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Holunderblüte (1)

Wilhelm Raabe: Holunderblüte (1) - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleHolunderblüte
authorWilhelm Raabe
year1997
publisherVitalis
addressPrag
isbn80-85938-15-4
titleHolunderblüte (1)
pages5-77
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Wilhelm Raabe

HolunderblüteMit Holunder wird in Norddeutschland der Flieder bezeichnet.

Eine Erinnerung an das Prager Ghetto

Ich bin Arzt, ein alter Praktiker und sogar Medizinalrat. Seit vier Jahren besitze ich die dritte Klasse des Roten Adlerordens; dem Jahrhundert schreite ich um einige Jahre voran und stehe deshalb dem biblischen Lebenspunktum ziemlich nahe. Ich war verheiratet; meine Kinder sind gut eingeschlagen; die Söhne sind auf ihre eigenen Füße gestellt, meine Tochter hat einen guten Mann. Über mein Herz und meine Nerven habe ich mich nicht zu beklagen, sie bestehen aus zähem Material und halten gut bei manchen Gelegenheiten, wo andere Leute ihren Gefühlen nicht mit Unrecht unterliegen. Wir Ärzte werden, sozusagen, innerlich und äußerlich gegerbt, und wie wir unempfindlich werden gegen den Ansteckungsstoff der Epidemien, so hindert uns nichts, inmitten des lauten Schmerzes und der stummen Verzweiflung den ergebenen und gelassenen Tröster zu spielen. Jedermann soll seine Pflicht tun, und ich übe hoffentlich die meinige nach bestem Vermögen. Das sind schlechte Doktoren, die da glauben, daß ihre Aufgabe gelöst sei, wenn sie in ihrer Krankenliste ein Kreuz oder irgendein anderes Zeichen hinter dem Namen eines Patienten gemacht haben. Unsere schwierigste Aufgabe beginnt sehr oft dann erst; wir, deren Kunst und Wissenschaft sich so machtlos erwiesen, wir, die wir so oft von den Verwandten und Freunden unserer Kranken nicht mit den günstigsten und gerechtesten Augen angesehen werden, wir sollen noch Worte des Trostes für diese Freunde und Verwandten haben. Die Stunden und Besuche, welche wir, nachdem der Sarg aus dem Hause geschafft ist, den Überlebenden widmen müssen, sind viel peinlicher als die, welche wir am Lager des hoffnungslosen Kranken zubrachten.

Doch das hat eigentlich nichts mit diesen Aufzeichnungen zu tun; ich will nur an einem neuen Beispiele zeigen, welch ein wunderliches Ding die menschliche Seele ist. Nicht ohne guten Grund überschreibe ich dieses Blatt: Holunderblüte; der Leser wird bald erfahren, was für einen Einfluß Syringa vulgaris auf mich hat.

Es war ein klarer, kalter Tag im Januar; die Sonne schien, der Schnee knirschte unter den Füßen der Wanderer, die Wagenräder drehten sich mit einem pfeifenden, kreischenden Ton. Es war ein gesunder, herzerfrischender Tag, und ich holte noch einmal aus voller Brust Atem, ehe ich um die dritte Nachmittagsstunde die Türglocke eines der ansehnlichsten Häuser in einer der ansehnlichsten Straßen der Stadt zog.

Ich wußte, was ich tat, wenn ich so viel Lebensfrische als möglich in dieses stattliche Haus mit hineinzunehmen trachtete. Und doch lag darin kein Schwerkranker und kein Leichnam; ich hatte darin weder Rezepte zu schreiben, noch hatte ich darin mit dem Seziermesser zu tun.

Nicht lange brauchte ich vor der Türe zu warten; ein alter Diener mit einem kummervollen Gesicht öffnete mir und neigte stumm grüßend den Kopf. Ich schritt durch die kalte, weite Halle, ich stieg die breite Treppe hinauf – langsam, Stufe für Stufe.

In den letzten Zeiten war ich sehr häufig diese Treppe hinaufgestiegen – zu jeder Stunde des Tags, zu jeder Stunde der Nacht. Oben auf dem Eckpfosten der Brüstung stand ein schöner Abguß jener sinnenden Muse, die, so anmutig in ihre Schleier gewickelt, das Kinn mit der Hand stützt. Wenn die große Stadt schlief, wenn das Licht der Lampe, welche mir der alte Diener tief in der Nacht vorantrug, auf dieses weiße Bild fiel, hatte ich es im Vorübergehen fest angeblickt und versucht, etwas von der hohen, ewigen Ruhe dieser Statue mit hinter die Tür zu nehmen, wo – – – doch das war ja vorüber, das Fieber hatte gesiegt, der Sarg mit der jungfräulichen Krone auf dem weißen Atlaskissen war diese Treppe herabgetragen, vorüber an dieser selben Bildsäule. Der Sarg war durch die Halle getragen worden, durch die Gassen der Stadt – der Schnee deckte das Grab, zwanzig Tage waren darüber hingegangen, und jetzt schien die kalte Wintersonne darauf.

Ich schritt durch wohlausgestattete Gemächer, wo schöne Gemälde an den Wänden hingen, wo Blumen in den Fensterbänken standen, wo weiche Teppiche den Boden bedeckten. Aber alle diese Räume waren kalt, und niemand befand sich darin.

Ich öffnete eine Tür nach der andern und schloß sie leise. Dann stand ich vor der letzten, welche in das letzte Gemach dieses Flügels des Hauses, ein mir wohlbekanntes Eckzimmer, führte; da horchte ich einen Augenblick: drinnen regte sich jemand.

Was mich drinnen erwartete, wußte ich; aber doch kroch es mir ganz leise, feucht und kalt über die Stirn und berührte leise, leise, leise alle Nervenausläufer in der Haut. Selbst der gegerbteste Doktor ist noch immer nicht gegerbt genug; ich sollte das heute wieder erfahren.

Es war ein heiteres, warmes, behagliches Gemach, in welches ich eintrat; die Sonne strahlte auch hier glänzend durch die großen Spiegelscheiben. Am Fenster standen auch hier viele und teure Blumen, und ein schönes Vogelbauer mit zwei Gesellschaftsvögeln war mitten dazwischen aufgestellt. Ein offenes Klavier, mit einem aufgeschlagenen Liederbuch darauf und einem gestickten Sesselchen davor, war ebenfalls vorhanden. Alles ringsum deutete an, daß ein Weib, und zwar ein junges Weib, hier wohnte – gewohnt hatte. Alles hatte etwas mädchenhaft Zierliches; eine Verheiratete, eine alte Jungfer hätten ihren Wohnort so nicht ausgestattet: die bleiche Frau in Trauerkleidung, welche ich stumm begrüßte und welche, auf dem Teppich vor einer geöffneten Schieblade knieend, mit tränenleeren, ach so tränenleeren, traurigen Augen zu mir emporblickte, berauschte sich täglich – in jeder Minute, im tödlichen Schmerz, in diesem Duft und Glanz – Duft und Glanz des Gewesenen, Nimmerwiederkehrenden.

Wir sprachen nach den ersten Worten der Begrüßung nicht viel mehr miteinander. Die trauernde Mutter sagte noch, wie gewöhnlich: »Ich danke Ihnen, lieber Freund, daß Sie kommen!«, und dann saß ich nieder auf dem gestickten Sessel vor dem Fortepiano und stützte die Stirn mit der Hand, die niedergebeugte Mutter beobachtend.

Sie war beschäftigt, die kleinen Schätze, welche ihr Kind zurückgelassen hatte nach seinem kurzen Erdendasein, zu ordnen; aus diesem bittern Kelche der Erinnerung, welchen die Leidtragenden so krampfhaft fest in den Händen halten, trank sie Tag für Tag.

Briefe der Freundinnen, Geschenke fröhlicher Feste, Schmucksachen, hunderterlei Einzelheiten aus der bunten unendlichen Mannigfaltigkeit, welche die Kunst in allen ihren Verzweigungen für die bevorzugten Kinder dieser Welt schafft, hatte sie zu ordnen. Alles, was ihr in die Hand fiel, wurde von der armen Mutter wie ein lebendiges, gefühlbegabtes Ding behandelt. Sie tändelte und sprach mit ihm und erinnerte es und sich an die Stunden, wo es in dieses Haus gekommen, um der Toten Freude oder vielleicht auch wohl einen kleinen Kummer zu machen.

Da war eine zerbrochene Schäferin von Porzellan, und eine ganze lange Geschichte hing daran, und die Mutter erzählte sich, mir und der bunten vergoldeten Figur diese ganze Geschichte mit allen ihren Wendungen. Als ich dann in der Zerstreutheit über die Tasten des Klaviers neben mir griff, schoß ein Strahl von Eifersucht über das Gesicht der beklagenswerten Erzählerin: durfte eine fremde Hand diese Klänge, die der Toten gehörten, von neuem aufwecken?

Als sich das bleiche Gesicht wieder herabgesenkt hatte, fiel mein Blick auf die geöffneten Notenblätter. Es war ein trauriges Lied. Hatte das der Zufall dahin gelegt, oder hatte die Tote mit ahnungsvoller Hand es aufgeschlagen? Es lautete:

Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück
Mußt du ein andres wieder fallen lassen;
Schmerz wie Gewinn erhältst du Stück um Stück,
Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen.

Des Menschen Hand ist eine Kinderhand,
Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören;
Mit Trümmern überstreuet sie das Land,
Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören.

Des Menschen Hand ist eine Kinderhand,
Sein Herz ein Kinderherz im heftgen Trachten.
Greif zu und halt!... Da liegt der bunte Tand;
Und klagen müssen nun, die eben lachten.

Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz,
So mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken;
Zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz
Und weinen über den zerstreuten Stücken.

Mit diesem Liede kam mir die erste Mahnung aus langvergangener Zeit; aber ein Zweites mußte dazukommen, ehe sich die Gedanken- und Bilderreihe entspann, welche ich diesen Papieren jetzt anvertraue.

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