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Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Höllenfahrt - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGraf Alexej N. Tolstoi
titleHöllenfahrt
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080415
projectida186dc28
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IX

Dascha blieb allein im Hause. Die großen Zimmer kamen ihr jetzt ungemütlich und alle Gegenstände in ihnen überflüssig vor. Selbst die kubistischen Bildnisse im Salon sahen nach der Abreise ihrer Besitzerin nicht mehr so schrecklich aus und waren gleichsam verblichen. Die Portieren hingen in toten Falten herab. Auf den Bezügen der Sessel und Sofas, auf den noch nicht weggeräumten Teppichen und den Tapeten traten in langweiliger Eintönigkeit die leblosen Arabesken hervor. Der Großmogul ging zwar jeden Morgen stumm wie ein Gespenst durch die Zimmer und wischte mit einem Wedel aus Hahnenfedern den Staub, aber irgendein anderer, unsichtbarer Staub legte sich immer dichter auf alle Dinge.

Jetzt hatte Dascha inmitten dieser Anhäufung überflüssiger und, niemand wußte, zu welchem Zweck angeschaffter Sachen und Sächelchen zum ersten Mal den Eindruck, daß ihre Schwester und ihr Schwager sich durch diese Gegenstände an das Leben klammerten, mit ihnen alles Leere füllten, während sie selbst keine Kraft und keine Ausdauer hatten, sich festzuhalten.

Im Zimmer der Schwester konnte man wie in einem Buche lesen, wovon Jekaterina Dmitrijewna gelebt hatte. Da stand in der Ecke eine kleine Staffelei aus gedrechseltem Holz mit einem angefangenen Bildchen, das ein weißbekränztes junges Mädchen mit Augen so groß wie das halbe Gesicht darstellte. Jekaterina Dmitrijewna hatte sich einmal an diese Staffelei gehalten, um irgendwie dem verrückten Trubel zu entrinnen, aber natürlich nicht die Ausdauer gehabt, bei der Malerei zu bleiben. Da war ein antikes Nähtischchen, vollgestopft mit angefangenen Handarbeiten, aufgetrennten Hüten, bunten Fetzen, alles unvollendet und beiseite gelegt, – auch so ein Versuch. Die gleiche Unordnung herrschte im Schrank, – man sah, daß sie einmal versucht hatte, darin Ordnung zu schaffen, es dann aber wieder aufgab. Überall lagen halbaufgeschnittene Bücher herum, Joghilehre, populäre Broschüren über Antroposophie, Gedichte, Romane. Wieviel Versuche und fruchtlose Anstrengungen, ein neues, besseres Leben zu beginnen! Auf dem Toilettentisch fand Dascha einen kleinen silbernen Notizblock, auf dem geschrieben stand: »Hemden 24, Untertaillen 8, Untertaillen mit Spitzen ... Für die Wedrinskys Karten zu ›Onkel Wanja‹ ...« Darunter stand mit großen kindlichen Buchstaben: »Eine Apfeltorte für Dascha.«

Dascha erinnerte sich, daß diese Apfeltorte niemals gekauft worden war. Die Schwester tat ihr so leid, daß sie hätte weinen können. Die Gute, Freundliche, für dieses Leben viel zu Zarte klammerte sich immer an Sachen und Sachlichen, bemühte sich. Halt zu finden, sich vor Zersplitterung und Zerfall zu retten, hatte aber niemand und nichts, was ihr hätte helfen können.

Dascha stand nun früh morgens auf, setzte sich an die Arbeit und bestand eine Prüfung nach der andern, – fast alle mit der Note Eins. Zum Telephon, das im Kabinett ununterbrochen schrillte, schickte sie immer den Großmogul, der jedesmal die gleiche Antwort gab: »Die Herrschaften sind verreist, das gnädige Fräulein können nicht kommen.«

Abends spielte Dascha Klavier. Die Musik erregte sie nicht mehr so wie früher und weckte in ihr keine unbestimmten Wünsche, und das Herz erstarb nicht mehr in süßem Träumen. Wenn sie jetzt streng und ruhig vor dem Notenhefte, zwischen zwei brennenden Kerzen saß, war es ihr, als läuterte sie sich durch diese feierlichen Töne, die das ganze sündige Haus bis in die letzte Ecke füllten.

Manchmal tauchten mitten in der Musik ihre kleinen Feinde auf – ungerufene Erinnerungen. Dascha ließ dann die Hände sinken und runzelte die Stirn. Dann wurde es im Hause so still, daß man die Kerzen knistern hörte. Dascha seufzte laut auf, und ihre Finger berührten wieder mit aller Kraft die kalten Tasten, während die kleinen Feinde, wie vom Winde getriebener Staub, aus dem großen Zimmer in den finsteren Korridor, hinter die Schränke und Pappschachteln flogen. ... Jene Dascha, die an Bessonows Türe geläutet und der schutzlosen Katja böse Worte gesagt hatte, war für immer erledigt. Das verrückte Mädel hätte beinahe etwas sehr Schlimmes angestellt. Merkwürdig! Als ob alle diese verliebten Stimmungen das einzige Licht im Leben wären. ... Es war ja auch gar keine Liebe dabei, sondern nur eine von diesem ganzen Trubel gereizte Neugier.

Gegen elf Uhr pflegte Dascha das Klavier zu schließen, die Kerzen auszublasen und schlafen zu gehen; dies alles machte sie sehr sachlich, ohne zu schwanken. Während dieser Zeit faßte sie den Entschluß, ein selbständiges Leben zu beginnen, sich selbst den Lebensunterhalt zu verdienen, Katja zu sich zu nehmen und sie mit solcher Sorge, solcher Liebe zu umgeben, daß die Schwester nie mehr vor Kummer weinen solle.

* * *

Ende Mai war Dascha mit allen Prüfungen fertig und fuhr zu ihrem Vater über Rybinsk, die Wolga hinunter. Abends stieg sie direkt aus dem Eisenbahnzug in das weiße, hell beleuchtete Dampfschiff, packte in der sauberen Kajüte ihre Sachen aus, flocht sich das Haar zu einem Zopf, dachte sich noch, daß das selbständige Leben gar nicht so übel anfange, schob den Ellenbogen unter die Wange und schlief, unter dem gleichmäßigen Stampfen der Maschine, vor Glück lächelnd, ein.

Sie wurde von schweren Schritten und Trampeln auf dem Deck geweckt. Durch die Jalousie strömte Sonnenlicht herein und spielte in flüssigen Reflexen auf dem Mahagoniholz des Waschtisches. Der leichte Wind blähte den Leinenvorhang und brachte den Duft von Feldblumen und Wermut herein. Sie öffnete die Jalousie. Das Schiff hielt an einem öden Ufer, an dessen Abhang, wo wohl vor kurzem ein Erdrutsch geschehen war, zwischen den Erdschollen und Baumwurzeln Wagen mit Kisten aus Fichtenholz standen. Ein braunes Füllen stand, die mageren Beine mit den dicken Knien gespreizt, am Wasser und soff. Oben auf dem Abhang ragte als großes rotes Kreuz eine Signalstange.

Dascha sprang aus dem Bett, entfaltete auf dem Boden den Tub, nahm den Schwamm voll Wasser und preßte ihn über sich aus. Es war so kühl und kitzlig, daß sie ihre Knie lachend an den Leib drückte. Dann zog sie die noch am Abend bereitgelegten weißen Strümpfe an, das weiße Kleid und das weiße Hütchen – alles stand ihr gut und verlieh ihr ein ungemein korrektes Aussehen – und trat, mit dem Gefühl von Unabhängigkeit, reserviert, doch unsagbar glücklich, auf das Deck.

Auf dem ganzen weißen Schiffe spielten die flüssigen Sonnenreflexe, der Fluß glänzte so, daß es den Augen weh tat, hinzusehen. Auf dem fernen, hügeligen und bewaldeten Ufer schimmerte, bis zum Gürtel von Birken verdeckt, ein alter weißer Glockenturm.

Das Dampfschiff stieß vom Ufer, beschrieb einen Halbkreis und eilte stromabwärts, während ihm die beiden Ufer langsam entgegenliefen: das eine flach und kahl, das andere hügelig, von Gehölz und grünen und steinichten Lichtungen bedeckt. Hinter den Hügeln lugten hie und da die dunklen Strohdächer der Bauernhäuser hervor. Am Himmel standen Lämmerwolken mit bläulichen Rändern und warfen in den gelblichen Abgrund des Flusses weiße Schatten.

Dascha saß in einem Rohrsessel, ein Bein auf das andere gelegt, das Knie mit den Händen umschlungen, und fühlte, wie die strahlenden Windungen des Flusses, die Wolken und ihre weißen Spiegelungen, die birkenbewachsenen Hügel, die Wiesen und die bald nach Sumpfgras, bald nach trockener Ackererde, Honigklee und Wermut duftenden Luftströmungen durch sie hindurch zogen und wie ihr Herz sich im stillen Entzücken dehnte.

Da kam irgendein Mensch langsam näher, blieb etwas seitwärts am Geländer stehen und sah sie, wie ihr schien, ab und zu an. Dascha hatte ihn schon einigemal vergessen, er stand aber noch immer da. Nun faßte sie den festen Entschluß, sich nicht mehr umzuwenden, aber sie hatte doch einen viel zu hitzigen Charakter, um sich ruhig anstarren zu lassen. Sie errötete und wandte sich schnell, mit zorniger Gebärde um. Vor ihr stand, eine Hand am Geländer, Teljegin und wagte weder auf sie zuzugehen, noch sie anzusprechen, noch zu verschwinden. Dascha lachte plötzlich auf, – er rief ihr etwas Unbestimmtes, doch Lustiges und Gutes, in Erinnerung. Der ganze Iwan Iljitsch in seinem weiten, weißen Anzug, stark und schüchtern, erschien ihr sogar als notwendige Ergänzung dieser stillen Flußfahrt. Sie streckte ihm beide Hände entgegen. Teljegin begrüßte sie und sagte: »Ich sah, wie Sie aufs Schiff stiegen. Eigentlich sind wir beide schon von Petersburg im gleichen Wagen gefahren. Ich wollte aber nicht auf Sie zugehen, Sie schienen sehr besorgt. ... Ich störe doch nicht?«

»Setzen Sie sich!« Sie schob ihm einen Rohrsessel hin. »Ich fahre zu meinem Vater, wohin fahren Sie?«

»Das weiß ich eigentlich noch nicht. Zuerst nach Kineschma, zu Verwandten.«

Teljegin setzte sich neben sie und nahm den Hut ab. Seine Brauen rückten zusammen, auf der Stirne bildeten sich Runzeln. Er blickte mit zusammengekniffenen Augen auf das Wasser, in dem das Schiff eine schäumende Spur zurückließ. Über ihr schwärmten wie die Mücken Seeschwalben mit spitzen Flügeln; sie ließen sich auf das Wasser fallen, flogen mit heiseren, klagenden Schreien hinauf, blieben zurück und kämpften um eine schwimmende Brotrinde.

»Ein schöner Tag, Darja Dmitrijewna!« sagte Teljegin.

»Ja, ein herrlicher Tag, Iwan Iljitsch! Ich sitze da und habe das Gefühl, als wäre ich aus der Hölle entkommen, mein Ehrenwort! Erinnern Sie sich noch an unser Gespräch auf der Straße?«

»Ich erinnere mich an jedes Wort, Darja Dmitrijewna.«

»Nachher kamen Geschichten, daß Gott erbarm! Ich werde es Ihnen später einmal erzählen.« Sie schüttelte nachdenklich den Kopf. »Sie waren der einzige Mensch, der in Petersburg nicht verrückt geworden war, so scheint mir wenigstens. Darum ist mir Ihre Gesellschaft angenehm.« Sie lächelte zärtlich und legte ihm ihre Hand auf den Ärmel. Iwan Iljitsch zuckte erschrocken mit den Lidern und drückte die Lippen zusammen. »Ich habe großes Vertrauen zu Ihnen, Iwan Iljitsch. Sie sind doch sehr stark? Nicht wahr?«

»Ach, ich und stark!«

»Stark und treu.« Dascha fühlte, daß Iwan Iljitsch die gleichen guten, heiteren, liebevollen, treuen und starken Gedanken hatte wie sie. Und es lag eine besondere Freude darin, mit ihm zu sprechen und diese heiteren Wellen der Gefühle, die an ihr Herz strömten, in Worte zu kleiden. »Mir scheint, Iwan Iljitsch: wenn Sie jemand lieben, so lieben Sie tapfer, sanft und sicher. Und wenn Sie etwas wollen, so geben Sie es nie auf.«

Iwan Iljitsch steckte, ohne ihr zu antworten, die Hand in die Tasche, holte ein Stück Brot heraus und fing an, die Vögel zu füttern. Ein ganzer Schwarm weißer Seeschwalben stürzte sich mit unruhigen Schreien über die Krümel. Dascha und Iwan Iljitsch traten an die Reling.

»Werfen Sie doch diesem da etwas zu,« sagte Dascha, »schauen Sie, wie hungrig er ist.«

Teljegin schleuderte den ganzen Rest des Brotes hoch in die Luft. Eine fette Seeschwalbe mit dickem Kopf glitt auf unbeweglichen, wie Messer flachen Flügeln herab und verfehlte das Ziel; an die zehn andere Seeschwalben folgten dem fallenden Stück Brot bis ans Wasser, das als warmer Schaum unter der Reling sprudelte. Dascha sagte: »Wissen Sie, was für eine Frau ich sein möchte? Eine, die sich ihrer selbst wegen nie aufregt. So leben, wie man morgens barfuß im Tau herumläuft. Im nächsten Jahre bin ich mit dem Studium fertig, werde viel Geld verdienen, Katja zu mir nehmen und ein ganz neuer Mensch werden. Sie werden sehen, Iwan Iljitsch, was aus mir noch wird. Dann werden Sie mich nicht mehr verachten.«

Während sie das sprach, schnitt Teljegin Grimassen und versuchte sich zu beherrschen; schließlich öffnete er den Mund mit den kräftigen, weißen Zähnen und lachte so, daß seine Wimpern naß wurden. Dascha errötete, fühlte sich gekränkt, aber ihr Kinn begann zu zittern, und sie lachte, obwohl sie es gar nicht wollte, ebenso wie Teljegin, sie wußte selbst nicht worüber.

»Darja Dmitrijewna,« sagte er endlich, »Sie sind wunderbar ... anfangs hatte ich eine Todesangst vor Ihnen. ... Aber Sie sind einfach wunderbar!«

»Was Ihnen nicht einfällt. Kommen Sie frühstücken«, versetzte Dascha zornig.

»Mit Vergnügen.«

Iwan Iljitsch ließ ein Tischchen aufs Deck hinaustragen. Während er die Speisekarte studierte, rieb er sich das sauber rasierte Kinn mit den Fingern.

»Darja Dmitrijewna, was halten Sie von einer Flasche leichten Weißwein?«

»Ein wenig werde ich mit Vergnügen trinken.«

»Chablis oder Barsak?«

Dascha antwortete ebenso sachlich: »Entweder das eine oder das andere.«

»In diesem Falle nehmen wir Schaumwein.«

Sie fuhren an einem hügeligen Ufer mit grün atlassenen Streifen von Weizen, grünblauen von Roggen und rosa von blühendem Buchweizen vorbei. Hinter einer Windung des Flusses standen auf einem lehmigen Abhang, inmitten von Misthaufen, niedere strohgedeckte Bauernhäuser mit funkelnden Fensterscheiben. Etwas weiter ragten an die zehn Kreuze des Dorffriedhofs und eine wie ein Spielzeug aussehende Windmühle mit sechs Flügeln und einem Loch in der einen Wand. Mehrere Bauernjungen liefen dem Dampfschiff am Ufer nach und warfen Steine, die selbst das Wasser kaum erreichten. Das Schiff machte eine Wendung, und man sah wieder das öde Ufer mit niederem Gebüsch und darüber kreisenden Geiern.

Ein warmer Wind zog unter die weiße Tischdecke und unter Daschas Kleid. Der goldene Wein in den großen geschliffenen Gläsern erschien als eine Gabe Gottes. Dascha sagte, daß sie Iwan Iljitsch beneide: er habe seine Arbeit und sei seiner selbst sicher, sie müsse aber noch anderthalb Jahre über den Büchern schwitzen und habe dabei noch das Unglück, eine Frau zu sein. Teljegin erwiderte lachend: »Mich aber hat man aus den Obuchowschen Werken herausgeschmissen. In vierundzwanzig Stunden mußte ich das Lokal verlassen. Sonst wäre ich ja nicht auf dieses Schiff gekommen. Haben Sie denn nicht gehört, was es bei uns für Geschichten gibt?«

»Nein, nein.«

»Ich bin noch gut davongekommen. Ja ...« Er legte die Ellenbogen aufs Tischtuch und schwieg eine Weile. »Ja, sehen Sie, wie furchtbar dumm und talentlos bei uns alles gemacht wird. Dabei haben wir Russen, weiß der Teufel was für ein Renommee. Man muß sich einfach schämen. Es heißt: ein begabtes Volk und ein reiches Land, aber was sehen wir in Wirklichkeit? In Wirklichkeit sehen wir nur eine freche, breite Schreiberfratze. Statt des Lebens haben wir Tinte und Papier. Sie können sich gar nicht vorstellen, wieviel Tinte und Papier bei uns verbraucht wird. Wir haben mit diesen Schreibereien unter Peter dem Großen begonnen und können noch immer nicht aufhören. Nun zeigt es sich, daß die Tinte eine höchst blutige Sache ist, ja, denken Sie sich nur!«

Iwan Iljitsch schob sein Weinglas weg und zündete sich eine Zigarette an. Es war ihm offenbar unangenehm, das weitere zu erzählen.

»Ach, was soll ich noch davon reden. Man soll besser daran denken, daß auch wir es einmal gut haben werden, nicht schlimmer als die andern.«

* * *

Dascha und Iwan Witsch verbrachten diesen ganzen Tag auf dem Deck. Einem unbeteiligten Beobachter wäre es vorgekommen, als redeten sie lauter Unsinn, aber das kam daher, weil sie in Chiffren sprachen. Die gewöhnlichsten Worte hatten einen geheimnisvollen Nebensinn, und wenn Dascha mit dem Blick auf ein dickes junges Mädchen mit erstaunten runden Augen, hinter dessen Rücken ein rosafarbener Schal flatterte, und auf den mit ernster Miene neben ihr einherschreitenden zweiten Gehilfen des Kapitäns zeigte und dabei sagte: »Schauen Sie nur, Iwan Iljitsch, aus der Sache scheint was zu werden,« – so waren diese Worte so aufzufassen: »Wenn zwischen uns beiden etwas geschieht, so wird es sich doch ganz anders abspielen.« Keines von ihnen konnte sich später an ein einziges Wort dieser Unterhaltung erinnern, aber Iwan Iljitsch hatte den Eindruck, daß Dascha viel klüger und feiner sei und einen schärferen Blick habe als er, während Dascha glaubte, Iwan Iljitsch sei tausendmal besser, gütiger und klüger als sie.

Dascha nahm sich einige Male zusammen, um ihm über Bessonow zu erzählen, aber sie hatte Bedenken; die Sonne brannte auf ihre Knie, der Wind berührte ihr Wange, Schultern und Hals wie mit rundlichen, freundlichen Fingern; die klatschende Schiffsflagge, die Strickleiter an der Reling, der graue, glänzende Fußboden, – dies alles schwamm zugleich mit ihr und mit Iwan Iljitsch langsam zwischen den Wolken, an niedrigen, sanften Ufern dahin. Dascha dachte sich: Nein, ich will es ihm lieber morgen erzählen. Morgen wird es regnen, und dann erzähl ich es ihm. –

Dascha, die, wie alle Frauen, gut und gerne beobachtete, wußte am Ende des Tages beiläufig alle Details über alle Fahrgäste des Schiffes. Iwan Iljitsch erschien es fast als ein Wunder. Über den Rektor der Petersburger Universität, einem mürrischen Herrn mit rauchgrauer Brille und im Havelock, hatte Dascha aus irgendeinem Grunde beschlossen, daß er ein gewerbsmäßiger Falschspieler sei, einer von denen, die auf den Wolgadampfern operieren. Iwan Iljitsch wußte zwar, daß es der Rektor war, aber auch ihm kam plötzlich der Verdacht, ob es nicht doch ein Falschspieler sei. Alle seine Vorstellungen von der Wirklichkeit waren an diesem Tage überhaupt ins Schwanken gekommen. Es war ihm, als schwindelte ihm der Kopf oder als schlafe er im Wachen, und er hatte fast nicht mehr die Kraft, die von Zeit zu Zeit an sein Herz heranrollende Welle der Liebe zu allem, was er sah und hörte, abzuwehren; wie gut wäre es z.B., diesem kleinen Mädchen mit den kurzgeschorenen Haaren ins Wasser nachzustürzen, falls es über Bord fiele ...

Gegen ein Uhr nachts fühlte sich Dascha von einer so plötzlichen und süßen Schläfrigkeit ergriffen, daß sie nur mit Mühe ihre Kabine erreichte; in der Türe verabschiedete sie sich von ihm und sagte gähnend: »Gute Nacht. Passen Sie, bitte, doch auf den Falschspieler auf.«

Iwan Iljitsch begab sich sofort in die Gesellschaftskajüte erster Klasse, wo der Rektor, der an Schlaflosigkeit litt, ein Buch vom älteren Dumas las; er beobachtete ihn eine Zeitlang, sagte sich, daß er, wenn auch ein Falschspieler, doch ein vortrefflicher Mensch sei, kehrte dann in den hell beleuchteten Korridor zurück, wo es nach der Maschine, lackiertem Holz und dem Parfüm Daschas roch, und ging auf den Fußspitzen an ihrer Tür vorbei in seine Kabine. Als er schon auf dem Rücken im Bette lag und die Augen schloß, fühlte er sich ganz erschüttert und von Tönen, Düften, Sonnenglut und einer brennenden, dies alles dämpfenden, unbegreiflichen Trauer erfüllt.

Um die siebente Morgenstunde weckte ihn das Brüllen des Dampfers. Das Schiff näherte sich Kineschma. Iwan Iljitsch zog sich schnell an und sah in den Korridor hinaus. Alle Türen waren zu, alle Leute schliefen noch. Auch Dascha schlief. – Ich muß hier unbedingt aussteigen, sonst wird es furchtbar dumm aussehen! sagte sich Iwan Iljitsch. Er stieg aufs Deck und blickte auf dieses ihm so ungelegen gekommene Kineschma auf dem steilen und hohen Ufer mit den hölzernen Stiegen, den hölzernen, unordentlich zusammengewürfelten Häuschen, Dächern und Bretterzäunen, mit den in: Morgenlichte gelbgrünen Linden des Stadtparkes und der unbeweglich schwebenden Staubwolke über den den Abhang hinunterfahrenden Wagen. Ein Matrose mit breitem Gesicht brachte, mit bloßen Füßen sicher über das Deck schreitend, den braunroten Handkoffer Teljegins. ...

»Nein, nein, ich habe es mir überlegt, tragen Sie ihn zurück,« sagte Iwan Iljitsch erregt. »Wissen Sie, ich habe mich entschlossen, bis Nischnij mitzufahren. In Kineschma habe ich eigentlich nichts zu tun. Stellen Sie ihn, bitte, hierher, unter das Bett. Ich danke, mein Freund.«

Iwan Iljitsch blieb nun in seiner Kabine an die drei Stunden sitzen und überlegte sich, wie er Dascha sein für seine Begriffe dummes und zudringliches Benehmen erklären solle; es war ihm klar, daß er es weder erklären, noch lügen, noch die Wahrheit sagen konnte.

Gegen elf Uhr erschien er, von Reue gepeinigt, voller Haß und Verachtung gegen sich selbst auf dem Deck, – die Hände im Rücken, die Haltung unsicher, der Gesichtsausdruck verlogen, mit einem Worte, der typische Schwerenöter. Als er aber eine Runde um das Deck gemacht und Dascha nirgends gefunden hatte, wurde er unruhig und begann überall herumzusuchen. Dascha war nicht zu finden. Es wurde ihm trocken im Munde. Offenbar war etwas passiert. Und plötzlich stieß er direkt auf sie. Dascha saß auf ihrem gestrigen Platz, im Rohrsessel, traurig und still. Sie hatte im Schoß ein Buch und eine Birne liegen. Sie wandte den Kopf langsam Iwan Iljitsch zu, riß die Augen wie erschrocken auf, erstrahlte und errötete vor Freude, und die Birne rollte von ihrem Schoß auf das Deck.

»Sie sind hier? Sie sind nicht ausgestiegen?« fragte sie leise.

Iwan Iljitsch verschluckte seine Erregung, setzte sich neben sie und erwiderte mit dumpfer Stimme: »Ich weiß nicht, wie Sie meine Handlungsweise beurteilen werden, aber ich bin in Kineschma absichtlich nicht ausgestiegen.«

»Wie ich Ihre Handlungsweise beurteile? Nun, das sage ich Ihnen nicht.« Dascha lachte und legte ihre Hand so unerwartet, daß Iwan Iljitsch wieder für den ganzen Tag Kopfschwindel bekam, einfach und zärtlich auf die seine.

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