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Homchen

Kurd Laßwitz: Homchen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorKurd Laßwitz
titleHomchen
publisherHeyne
year1986
isbn3-453-31307-0
firstpub1902
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060505
secondcorrected20120823
projectidccb57bad
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Gescheiterte Pläne

Als Grappignapp und Kaplawutt den Iguanodon verließen, suchten sie ihre Gefährten auf dem kürzesten Wege zu erreichen. Der Abend war nahe, und die Nebel, die vom nahen Flusse über die Hügel zogen, erschwerten den Umblick. Dabei gerieten sie an eine Stelle, wo die stachligen Sträucher so dicht standen, daß sie nicht hindurch konnten. Sie waren gezwungen, auf die zwischen den Sträuchern zerstreuten Felsplatten zu springen und hier von Fels zu Fels ihren Weg zu suchen. Vorsichtig blickte Grappignapp sich um; er konnte nichts von den Hohlschwänzen bemerken und glaubte daher, die kurze Strecke bis zum schützenden Gebüsch ohne Gefahr zurücklegen zu können.

Aber noch hatten die Zierschnäbel kaum die Hälfte des Weges hinter sich, als es in der Nähe auf einem höheren Felsen rauschte und eine große Schar Hohlschwänze hervorstürzte. In hastigen Sätzen suchten die Zierschnäbel zu enteilen, aber die schnellen Hohlschwänze schnitten ihnen den Weg ab. Ringsum lagerten und lauerten sie auf den Steinen, so daß es unmöglich war, an ihnen vorbei zu kommen, falls sie es feindlich meinten. Ja sie hatten sogar die beiden Führer von den etwas zurückgebliebenen Dienern getrennt.

Grappignapp und Kaplawutt hielten an und drängten sich zusammen.

»Wir sind verloren«, flüsterte Kaplawutt.

»Sie werden es nicht wagen, sie verhalten sich still«, sagte Grappignapp.

»Sie warten nur ab, wie viele wir sind. Wenn sie sicher sind, daß nur wir vier hier wandern, werden sie über uns herfallen.«

»Die rote Schlange wird es nicht zulassen, daß wir hier zu Grunde gehen. Ein zu großes Werk steht auf dem Spiele. Ein solcher Zufall, daß die Hohlschwänze uns hier treffen, kann nicht entscheiden darüber, ob die Echsen siegen und herrschen, oder die Beutler. Und wenn wir nicht zu den Echsen zurückkehren, so werden sie sich nicht zum Vorgehen aufraffen. Wir müssen hindurch. Die Schlange wird uns schützen.«

»Meister«, sagte Kaplawutt feierlich, »ja, die rote Schlange wird entscheiden. Aber wer sagt ihr, daß sie unsre Klugheit braucht? Sie kann die Echsen vertilgen oder die Waldtiere auch ohne uns. Wer sagt ihr, daß sie unsere Herrschaft erhalten will?«

Grappignapp sah den Genossen zornig an.

»Wie anders sollen die Tiere gebändigt werden, als durch die Herrschaft der Klügsten? Mein Plan ist aufs feinste durchdacht und erwogen. Auf ferne Zeiten blick' ich hinaus und jeden Umstand weiß ich,zu benutzen.«

»So klug du bist, so fein dein Plan gesponnen ist – wenn er der Schlange nicht gefällt, kann der dümmste Hohlschwanz ihn umstürzen.«

»Tor! Was ich erstrebe, ersann ich zum Siege der geheimen Lehre. Darum, muß es das allein Richtige sein und muß geschehen.«

»Meister«, erwiderte Kaplawutt, »die Lehre ist mir zu groß. Warum müssen die Säuger sterben, warum der weise Iguanodon? Sind sie nicht auch die Kinder der roten Schlange? Vielleicht ist es besser, daß wir sterben, die wir wenige sind.«

»Wie, du wagst es, an der Lehre zu zweifeln?«

»Ich glaube an die rote Schlange, aber ich weiß nicht, ob sie die Zierschnäbel so Gewaltiges gelehrt hat. Ich weiß, daß ich darum sterben muß.«

»Das mußt du!«

»Ich beuge mich, wie es die Schlange will.«

»Verräter!«

»Ich verrate nichts. Hier ist ein enger Spalt. Einen von uns kann er bergen, nicht mehr. Schlüpfe hinein. Schon wird es dunkel. Ich will versuchen, durch die Hohlschwänze zu entfliehen. Komm' ich zu den Genossen, so werden die Hohlschwänze nicht wagen dich anzugreifen, denn sie würden von den Echsen vertilgt werden. Sie werden sich zerstreuen, und du bist gerettet. Komme ich nicht hindurch –«

»Die Hohlschwänze nähern sich«, schrie Grappignapp. »Sie haben die Diener ergriffen –«

Der Todesschrei der beiden Zierschnäbel gellte herüber.

»Verbirg dich!« rief Kaplawutt. Und mit schnellen Sprüngen eilte er nach der Seite, wo er glaubte, den Hohlschwänzen entgehen zu können.

»Nein!« schrie Grappignapp. »Das würde wenig nützen. Ich bändige die Hohlschwänze.«

Und mit lauter Stimme rief er:

»Hierher, hierher, ihr Hohlschwänze! Höret was ich euch zu künden habe! Bereut euer furchtbares Verbrechen! Oder die Geister der Nacht werden euch töten – sie werden –«

Ein wildes Geschrei verschlang seine Worte.

»Eierfresser, Eierfresser!« brüllten die Raubtiere.

»Keiner von euch wird der Strafe der roten Schlange entgehen, keiner wird –«

Grappignapp kam nicht weiter. Der Rachen eines Hohlschwanzes hatte von hinten seinen schlanken Hals erfaßt und durchbissen.

»Verklage uns bei der roten Schlange«, schrien die Hohlschwänze, indem sie sich um den toten Körper rissen.

Andere stürzten Kaplawutt nach. Sie waren viel schneller als er. Er sah, daß er verloren war. Da duckte er sich zusammen.

»Ich muß sterben«, sprach er für sich. »Ich wußte es, daß ich mit dem Geheimnis der Zierschnäbel nicht leben konnte. Das Gewaltige wissen und nicht künden dürfen, dann ist es besser –«

Die Hohlschwänze begruben das Geheimnis in ihren Mägen.

Lange wartete die Schar der Zierschnäbel in ihrem Schlupfwinkel auf ihre Anführer. Als sie auch am dritten Tag nichts von ihnen vernahmen, trieb sie der Hunger heraus. Ein Teil suchte im Gebüsch. Sie fielen alle nach und nach den Hohlschwänzen zum Opfer. Der Hauptteil gelangte glücklich an das Moor zurück. Aber als sie dort merkten, daß man von ihren Anführern auch nichts wußte, gaben sie sich nur als einen Vortrupp aus und ermahnten die Echsen, auf Grappignapp und die Botschaft von Iguanodon zu warten.

Die Botschaft kam nicht. Und so kamen auch die Echsen nicht zum Iguanodon. Zwar wollte der Atlanto nach dem Walde aufbrechen, aber unterwegs fand er so herrliche Bäume, daß er fraß und fraß, bis er in der Dämmerung einschlief. Und als er am Morgen erwachte, wehte der Nebel so rauh, der Wind so kalt, daß er wieder nach dem wärmeren Meere zurückstieg. Hier hatte allmählich die Großechse neuen Mut gefaßt, und was nicht gefressen werden wollte, mußte sich fern von ihr halten.

Inzwischen wartete der Iguanodon ungeduldig auf die Ankunft der Echsen. Und als noch immer niemand erscheinen wollte, dachte er weiter nach und sagte sich:

Warum soll ich eigentlich auf die Echsen warten? Bin ich nicht mein Ideal? Bin ich nicht selbst genug, die Waldtiere zu ihrem Glück zu führen? Ich will es tun.

Und so machte er sich eines Morgens in der Frühe auf und schritt über die Wiese nach dem Walde zu.

Hoch wie ein Turm ragte sein Hals in die Lüfte, und wo er den angeschwemmten schlammigen Sand überschritt, drückten sich seine breiten Fußspuren auf Jahrmillionen ein. So stand er vor dem Waldrand und rief mit lauter Stimme; denn er meinte, er brauche nur den Schnabel zu öffnen, und der ganze Wald werde ihn hören bis drüben an die Hügel der sinkenden Sonne.

»Nachttiere des Waldes, kleine Säuger, hört das Wort des Iguanodon, des weisesten der Tiere, dem es zuerkannt ist von der roten Schlange, daß er nicht irrt, wo er verkündet. Lasterhaft ist die Welt, große Untaten geschahen, die ihr büßen müßt. Die Echsen werden heranziehen und euren Wald zerbrechen und fressen. Auch euch wollen sie fressen. Aber ich will euch wohl. Ich will euer Glück. Ihr sollt alle glücklich werden wie ich. Kommt heraus aus dem Walde, damit ihr nicht Schaden nehmt, wenn er gebrochen wird. Kommt heraus auf die Wiese, ich will euch zeigen, wie man die Gräser weidet. Ihr sollt nicht mehr fressen die lebendigen Emsen, und die da auf Raub ausgehen, sollen nicht mehr fressen vom Fleische der Tiere. Auch die harten Nüsse sind nicht gut für eure Zähne, denn spitze, starke Zähne machen euch wild und hindern euch, klug zu werden. Ihr sollt nicht mehr zusammensitzen im Walde, sondern ihr sollt nun auch in der Sonne leben dürfen, weit auseinander auf der saftigen Wiese. Ihr sollt ähnlich werden eurem großen Vorbilde, das die rote Schlange im Iguanodon euch aufgestellt hat. So will ich euch versöhnen mit den mächtigen Echsen, auf daß alle Tiere der Welt glücklich werden und sich nicht stören. Und damit ihr euch nicht im Walde heimlich zusammengesellt, werden wir den Wald brechen, und ich werde den Echsen gebieten, keines von euch anzugreifen, die ihr kein Fleisch esset. Die aber von euch ferner Fleisch fressen, die sollen vertilgt werden von der Erde. Nun kommt heraus und gehorchet.«

Darauf wandte sich der Iguanodon um und ging seiner Weide nach. Denn er war überzeugt, daß diese Kundgebung ausreiche, die Frage zu erledigen. Er hatte sich die Sache überlegt, und so war sie richtig; im Denken war ihm niemand überlegen. Es stand jetzt fest bei ihm, daß er den richtigen Ausweg gefunden habe und daß die Echsen ihm ohne weiteres gehorchen würden.

Die Waldtiere aber wagten nicht sich zu zeigen. Sie zogen wieder in den Wald zurück, um sich zu beraten. Graukopf und seine Sippe waren geneigt, dem Iguanodon zu folgen, wenigstens die älteren, deren Zähne schon ziemlich abgenagt waren. Aber die Mehrzahl, alle jüngeren und alle, die auf Raub gegen die kleinen Winkeltiere ausgingen, widersprachen lebhaft. Und während sie so stritten, trafen sie Knappo und den Taguan. Als der Taguan vernommen, was der Iguanodon gesagt hatte, sprach er entrüstet:

»O ihr Toren, wie könnt ihr nur einen Augenblick daran denken, euch dem Iguanodon zu ergeben. Euern schönen Wald wollt ihr vernichten lassen, wollt euch zerstreuen lassen in die kalte Wiese, statt auf den luftigen Ästen zu springen? Wollt eure Familien aufgeben und einsiedlerische Grastiere werden? Glaubt ihr denn, daß das möglich ist? Daß eure Mägen das vertragen? Herunterkommen würdet ihr und aussterben, wenn euch die Echsen nicht vorher fressen. Wie könnt ihr dem Iguanodon glauben, daß die Echsen ihm gehorchen werden? Die tun, was sie wollen. Ja, wenn wir die Macht hätten, Tagtiere zu werden, so hielte ich das auch für einen Fortschritt. Aber hier können wir das nicht, weil die Echsen zu mächtig sind. Das ist ein Zukunftstraum. Wir müssen den Schutz des Waldes suchen.«

»Und wenn er vernichtet wird«, schrie Graukopf.

»Nun darum eben bin ich gekommen euch zu sagen, was ihr tun sollt. Ihr müßt einen anderen Wald, einen schöneren und sicheren aufsuchen. Ihr müßt auswandern!«

Ein allgemeines Durcheinander der Stimmen unterbrach den Taguan. Er ließ die Tiere eine Weile reden, und Knappo erklärte, was ihm der Taguan gesagt hatte. Dann legte dieser ausführlich seinen Plan dar.

An diesem Tage schliefen die Waldtiere nicht. Durch den ganzen Wald flutete das Neue, nie Erhörte. Auswandern, in einen anderen Wald. Und die Idee fand immer mehr Anklang. Enthusiastisch wurde sie von den Jungen aufgenommen. War nicht Homchen auch ausgewandert? Hatte er nicht vielleicht, klüger als die anderen, vorausgesehen, was kommen würde? Und warteten nicht auch ihrer große Taten?

In der Nacht erwog man wieder alle Möglichkeiten; es war doch schwer, einen so umwälzenden Beschluß zu fassen, und als der Morgen dämmerte, krochen die Tiere noch unentschlossen in ihre Nester. Aber sie sollten nicht lange ruhen. Vom Rande des Waldes her kamen aufgeschreckte Flüchtlinge und weckten die schlummernden Säuger. Ein gewaltiges Krachen war am Waldrand entstanden.

Als der Iguanodon den Tag über vergeblich auf die Wirkung seiner Rede gewartet hatte, beschloß er bei sich, daß der Wald nun gebrochen werden müsse. Die großen Echsen, so meinte er, müßten ja nun bald kommen, um ihn zu unterstützen. Inzwischen wollte er das Seine tun. Und als er nun am anderen Morgen wieder keine Waldtiere auf der Wiese fand, als auch eine zweite Rede niemand aus dem Walde hervorlockte, da trat er an die nächsten Buchen heran, umklammerte sie mit seinen mächtigen Armen und riß die Äste nieder. Und dies setzte er eine ganze Weile fort.

Die Tiere am Rande aber, die es vernahmen, trugen die Nachricht in den Wald. Und bald hieß es, nicht nur der Iguanodon, nein, das ganze Heer der Echsen komme herangezogen. Niemand traute sich an den Waldrand, zu sehen, wie groß der Schaden sei. Alle fürchteten schon, der Atlanto oder die Großechse werden jeden Augenblick durch den Wald brechen. Und dei Entschluß, vor dem alle gezögert hatten, wurde jetzt unter dem Eindruck der Furcht sofort gefaßt. Die Familien sammelten sich, die Nester blieben verlassen. Von Ast zu Ast hüpfte, drängte es sich. Die Ältesten sammelten ihre Sippen und suchten Ordnung in den Zug zu bringen. Und so wälzte sich die Masse der Waldtiere, noch immer anwachsend, durch den Wald nach Süden.

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