. Sie können nicht liegen bleiben, und doch wagen sie kaum aufzustehen, denn die Sterne leuchten über ihnen. Die Bronto und die eigentlichen Wasserechsen fühlen nur unangenehm die Kälte. Aber die Landechsen müssen sich endlich doch aufraffen. Furchtsam suchen sie einen Weg in der Dunkelheit nach der Richtung des höheren Landes hin. Keine denkt an Raub, keine wagt sich umzublicken, denn der Strahl der bösen Nachtgeister könnte in ihr Auge fallen. So klappert und knarrt und rasselt und zischt es durch das Drachenmoor. Je weiter sie fliehen nach der Steppe zu, um so mehr drängen sich die Massen der Tiere zusammen. Denn von allen Seiten treibt sie das steigende Wasser vorwärts. Und viele, die nicht schnell genug vorwärts können, werden zertreten. Die schnelleren sind schön oben im Gras der trockenen Steppe und fühlen sich geborgen.

Doch plötzlich, was stutzen sie? Sind die Nachtgeister auf die Steppe hinabgestiegen? Kommen sie den Echsen entgegengezogen, um sie zu strafen? Es leuchtet da hinten in der Ferne, und dunkelrote Wolken wälzen sich darüber. Ein heißer Wind weht den Echsen entgegen. Und näher und näher fliegt's, ein prasselndes, glühendes Ungetüm. In der ganzen Breite, so weit man sehen kann, saust es, leuchtet, brennt es – die Steppe ist in Feuer getaucht.

Rückwärts wälzen sich die Massen der Tiere, wieder ins Wasser hinein. Rückwärts drängen sie die Folgenden. Und die eben froh waren, das Trockene erreicht zu haben, sind nun zufrieden, daß das Wasser wieder um ihre Füße rieselt. Denn schon hat die Flamme diejenigen erreicht, die zu weit in die Steppe vorgedrungen waren. Gebrüll und Geheul schallt herüber zum Moor, bis es im Rauch der brennenden Steppe erstickt – erstickt, wie die Tausende, die schon früher in, die Steppe gezogen waren.

In zitternder Angst staut sich die Masse der Tiere. Der riesige Atlanto stampft über sie hin und tritt sie in den Grund, daß er trocken über dem Boden steht. So am ganzen Strande des Moors zusammengepfercht heulen und rasen die Echsen, während der Steppenbrand an der heranrieselnden Meeresflut verzischt.

Doch in das Gezisch und den Qualm der ringenden Elemente tönt ein neues, furchtbares Rauschen. Die Fluten, die über den Strand spülten und die Echsen aus ihren Schlummerstätten trieben, waren nur ein Vorspiel. Jetzt stieg vom Meere her eine dunkle Wand empor. Pfeilschnell flog sie heran, alles unter sich begrabend, eine Mauer von Wasser. Die Hauptwelle kam.

Es war nicht bloß Wasser. Zuckende Gliedmaßen, ragende Riesenleiber, um sich schlagende Drachenschweife, das Heer der meerwärts geflohenen Wasserechsen hatte die Welle überwältigt und spülte sie zurück ans Land. Und die widerstandslose Masse warf sie auf die Flüchtlinge des Landes, und unaufhaltsam, unwiderstehlich vorwärtsschreitend, die lebendige Mauer der Tiere überflutend, stürzte sie hinein weit in die noch glimmende Steppe, die Herrschaft des Meeres erweiternd, bis die Höhe der Hügel ihr Halt gebot.

Qualmend verdampfte das Wasser. Eine unermeßliche Wolke lag über der Grabstätte des Echsengeschlechts.

Als die Sonne dunkelrot über die dampfende Erde emporstieg, war das Drachenmoor verschwunden. Ein kaltes Meer flutete über der Stätte.

Dennoch waren nicht alle Bewohner des Moors verloren. Eine Anzahl Echsen hatte ihre Flucht zufällig gleich im Anfang, als das Wasser stieg, nach den steilen Hügeln hingerichtet, die im Osten das Drachenmoor vom Walde trennten. Das waren die Hügel, wo Homchen zuerst sehnsüchtig nach dem roten Stern geblickt, wo es den Taguan getroffen und mit ihm den Igel besucht hatte. Das waren die Hügel, die es sich jetzt als Beobachtungsposten gegen das Heer der Echsen dachte.

Aber nicht zur Freude sahen die Echsen nach der Schreckensnacht die Sonne aufgehen. Denn als sie in den ersten Strahlen des Tages sich aufmachten, um Beute zu suchen oder Futter zu finden, da erblickten sie am Waldrand über die Bäume ragen das fürchterliche Haupt der Großechse. Den Rachen mit den Sichelzähnen aufreißend stürzte das erbarmungslose Raubtier auf die Flüchtlinge.

Und als die Sonne noch einige Male aufgegangen war, da waren auch auf den Hügeln die größeren Echsen verschwunden. Was sich nicht in den engsten Schlupfwinkeln verbergen konnte, hatte der gefräßige Drache ausgerottet.

Riesig und einsam wandelte die Großechse hochmütig über die mit Felstrümmern bestreute Halde der Hügel.

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